Klopp-Kegler


Die Wunderbare Liebesgeschichte meiner Großeltern

von Anke Schubert  ( Chart II a – II & IV)
Altstadt von Stettin (heute Szczecin) Photo Credit: Wikipedia.org

Altstadt von Stettin (heute Szczecin) Photo Credit: Wikipedia.org

Meine Großmutter Johanna besuchte von 1929 bis 1931 ein Lehrerseminar in Stettin. Sie stammte aus Hirschberg im Riesengebirge. Ihr Vater, der Oberschullehrer Ludwig Engel, hatte diese Lehranstalt ausgesucht, weil hier im Gegensatz zu anderen Hochschulen nur Studentinnen ausgebildet wurden. Nun trug es sich zu, dass bei einer Cousine von Johanna ein junger Zollbeamter namens Bruno Kegler zu Gast war. An der Wand der Wohnung hing ein Bild von Johanna, und Bruno fragte neugierig, wer das sei. Ihm wurde Bescheid gegeben, und er bat darum, der Cousine einen Gruß ausrichten zu dürfen. Das wurde ihm gestattet. Als Johanna ihre ersten Semesterferien zu Hause in Hirschberg verlebte, erhielt sie eines Tages eine Brief mit fremder Schrift und mit der ihr bis dahin fremden Anrede „Sehr geehrtes gnädiges Fräulein!“. Lachend zeigte sie die Zeilen ihren Eltern und las ihnen vor, dass der Briefeschreiber um ein Treffen bat, um ihr die Grüße ihrer Cousine ausrichten zu dürfen. Vater Ludwig sagte sogleich: „Du schreibst, dass aus dem Treffen nichts wird, da du ja gerade in Hirschberg bist“. Johanna setzte sich sofort hin und schrieb auf einem winzigen Briefkärtchen die Absage. Der Brief wanderte in den Briefkasten – der Vater kontrollierte das vom Balkon aus – und Johanna verlebte zufrieden ihre Ferien.

Als sie wieder in Stettin war, schrieb Bruno wieder nach Hirschberg. Der Brief wurde geöffnet, aber Johanna immerhin nach Stettin nachgeschickt. Er enthielt die wiederholte Bitte, die Grüße ausrichten zu dürfen. Johanna zeigte das Schreiben ihren Klassenkameradinnen, die sie vor den energischen Schriftzügen warnten. Sie antwortete aber trotzdem und gab den Termin und den Ort – ein Café – an. Alle Klassenkameradinnen wollten mitkommen!

Bruno und Johanna - Eine Glückliche ZeitBruno und Johanna – Eine Glückliche Zeit

Als Kennzeichen hatte Bruno angegeben, dass er einen grauen Anzug mit einer weißen Nelke im Knopfloch tragen würde, Johanna wollte ein weißes Kleid und einen weißen Schal tragen.

Als sie sich an dem verabredeten Termin im Café einfand, sah sie … zwei Herren in grauen Anzügen, und keiner hatte eine weiße Nelke im Knopfloch! Aber einer stand auf, kam auf sie zu und stellte sich vor – und es war, als ob sie sich seit Jahren kennen würden.

Bruno und Johanna - Liebe auf den Ersten BlickBruno und Johanna – Liebe auf den Ersten Blick

Für Johanna begann nun eine wunderschöne Zeit. Sie sahen sich so oft sie konnten, unternahmen gemeinsame Wanderungen und Dampferfahrten.

Schon nach dem ersten Treffen sagte Bruno zu den beiden alten Damen, bei denen er als „möblierter Herr“ wohnte, er habe gerade seine zukünftige Ehefrau kennen gelernt. Ohne Johannas Wissen schrieb er an ihre Eltern, schilderte seine wirtschaftliche Lage und seine Familie und bat darum, einen Besuch machen zu dürfen. Das wurde ihm gestattet, man lernte sich kennen und am 29. April 1930 heirateten Johanna und Bruno. Sie waren sehr glücklich miteinander, und in den folgenden Jahren wurde dieses Glück durch die Geburt ihrer Kinder Hartmut, Elisabeth und Jürgen vervollkommnet.

Bild 26

Bruno Kegler und Rolf Barge

Ihre Lebenslinien treffen sich 1940 im Schwarzwald

Von Dieter Barge (Chart II a – II & IV)

Seit ca. 2 Jahren beschäftige ich mich mit den Kriegsjahren meines Vaters im französischen Atlantikwall-Forum und dem deutschen Forum der Wehrmacht.
Dabei ist mir eine Parallele zwischen Bruno Kegler und meinem Vater Rolf Barge aufgefallen. Sie sind beide gemeinsam bei der deutschen Offensive am Oberrhein im Juni 1940 beteiligt gewesen !
Bruno Kegler war in der:
-6.Kompanie, (Kompaniechef Oberleutnant Nowak) im
-386.IR = Infanterieregiment der
-218.ID = Infanteriedivision.
Der Divisionskommandeur hieß Generalleutnant Woldemar Freiherr Grote.
Mein Vater gehörte zur 2.Batterie der schweren Artillerie-Abteilung 806.

Beide Einheiten gehörten zur 7. Armee unter Generaloberst Friedrich Dollmann.

Die 7.Armee griff einige Wochen nach Beginn des Frankreichfeldzuges (10. Mai bis 25. Juni 1940) im Rahmen der Operation “Kleiner Bär” die Maginotlinie an (Beginn am 15.6.1940).

Ich begann nun, mich mít dieser Zeit zu beschäftigen, dazu bestellte ich mir die Kriegstagebücher der 218. ID und nahm Kontakt mit Herrn Josef Göhri auf, der das Buch “Breisgauer Kriegstagebuch” geschrieben hat. Er hat als 10-jähriger Bube, wohnhaft in Bleichheim, das Geschehen sehr nah erlebt, Bleichheim liegt im Bleichtal, wo später Bruno hinkam, das Nachbardorf (2 km entfernt) ist Tutschfelden, wo das letzte Foto von Bruno Kegler aufgenommen wurde!, beide Orte gehören zu Herbolzheim.

  1. Zu meinem Vater Rolf

Mein Vater wurde am 21.6.1919 in Nordhausen geboren, er war vom 1.11.1938 bis zum 30.4.1939 beim sogenannten Reichsarbeitsdienst (RAD) in Buttlar/Rhön, am 1.9.1939 wurde er zur Artilleriekaserne Mühlhausen zum Wehrdienst einberufen.
Die genannten Orte gehören zu Thüringen, im Herzen von Deutschland. Davon die Bilder vom RAD, der Kaserne in Mühlhausen und von der Grundausbildung an der Flak 8,35 (t).

Im Januar 1940 wurde seine Einheit in den Schwarzwald verlegt, dazu Bilder von der Ankunft in Karlsruhe und dem ersten Unterbringungsort in Oberachern.

Während der folgenden Monate fand eine umfassende Ausbildung statt, dazu Bilder von Manövern und vom Schießplatz in Zeutern.

  1. Zu Bruno

Wie bereits geschrieben, machte Bruno zunächst den Polenfeldzug mit, die Einheit blieb danach noch in Polen stationiert und wurde später in den Raum Burg bei Magdeburg verlegt, dort waren traditionell schon immer Truppenübungsplätze, von unserer Zeit in Wolmirstedt kenne ich den Truppenübungsplatz Altengrabow, den es seit 1893 gibt, auch dort waren damals die Russen stationiert, jetzt ist es ein Übungsgelände der Bundeswehr.

Ich habe in den Dokumenten der 218.ID folgendes Blatt gefunden:

15 Dokument zur Verlegung

In Johannas Album für Elisabeth ist ein rührendes Gedicht von Bruno enthalten:

16 Gedicht Bruno

Dretzen liegt in dem beschriebenen Gebiet, hier eine Übersicht:

17 Dretzen

Brunos Einheit wurde am 31.5.1940 in den Schwarzwald verlegt!

 

Die Division wurde am 31.5.1940 bei gutem Wetter in Marsch gesetzt, die Fahrt ging von Burg über Magdeburg, Halle , Naumburg nach Erfurt, das gegen Abend erreicht wurde.
Von Erfurt ging es über die Rhön nach Frankfurt-Süd, von dort über die Bergstraße nach Heidelberg, das Neckartal hinauf bis Stuttgart. In Stuttgart (1.6.1940 abends) erfolgte die Ausladung und der Abmarsch über Freudenstadt nach Zell. Die endgültige Unterbringung der Einheit von Bruno erfolgte in Schuttertal.

Endgültige Unterbringung
Endgültige Unterbringung

Nach Tutschfelden kam die 3.Kompanie des IR 386 und die 2.Batterie des AR 216, nach Bleichheim die 3.Kompanie des IR 386, nach Schweighausen der Reg.stab des IR 386 mit Nachrichten-, Reiter- und Pionierzug. Der Regimentskommandeur des IR 386 war Oberst Manitius.

Laut Forum der Wehrmacht (FdW) hatte damals ein Infanterie-Regiment hatte ca. 3000 Mann, ein Bataillon ca. 860 Mann, eine Infanterie-Division über 10.000 Mann.
Die Unterbringung erfolgte bei den Einwohnern der Orte, in Schulen, anderen öffentlichen Gebäuden, oder es wurde biwakiert.
Eine Übersicht über den Oberrhein gibt das folgende Bild:

Übersicht Oberrhein
Übersicht Oberrhein

Der Angriff

Hier der Bucheinband zu dem bereits genannten Buches von Josef Göhri:

Breisgauer KTB Göhri
Breisgauer KTB Göhri

Josef Göhri schreibt, dass die deutschen Angriffstruppen in Bleichheim in wenigen Tagen enge Freundschaft mit der Bevölkerung geschlossen hatten, aber die vollbehangenen Kirschbäume bald wie leergefegt waren. Die Dorfbewohner schauten mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu, “wir Buben hatten das Nachsehen”.
Am 10.Juni wurde die Division in den Angriffsraum vorgezogen, die Führungsstaffel der Division rückte nach Wagenstadt, einem Stadtteil von Herbolzheim, vor, der Rest des Stabes wurde nach Ettenheim verlegt.

Befehl Angriffsraum 10.6.1940
Befehl Angriffsraum 10.6.1940

Aus den beiden folgenden Dokumenten geht hervor, dass die schwere Artillerieabteilung 806 meines Vaters der 218.ID zugeordnet wurde, sie von der 218. ID verpflegt wurden und die Munition für den Angriff in Weisweil erhielt. Die 806 rückte am 14.Juni aus Oberachern nach Kappel vor.

Die beiden folgenden Bilder zeigen eine motorisierte Artillerie-Einheit bei Bleichheim, es handelt sich dabei um eine Batterie 15cm s F.H.18 (schwere Feldhaubitzen), diese Einheit kam wie Rolf auch aus dem Artillerie-Regiment 65 in Mühlhausen.

 Die 218. ID gehörte ebenso wie die 221. ID und 239.ID zum XXVII. AK (Armeekorps)von General Alfred Wäger,
nördlich davon stand das XXV.AK von General Ritter von Prager mit der 555.ID und der 557.ID, südlich davon XXXIII. AK von General Brandt mit der 554.ID und der 556.ID.

Den deutschen Truppen in diesem Gebiet standen die V. und VIII. Armee Frankreichs gegenüber.

Im Vorgriff wurde die Bevölkerung in den Gemeinden zwischen Rhein und den geschützten Lagen im Schwarzwald evakuiert.

Im Rücken der französischen Armeen an der Maginotlinie war bereits die Panzergruppe Guderian unterwegs, um diese einzukesseln, am 9. Juni 1940 hatte die zweite Phase des Westfeldzuges mit der Durchbruchsschlacht durch die französische Aisne-Front begonnen. Am 12. und 13. Juni schloss sich der Kampf um Châlons s.M. und den Rhein-Marne-Kanal sowie bis zum 17. Juni die Verfolgungskämpfe über den Rhein-Marne-Kanal bis zur Schweizer Grenze bei Pontarlier an.

Am 15.6.1940 begann der deutsche Angriff auf die französische Maginotlinie um 10 Uhr mit schwerem Artilleriefeuer aus 300 Kanonen insbesondere gegen die feindlichen Bunker, um den Rheinübergang der deutschen Truppen vorzubereiten. Daran waren auch die Geschütze des Westwalls und das Eisenbahngeschütz “Kurzer Bruno” beteiligt.
Den Tätigkeit eines vorgeschobenen Beobachters (VB), die mein Vater bei der 806 hatte, wird durch das folgende Bild vom Bundesarchiv veranschaulicht.

Russland, Artillerie-Beobachtung
Russland, Artillerie-Beobachtung

Nach dem Artilleriefeuer begann der Sturm der Einheiten über den Rhein, der geplante Einsatz von Stukas konnte wegen des schlechten Wetters nicht erfolgen. Der Rhein führte Hochwasser, Flußbreite ca. 210m, Wassertiefe 5-6 m, Strömung 3-4 m/sec, ca. 40 sec dauerte die Fahrt mit einem Sturmboot.
Ich habe die Übersetzstreifen der 218.ID einmal in der Übersicht dargestellt, vom IR 386 waren 2 Bataillone eingesetzt, Bruno war also nicht dabei
Eine Vorstellung über den Rheinübergang vermitteln die folgenden 3 Bilder von Josef Göhri, ein Bild des Bildarchivs zeigt ein Sturmboot im Einsatz.

Das IR 386 startete aus dem Raum westlich von Wyhl und sollte sich in Richtung Mackenheim vorkämpfen. Es wurden 500 Mann mit 60 MG in 6 Etappen übergesetzt. Die Fahrt über den Rhein war sehr verlustreich, vom Regiment wurden 33 Mann vermisst. Im Verlaufe des Tages wird ein kleiner Brückenkopf bis zu 500 m Tiefe gebildet.
Wenige Tage später erfuhren die Bewohner von Bleichheim von einem zurückgekehrten Unteroffizier, dass viele Soldaten in ihren Booten ums Leben kamen, “der Rhein war vom Blut rotgefärbt”!
Am 15.Juni begann durch das Pionierbataillon 685 (der 239. ID unterstellt) der Aufbau einer Pontonbrücke über den Rhein bei Sasbach, nahe den Überresten der Limburg.
Am 16.Juni hat das IR 386 Marckolsheim erreicht, es gab Unterstützung durch Stukas.

Göhri Stuka
Göhri Stuka

Zerstörte Bunker aus dem Buch von J.Göhri:

Am Abend überquerten die Truppen den Rhine-Rhone-Kanal und eliminieren weitere französische Bunker.
Am 17. Juni wird Marckolsheim eingenommen, am 17.Juni 8 Uhr ist die Pontonbrücke fertig und schwere Waffen können übergesetzt werden. Am Abend des 17.Juni wird Colmar besetzt.

Bruno war in eine große Vorausabteilung, gebildet aus den IR 386 und 397, eingeteilt, diese Abteilung sollte eigentlich am 15.Juni übersetzen und die Spitze der ID 218 bilden, das hat nicht wie geplant geklappt. Ich berichte im 3. und letzten Teil meines Beitrages detailliert über einen Bericht, den ich in den Unterlagen der 218. ID darüber gefunden habe.

Die Einheit meines Vaters wurde, wie aus Unterlagen des XXV. Armeekorps hervorgeht, in der Nacht vom 16. zum 17.Juni der 557. ID zugeführt und unterstellt, am 18.Juni überquerte sie in der Dringlichkeitsstufe an 10.Stelle die Pontonbrücke Sasbach.
Diese 557. ID/ XXV. AK agierte im Raum Rhinau im Bereich der V. französischen Armee.
Von der Rheinüberquerung 4 Bilder meines Vaters:

Von der Operation “Kleiner Bär” gibt es einiges im Axis-History-Forum und bei Feldgrau zu lesen.

Brunos Letzte Tage – Chart II a – II & IV

von Dieter Barge

Ich war sehr froh, in den Unterlagen der 218. ID einen 4-seitigen Bericht zu dem Vorauskommando zu finden, dem Bruno mit seinem Radfahrerzug angehörte. Zunächst der Berichtskopf mit einigen allgemeinen Angaben zum Vorauskommando, dann 2 Fotos zu Radfahrern in der Wehrmacht.

Das Vorauskommando hatte eine beachtliche Stärke: 10 LKW, 3*Flak, 3*PAK, 7 Motorräder, Küchen-, Munitions-, Funk-, Tank- und Krankenwagen, 3 Radfahrgruppen, 2 Radfahrerzüge. Im nächsten Bild wird begründet, dass die Gruppe wegen des schlechten Wetters nicht mit den schweren LKW an den Rhein heranfahren konnte und eine weitere Nacht vom 15.Juni zum 16.Juni in Tutschfelden übernachten mußte.

Bild 4 Bericht 2

Der Abmarsch erfolgte am 16.Juni erst gegen 18 Uhr, deshalb konnte Bruno auch einen Brief an die Familie daheim schreiben und das folgende Bild beilegen, das auch noch entwickelt werden musste. Das Bild zeigt Bruno bei der “Bekanntgabe der Lage und der Aufgaben des Vorauskommandos” an seinen Radfahrerzug und ist mit 16.6.1940 datiert.

Bruno letztes Bild
Bruno letztes Bild

Das nächste Bild enthält die Erläuterung des Fahrweges von Tutschfelden bis Sigolsheim. Ich habe den Verlauf in 2 Google-Maps-Bildern eingetragen.

Der folgende Bericht schildert die Kämpfe in Sigolsheim und in Kientzheim, zu diesem Zeitpunkt war das Vorauskommando tatsächlich vor dem 386 IR, das sie vor Gemar einholten.

Bild 9 Bericht 4

Bemerkenswert, dass die Einheit direkt vom Divisions- und vom Regimentskommandeur geführt wurde! Die Kämpfe in Kientzheim dauerten ca. 9 Stunden !

Gegen Mittag fiel Bruno, wie im Beitrag von Anke und Jürgen bereits von einer Augenzeugin beschrieben wurde. Der Bericht des Vorauskommandos ist damit stimmig mit der Augenzeugin und der folgenden Nachricht des Vorgesetzten Brunos an Johanna. Etwas verwunderlich für mich ist, dass von diesen schweren Kämpfen in Kientzheim nichts beschrieben wurde.

Bruno

Die nächsten beiden Bilder zeigen das 1.Grabkreuz und das nach der offiziellen Trauerfeier errichtete 2. Grabkreuz.

Am 25.10.1940 besuchte die beiden Brüder Gerhard (später General) und Günther (Oberst) die Grabstelle.

Bild 13 Günther und Gerhard am Grab ihres Bruders am 25.10.1940

Die Söhne Jürgen und Hartmut konnten nach der Wiedervereinigung gemeinsam das Grab besuchen.

Bild 14 Jürgen und Hartmut am Grab ihres Vaters Bruno

Ich habe zur Erinnerung an Bruno 2 Bilder bearbeitet, das eine zeigt den jungen Bruno am Grab seines Vaters.

Verdammter Krieg

Der Weitere Weg Meines Vaters

von Klaus-Dieter Barge – Chart II a – IV

Die 807 meines Vaters agierte mit der 557. ID ( XXV. AK) unter Generalleutnant Kuprion im Elsaß nördlich von Colmar und westlich von Rhinau im Bereich der 5. französischen Armee bis zur Kapitulation der französischen Truppen am 22.Juni 1940, da wurden etwa 200.000 Mann der französischen Heeresgruppe 3 (2., 3., 5. und 8. Armee) gefangen genommen.
Damit waren die deutschen Truppen noch einige Wochen beschäftigt.

Es gibt verschiedene Fotos in Fotoalben von Soldaten der Abteilung 806 vom Chateau de Thanvillé (deutsch Tannweiler) und weiteren Orten.

Chateau de Thanvillé aus Wikipedia
Chateau de Thanvillé aus Wikipedia

In Sélestat (deutsch Schlettstadt) , etwa 20 km nördlich von Colmar, man erkennt auf dem Foto den mächtigen Uhrturm (Tour de l’horloge).

In Saverne (deutsch Zabern) (die Stadt liegt 80 km nördlich von Colmar zwischen Vogesenwäldern und Weindörfern) gilt das Château des Rohan dank seiner 140 Meter langen Fassade aus rotem Sandstein als “Elsässisches Versailles”.

Mit dem Befehl vom 13.8.1940 wurde die Art.Abt.806 nach Mühlhausen zurückgeführt.

Rückführung 801 - 807
Rückführung 801 – 807

Die Artillerie Abteilung 806 wurde dort am 31.8.1940 aufgelöst.
Danach gehörte Rolf zur Stellungsbatterie 771/Küstenbatterie 771, ausgerüstet mit 4*15 cm Kanone 15/16 (t).
Diese Einheit wurde mit zusätzlichen Eingliederungen per Befehl vom 20.12.1940 zur 3.Batterie Heeres-Küsten-Artillerie Abteilung 788 in Le Havre.
Im Dezember 1942 kam die Batterie nach Mesnil Val, im Frühjahr 1943 an die Klippen von Mers-les-Bains bei Treport.
Als die Batterie im Dezember 1943 nach Südfrankreich verschickt wurde, kam mein Vater doch bald wieder nach Mers-les-Bains zur 3. Batterie der I./HKAR 1252 zurück. (Über seine “mystische” 3./788 gibt es eine Geschichte von Alain Chazette, dem 1.Atlantikwall-Kenner in Frankreich).
Am 9.7.1944 wurde er nach Fecamp zur 10./1252 versetzt, die etwa zu diesem Zeitraum zusätzlich mit Flak 8,35 (t) ausgerüstet wurde.
Alle Standorte liegen in der Region “Haute-Normandie des Somme” an der sogenannten “Alabasterküste”.
Das folgenden Fotos zeigen meinen Vater Rolf am 21.6.1944 (15 Tage nach D-Day) an seinem 25. Geburtstag und meine Eltern 1944 (am 12.6.1943 hatten sie geheiratet).

Nach dem deutschen Rückzug im September 1944 folgten Kämpfe in Holland (Schlacht von Arnheim, auch “Operation Market Garden” genannt).
Für ca. 3 Monate lag er mit dem 184.AR (84. ID) am Reichswald bei Kleve am Niederrhein.

Dort startete südlich von Nijmegen (Holland) am 8.2. 1945 die “Operation Veritable”, an der neben den Engländern auch kanadische Einheiten beteiligt waren
(1. Kanadische Armee unter Harry Crerar).

Operation Veritable wurde von General Crerar befehligt, er kommandierte 470 000 Mann mit 1000 Geschützen und 1000 Jagdflugzeugen bzw. Bombern, der Angriff am 8.2.1945 war der größte Artillerieangriff des 2. WK an der Westfront.
Mein Vater wurde am gleichen Tag am Galgensteeg in Kranenburg von den Kanadiern gefangen genommen. Er war in folgenden Kriegsgefangenenlagern in Belgien:

-Camp 2223 Brasschaat/Antwerpen
-Camp Waterschei
-Camp 2228 Overijse
-Camp 2221 Vilvorde
-dort am14.6.46 geflohen, nach 14 Tagen mit Hunden aus Versteck geholt
-28.6.46 wieder ins Lager gekommen
-25.7.46 Munster, Deutschland

Damit verbrachte er fast 8 Jahre seiner Jugend in RAD, Wehrmacht und Gefangenenlagern!

Die beiden folgenden Bilder zeigen General Crerar und bei einem Treffen mit dem englischen Feldmarschall Montgomery im Februar1945 bei Kleve.

Am 3./4.April 1945 wurde Nordhausen, Rolfs Heimatstadt, von der RAF unter Arthur Harris, genannt “Butcher”, 2 mal bombardiert, das Haus der Barges wurde zerstört, darin starben meine Großeltern Karl und Anna Barge , 2 Tanten und ein kleiner Cousin von mir. Nordhausen wurde zu 74% zerstört, 8800 Menschen kamen dabei um.

Das war 7 Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner!.Für Harris wurde in London ein Denkmal errichtet.

Alle 4 Brüder überlebten den 2.WK, da waren es noch 7 Barge-Geschwister.

Mein Vater kam Ende Juli 1946 nach Mitteldorf, dem Heimatort meiner Mutter zurück, am 22.4.1947 wurde ein Junge geboren, der Beginn einer neuen Zeit.

Es ist mir nicht leichtgefallen, über teilweise fürchterliche Dinge zu berichten.
Ich glaube aber auch, dass wir die Aufarbeitung dieser schlimmen Zeit unseren Vätern schuldig sind, ich fühle mich dadurch meinem Vater sehr verbunden und möchte , dass unsere Nachkommen wissen, wie es unserer Familie in diesen geschichtlichen Ereignissen erging.
Schön, dass sich Frankreich und Deutschland immer mehr annähern und mit der heutigen Jugend der Teufelskreis von Feindschaft durchbrochen ist.

 

Bruno Kegler und Seine Familie

Chart II a – I, II, III, IV

von Dieter and Edda Barge

Wir möchten heute über Eddas Großeltern mütterlicherseits berichten. Eine Hilfe dabei sind die bereits genannten Ahnen-Unterlagen von Erich Engel und ein Fotoalbum, dass Oma Johanna für ihre Tochter Elisabeth (Eddas Mutti) gefertigt hat. Erich ist Johannas Cousin, man sieht beide auf folgendem Foto:

Bild 1

Bild 1

Eddas Opa Bruno Kegler entstammte einer Pastorenfamilie. Er wurde am 14.8.1901 in Grünewald, Kreis Neustettin in Hinterpommern, als 6. Kind in der Ehe von Pastor Karl Kegler und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Maas, geboren. Erich Engel ermittelte als ältesten Vorfahren der Keglers einen Gottfried, der sich noch Kägeler schrieb. Gottfried wurde in Luchow bei Stettin geboren und starb am 12.Mai 1715. Hier die Eltern von Bruno:

Bild 2

Bild 2

Bruno 1906 und 1924:

    Bild 3 und Bild 4

Das nächste Bild zeigt die Eltern von Johanna, Oberschullehrer Ludwig Engel mit seiner Frau Margarete, geb. Janke, und der kleinen Johanna, die am 15.März 1907 in Bad Ziegenhals, Kreis Neiße geboren wurde und das einzige Kind blieb.

Bild 3

Bild 5

 Johanna verlebte eine glückliche, unbeschwerte Kindheit und wuchs in einem harmonischen, fröhlichen Elternhaus auf. Sie besuchte das Lyzeum und die Studienanstalt in Hirschberg, später die Frauenfachschule in Görlitz und von 1929 – 1931 das Lehrerseminar in Stettin. Bruno erhielt seinen ersten Unterricht in der Volksschule Grünewald bei seinem Vater, 1911 trat er in die Kadettenanstalt in Plön ein, ab 1915 in Berlin-Lichterfelde, 1919 bestand er das Abitur, der Tod seines Vaters am 15.Juni 1919 traf ihn hart. Er trat in den Grenzschutz ein und begann ein Medizinstudium in Tübingen, das er aber wegen Geldmangel aufgeben musste. Er trat in den Zolldienst ein. In Neustadt/Oberschlesien befreundete er sich mit Hans Becker. Später wurde er nach Stettin versetzt Bei einem Besuch bei den Beckers sah er ein Bild von Johanna Engel an der Wand hängen und die Frau von Hans Becker, Ruth sagte “das ist meine Cousine Johanna”. Bruno wollte unbedingt Grüße von Beckers an Johanna ausrichten und lernte sie am 10.8.1928 in Stettin kennen. Nun begann für Johanna die wunderschöne Zeit der ersten Liebe. Sie sahen sich oft und unternahmen gemeinsame Wanderungen und Dampferfahrten. Bruno hatte nach dem ersten Zusammentreffen mit Johanna den beiden Damen, bei denen er als “möblierter Herr” wohnte, spontan erklärt, dass er seine zukünftige Frau kennengelernt habe !!! Am 29.April 1930 schlossen beide in Hirschberg den Bund der Ehe. In ihren Ringen war der 10.8.1928 eingraviert.

Bilder 6 – 9

Bild 9 zeigt beide mit den Beckers. Der Weg der Familie führte sie über Bad Landeck (ab Jan. 1935), Bitburg (ab Okt. 1937), Königsberg/Neumark (ab Okt. 1933) nach Oppeln (ab April 1940). In Stettin wurden Hartmut am 14.4.1931(Bild 10) und Elisabeth am 31.12.1938 (Bild 11) geboren.

Von Bad Landeck die Bilder 12-16.

Bilder 12 – 16

In Bitburg wurde am 20.3.1938 Jürgen geboren.

Bilder 17 – 19

Bild 19 entstand bei einem Besuch der Großeltern Ludwig und Margarete. In Königsberg führt der stolze Großvater Ludwig die großen Enkel zum Schwimmunterricht, die nächsten Fotos zeigen Ferienbilder von Stolpmünde.

Bild 20

Bild 20

Bilder 21 – 24

Auf den Bildern 21-24 sieht man Oma Elisabeth. Dann begann am 1.September 1939 der unsägliche Krieg. Bruno musste den Polenfeldzug vom 1.September bis zum 6.Oktober mitmachen. Bild 25 zeigt Bruno in Uniform, Bild 26 die Familie bei einem Urlaub im Januar 1940.

 Bild 25 und Bild 26

 Am 18.6.1940 fiel Bruno in Kientzheim/Elsaß. Hanna schrieb im Album: Manchmal wollt’ ich fast verzagen, und ich dacht-ich trüg es nie. Und ich hab es doch getragen, aber fragt mich nur nicht -wie.-” Über diese schlimme Zeit berichtet Dieter in einem gesonderten Beitrag! Oma Hanna ging bald mit den Kindern nach Hirschberg zurück. Es schließt sich zeitlich der schon eröffentlichte Bericht von Hartmut über die Flucht nach Mellen an.

Unser Weg nach Mellen

von Hartmut Kegler (Chart II a – III)

Für mich endete die Schulzeit mit der 7. Klasse. Darauf bin ich noch heute stolz. Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich ein „Siebenklassenschüler“ bin, finde ich sofort Kontakt. Ich bin ihr Kumpel und nicht so etwas Verschrobenes wie ein Professor. Im Jahr 1944, meinem letzten Schuljahr also, war mein Zeugnis gar nicht so besonders. Mein lieber Großvater Ludwig Engel, der sich meiner besonders angenommen hatte, war ziemlich besorgt. Vor allem eine Fünf in Mathematik behagte ihm, dem Mathematiklehrer, überhaupt nicht. So war es mir gerade recht, dass unsere Schule in Hirschberg im Riesengebirge im Herbst des vorletzten Kriegsjahres 1944 als Lazarett genutzt worden war. Kein Unterricht mehr, sondern Kriegseinsatz des Deutschen Jungvolks! Das war wichtiger und interessanter als Vokabeln pauken! So zog ich meine Uniform an, sammelte meinen Jungzug und marschierte zum Bahnhof, um den dort ankommenden Flüchtlingen aus dem Warthegau oder noch weiter östlich beim Koffertragen zu helfen oder anderweitig nützlich zu sein. Dass mit den Flüchtlingen auch die Front immer näher rückte, war uns gar nicht so bewusst. Wir glaubten an den Sieg und an den Führer ungebrochen. Außerdem hatten wir im Vorjahr bei Oels tiefe Panzergräben ausgehoben, an denen die Russen sicher scheitern würden.

An Flucht haben wir Jungen nicht einen Augenblick gedacht. Selbst zum Jahreswechsel 1944/45 habe ich mir noch die Ansprache des Führers im Radio angehört: „Deutsche Volksgenossen, Soldaten der Deutschen Wehrmacht, Männer der Waffen-SS …“ . Seine Stimme klang ruhig, fest und zuversichtlich. So erschien es sicher nicht nur mir. Anders kann man es sich nicht erklären, dass so viele Menschen ihm wider alle Vernunft bis zum bitteren Ende glaubten, folgten und auf ihn hofften.

ellisabeth Elisabeth in der BDM-Uniform

   (Bund deutscher Mädchen)   1944

Der Winter brach herein und wurde hart. Viel Schnee und eisige Kälte herrschten im Land. Von den Sorgen, die sich meine Mutter Johanna Kegler und meine Großeltern Ludwig und Margarethe Engel machten, verspürte ich so gut wie nichts. Mein Bruder Jürgen erzählte mir erst vor kurzem, dass sich meine Mutter und Großmutter nicht nur gedanklich mit einer Flucht befasst, sondern sie im Stillen auch schon vorbereitet hatten. Unser Großvater soll damit nicht einverstanden gewesen sein. Er wollte unbedingt in seiner Heimat bleiben. Aber die beiden Frauen sorgten doch schon vor. Das merkten wir Kinder aber erst, als es tatsächlich losging. Unsere Mutter, seit 1940 Witwe, arbeitete als Rote-Kreuz-Schwester auf dem Hirschberger Bahnhof, wo sie Soldatentransporte mit Tee und anderen Dingen versorgte. Dort hörte sie auch so manches, was die Nachrichten des Großdeutschen Rundfunks nicht brachten.

Eines Tages in der ersten Februarwoche 1945 hieß es dann, dass am nächsten Tag der letzte Eisenbahnzug Hirschberg verlassen würde. Danach sollte der Zugverkehr eingestellt werden. Immerhin war die Front schon ziemlich nahe. Die Rote Armee stand vor Breslau. Sie konnte in wenigen Tagen in Hirschberg einmarschieren. Nun gab es kein Zögern mehr. Wir drei Kinder, Elisabeth, Jürgen und ich, bekamen ein Rucksäckchen umgehängt, das die wichtigsten Utensilien enthielt, eine Pelzmütze aus Karnickelfell auf den Kopf und ab ging es zum Bahnhof. Wie Mutter und Großeltern die Koffer dorthin geschleppt hatten, ist mir noch heute ein Rätsel.

Tatsächlich bekamen wir in einem Abteil dritter Klasse eines bereit stehenden Personenzuges noch Sitzplätze. An die Fahrt kann ich mich nur noch sehr vage erinnern. Ich dachte nur immer daran, dass ich meine Fanfare und meine Uniform nicht mitgenommen hatte. Ich war ja Jungzugführer im Fanfarenzug des Jungstammes 1 und hatte mich nicht abgemeldet! Dass Mutter und Großeltern einen ganzen Hausstand mit wertvollen Büchern, ein Klavier, kostbare Möbel von Wohn-, Herren- und Schlafzimmern, Kleidung, Wäsche, Geschirr, Wertgegenstände verschiedenster Art zurück gelassen hatten, kam mir nicht in den Sinn. Erst als wir um jeden Kochtopf oder jede Tasse betteln mussten, begriff ich, was wir verloren hatten.

Die Fahrt wurde ziemlich strapaziös. Der Zug war anfangs nur wenig, später überhaupt nicht mehr geheizt. Wir froren erbärmlich und hatten Hunger. Die wenigen Stullen, die wir mitgenommen hatten, waren bald aufgegessen. Der Zug fuhr immer ein paar Kilometer und hielt dann auf freier Strecke plötzlich an. Glücklicherweise blieben wir wenigstens von Fliegerangriffen verschont. Aber unser Großvater bekam plötzlich Fieber. Natürlich konnte ihm niemand helfen. Das war schon eine Sorge! Immer weiter bewegte sich der Zug in Richtung Westen. An den Bahnhöfen fuhr er meistens durch, Fahrpläne waren außer Kraft gesetzt. So gab es keine Möglichkeit, wenigstens etwas Warmes zu trinken zu bekommen.

Der letzte Aufenthalt auf freier Strecke erfolgte dann vor Dresden. Stundenlang blieb der Zug dort stehen. Die Kälte zog in alle Glieder, der Magen knurrte vor Hunger. Des nachts erkannte jemand am Horizont einen rot-gelben Schein und ein dunkles Grummeln und Donnern war zu vernehmen. Keiner wusste es zu deuten. Erst später erfuhren wir, dass es die teuflische Bombennacht des 13. Februar war, die ihre Zeichen gesandt hatte. Wären wir nur wenige Stunden früher dort angekommen, dann wären wir in das Inferno der Spreng- und Phosphorbomben geraten und hätten ganz sicher nicht überlebt.

 Am nächsten Morgen setzte sich der Zug in entgegengesetzter Richtung in Bewegung und fuhr von nun an langsam, aber stetig weiter. Über das Wohin machte ich mir keine Gedanken. In bleibender Erinnerung ist mir aber der Bahnhof und Wartesaal von Stendal geblieben. Der Fußboden des Saales war mit einer dicken Strohschicht bedeckt. Wir hauten uns sofort hinein, was wir nach dem langen Sitzen auf den harten und kalten Bänken des Eisenbahnzuges als paradiesisch empfanden, und schliefen selig ein. Unvergesslich sind mir dann noch die Leberwurststullen, die uns Rote-Kreuz-Schwestern reichten! Sie waren das reine Festmahl! Wenn ich später, als die Hungerzeit vorüber war, erlebte, wie Butterbrote oder anderes Essen achtlos weggeworfen wurden, musste ich immer an die Leberwurststullen von Stendal denken. Muss der Mensch erst Hunger leiden, um das „Täglich Brot“ zu achten?!

Über dem Bahnhof von Stendal kreisten deutsche Jagdflieger. Sie bestärkten uns in unserer Siegeszuversicht. Die deutsche Luftwaffe war ja die stärkste der Welt! Dass englisch-amerikanische Bomberverbände über Deutschland fliegen und ihre tödliche Last nach Belieben abwerfen konnten, ohne von deutschen Jägern daran gehindert zu werden, war mir nicht bewusst. Ich sehe sie noch heute in Pulks von 60 oder mehr Fliegern über uns hinwegziehen. Bombennächte haben wir ja nicht erleben müssen. In Niederschlesien lebten wir diesbezüglich geradezu im Paradies, jedenfalls im Vergleich zu den Großstädten im Westen Deutschlands. Wie oft hatten wir Jungs uns, wenn wir die Schule wieder einmal satt hatten, einen Fliegeralarm gewünscht!

Endlich endete unsere Reise Richtung Westen in einem Städtchen, das mir bisher völlig unbekannt gewesen war. Es hieß Lenzen und lag an der Elbe. Wie wir von dort in das 10 Kilometer entfernte Mellen gekommen waren, weiß ich nicht mehr. Später bin ich die Strecke oft mit Mutter oder Großvater gelaufen, um in Lenzen mal einen Hering oder mal etwas anderes zu essen zu ergattern.

In Mellen angekommen, ging es von der Dorfstraße einen Hohlweg hinab zu einer Wassermühle, die ganz idyllisch an einem kleinen Teich gelegen war. Dahinter blickte man auf Weiden und einen großen See, dessen Ufer mit Schilf bewachsen waren. In der Mühle bezogen wir zwei kleine Zimmer im ersten Stock. Neben uns wohnte ebenfalls in zwei kleinen Räumen eine russische Familie. Der Mann hieß Sascha, die Frau Shura und beide hatten eine kleine Tochter. Sie waren Fremdarbeiter, die aus der Sowjetunion verschleppt worden waren und in der Mühle arbeiteten. Wie glücklich waren wir, nach der langen Fahrt wieder in einem Bett liegen zu können, auch wenn es keine Matratzen hatte, sondern wir auf Strohsäcken lagen.

Muehle

  Die Mellner Mühle

oben: Foto, unten: Gemälde, zu besichtigen im

Heimatmuseum Perleberg

MuehlePaint

Unsere Mutter erklärte uns nun, warum wir ausgerechnet nach Mellen geflüchtet waren. Wir waren nun in der Mühle untergebracht, aus der der Kamerad unseres Vaters stammte. Nun erinnerte ich mich auch daran, dass in den letzten Jahren zu Weihnachten immer ein kleines Paket ankam, in dem etwas zu naschen war. Der Absender hieß Walter Krumm, Feldpostnummer sowieso. Später blieben diese Sendungen aus. Walter Krumm war als vermisst gemeldet worden. Irgendwo in den Weiten Russlands ist er verschollen. Auch Frau Krumm war also Witwe geworden. Ihr hatte unsere Mutter geschrieben und sie gefragt, ob wir im Notfall bei ihr Unterkunft erhalten könnten. So gelangten wir also zu dem legendären Ort Mellen.

Anfangs ging es uns dort gut. Mit der Familie Krumm verstanden wir uns offenbar glänzend. Frau Krumm hatte auch drei Kinder, die Werner, Elisabeth und Hildegard hießen. Sie wurden unsere Spielgefährten. Wenn Werner Krumm auf die Toilette (Plumpsklo) musste, sagte er immer: „Ick jeh uff Kloster!“ Mit Elisabeth Krumm, heute Elisabeth Preuß, stehen wir noch immer in Verbindung. Wir erhielten ja noch Lebensmittelkarten und hatten das Nötigste zu essen. Ich wurde von einem Fähnleinführer Klaus Krusemark aufgefordert, den Jungzug in Mellen zu übernehmen. Sicher hätte ich den Befehl auch ausgeführt, doch dazu ist es nicht mehr gekommen. Ab März 1945 bekamen wir nämlich das Kriegsgeschehen unmittelbar zu spüren. Tiefflieger kreisten über uns hinweg und schossen auf alles, was sich so zeigte: Auf den pflügenden Bauern, die Hausfrau im Garten und auch auf spielende Kinder. Sie machten sich einen Sport daraus. Wenn man Soldat wird, ist man nicht nur zum Töten verpflichtet, es wird einem offenbar sogar zum Bedürfnis. Für die Siegermacht ist Töten dann ein Sport. In bleibender Erinnerung ist mir ein Ereignis, das ich mit meiner Schwester Elisabeth er- und überlebt hatte. Eines Tages im April 1945, die Sonne schien vom Himmel und es war angenehm warm, ging ich mit ihr den schon genannten Hohlweg von der Mühle zum Dorf hinauf. Plötzlich überflog uns in wenigen Metern Höhe ein englischer Jagdbomber, „Jabo“ genannt. Als er über uns hinwegpfiff, haben wir uns reflexartig geduckt. Dann gingen wir weiter, weil wir dachten, dass alles vorbei sei. Doch der Jabo kehrte zurück und feuerte aus allen Rohren auf uns Kinder. Schlagartig legten wir uns auf die Erde und sahen nur den Sand aufspritzen, wo die Granaten eingeschlagen hatten. Da bewährte sich meine vormilitärische Ausbildung, die ich in einem Wehrerziehungslager im Jahr 1943, geführt von Soldaten der Waffen-SS, erhalten hatte. Ich nahm Elisabeth an der Hand und rannte mit ihr an die Seite des Hohlweges, aus der der Flieger wieder zu erwarten war. Tatsächlich kam er von dort angeflogen und schoss. Doch die Schüsse landeten auf der Gegenseite des Hohlweges. Wir lagen im „toten Winkel“. Nachdem der Jabo uns überflogen hatte, rannten wir auf die Gegenseite, so dass sich das „Spiel“ wiederholte. Schließlich drehte die Maschine ab und wir konnten wieder aufatmen. Zum Glück hatte unsere Mutter das nicht miterlebt. Sie wäre vor Angst um uns sicher fast gestorben. Ich aber war stolz, den Feind so genarrt zu haben!

Es gab sogar noch ein Erlebnis der Vergeltung! In der Nähe von Mellen, da wo heute der Siedlungsweg endet, befand sich eine Flak (Fliegerabwehrkanone). Es war ein Zwillingsgeschütz mit dem Kaliber 3,7. Bedient wurde sie von einem kaum zwanzig Jahre alten Unterscharführer (Unteroffizier) der Waffen-SS. Er trug das Eiserne Kreuz erster Klasse und war für mich der Inbegriff des Helden. Natürlich hielt ich mich bei ihm auf so oft ich konnte. Der Junge schoss auf alles, was sich am Himmel über ihm zeigte. Aber von dort wurde auch zurück geschossen. So lag ich mehr hinter den Sandsäcken und hielt mir die Ohren zu, als dass ich am Geschehen teilnahm. Tatsächlich hat aber eine Salve aus der Flak einen englischen Jäger voll getroffen. Der begann an den Tragflächen zu qualmen und drehte in Richtung Elbe ab. Eines Tages war aber die Flak verschwunden. Das bedauerte ich sehr. Zu gerne hätte ich noch einmal einen Abschuss erlebt. Möglicherweise hätte ich ihn aber auch nicht überlebt.

 Doch der Krieg war für mich noch nicht zu Ende. Es gab nämlich den Befehl, an der Straßenkreuzung, wo sich die Gastwirtschaft Paul Lewerenz befand, eine Panzersperre zu errichten. Damit sollten 10 Kilometer vor der Elbe, wo bereits die Engländer standen, die Russen aufgehalten werden. Mit Vernunft hat Krieg sowieso nichts zu tun. Dies aber war der reine Schwachsinn. Aber ich schleppte mit vielen anderen Großen und Kleinen Steine und Balken. Einen ganzen Tag stand dann auch die Panzersperre quer zur Straße. Das Ergebnis dieser „Befestigung“ bekamen wir postwendend zu spüren: Tiefflieger beschossen mit Leuchtspurmunition die Sperre und alles darum herum. Schließlich ging die Scheune neben der Gastwirtschaft in Flammen auf und brannte nieder. Deutsche Fallschirmjäger, die nach diesem Angriff durch Mellen in Richtung Elbe zogen, um für sich den Krieg einigermaßen glimpflich zu beenden, erklärten uns für verrückt und rieten uns dringend, wenn uns unser Leben auch nur einen Pfifferling wert sei, die Panzersperre so schnell wie möglich wieder zu entfernen. Denn bald würden die Russen hier eintreffen und dann „gäbe es Zunder“, dann bliebe kein Stein mehr auf dem anderen.

MellenDie oben erwähnte Kreuzung auf einer Postkarte von 1913

So trugen wir also schleunigst unsere so mühevoll errichtete Panzersperre wieder ab. Nun begann auch ich allmählich am „deutschen Endsieg“ zu zweifeln. Man sieht: Politisch bin ich schon damals ein typischer „Spätentwickler“ gewesen. Bestärkt in meinem Zweifel wurde ich, als Mutter und Großeltern in Krumms Garten einige Dinge vergruben, an die ich mich aber nicht mehr genau erinnere. Wiedergefunden wurden sie jedenfalls nie. Ich weiß nur, dass ich meinen Dienstausweis vom Deutschen Jungvolk auch vergraben hatte. Man sagte ja, dass die Russen alle erschießen würden, die für Hitler waren. Und das war ich ja nun einmal. Ich erinnere mich auch an ein Gespräch zwischen Frau Krumm und meiner Mutter, im Verlaufe dessen Frau Krumm verbittert ausrief: „Nie wieder einen Gefreiten!“ Damit meinte sie Hitler, der ja im Ersten Weltkrieg Gefreiter gewesen und nun Oberster Befehlshaber der Wehrmacht geworden war, vor dem alle Generäle stramm gestanden haben. Hinter vorgehaltener Hand haben sie ihn aber „Gröfaz“ genannt: „Größter Feldherr aller Zeiten“. Darauf stand aber die Todesstrafe! Auf jene Bemerkung von Frau Krumm erwiderte unsere Mutter leise: „Ich verurteile ihn nicht!“ Damals war ich richtig stolz auf sie.

 Kurz bevor die Rote Armee in Mellen einzog, kamen noch berittene Wlassow-Truppen durch den Ort. Es waren Russen, die zur deutschen Wehrmacht übergelaufen waren und gegen die Rote Armee gekämpft hatten. Sie trugen Kosakenmützen mit dem deutschen Hoheitsadler. Auch sie wollten noch über die Elbe zu den rettenden Westalliierten. Später stellte sich aber heraus, dass diese „Retter“ sie an die Rote Armee wieder ausgeliefert hatten. Sie wurden von Stalin grausam umgebracht.

Eines nachmittags Ende April hörten wir von Boberow her Panzer rollen. Es fielen auch Schüsse. Die Angst saß uns allen im Nacken. Was tun? Ins Schilf flüchten oder in der Scheune verstecken? Ich sehe uns noch zusammen in der kleinen Stube neben der Küche sitzen. Unsere Mutter hatte sich ihr Haar mit Mehl weiß gefärbt, um alt auszusehen. Es hieß ja, die Russen würden alle Frauen vergewaltigen. Sie saß neben Oma Krumm auf dem Sofa, wir Kinder hockten auf Stühlen am Tisch oder auf dem Fußboden. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Rotarmist betrat den Raum. Er blickte sich um, sagte nichts und verschwand wieder. Das war es dann auch zunächst. Abends gingen wir in unsere Zimmer schlafen. Im Nebenzimmer schliefen unsere Mutter und Großmutter. Die Tür haben wir mit einem Schrank verstellt. So befanden sich nur Großvater und wir Kinder im vorderen Raum. Nachts kamen immer wieder Soldaten die Treppe hochgepoltert, rissen die Tür auf und leuchteten uns mit ihren Taschenlampen ins Gesicht. „Deutsch Soldatt?“, riefen sie. Großvater antwortete „Njet!“ So ging es wiederholt. Die Truppen, die das Dorf besetzt hatten, wechselten laufend, so dass immer wieder nach deutschen Soldaten gesucht wurde. Aber die waren ja alle schon über der Elbe. Oder sie lagen als Leichen herum. In dieser Zeit habe ich den ersten toten Menschen im Leben gesehen. Es war ein Angehöriger der Feldgendarmerie. Er hatte sich im Müllerbusch mit einer Pistole das Leben genommen. Diese Truppe war ja gefürchtet wie die SS. Jeder Soldat, der aufgegriffen wurde und keinen Marschbefehl nachweisen konnte, wurde von ihnen erschossen oder aufgehängt. Von den Russen hatte er nichts Gutes zu erwarten. Auch von den Deutschen nicht.

Unsere Nachrichten erhielten wir nun aus verschiedenen Quellen. Die Rotarmisten teilten uns voller Genugtuung mit: „Gitler kaputt!“ Für uns hieß das: Unser Führer war auf dem Felde der Ehre gefallen. Andere Nachrichten erhielten wir aus dem Radio, ohne zu wissen, wo überhaupt noch ein Sender stand und wie er funktionierte. Das Sendezeichen hatte die Melodie von „Freiheit, die ich meine …“ Man berichtete von Hitlerjungen, „Werwölfe“ genannt, die den Kampf gegen die „Feinde“ fortsetzten. Sie sprengten Lastkraftwagen der Alliierten in die Luft, schossen auf Soldaten, legten Minen auf Straßen und dergleichen. Auch sie suchte man natürlich bei den ständigen Kontrollen. Dabei wurden zumindest in der sowjetisch besetzten Zone junge Leute, oft völlig unschuldig, von der Straße aus verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. In Mellen hatten wir so etwas nicht erlebt. Dafür spielten wir Jungen mit Waffen, die ja überall herumlagen. Die Wehrmachtssoldaten hatten kurz vor der rettenden Elbe alles weggeworfen. So lasen wir Karabiner, Handgranaten, Flakgeschosse, Leuchtspurmunition und Stahlhelme auf und spielten damit „Krieg“. Die Leuchtspurmunition steckten wir in Rohre und stießen diese auf Nägel. So wurde die Patrone gezündet und flog hoch in den Himmel mit leuchtend rotem oder grünem Schein. Einer von uns spielte in der Sandkuhle neben der Mühle mit einer Handgranate, die er etwas verspätet wegwarf, so dass sie ziemlich nahe explodierte. Ich bekam einen Splitter am Arm ab, erzählte aber nichts davon zu Hause. Meine Mutter hätte zu große Ängste ausgestanden. Sie hatte zudem auch ganz andere Sorgen.

Inzwischen hatte sich das Kriegsgeschehen etwas gelegt. Wir Mühlenbewohner lebten einigermaßen ruhig. Ein „Schutzengel“ hatte sich nämlich eingefunden. Der hieß Sigmund und war ein russischer Leutnant. Er wohnte in der Mühle und bewahrte uns vor Üblem. Der „Preis“ war eine Frau Schulze, die oben im Dorf wohnte und die den Sigmund allabendlich besuchte oder mit ihm ausging. Von Vergewaltigung konnte man in diesem Fall nicht sprechen. Uns war es nur recht. Ein Bauer Heuer, Vater von Emmi Heuer, wurde vom Ortskommandanten als Bürgermeister eingesetzt. Er trug eine rote Armbinde, hatte aber wahrscheinlich noch nicht viel zu sagen.

Unsere Mutter hatte inzwischen eine Beschäftigung gefunden, die für die Familie nützlich war. In der Gaststätte Lewerenz hatte die Ortskommandantur für ihre Soldaten eine Küche eingerichtet. Dort durfte Mutter Johanna Kartoffeln schälen oder kochen. Das Fleisch besorgten sich die Soldaten von den Weiden. Ich musste selbst mit ansehen, wie sie einem Rind bei lebendigem Leib die Kehle durchschnitten, es gleich zerteilten und die Stücke auf Schultern ins Dorf trugen. Als Lohn brachte unsere Mutter dann so manche Schüssel mit Brühe oder gekochten Kartoffeln nach Hause. Da lebten wir alle auf, denn die Ernährungsfrage wurde allmählich kompliziert. Lebensmittelkarten gab es nicht mehr. Geld war auch nicht vorhanden. Woher also nehmen, wenn nicht stehlen? Letzteres behielt ich mir vor. Ich klaute mal vom einen Acker Rüben, mal aus einem Garten Möhren oder aus einem Hühnerstall Eier. Meine Schwester Elisabeth blieb ehrlich und übernahm die Rolle der Bittenden. Sie ging von Hof zu Hof und fragte nach Milch oder etwas anderem Essbaren. Wir nannten sie, weil sie gar nicht so erfolglos blieb, „Hamsterweiberle“. Ich sehe sie immer noch, wie sie barfuß die Straße oder den Feldweg entlang tappelte, mit einer Milchkanne in der Hand, und von Haustür zu Haustür um etwas Milch bat. Aber die Bauern zeigten sich ziemlich hartherzig. Da war weder von „Volks-“ oder „Schicksalsgemeinschaft“ noch von „christlicher Nächstenliebe“ etwas zu spüren. Das deutsche Volk war restlos demoralisiert. Wie oft bekam Elisabeth auf die Bitte um etwas Magermilch die Antwort: „Us Katt hätt noch nix!“ (Unsere Katze hat noch nichts.) In den Hungerjahren nach dem Krieg begann sich in mir so etwas wie „Klassenbewusstsein“ zu regen. Vor allem in der Landwirtschaftlichen Winterschule in Perleberg, als die Bauernjungen fette Wurststullen verzehrten, während ich mit knurrendem Magen daneben saß, stieg in mir leise eine merkwürdige Wut hoch. Aber das nur so nebenbei.

 Ist die Not am größten, sei der liebe Gott am nächsten, heißt es. Viel hat er uns nicht geholfen, aber immerhin: Der Zufall wollte es, dass der Bauer Müller in der Siedlung jemanden suchte, der bei der Ernte helfen konnte. Da meldete ich mich. So ging ich an jedem Tag früh hin, spannte die Pferde an und fuhr aufs Feld, um Getreide zu mähen oder zu laden und andere Arbeiten zu verrichten. Der Lohn war dann eine warme Mahlzeit am Tag und ein Butterbrot zur Vesper. Für die Familie war das schon einmal eine gewisse Entlastung. Während ich beim Bauern arbeitete, gingen die Großeltern, die Mutter, Elisabeth und Jürgen hinaus auf die abgeernteten Getreidefelder, um Ähren zu lesen. An den Stoppeln stießen sie sich ihre Füße wund. Natürlich musste das Feld schon nachgeharkt worden sein, sonst kam der Bauer und verjagte das Flüchtlingspack, die Habenichtse aus dem Osten. Mit den aufgelesenen Ähren ging man dann nach Hause, rubbelte die Körner aus, zerrieb sie oder gab sie in die Mühle, um danach einen Brei zu kochen oder ein Stück Brot zu backen.

 Unser Großvater, die gute Seele, hatte bei den Russen einen Stein im Brett. Sie liebten Kinder und alte Leute, das fiel auf. Großvater konnte zwar kein Wort Russisch, verständigte sich aber doch mit ihnen und sie taten ihm nichts an. Immerhin war er der einzige Flüchtling der ehrlich zugab, dass er in der NSDAP gewesen war. Alle anderen aus dem Osten waren natürlich schon immer gegen Hitler gewesen!! (So wie 1989 angeblich alle gegen Honecker gewesen waren.) Dabei war Großvater alles andere als ein „Nazi“. Er war Lehrer und Kantor, sonst nichts. In die Partei ist er nur seinem Schwiegersohn zuliebe eingetreten. Aber seine Ehrlichkeit brachte es ihm nach der Wiedereröffnung der Schulen ein, dass er nicht mehr als Lehrer arbeiten durfte. Dabei war er ein so guter und gütiger Lehrer. An „Opa Engel“ erinnerten sich ehemalige Schüler nach Jahrzehnten noch. Eine Episode bei der Begegnung mit einem Rotarmisten blieb mir in Erinnerung. Die sowjetischen Soldaten waren ja bekanntlich sehr auf Uhren aus. „Uhri, Uhri!“ sagten sie und nahmen den Leuten ihre Uhren ab. Großvater war pfiffig und steckte seine goldene Taschenuhr der Marke „Glashütte“ in den rechten Schuh. Als auch er einmal von einem Russen aufgefordert wurde, seine Uhr herzugeben, zeigte er seine Arme, an denen nichts zu sehen war. Der Soldat forderte ihn nun auf, die Schuhe auszuziehen, weil er etwas ahnte. Großvater zog den linken Schuh aus, in dem sich nichts befand. Da klopfte ihm der Russe auf die Schultern, lachte und ging los. So wie ich Großvater in Erinnerung habe, hat ihm die Täuschung des russischen Soldaten Gewissensbisse verursacht. Die Uhr mit den Spuren ihres einstigen Versteckes trägt heute sein Urenkel Harald.

 Mein Aufenthalt in Mellen war ja zeitlich sehr begrenzt. Er dauerte von Februar bis September 1945. Meine Arbeit beim Bauern Müller war keine Perspektive. Die Schule weiter zu besuchen, war zunächst nicht möglich, und dann hatte ich dazu auch gar keine Lust mehr. Irgendwie hatte es meine Mutter mit unserem Onkel Günther Kegler, der in Erfurt lebte, so arrangiert, dass ich in Abtsbessingen, Kreis Sonderhausen, eine ordentliche Lehrstelle auf einem vorbildlichen Bauernhof erhielt. Mein Lehrherr hieß Karl Breitenstein. Ich hatte an der Landarbeit nicht nur des Essens wegen Gefallen gefunden. Außerdem hatte ich mich des Rates eines ostpreußischen Landwirtes erinnert, der gegen Kriegsende durch Mellen gekommen war und in der Mühle Halt gemacht hatte. Er sagte zu mir – und das klingt mir noch heute in den Ohren: „Junge, werde Bauer! Dann bist du immer an der frischen Luft und hast auch was zu essen!“ Von den Schwielen an den Händen hat er nichts gesagt. Die bekam ich gratis.

So setzte ich mich Anfang Oktober 1945 abends in Mellen auf einen Pferdewagen, der mich nach Lenzen brachte. Ich war gute 14 Jahre alt. Meine Mutter winkte mir mit Tränen hinterher. In Lenzen bestieg ich einen Zug nach Wittenberge. Hier übernachtete ich im Wartesaal, wo man einen Hering für 10 Mark verkaufte. Geld hatte ich aber nicht. Nach zwei Tagen und einer Fahrt zum Teil auf den Puffern der Waggons sitzend, zum Teil in Güterwagen liegend, erreichte ich über Nordhausen dann das Dorf Abtsbessingen, wo ich als Landarbeitslehrling und mit einem Monatslohn von 12 Mark meine landwirtschaftliche Ausbildung begann.

 Nach Mellen kam ich nur in den kurzen Urlaubstagen zurück, wo ich meistens schon verplant war: Bauern wie Jakobs oder Rohra, die meiner Familie verschiedentlich geholfen hatten, wurde versprochen, dass der Hartmut ihnen hilft, wenn er auf Urlaub kommt.

 Obwohl ich in Mellen nur kurze Zeit gewesen bin, wurden mir das Dörfchen und die Prignitz doch so etwas wie eine zweite Heimat. „Leben ist Inhalt, nicht Zeit“, hat ein weiser Mensch einmal gesagt. Das trifft bei mir für Mellen zu. Die „Wendezeit“ des Jahres 1945 hat eben ihre Spuren hinterlassen. Außerdem liegen dort die Gräber meines Großvaters und meiner Schwester Elisabeth. So lange es geht, fahre ich dort auch immer wieder hin.

Anke Schubert schreibt über ihre Eltern

Eberhard Trampenau und Elisabeth Kegler

Familienzweig Kegler – Karte II a – III

Rühstädt, Quitzöbel 1953

Es war einmal – so beginnt auch dieses Märchen von einer großen Liebe, die 27 Jahre später nach vielen Höhen und Tiefen erloschen sein sollte – eine junge Lehrerin. Das war Elisabeth, die später unsere Mutter werden sollte. Sie zählte 20 Lenze und war ein sehr hübsches Mädchen. Eigentlich hatte sie ihre Lehrerausbildung noch gar nicht abgeschlossen, weil ihre lebensbejahende und offene Art es mit sich brachte, dass der Weg zum Ziel so manches Mal durch Umwege verlängert wurde. Nach ihrem Abitur hatte Elisabeth angefangen, in Potsdam Pädagogik und Deutsch zu studieren. Doch schon nach einem Jahr entschied sie sich, das Studium abzubrechen, denn eine unglückliche Liebe ließ es ihr unmöglich erscheinen, weiter in Potsdam zu bleiben.

View of the rebuilt Potsdam City Palace at night - Photo Credit: wikipedia.org
View of the rebuilt Potsdam City Palace at night – Photo Credit: wikipedia.org

Dieses Hindernis auf dem geradlinigen Weg zum Erreichen des Berufszieles hörte auf den Namen Jochen. Er war das, was man gemeinhin einen Herzensbrecher nennt, sah gut aus, war bei allen beliebt und hatte schließlich sein Interesse Elisabeth zugewandt, die ihr Glück zunächst gar nicht fassen konnte. Man traf sich häufiger, ging zusammen aus und Elisabeth war überaus zufrieden. Der junge Mann, immerhin schon 22-jährig, wollte sich aber schon nach kurzer Zeit nicht nur mit Händchenhalten und Abschiedsküsschen abfinden. So inszenierte er die perfekte Verführungssituation – eine Flasche Wein, Kerzenschein und leise Musik. Elisabeth fand das zwar wunderschön und sehr rührend, war aber trotzdem noch nicht zu dem bereit, was er sich erhoffte. Sie bat um Jochens Verständnis und um mehr Zeit. Beides war er aber nicht zu geben bereit. Verletzte männliche Eitelkeit und Egoismus ließen ihn vom feurigen Verführer zum beleidigten Macho werden, und um ihr zu beweisen, dass er keineswegs auf sie angewiesen war, tauchte er alsbald mit einer anderen Dame an seiner Seite in Potsdams Straßen auf. Elisabeth war darüber sehr unglücklich. Sie meinte, es nicht ertragen zu können, ihn und seine jeweiligen Bekanntschaften noch jahrelang sehen zu müssen und brach kurzerhand das Studium ab.

City Hall and Church at Perleberg - Photo Credit: wikipedia.org
City Hall and Church at Perleberg – Photo Credit: wikipedia.org

Das war damals wohl nicht ganz so tragisch – gemeint ist natürlich der Abbruch des Studiums, nicht dessen Ursache -, denn es gab für sie wie für viele andere junge Leute die Möglichkeit, schon als Lehrerin zu arbeiten und sich nebenbei durch Weiterbildungen auf die erste und später auf die zweite Lehrerprüfungen vorzubereiten. Also reiste Elisabeth von Potsdam nach Perleberg und ging zusammen mit einer Freundin zum Schulamt, um sich um eine Lehrerstelle zu bewerben. Der Schulrat hörte sich ihre Geschichte an, hatte ein gewisses Verständnis für ihre Situation und bot ihr an, nach Quitzöbel zu gehen, dort an der Schule ihre praktische Ausbildung zu vollenden und ein Jahr später, im Juli 1954, ihre staatliche Abschlussprüfung abzulegen. Elisabeth war überglücklich, als sie das Schulamt verließ. Nun sollte doch noch alles gut werden, und sie konnte ihr Berufsziel verwirklichen.

hurch of Legde_Quitzöbel - Photo Credit: wikipedia.org
Village Church of Legde-Quitzöbel – – – Photo Credit: wikipedia.org

Als ansonsten meist folgsame Tochter hatte sie es in diesem Fall aber leider versäumt, ihre Familie über diese nicht unwesentliche Abänderung ihres beruflichen Entwicklungsweges zu informieren. Just an diesem Tag hatte nun ihre Mutter Johanna, die ja auch Lehrerin war, dringende Erledigungen beim Schulamt zu machen und traf dort ihre Tochter, die gerade glücklich in Richtung ihres neuen Wirkungskreises aufbrechen wollte. Von Mutter Johanna zur Rede gestellt, beichtete Elisabeth alles. Johanna war äußerst aufgebracht und forderte, alles wieder rückgängig zu machen und nach Potsdam zurückzukehren, aber Elisabeth ließ sich nicht dazu überreden und fing ungeachtet des Protestes ihrer Mutter ihr neues Leben in Quitzöbel an.

„Zum Verlieben, nur nicht mehr zum Kriegen“

Schloss in Birkholz - Foto: gemeinde-karstaedt.de
Schloss in Birkholz – Foto: gemeinde-karstaedt.de

Nun gab es an dieser Schule in Quitzöbel einen Schulleiter, dessen Name Eberhard Trampenau war, und der zu diesem Zeitpunkt als 28-Jähriger schon ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich hatte. Er stammte aus Dallmin bei Karstädt, wo er zusammen mit drei Brüdern und zwei Schwestern auf einem Gutshof aufwuchs. Sein Vater war dort herrschaftlicher Kutscher, seine Mutter arbeitete auch auf dem Gut. Die Eltern hatten es nicht leicht, ihre sechs Kinder durchzubringen. Mutter Minna war gezwungen, bei der Arbeit auf dem Gut immer mal wieder ein paar Kartoffeln oder Rüben mitgehen zu lassen, um die vielen hungrigen Mäuler zu Hause zu stopfen. Vater Albert war überzeugter Atheist, was in jener Zeit, der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ziemlich ungewöhnlich und dem Ruf der Familie im Dorf nicht gerade förderlich war. Es entsprach dem damaligen Zeitgeist, dass Pfarrer, Lehrer und Gutsbesitzer in einem Dorf bestimmten, was „rechtens“ war. Auch Eberhard hatte das als Jugendlicher zu spüren bekommen, denn als er konfirmiert werden wollte, war der Pfarrer der Meinung, dass er nicht die „richtigen“ Sachen anhabe und ließ ihn aus diesem Grund nicht zur Konfirmation zu. Es ist verständlich, dass Eberhards Einstellung zur Kirche zeit seines Lebens nicht nur ablehnend, sondern auch von Wut und Intoleranz gekennzeichnet war. Sein Werdegang als Jugendlicher und junger Mann war durch die Verhältnisse der dreißiger Jahre und der Kriegszeit vorprogrammiert: Hitlerjugend, Arbeitsdienst, Unteroffiziersschule, Kandidat der Offiziersschule. Mit 18 Jahren musste er in den Krieg ziehen, wurde dort bald verwundet und verlor zwei Finger. Gleich nach dem Krieg nahm er an einem „Neulehrerlehrgang“ teil (der kurioserweise wahrscheinlich im Gutshaus in Dallmin stattfand), das heißt, er wurde in relativ kurzer Zeit zum Lehrer ausgebildet, an denen damals großer Mangel herrschte. Sie waren entweder im Krieg gefallen oder aufgrund ihrer politischen Vergangenheit für diesen Beruf nicht mehr tragbar.

AK-Karstaedt-Postamt-Konsum-Gaststaette-Schwimmbad

Jedenfalls hatte es Eberhard in dem Jahr, als Elisabeth an seine Schule kam, bereits zum Schulleiter gebracht. Auch war er bereits verheiratet und hatte eine Tochter, wobei Gerüchte über lautstarke Auseinandersetzungen und durch die Luft fliegende (volle!) Windeln darauf hinwiesen, dass diese Ehe nicht gerade glücklich verlief.

Elisabeth 1955
Elisabeth 1955

Kaum hatte Elisabeth ihre Arbeit an der Schule in Quitzöbel begonnen, verliebte sie sich Hals über Kopf in ihren Schulleiter. In ihrem Tagebuch – das ich 20 Jahre später lesen durfte und das mich zu Tränen rührte, und das dann irgendwann unverzeihlicher Weise und zu meinem großen Bedauern nach einem heftigen Ehestreit in den Heizkessel flog – schwärmte sie immer wieder davon, wie nett und gutaussehend und klug er sei. An die Worte „Zum Verlieben, nur nicht mehr zum Kriegen“ kann ich mich noch genau erinnern. Wie das Leben so spielt, war auch Eberhard recht angetan von ihr, und es kam, wie es kommen musste: sie gaben ihren Gefühlen nach und beschworen damit für sich und natürlich auch für ihre Familien eine schwere Zeit herauf. Viele Kollegen verurteilten sie, Elisabeths Mutter und Großmutter versuchten hektisch, sie zu bekehren, Eberhards Frau war unglücklich, aber sie konnten nicht voneinander lassen. War es Unrecht? Ich bin da nicht ganz objektiv, denn wären die beiden „vernünftig“ geblieben, würde es mich und meine Geschwister nicht geben, und das fände ich ganz schön traurig. Also mag das jeder selbst beurteilen, und wer darüber den Stab bricht, hat entweder noch nie geliebt oder war bei Eintritt seiner eigenen großen Liebe in der glücklichen Lage, gerade frei und ungebunden zu sein.

Hochzeit ohne Familie

Es blieb nicht aus, dass auch das Schulamt Wind von der Sache bekam. Es gab ziemlichen Ärger und Elisabeth wurde „strafversetzt“, sie kam noch 1953 nach Rühstädt. Doch auch diese Maßnahme brachte ebenso wenig Nutzen, wie die häufigen Besuche von Elisabeths Großmutter, unserem Omchen, in Rühstädt, die dem Zweck dienten, die beiden zu trennen. Eberhard fuhr abends oft mit dem Fahrrad nach Rühstädt, um seine Elisabeth heimlich zu treffen. Einmal wäre er dabei beinahe Omchen in die Arme gelaufen, die gerade wieder in verlorener Mission unterwegs war. In letzter Sekunde erkannte er die Gefahr und machte sich schleunigst wieder auf den Rückweg.

Schloss Rühstädt Photo Credit: wikipedia.org
Schloss Rühstädt – Photo Credit: wikipedia.org

Eberhard stand zu seiner Liebe und leitete seine Scheidung in die Wege, und als er auf diese Weise seine „Familienangelegenheiten“ in Ordnung gebracht hatte, wie es sich für einen Schulleiter gehörte, durfte Elisabeth wieder an die Schule in Quitzöbel zurückkehren.

Die Lehrerwohnung in Quitzöbel 2003
Die Lehrerwohnung in Quitzöbel 2003

Nun gab es zwar dienstlich keine Beanstandungen mehr, aber Mutter Johanna und Omchen waren noch lange nicht mit der Beziehung einverstanden. Wenn ich heute zurückblicke, waren sie das wohl nie aus vollem Herzen. Elisabeth verstand sich gut mit ihrem Bruder Hartmut und dessen Freundin Gisela. Die beiden Frauen trafen sich oft in Bad Wilsnack, wo die Weiterbildungen zur Vorbereitung auf die Lehrerprüfungen stattfanden. Oft gingen sie nach dem Unterricht noch eine Bockwurst essen und unterhielten sich. Bei einem dieser Treffen war auch Hartmut dabei. Den beiden fiel auf, dass Elisabeth sehr schlecht aussah, und sie führten das auf die große seelische Belastung durch die Auseinandersetzung mit Mutter und Großmutter zurück. Elisabeth konnte sich jedoch leider nicht entschließen, Gisela und Hartmut von dem wahren Problem zu erzählen, das in ihr heranwuchs – mein Schwesterchen hatte sich auf den Weg gemacht, das Licht der Welt zu erblicken. Ich glaube nicht, dass sie befürchtete, ihr Bruder könnte sie zu Hause verraten, vielmehr wollte sie ihn sicher nicht vor die Entscheidung stellen, sich entweder der Schwester oder aber der Mutter gegenüber loyal zu verhalten. Elisabeth und Eberhard glaubten keinen anderen Ausweg zu sehen, als alle vor vollendete Tatsachen zu stellen, und so kam es dazu, dass sie am vierten Juni 1954 allein und ohne die Familie zuvor davon in Kenntnis zu setzen, heirateten.

Elisabeth und Eberhard Trampenau am Tag ihrer Hochzeit
Elisabeth und Eberhard Trampenau am Tag ihrer Hochzeit

Bitten um Verständnis

Am gleichen Tag erreichte die Familie ein Brief, in dem Elisabeth u.a. schrieb:

„Eberhard und ich haben an dem Tag, an dem Ihr diesen Brief bekommt, also am 4.6., geheiratet. Wir tun es deshalb so schnell, weil wir uns auf ein Kindchen freuen dürfen. Ich weiß nicht, ob es eine Entschuldigung dafür gibt, was ich Euch angetan habe! Das ist mein ganzer Kummer, denn ich habe Euch so lieb, dass es mir unsagbar weh tut, Euch so leiden zu sehen. Wenn Ihr könnt, verzeiht mir. Denkt bitte daran, dass auch Ihr, als Ihr liebtet, fest bei Eurem Entschluss bliebt. Über das, was geschehen ist, möchte ich nichts anderes sagen, als dass es aus Liebe geschehen ist. Ich habe lange darüber nachgedacht, konnte es aber nicht bereuen. Ihr wisst, dass ich es nicht ertragen würde, wenn Ihr nichts mehr von mir wissen wolltet. Ich brauche zu nötig Eure Liebe und Euer Verstehen.“

Glückliche Tage der Verliebten 1955 - Titel: Don Quichote auf Rosinante
Glückliche Tage der Verliebten 1955 – Titel: Don Quichote auf Rosinante

Auch Eberhard wendet sich an seine Schwiegermutter, unter anderem mit folgenden Zeilen: „Seit wir Gewissheit hatten, dass Elisabeth ein Kindchen haben würde, stand unser Entschluss fest, so schnell wie möglich zu heiraten. Sie werden das alles vielleicht nicht verstehen, Sie werden sehr böse auf mich sein und wer weiß was von mir denken, weil Sie mich zu wenig kennen. Ich verstehe das wohl. Die Zeit wird es beweisen, dass wir zueinander passen und glücklich sein werden.

Die kleine Edda mit Eltern 1955
Die kleine Edda mit Eltern 1955

In unseren Freudenbecher werden ein paar bittere Tropfen fallen. Wir wissen, dass Sie mit unserer Ehe nicht einverstanden sind. Aus diesem einfachen Grunde erhalten Sie so spät Nachricht von der bevorstehenden Trauung. Ich wünsche und hoffe nur das Eine: dass die Liebe des Mutterherzens in Ruhe und Besonnenheit die rechte Entscheidung fällt. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ein Mutterherz sich so verhärten kann. Wenn Sie mich auch nicht anerkennen, verschließen Sie Elisabeth nicht die Tür. Sollten Sie sich von uns abwenden, werden wir warten. Unsere Tür wird Ihnen stets geöffnet sein. Einmal werden Sie wieder gut sein, diesen Tag sehnen wir voller Hoffnung herbei.“

Diese eindringlichen Worte und Bitten um Vergebung haben scheinbar ihre Wirkung nicht ganz verfehlt. Schon bald findet im Haus von Elisabeths Mutter und ihrem Stiefvater Emanuel in Mellen ein kleines Fest statt, auf dem das jungvermählte Paar gefeiert und beglückwünscht wird. Gäste waren hier Eberhards Eltern, Minna und Albert, sowie Vera und Paul Rohra, ein befreundetes Ehepaar aus Mellen. Die Wogen haben sich zunächst geglättet und die Zukunft der beiden – und damit auch die unsrige – nimmt ihren Lauf.

Gewitterwolken am Horizont

In der nächsten Zeit wohnen unsere Eltern in Quitzöbel in der schönen Lehrerwohnung. Am 9. Juli 1954 legt Mutti am Institut für Lehrerbildung in Schwerin die Staatliche Abschlussprüfung ab und ist jetzt eine richtige Lehrerin mit Lehrbefähigung für die Unterstufe der allgemeinbildenden Schulen. Im September wird Edda geboren, und eigentlich könnte jetzt alles so schön sein, wie es sich die beiden immer erhofft hatten. Doch schon waren neue Gewitterwolken am Horizont aufgetaucht. Von je her werden unzählige Probleme, die bei jungen Paaren die Harmonie der trauten Zweisamkeit stören und zu Spannungen führen, von Eltern und Schwiegereltern verursacht, die meinen, ihre eigenen Erfahrungen seien tiefgreifend genug, um sie auch den jungen Leuten überstülpen zu müssen. Gutgemeinte Ratschläge, eine gewisse Rivalität gegenüber Schwiegertochter oder Schwiegersohn, zu häufige Anwesenheit machen es jungen Paaren oft schwer, ihren eigenen Weg zu finden, der auch eigene Fehler mit einschließt.

0022 Edda 1955 mit Eltern
Eberhard und Elisabeth Trampenau mit der kleinen Edda – 1955

In diesem Fall waren es Eberhards Eltern, die sich getrennt hatten. Während Minna bei ihrer Tochter Edula in Berlin lebte, war man übereingekommen, Vater Albert mit nach Quitzöbel in die Lehrerwohnung zu nehmen. Nun war Albert ein nicht ganz einfacher Mensch, so wie auch sein Leben nicht gerade einfach gewesen war. Geboren wurde er in Ostpreußen, und zwar als uneheliches Kind. Seine Mutter, die als Magd auf einem Gutshof arbeitete und sich mit dem Gutsherrn wohl mehr als gut verstand, behielt das Ergebnis dieses guten Verhältnisses, den kleinen Albert, nicht bei sich, sondern gab ihn in ein Heim, wohl weil es in der damaligen Zeit völlig unmöglich war, als ledige Mutter ein Kind großzuziehen. Albert prahlte später oft mit dem „blauen Blut“, das in seinen Adern fließe, vielleicht war es aber auch nur Zynismus, der von seiner nicht sehr glücklichen Kindheit ablenken sollte. Er war ein sehr kluger Mann, sehr belesen, ein Unikum, der die Leute oft mit Bauchreden verblüffte. Er hatte eine starke Abneigung gegen die Kirche und war nicht nur ziemlich neugierig, sondern oft auch streitsüchtig. Und so blieb es nicht aus, dass es nicht selten Zoff gab, vor allem zwischen ihm und Elisabeth.

In seinem grenzenlosen Wissensdurst inspizierte Albert regelmäßig nicht nur Schränke und Schübe, sondern auch den Mülleimer. Elisabeth war in ihrem Humor häufig nicht gerade zimperlich, und so machte sie sich einmal den Spaß, aus den Hinterlassenschaften in Eddas Windel kleine braune Kügelchen zu formen und gut sichtbar im Müll zu platzieren. Und wirklich, es hat geklappt, wenig später sah man Albert sich heftig und gründlich die Hände schrubben…

Gespräch über „Gott und die Welt“

Gisela und Hartmut (Kegler Stammbaum Chart II a – III) lernten Albert während ihrer Verlobung kennen, die in Quitzöbel gefeiert wurde. Hier sorgten Vati und Jürgen, Muttis jüngerer Bruder, für lustige Unterhaltung. Hartmut führte an diesem Tag ein langes Gespräch mit Albert, das er bis heute nicht vergessen hat:

 

Eddas Taufe 1955 mIt Jürgen Hartmut Gisela
Eddas Taufe 1955 mit Jürgen, Hartmut und Gisela

Hartmut:

„An Eberhards Vater erinnert mich ein endlos langes, heftig geführtes Gespräch über „Gott und die Welt“. Ich vertrat damals die kirchliche Seite, er dagegen war überzeugter Atheist. Als ich später Ludwig Feuerbachs denkwürdige Schrift über das „Wesen des Christentums“ las, wuchs mein Respekt vor jenem streitbaren Gesprächspartner. Er erwies sich als ausgezeichneter Kenner der Bibel und argumentierte auf dieser Grundlage so folgerichtig, dass ich ihm mit meiner stümperhaften Theologie nicht gewachsen war. Das ärgerte mich auch gehörig, trug aber, als ich etwas vernünftiger wurde, auch zu meiner kirchenkritischen Einstellung bei. Ein einfacher Kutscher hatte einem jungen Akademiker geistig auf die Sprünge geholfen!“

Albert lebte vielleicht ein Jahr bei unseren Eltern. Als Eberhard an die Schule nach Baek versetzt wird und Familie Trampenau nach Gulow zieht, geht er in ein Altersheim nach Mecklenburg. Elisabeth hatte sich durchgesetzt!

In dieser Zeit hatte sich unsere Oma Hanna an der Hilfsschule in Bad Wilsnack als Lehrerin beworben und war auch dorthin versetzt worden. Sie bekam dort eine kleine Wohnung, zwei Zimmerchen mit Küche im ersten Stock, die nur über eine steile Treppe erreichbar war. Für Opa Manuel, der ja nur mit Krücken laufen konnte, war der Weg in die Wohnung sehr beschwerlich. Aber da es in der Ehe von Johanna und Emanuel ohnehin gerade ziemlich kriselte, wohnten Oma Hanna und Omchen zeitweise allein in Bad Wilsnack.

Edda 1956
Edda 1956

Auch Elisabeth, Eberhard und die kleine Edda besuchten sie hier von Zeit zu Zeit. Einmal, als auch Jürgen gerade dort war, wurde Edda, die gerade laufen konnte und daran gewöhnt werden sollte, ihr Geschäft auf dem Töpfchen zu verrichten, auf dasselbe gesetzt. Sie wollte aber nicht sitzen bleiben, stand immer wieder auf und tappelte zu Großmutter in die Küche. Jürgen setzte sie wieder hin, und als sie sofort wieder aufstehen wollte, brüllte er sie an: „Setz dich jetzt hin!!“. Edda, die sonst von Jürgen nur lustige Töne gewohnt war, plumpste mit fassungslos aufgerissenen Augen wieder auf den Topf, erledigte umgehend ihr Geschäft, und alle lobten Jürgen ob seiner pädagogischen Fähigkeiten.

Emanuel kam in Mellen sehr schlecht allein zurecht.

Dorfkirche mit Friedhofsansicht in Mellen - Photo Credit: Panoramio
Dorfkirche mit Friedhofsansicht in Mellen – Photo Credit: Panoramio

Jürgen(Kegler Stammbaum Chart II a – III) :

Nachdem Emanuel mit seiner ständigen Nörgelei allen die Nerven zersägt hatte, kam Hartmut bei einem seiner Besuche auf die Idee einer Scheidung. Wir, Elisabeth und ich, griffen das begeistert auf, Omchen schwieg sehr beredt dazu, denn Scheidung war in ihrem Lebensbild etwas Unanständiges. Hartmut drängte mit Argumenten, Elisabeth und ich emotional. Schließlich fuhr das scheidungswillige Ehepaar zum Amtsgericht in Perleberg vor den Scheidungsrichter. Ich war bei dem Termin dabei. Es gab keinen, der nach dem Gesetz schuldig war, und so wurde nach Scheidungsgründen gefragt. Weder Emanuel noch Johanna wusste so richtig darauf zu antworten, denn Nörgelei war kein Grund, und dass die Kinder es so wollten, auch nicht. Also entschied der Richter, sie mögen doch zu Hause noch einmal in Ruhe darüber nachdenken und schloss die Sitzung. Sichtlich erleichtert fuhren die Eheleute wieder nach Mellen zurück. Ich war überzeugt, wäre Emanuel nicht an Krücken gegangen, dann hätten die beiden das Amtsgericht Händchen haltend verlassen. Ich war natürlich enttäuscht, Elisabeth und Hartmut nicht minder.

Im Nachhinein, nachdem ich schon im Westen war und Emanuel verstorben, schien mir der Ausgang des Scheidungsversuches sehr glücklich, denn meine Mutter hätte sicher bis an ihr Lebensende an dem Selbstvorwurf gelitten, einen hilfsbedürftigen Menschen im Stich gelassen zu haben.

Oma Hanna und Omchen zogen – zu unserem Glück – wieder nach Mellen zurück.

 

Bericht über Wolmirstedt und die Klopp’s

von Dieter Barge – Chart II a – IV

Also Chart I – I & II

Als ich in Peter’s Bericht über die Klopp’s das Bild der Seilerei Friedrich Klopp in Wolmirstedt gesehen habe, interessierte mich sehr, wo das wohl war.
Edda und ich lebten doch selbst von 1980 bis 1990 dort.
Ich hatte ein Buch von Otto Zeitke und habe mir noch 2 weitere Bücher antiquarisch besorgt, diese hat Otto Zeitke gemeinsam mit Erhard Jahn geschrieben. Die Beiden haben sich als Heimatforscher sehr verdient gemacht, Otto Zeitke ist 1924 geboren und versteht es gut, die Berichte der älteren Leute interessant wiederzugeben. Erhard Jahn ist um einiges jünger und hat in Wolmirstedt ein Ingenieurbüro für Architektur.

Im ersten Buch “Das alte Wolmirstedt” fand ich dann vermeintlich die Seilerei Klopp !
Um sicherzugehen, habe ich bei Erhard Jahn angerufen, habe ihn nach Klopp’s gefragt und da kam sofort die Frage zur Seilerei Klopp zurück. Ich habe ihm einiges erzählt und ihn gebeten, mal das Bild in einer Mail zu betrachten und meine Vermutung zu bestätigen.
Das hat er auch getan und mir bestätigt, daß das Gebäude links neben der Druckerei Grenzau die alte Seilerei Klopp ist. Beide Gebäude befinden sich in der Friedensstraße, das ist der neue Name für den nördlichen Teil der ehemaligen Magdeburger Straße Er kannte auch das Bild von der Seilerei schon. Daneben ein aktuelles Bild von Herrn Jahn mit dem ehemaligen Seilereigebäude in der Mitte.

Ich stelle hier ein Google-Earth-Bild mit der Friedensstraße ein:

7 Bild Google-Earth

Herr Jahn hat mir auch erlaubt, Bilder aus den Büchern im Blog zu benutzen und erzählte, dass Anfang der 90-er Jahre ein etwa 60-jähriger Klopp bei ihm in Wolmirstedt war, nach Durchsicht seiner Aufzeichnungen fand er heraus, dass dies Eberhard Klopp war, also der Klopp, der das Buch:

“Ein Brief an die Nachfahren der Familie Klopp aus Altendorf/Brome und Wolmirstedt”
Teil 1   400 Lebensläufe zwischen 1590 und 1990
1997 Verlag Trier

geschrieben hat. Herr Jahn stand mit Eberhard Klopp an der Hindenburg- bzw. Magdeburger Brücke und dieser hat mit der Hand auf die Stelle gezeigt, wo von 1900-1912 die “Seilerbahn” der Klopp’s war. Inzwischen weiß ich, daß Eberhard der Großcousin von Peter Klopp ist.

Aus den 3 Büchern habe ich einen kleinen Abriß zur Geschichte von Wolmirstedt gemacht:

——————————————————————————————–
Das kleine Städtchen Wolmirstedt, 14 km nördlich von Magdeburg gelegen, wurde erstmals 1009 urkundlich erwähnt.
Wahrscheinlich während der Völkerwanderung bildete sich eine geschlossene Siedlung, die “Walmerstidi” genannt wurde, diese befand sich am Zusammenfluss von Ohre und Elbe und bildete unter “Karl dem Großen” einen östlichen Grenzort des großen Frankenreiches.
Am Ende des 13.Jahrhunderts änderte die Elbe ihren Lauf in Richtung Osten, heute mündet die Ohre bei Rogätz in die Elbe.
Im 30-jährigen Krieg wurde Wolmirstedt 1642 völlig zerstört, 1642 fand eine öffentliche Hexenverbrennung statt!
Einen Aufschwung gab es für den Ort nach der Besetzung 1807 durch die Truppen von Napoleon. Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, es gab mehr Freiheiten für Handel und Gewerbe und weniger Privilegien für den Adel!
1890 hatte Wolmirstedt 3868 Einwohner, nicht mitgezählt wurden die 50 Beschäftigten auf dem Junkerhof.
Die Magdeburger Straße, dort wo sich die Seilerei Friedrich Klopp befand, wurde 1365 noch als “Steinweg” benannt, sie war eine wichtige Durchgangsstraße von Magdeburg nach Norden. Die Passage über die Magdeburger Brücke der Ohre muss “sehr riskant” gewesen sein. Ein Fuhrwerk benötigte damals einen ganzen Tag, um nach Magdeburg und zurückzukommen.
1667 wurde die Torakzise (Wegezoll) eingeführt, das “Magdeburger Tor” wurde errichtet, 1812 wurde die Torakzise abgeschafft.
In der Straße siedelten sich Kaufleute, Handwerker, Fabrikanten, Handwerksmeister, ein Apotheker, ein Schmied und ein Kantor an. Die Straße war “420 Schritte” lang und endete am alten Rathaus, einem Renaissance-Bau.
1925 lebten 170 Familien in der Straße.
Die “Magdeburger Brücke” hieß zeitweise “Hindenburgbrücke”.
Markante Gebäude waren das Polizeiamt, die Buchdruckerei Grenzau, die den “Allgemeinen Anzeiger” herausgab (daneben die Seilerei Klopp), “Schau’s Hotel”, die Gaststätte “Schwarzer Adler” (1971 abgerissen), die Alte Schmiede, das Fachwerkhaus des Schlossermeisters Jänicke, die “Wildemanns Gaststätte und Pension”.
Einer von Wolmirstedt’s Originalen war der Wirt des “Schwarzen Adler’s, Kurt Güssefeld.
————————————————————————————————
Der heute über 90 Jahre alte Otto Zeitke ist ein toller Erzähler vom alten Wolmirstedt und seinen Bewohnern, da gibt es viele interessante Dinge zu lesen:

-Er berichtet, dass der Wirt einmal plötzlich sagte “Das kann’s doch nicht geben, wie der Schinder die Braunen hetzt”, dann lief er zum Fenster, sah auf die Straße, , schüttelte den Kopf und brummte unverständliche Flüche gegen den
Kutscher”.
-Auf dem Hof des Rathauses gab es den Karzer, das Gefängnis. Die Frau vom Polizisten Meier betreute und versorgte die Knastbrüder, der Volksmund sagte zu den Insassen, sie sind im “Cafe Meier”.

Ich habe mit Otto Zeitke lange nett telefoniert, er wirkt noch sehr jugendlich und berichtete mir, dass er die Kanuten in Wolmirstedt organisierte, er ist auch der Meinung, dass die Seilerbahn der Klopp’s am Ufer der Ohre gelegen haben muss.

Am 11.3.2015 war ich mit Edda in Wolmirstedt, wir haben die Friedensstraße von der Ohrebrücke bis zum alten Rathaus abgewandert und Fotos gemacht.

Ich stelle nun einige der Bilder neben den alten Aufnahmen aus den genannten Büchern ein. Den Anfang macht das Bild von Eberhard Klopp, das mir Herr Jahn freundlicherweise auch geschickt hat. Ich habe rot eingezeichnet, wo sich vermutlich die Seilbahn Klopp befand.

Vom ehemaligen Magdeburger Tor ging es dann aufwärts nach Wolmirstedt hinein.

Der nächste Abschnitt beginnt mit der Ecke “Schwarzen Adler”, führt am Haus der Seilerei Klopp und dem Polizeigebäude vorbei bis zum ehemaligen “Schau’s Hotel”.

Nun geht es im nördlichen Teil der Straße bis zum alten Rathaus.

Zum Schluß noch 4 sehr schöne alte Fotos aus dem alten Wolmirstedt.

Appendix

 Eulogy

Gedächtnisrede für unseren Vater Carl Kegler Pastor in Grünewald in der Kirche zu Grünewald am 19. Juni 1919. von Oberpfarrer Wollermann/ Bärwalde Krs. Neustettin

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und Herrn Jesu Christo! Aus dem Evangelium Johannes, Kap. 16. Vers 4, hören wir die folgenden Worte: “Denn ich war bei Euch!” Amen!

In dem Herrn geliebte Leidtragende!

Liebe Trauergemeinde!

So soll ich denn Ihrem treuen Entschlafenen, unserem lieben Freunde und Bruder, wie er selbst es gewünscht hat, an seinem Sarge die Gedächtnisrede halten. – Als er schon vor längerer Zeit mich bat, ihm einmal diesen letzten Freundesdienst zu erweisen, da war er noch ein rüstiger Mann so daß ich mich über den ausgesprochenen Wunsch hier verwunderte; da habe ich ebenso wenig wie Sie und andere daran gedacht, daß so bald der Fall eintreten würde, wo seiner Bitte entsprochen werden sollte. Gleichwohl scheint schon damals ein dunkles Todesahnen durch seine Seele gezogen zu sein wie ein Gefühl davon, daß seine Sterbestunde vielleicht näher wäre, als er selbst es glauben möchte. Denn damals wünschte und hoffte er selbst noch lange Zeit den Seinen erhalten zu bleiben und seiner Gemeinde wie bisher weiter zu dienen. – Es ist anders gekommen. Der Wille Gottes ist geschehen. Nach längerer Krankheit, nach schweren seelischen und körperlichen Leiden ist unser Bruder zuletzt durch einen stillen, sanften Tod, im Frieden mit Gott und Men­schen, noch nicht 59 Jahre alt, hinweg geführt aus dem Lande der Lebendigen, aus dem Kreise der Seinen und aus der Mitte seiner Gemeinde, hinweg aus seiner Lebensarbeit in die Ewigkeit. Mit seinen gebeugten Angehörigen stehen wir teilnehmend an der Bahre des Verewigten. Aber wir wollen uns demütigen unter der Hand Gottes und auch im Schmerze seinen Willen ehren.

Nun haben wir uns, die Familienangehörigen und Gemeindeglieder, die Freunde und Brüder, zu einer Trauerfeier an seinem Sarge versammelt. Hier in dieser Kirche, wo er so viele Jahre das Wort des Herrn verkündigt hat, und inmitten dieser Gemeinde, die bei so vielen Gottesdiensten an Sonn- und Feiertagen, in Freud’ und Leid, in Krieg und Frieden dem Zeugnis seines beredten Mundes gelauscht hat, wollen wir zu guterletzt Abschied nehmen von dem teuren Manne, der uns allen auf die eine oder andere Weise und unserem Herzen nahe gestanden hat. Unsere Abschiedsgedanken und Empfindungen in dieser Trauerstunde wollen wir dabei durch das verlesene kurze Wort die Richtung weisen lassen, das unser Heiland einst in einer großen Abschiedsrede zu seinen Jüngern ge­sprochen hat, durch das Schriftwort: “Denn ich war bei Euch!” – Mit solchem Worte weist der Herr hin auf die lange innige Lebens­gemeinschaft, in welcher die Seinen mit ihm standen, wie auf das unmittelbar bevorstehende traurige Ende derselben. Als der Her- zenskündiger weiß Jesus, wie erschüttert und niedergeschlagen die Seinen bei seinem Tode sein werden. Darum will er sie auf die Scheidestunde vorbereiten und ihnen ein Trostwort geben, an dem sie sich nachher wieder aufrichten können. Wie Sie, meine lieben Leidtragenden, die bei dem Heimgang Ihres lieben Entschla­fenen ein tiefes, großes Weh empfinden, so haben einst die Jünger die ganze Bitterkeit und den ganzen großen Schmerz des Abschied­nehmens gekostet. Und wie der Herr damals seine Jünger getröstet hat, so will er durch das Wort seiner Liebe auch Sie trösten in Ihrem Leide und aufrichten in dieser Trauerstunde. – Ich war bei Euch. So redet der Herr von der vergangenen schönen Zeit seiner segensvollen Gemeinschaft, so wie der darauf folgende schmerzlichen Trennung. Ja, er war lange bei ihnen gewesen, im vertrauten Jüngerkreise aufs Innigste mit ihnen verbunden. Sie waren ihm auf Schritt und Tritt gefolgt. Sie hatten unvergäng­liche Worte der Gnade und Wahrheit aus seinem Munde vernommen.

Sie hatten seine Heilandsliebe in tiefster Seele empfunden und seine Hirtentreue in ihrem Leben erfahren. Sie hatten seine Taten, die Worte seiner Gottesmacht und Liebe gesehen. Sie hatten ihm ins Herz geschaut. Ihr alles zog sie hin zu ihm, so daß der Gedanke der Trennung ihnen unerträglich war. – Aber die Schicksalsstunde kam dennoch, kam mit ihrem ganzen großen Leid. Als ihr Meister an das Kreuz geschlagen und in das Grab gelegt ward, da war es ihnen, als ob mit ihm auch alle Hoffnungen begraben wären; da wähn­ten sie, daß es keine Gerechtigkeit mehr in der Welt gäbe; da ist es wie ein Schwert durch ihre Seele gedrungen, da haben Verzagtheit und Trauer ihr banges Herz erfüllt.

Wie den Jüngern damals zumute gewesen ist, das werden Sie, die heute um einen teuren Toten Leid tragen, ihnen nachfühlen können.

Ich war bei Euch. Dieses Heilandswort dürfen wir in übertragenem und doch wieder in ähnlichem Sinne auf unsern verewigten Bruder in den Mund legen. Ich war bei Euch. So konnte er sprechen im Blick auf die Seinen. Denn er ist viele Jahre hindurch bei Ihnen , gewesen ein treuer, lieber Gatte und Vater in unvergeßlicher, reich­gesegneter Lebensgemeinschaft. Ich weiß es aus dem Munde des Ver­ewigten selbst, wie dankbar er seinem Gott für das große Lebens­glück war, das ihm an der Seite seiner treuen Lebensgefährtin er­wachsen ist. Herz und Hand vereint haben sie beide alles mit ein­ander geteilt und getragen. Es war alle Jahre hindurch eine rechte Ehe in unergründlicher Liebe und Treue, eine wahre Lebensgemeinschaft im Geben und Nehmen, im gegenseitigen Verstehen und Dienen, im Tra­gen und Vertragen, bewährt im Glück und Unglück, in Freude und Schmerz, ein rechter Lebensbund, davon das Dichterwort gilt: öDas ist die rechte Ehe, wo Zweie sind geeint, durch alls Glück und Wehe zu pilgern treu vereint, der eine Stab des ändern und liebe Last zugleich, gemeinsam Rast und Wandern und Ziel des Himmelreich.”

Eine besonders große Freude ist es für den Entschlafenen gewesen, daß es ihm vergönnt war, mit seiner Gattin die silberne Hochzeit zu feiern und bei diesem Feste aus dem Munde seiner Kinder den Dank herzlicher Liebe wie ihrer Glück- und Segenswünsche in tief­empfundenen Worten zum Teil in schöner gebundener Rede zu hören.

Noch mit dem letzten Druck der Hand und dem letzten Blick des brechenden Auges hat es der Verewigte ihnen bezeugt: Ich habe Dich je und je geliebt, denn ihre Herzen waren verbunden in der wahren Liebe, die langmütig und freundlich ist, die selbstlos nicht das Ihre sucht, sondern das des anderen ist, die in Glauben, Hoff­nung und Geduld sich bewährt als die Liebe, die nimmer aufhört. Gedauert auch über das Grab hinaus.

Ich war bei Euch. Klingt das Wort besonders für Sie, die Kinder, nicht so, als ob es Ihr scheidender teurer Vater zu Ihnen spräche? Ja, er war bei Ihnen, ein lieber, treu sorgender Vater, der allezeit mit treuen Herzen das Beste seiner Kinder gesucht hat. – Sie werden es nimmer vergessen, daß Sie hier in Ihrem Elternhause, in dem alten und doch so traulichen Pfarrhause dieses Ortes, die glücklichen und segensvollen Tage einer fröhlichen Kindheit und Jugend gelebt haben. Vater- und Muttersegen wird Sie aus diesem Hause als das Beste in die Welt hinaus begleiten. Ihr lieber Vater hat seine Herzensfreude gehabt an den Fortschritten, an dem Geraten und Gedeihen seiner Kinder. Aber wie sehr er sein Fleisch und Blut auch lieb hatte, so hat es ihn doch besonders gefreut, wenn auch seine Kinder sich mit ihren Kräften und Fähigkeiten willig in den Dienst der Allgemeinheit stellten. Denn das war auch ein Teil der Lebensauffassung und Weltanschauung unseres Bruders, das niemand nur sich selbst und nur den Seinen leben dürfe, son­dern daß jedermann in großen sittlichen Lebensgemeinschaften, Fa­milie und Gemeinde, Staat und Kirche, im großen Ganzen mit allen seinen Gaben und Gütern zu dienen hat. Darum hat unser Bruder in berechtigten Vaterstolz eine herzliche Befriedigung darüber empfun­den, daß in der Stunde der Not auch seine Söhne tapfer und ehren­haft für das teure Vaterland mitgestritten und mitgelitten haben. Eine ganz besonders große, letzte Herzensfreude ist es für den Entschlafenen gewesen, daß sich vor seinem Tode noch einmal alle seine Kinder an seinem Sterbebett in dankbarer Liebe um ihn versam­melt haben* Wie einst der sterbende Erzvater seine Söhne zu sich rief und ihnen mit dem Trostwort: “Siehe, ich sterbe, und Gott wird mit Euch sein,” seinen Segen erteilte, so hat sicherlich Ihr lieber Vater vor seinem Scheiden mit einem letzten heißen Gebet Gottes reichen Segen auf Ihr Haupt herabgefleht. Und dieser Vater­segen möge mit Ihnen sein bis an das Ende!

Ich war bei Euch. Das gilt auch Euch, Ihr lieben Gemeinden, in deren Mitte der Verewigte einst von Gott als Prediger und Seelsorger hineingestellt wurde. Ja, er ist lange bei Euch gewesen, über 28 Jahre, seine ganze Arbeit hindurch vom Anfang bis zum Ende. Er ist ganz der Eurige geworden. Selbst eines Landwirts Sohn, hat er sich völlig hineingelebt in Euer Denken und Fühlen. Er hat innerlich teilgenommen an Euern Geschicken und Erfahrungen, an Euern Schaffen und Sorgen, an Euren Freuden und Leiden, ist fröhlich gewesen mit den Fröhlichen und traurig mit den Traurigen. Es dürfte in der gan­zen Gemeinde kein Haus und kein Glied sein, mit dem er nicht in per­sönliche Berührung und Fühlung gekommen wäre. Im Laufe all der Jahre hat er Eure Kinder getauft und ihnen, die Euch ans Herz gewachsen sind, das Beste zu ihrem Lebenslauf, den Segen des Allmächtigen, mitgegeben im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Eure heranwachsende Jugend hat er in dem Worte Gottes unterwiesen und sie, die jungen Christen, eingesegnet. Er hat Euch Ehepaare getraut. Eure Toten, alt und jung, – es mögen wohl viele Hundert geworden sein – hat er zu Grabe geleitet, wie Ihr selbst heute Eu­ren Pastor das letzte Geleit gebt, und hat an ihren Särgen in herz­licher Teilnahme Euch zum Troste das Wort des Herrn gesagt. Vor allem aber hat er Euch von Kanzel und Altar das Evangelium von der Gnade Gottes in Christo verkündigt und Euch damit die wertvollste aller Gaben dargeboten, das Brot des Lebens für Eure Pilgerreise,

Er selbst war eine ringende, suchende Seele. Er gab sich nicht von vorn herein und ohne weiteres mit einem Dogma zufrieden, sondern suchte die schweren Fragen des Glaubens und Probleme der Weltan­schauung in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen. Er suchte in die Wahr­heit einzudringen, und wie er sie dann verstand, wie sie ihm schimmer­te und leuchtete, so, mit innerer Beteiligung hat er sie Euch danach in lebensvollen Gedanken und Bildern gepredigt. Und weil sein Herz dabei war, so ist Euch auch wohl zu Herzen gegangen, was er Euch zu sagen hatte. Er glaubte an die Wahrheit, und weil es ihm gewiß war, daß Gott und die Wahrheit den letzten Sieg behalten muß, konnte es ihn nicht erschüttern, wenn auch einmal eine alte Überzeugung ins Wanken geriet, wenn etwa eine alte Form oder Formel umgestoßen wurde. Der Herr aber, der einst auch den Zweifelnden, suchenden Jünger Thomas in seinen Kreis aufgenommen und ihn seinerseits gesucht und sich ihm geoffenbart hat, bis der Jünger mit dem Bekenntnis: Mein Herr und mein Gotti anbetend vor ihm in die Knie sinkt. Derselbe hat auch . unseren verewigten Bruder gesucht und gefunden. Die mit von dem Entschlafenen berichtet ist, ist sein Glaube gerade in seiner Lei­denszeit noch fester, tiefer, inniger und reifer geworden, bis er, ganz seinem Gott ergeben, in völligen Frieden hineingehen durfte.

Unser Bruder suchte die Wahrheit und hat sie Euch verkündigt in rechter Liebe, hat Euch gedient in der Wahrheit und in der Liebe.

Auf einem Synodal-Konvent hat er uns einmal eine Predigt gehal­ten über den Heiland, der seinen Jüngern in dienender Liebe die Füße wusch. Er hat uns damals hingewiesen auf das Vorbild des Herrn, der aus Liebe zu uns Menschen sich selbst erniedrigte, in Selbst­aufopferung alles für uns tat und litt. Nach dem Beispiel dieses großen Meisters hat unser Bruder Euch gern gedient in selbstloser Liebe, nicht in weichlicher, süßlicher Art und Weise, sondern in männlicher Kraft, mit dem Rat und zu jedem Dienste bereit und den sein Herz ihm gebot. – Dazu war er ein gerader, aufrechter Mann, der seine Überzeugung und Meinung auch kraftvoll zu vertreten wußte. Was er meinte, das sagte er auch, frei und offen, nach oben und nach unten hin; er mochte damit Beifall finden oder Anstoß erregen, gefallen oder nicht gefallen. Von der fröhlichen Studenten­zeit her hatte er sich die rechte Burschenart bewahrt, die nach dem Worte handelt; “Wer die Wahrheit kennt und sagt sie nicht, der bleibet fürwahr ein erbärmlicher Wicht.” Dieser redliche Mann war bei uns, ein guter Freund unter Freunden und Bekannten. Mit seinem treuen Herzen, mit seinem lebhaften Temperament und seiner fröhli­chen Lebenslust, mit seinem sonnigen Humor, mit seiner Tatkraft und seinem umfangreichen Wissen, mit seinem ganzen aufrichtigen Wesen ist er vielen als ein Freund lieb und wert gewesen. Viele, die mit ihm zusammen waren, werden den entschlafenen Freund noch lange vermissen in Trauer und Schmerz. – Er war bei uns, ein Freund unter Freunden und Mensch unter Menschen, dem auch menschliche Feh­ler und Schwächen anhafteten, wie er selbst das sehr wohl gewußt hat, aber bei dem allen ein lauterer Charakter, dem alle Bosheit fern lag, und eine treue Seele, der jede Schlechtigkeit verhaßt und zuwider war. Er war bei uns als ein treuer Sohn seines Volkes, ein glühender Patriot, dem der Zusammenbruch des Vaterlandes bis in das tiefste Herz hinein getroffen hat. Sein treues Herz hat bis zum letzten Atemzuge der brennende Wunsch beseelt, daß unser teures Vaterland sich dereinst aus seiner tiefen Not und Schmach wieder erheben möge, daß der Heldengeist der Väter wieder lebendig werde in dem jungen Geschlecht, in dem ganzen Volke, damit es durch die Not geläutert, einst wie seine Vorfahren durch die Tugenden der Gottes­furcht und Treue, der Kraft und Zucht zu neuer Freiheit, Wohlfahrt und Ehre gelange. – So war der Verewigte bei uns, in allen Stücken in Liebe und Treue bewährt bis an den Tod.

Nun geht er von uns, aber sein Bild lebt unvergeßlich fort in den Herzen der Seinen; er scheidet, aber sein Gedächtnis bleibt im Segen. Er verläßt uns; aber ein anderer bleibt bei uns, unser Trost und Beistand zu sein. Es ist der Herr. Er, der Heiland hat nicht bloß gesagt; “Ich war bei Euch”, sondern auch; “Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende!” Dieser Heiland war auch bei unserm Bruder mit seiner Gnade und Wahrheit, mit seiner Kraft zu aller Zeit. Der Herr wird auch jetzt mit Euch sein in Eurer Trau­er. Lassen Sie sich getröstet von seiner Hand leiten! Befiel dem Herrn Deine Wege, ich hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen!

Unser Bruder war bereit, dem Rufe seines Herrn in die Ewigkeit zu folgen. Wie mir mitgeteilt ist, hat er in seiner Leidenszeit zu seiner Gattin als der vertrauten Gefährtin seines Lebens oft­mals gesagt! wie Gott will, ich bin bereit! Ein gutes Bekenntnis im Angesicht des Todes, ein Wort des Glaubens und der Hoffnung! Nehmet es auf wie ein teures Vermächtnis, wie eine letzte ernste Mahnung, die der Sterbende an Euch gerichtet hat!

Er soll Euch wie der Sarg in Eurer Mitte eindringlich erinnern an den eigenen Tod. Bist Du auch bereit zu sterben, wie unser Bruder es war, und hinzutreten vor Gottes Thron? Du weißt nicht, wann Gott der Herr Dich abrufen wird aus diesem Leben, weißt nicht, ob Du nicht schon bald von hinnen mußt. Darum laßt uns über allen Sorgen und Freuden des Daseins das höchste und letzte Ziel des Lebens nicht vergessen, sondern es fest im Auge behalten!

Darum seid auch Ihr bereit, denn Ihr wisset nicht, welche Stunde Euer Herr kommen wird. Laßt uns nur des Herren sein! Er in uns, und wir in ihm! Er geleite uns allen mit seinen Friedensgedanken bis ans Ende!

Ja, der Herr sei bei Euch und uns allen auf allen unseren Wegen, bei uns und mit uns alle Tage bis ans Ende und bis in Ewigkeit! Amen!

Gedächtnisrede

des Pastors Reichmuth, Erfurt (Reglerkirchen-Gemeinde)

(früher 15 Jahre in Stettin)

am 17. Sept. 1948 auf dem Südfriedhof in Erfurt.

Evang. Johannes 16 V. 33

Nun ist die Stunde gekommen, wo ihr Abschied nehmen müßt von der sterblichen Hülle eurer geliebten Mutter und Großmutter.

Nach einem dreivierteljährigem ernsten Krankenlager hat Gott der Herr sie nun, nachdem sie den 80. Geburtstag noch mit hellen Bewußt­sein und in großer Dankbarkeit begehen konnte, zu sich genommen in die Ewigkeit.-Für euch Kinder, die ihr diesen Sarg umsteht und die treue Mutter bis zuletzt gepflegt und betreut habt in selbst­verständlicher, fürsorglicher Liebe, aber nicht minder für den Gros­sen Kreis der Kinder und Enkel, die heute nicht unter uns sein können, ist es eine schwere Stunde, war die Entschlafene doch der geistige Mittelpunkt der großen Familie. Und doch sollte der ernste Ton, den wir hier anstimmen, ein Ton des Dankens sein, des Dankes dafür, daß Gott euch dies treue Mutterleben so lange erhalten hat. Zuletzt war es doch ihr sehnlichster Wunsch, als sie das Nachlassen der Kräfte von Tag zu Tag immer spürbarer fühlte, nun heimgehen zu dürfen.-Und wie friedlich ist dieser Heimgang schließlich gewesen, wenn die Klänge des alten Chorals “Jesus meine Zuversicht” und die Verlesung von Joh. 16 aus des Sohnes Mund das letzte waren, was sie geistig aufnehmen konnte. So soll es auch ein Wort aus diesem 16. Kapitel des Joh. Ev. sein, das wir heute vernehmen, das dieses Leben vom Worte Gottes deuten und abrunden soll, das uns zugleich ausrichten und trösten soll. “Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.” So ruft es Jesus in seinen letzten Stunden vor dem Kreuzestod den Jüngern zu. Er weiß um die bedrohte Lage der Jünger, die Katastrophe, die über sie hereinbrechen wird, er weiß um die Lebensangst, die nicht ausbleiben wird. Aber er kann sie hinweisen auf ein Wort, die das Leben zu einem getrosten Wandern macht. Wie er nicht allein ist in der größten menschlichen Einsam­keit, sondern der Vater ist bei ihm, so dürfen sie ihn, ihren Hei­land und Herrn, den Quell alles Friedens als Beistand und Tröster hinnehmen in den Stunden der Angst und Ausweglosigkeit. War das nicht das Geheimnis auch im Leben eurer lieben Mutter, daß sie um diese spendende Mitte im Leben wußte? – Gott hat ihr den Kampf nicht leicht gemacht. Vor uns steht das Bild der treuen Pfarrfrau, die ein Menschenalter an der Seite des treuen Gatten im Grünewalder Pfarrhaus im Kreis Neustettin wirkte. Es war keine Kleinigkeit für die junge Pfarrfrau die alten Eltern und zwei kranke Schwestern zu hegen und zu pflegen und dabei im Laufe der Jahre sechs Kinder das Leben zu schenken. Aber wie selbstverständlich hat die fleißige, immer bescheidene, rücksichtsvolle Frau diesen schweren, oft an die Grenzen der Kraft gehenden Liebesdienst getan. Was menschliche Ohnmacht ist, wie Gott uns immer wieder an die Grenzen der Kraft führt, das hat sie da wohl oft erfahren; aber sie wußte auch um jene Kraft und jenen Frieden, den der Herr Christus allein verleihen kann, wenn Menschenkraft ausgeht.

Welch treue Gehilfin ist sie dem Gatten gewesen, wie hat sie euch Kinder und Enkelkinder mit wahrhaft mütterlicher Aufopferungsfreu­digkeit von früher Jugend an umhegt. Schon auf der Höhe des Lebens mit 59 Jahren ward ihr der treue Gefährte euer lieber Vater genom­men. Fast ein Menschenalter hat sie dann noch in Stolpmünde, das ihr zur zweiten Heimat wurde, zugebracht. Unendlich viel Liebe und Dank hat sie seitens der Kinder und der immer größer werdenden Enkelchen hier erfahren. Unendlich viel Liebe hat sie aber auch immer wieder aufs neue ausgestreut. – Dann kamen zuletzt die schweren Jahre des zweiten Weltkrieges, in denen sie den jüngsten geliebten Sohn euern Bruder verlor. Auch sie mußte im hohen Alter die ganze Schwere sol­chen mütterlichen Opfers tragen, ja sie mußte unter polnischer Be­satzung die ganze Größe menschlicher Entbehrungen erfahren, mußte am Ende der siebziger Jahre noch einmal, um den Lebensunterhalt zu ver­dienen, sich in die körperliche Arbeit stürzen. Nichts, nichts blieb ihr erspart bis zum Verlust der Heimat und der Flucht aus dem Pommernland.

Was Welt- und Lebensangst bedeutet, das hat sie damals noch einmal erfahren. Aber sie kannte den, der von sich sagen konnte? “Ich habe die Welt überwunden”. Der Blick auf den Gekreuzigten, der uns den Weg des Kreuzes vorangegangen, der mitten im Tode doch zum Überwinder und Spender allen echten Lebens geworden, hat ihr in allem Suchen, Fragen, Grübeln, im Ringen um die letzten Fragen des Lebens, das sie wahrlich nicht leicht nahm, die Kraft gegeben zum eigenen überwinden. Hier in eurem Erfurter Haus durfte sie den Abend ihres Lebens nun verbringen, wohl in der Kraft der Jahre gebrochen und doch innerlich abgeklärt und zum Frieden der Seele gelangt: „Solches habe ich zu Euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt.“

Kierkegart hat einmal gesagt, und die Philosophie unserer Tage hat es gleich ihm ausgesprochen, daß die Angst die treibende Kraft unseres Lebens sei. Auf einem halbjährigen Lager im Erfurter Krankenhaus, in viel Einsamkeit hat sie davon noch einmal am Schluß ihres Lebens etwas zu spüren bekommen. Aber wie dankbar war sie, daß sie in dieser Zeit noch einmal alle ihre Kinder sehen konnte, noch einmal durfte sie wie in den Tagen der Jugend jeden einzelnen mit ihrem persön­lichen Rat und der ganzen Fülle ihrer Liebe dienen. Sie spürte darin sichtlich die Fügung und Führung dessen, der die Seinen nicht ver­läßt, sondern ihnen gerade an den Kindern die Kraft gibt, das Leben zu meistern.-So hat Er, der Himmlische Herr sie nun heimgeholt in seinen Frieden. Wir dürfen sie wissen in jenem ewigen Vaterhaus, in das der Gatte und der Sohn ihr vorangegangen sind wie die Quartier­macher, die dem Heer voraneilen, um die Unterkünfte zu bereiten.

Es ist ein reiches, gesegnetes Lebenswerk, das mit ihrem Heimgang vollendet ist.

Ach, wir wollen sie nicht zurück wünschen, Gott hat es gnädig mit ihr gemeint. — Wohl uns, wenn wir, die wir Zurückbleiben in allen Rätseln der Welt, in allem Dunkel und seinen Führungen, in allen Ängsten, die auch für uns nicht ausbleiben, um jenen Frieden wissen, von dem unser Heilandwort kündet: “Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt.” In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Amen.

Kein Unterschied, Homunkulus!

Für Biene (Gertrud Panknin) 1964 geschrieben

von  Peter Klopp

Paps war ausgegangen, Nahrung zu holen. Eigentlich war er noch kein Vater, aber sie nannte ihn so, und das war entscheidend. Tief unter dem Erdreich saß sie in der gemütlichen Stube und betrachtete liebevoll ihren Leib. Sie dachte an die Kinder, die da kommen würden, und horchte still in sich hinein, ob sie nicht vielleicht schon ein zartes Pochen der Herzchen vernehmen könnte. Ihre schwarzen Äuglein leuchteten zufrieden, sie ging ihrer Erfüllung entgegen.

Und wo aber auch?! Mit keinem Palast dieser Erde hätte sie die so nützlich und sicher angelegte Wohnung getauscht, die ihr Mann in unermüdlicher Arbeit aus dem Erdreich gestampft hatte. Er hatte für alles gesorgt: Die Kinderzimmer grenzten mit ihren niedlich ausgerundeten Eingängen an die gute Stube und das Schlafzimmer der Eltern. Mit ihnen verbunden war ein lang sich erstreckenden Gang wohl drei Körperlängen hoch und mehr als dreißig solcher Längen lang, in dem die Kinder ungestört herumtollen könnten, wenn sie erst einmal ein wenig größer geworden sind. Und was den kommenden Winter anbetraf, so hatte ihr Mann mehr getan als alle Männer dieser Welt. Die Kornkammer war zum Bersten voll, genug, um eine zwölfköpfige Familie den Winter durchzubringen. Das wäre alles jedoch kein Weizenkörnchen wert gewesen, wenn nicht der umsichtige Vater auch für die Sicherheit gegen Wetter und Feind gesorgt hätte.

Wie lange mussten sie eigentlich schon unter der Erde leben? In den langen Winterabenden, wenn einem das schlafen manchmal zu langweilig wurde, dann räkelte sich Paps voller Tatenlust auf dem Rücken hin und her und erzählte, da es doch nichts zu schaffen gab, was er von seinen Ahnen wusste. Früher, da alle Wesen noch freundlich zueinander waren und sich nichts zu Leide taten, sprangen auch sie noch lustig und unbekümmert unter Gottes freier Natur herum. Aber seit das große Morden begann und nicht mehr aufhören wollte, da mussten auch sie unter die Erde. Zuerst begnügte man sich mit einem Eingang zur Wohnung. Doch die ewig lauernden mordgierigen Feinde belagerten ihn, bis man es innen vor Hunger und Angst nicht mehr aushalten konnte und sich in ihre Klauen warf. Man baute dann zwei, drei, dann ganz viele Ausgänge. So gab es immer ein Entrinnen. Mochten auch Tod und Verderben eine Pforte umschleichen, mit Sack und Pack würden sie dann durch ein unsichtbares Hintertürchen entwischen.

Während sie sich das alles überlegte und immer wieder ihren Bauch liebkoste, fiel ihr der Schlauste aller Väter wieder ein, ihr Mann. Emsig hatte er tiefe Schächte gegraben und viel Sand und Geröll ans Tageslicht geschleift. Nur drei davon hatte er mit einander durch Gänge verbunden und zur jetzigen Wohnung ausgebaut. Die anderen dienten zur Täuschung des bösen Feindes. Ob er je bei so vielen den richtigen Eingang fände? Wohl kaum. Beim nächsten Besuch der Vettern und Basen würde das alles gezeigt werden. Wie werden sie auf den Trick hereinfallen, triumphierte die junge werdende Mutter. Schimpfend und fluchend werden sie an den falschen Gängen hervorkriechen und verwundert den Kopf schütteln. Dann aber an der Seite ihres lieben Herrn Gemahls, der zu allem Überfluss einen fünfzig Körperlängen tiefen Wasserschacht gebaut hatte aus dem einzigen Grund, dass sich der Regen dort hinab ergieße und ihre trockene, warme Wohnung verschone, an der Seite dieses großen Mannes, der ihr das Leben so …

Sie horchte auf, ein fremdes Geräusch drang an ihr Ohr, ein Rauschen, wie sie es einmal mit ihrem Mann in der Nähe eines Wasserfalles vernommen hatte. Selige Erinnerungen stiegen in ihr auf und ließen sie für einen Augenblick von dem Getöse ablenken, das nun zu einem Zischen, Sprudeln und Kochen anschwoll. Aus süßen Träumen gerissen blickte sie sich verwundert um. Was sie da ganz plötzlich zu sehen bekam, ließ ihr das Blut in den Adern erstarren, und ihre von Natur aus schon großen, schönen Perlaugen weiteten sich vor Entsetzen. Eine mannshohe Flutwelle kam durch den Haupteingang ihres Wohnsitzes geschossen. Sie sprang von ihrem Ruhebett auf und rannte in die entgegengesetzte Richtung den laugen Gang hinauf zum Arbeitzimmer ihres Mannes. Aber sie hatte noch nicht den größten Teil der Strecke zurückgelegt, als sie die Wassermassen schon mit packender Gewalt erreicht hatten und sie nun einfach vor sich herspülten. Sie strampelte mit Händen und Füßen, bis sie keine Luft mehr schöpfen konnte und ohnmächtig die verzweifelten Bewegungen einstellte.

Als sie wieder zu sich kam, wunderte sie sich sehr, dass sie noch am Leben war. So düster sah das Jenseits doch nicht aus! Alle Viere von sich gestreckt lag sie in solcher Haltung bedrohlich tief im ekeleregenden Schlamm. Aber sie lebte, sog neue Luft in ihre Lungen. Das Geräusch, dieses Verderben bringende Geräusch war jedoch nicht verschwunden. Es hatte nur einen anderen Klang angenommen. Was vorher gezischt, gebrodelt, gekocht und sie schon so tödlich nahe berührt hatte, klang nun wie Glucksen, Schlucken und Seufzen in der Luft. Mühsam befreite sie sich von dem Morast und watete den Gang hinauf, die Verheerung zu besehen.

Während sie bei jedem Körnchen aufschluchzte, das verdorben im Gang herumlag und schmerzend schon ahnte, dass all ihr Reichtum in der Kornkammer verdorben war, dämmerte ihr etwas im tiefstes Grunde ihres Herzens, was sie mit großer Dankbarkeit erfüllte. Sie lebte ja noch und durfte weiteratmen. Tapfer wollte sie an der Seite ihres Mannes die bevorstehende Not durchstehen. Hatte er nicht immer alle Müh’ und Drangsal bewältigt? Seine Idee von dem Wasserschacht und ihre Verwirklichung hatte ihr das Leben gerettet! Ob die Kinder zu Schaden gekommen waren? Keuchend tastete sie sich vorwärts, wobei sie bis zu den Knien in den zähen Schlick eindrang. Endlich hatte sie ihre Kammer erreicht, von der sie soeben geflohen war. Der Anblick war entsetzlich. Das sorgfältig gezimmerte und weich gepolsterte Bett stand unter Wasser. Herabgestürzte Erdmassen versperrten die Zugänge der Kinderzimmer und machten die Wohnung zu einem Bild des Chaos. Voll Schmerz schaute die junge Frau sich um. Hier war kein weiteres Bleiben mehr. Es schien besser, eine neue Wohnung zu graben als diese auszubessern und die Schäden zu beseitigen.

Dann ergriff sie eine neue Ohnmacht, aber nicht körperliche Schwäche oder die Gewalt des Wassers fällte sie zu Boden, nein, ein Anblick so entsetzlich, so unnatürlich widerlich, dass sie ihn nicht beschreiben könnte, wenn sie noch heute lebte. So will ich es für sie tun. Vor dem Hauptgang, unter dem sich auch der Regenschacht befand, der also direkt zum Schlafzimmer führte, fauchte eine rote Riesenschlange. Sie hatte einen Rachen aus glänzendem Gold und spukte unablässig Wasser gegen die Decke des Ganges aus ihrem schier unerschöpflichen Magen. Entsetzlich! Unsere Heldin hatte an einen besonders schweren Wolkenbruch gedacht, der so plötzlich ihr Heim überfallen hätte. Das war jedoch nicht mehr aus dem Bereich des Natürlichen, das sich so vielleicht mit ein wenig Verstand beherrschen ließe. Das war dämonische, höhere Gewalt. Wen von diesen fürchterlichen Mächten hatten sie erzürnt? Wofür wurden sie bestraft? Wo lag ihre Schuld begraben, die sie selbst nicht erkennen konnten? Alles Fragen und keine Antworten. In diesen Fragen liegen die Ansätze der Religion und auch in den Antworten, die uns noch zu den Fragen fehlen.

Freilich konnte die junge Frau, die ohnmächtig im Morast zusammengebrochen war, sich mit diesem Problem nicht beschäftigen. Ich weiß auch nicht, ob ich sie glücklich nennen soll, dass sie noch einmal aufwachte oder besser, dass das Ungeheuer den kahlen Hals senkte, seinen kalten Strahl auf das Schlafgemach richtete und sie, die erbärmlich da Liegende mit diabolischer Freude unsanft aus der Bewusstlosigkeit riss. Erbarmungslos spritzte das eisige Wasser über sie herein, das nun auch vom Boden herquoll und in wenigen Augenblicken die tief atmende Stupsnase erreichte. Zum letzten mal riss sie alle ihre Kräfte zusammen, floh vor dem natürlichsten Element der Welt, ausgespieen von einem Wesen, das durch Stärke, Ungestalt und überirdische Macht geeignet war, in den Mythos einzugehen.

Sie schleppte sich denselben Gang noch einmal hoch, jedoch ging sie nicht zum Arbeitszimmer hinauf, sondern verfolgte den Gang weiter, der zum Südausgang führte. Das Wasser eilte ihr voraus und kletterte langsam, aber stetig die Wände des Ganges empor, bis schließlich die gehetzte Frau gezwungen war, zu schwimmen, was ihr in ihrem gesegneten Zustand außerordentlich schwerfiel. Das Ungetüm schien zu ahnen, dass sein Opfer seinem Zorn entgehen wollte und jagte mit seiner augenlosen Fratze hinterher, den nassen Tod vor sich herspeiend. Die Druckwelle brachte die junge Frau jedoch schneller ihrem Ziele zu und entfernte sie von dem Scheusal. Endlich ging es senkrecht nach oben. Für einen kurzen Moment erblickte sie den blauen, strahlenden Himmel über sich. Dann wurde es wieder duster, nur das Gefühl sagte ihr, dass sie noch weiterhinauf mit dem Wasser stieg. Etwas hatte den Eingang versperrt. Wenn sie es nicht schaffte, die Sperre zu beseitigen, würde sie unweigerlich ertrinken.

Plötzlich blendete sie grelles Tageslicht. Mit einem Satz sprang sie hinaus ins Trockene, in die Freiheit, ins Leben. Keuchend und zitternd vor Atemnot, aber glücklich für das zum dritten mal geschenkte Leben, lag die Frau da, bemerkte zu spät den dunklen Schatten, der vernichtend auf sie niederhieb. Kein Zufall, kein hier und dort treffender Schicksalsschlag, höhere Absicht bis in die letzte Einzelheit gewollt, begründet auf einen unerklärlichen Zorn, waren ihre letzten Gedanken, die ihr durchs Gehirn schossen. Der Hieb des unbekannten Gewichts saß haargenau. Es entschwand sogleich wieder in die blaue Höhe, um das Opfer gleichsam höheren Blicken freizugeben. Bestimmt schon tot, wenn auch das bloßgelegte Herz noch tüchtig pochte. Das Blut, das nach allen Seiten gespritzt war, färbte das welke Gras mit grellroter Farbe. Unter dem plötzlich schweren Druck sprizte nicht nur Blut in die Natur. Der Leib hatte die innere Last nicht mehr halten können. Umgeben von zuckendem Gedärm lagen blind und nackt die ungeborenen Kinder auf dem Geröll der Erde! Welch ein erschaudernder Anblick! Kann einem Menschen soviel Leid geschehen, wie es dieser jungen Maus geschah?

Mit lässiger Fußbewegung stieß der Mann die Überreste der Maus in das Loch zurück. Sie war ihm schon lange ein Dorn im Auge gewesen und hatte ein großen Teil seines Ziergartens unterwühlt. Nun holte er den roten Gartenschlauch aus dem Nachbarloch und spülte die blutigen Körperfetzen in den Schlund zurück. Zufrieden steckte er sich seine Pfeife an und sog den aromatischen Duft in seine Lungen. Die Schuld war beglichen.

Candid Chicana

Chicano Culture, Self-Development & More

Frank Solanki

If you want to be a hero well just follow me

A Whistling Caravan

Write not to impress others,but to express yourself and inspire others!!!™

PlantsandBeyond

Plant Based Living and Gardening

Alles mit Links.

Ja, Schnecke, besteig den Fuji, aber langsam, langsam! (Issa)

Zimmerbitch

age is just a (biggish) number) NUMBER

Thinking Ahead

Consequences of thinking ahead and remembering the past.

ELIZABETH ANN JOHNSON-MURPHREE

Confessional Fiction, Free Verse Poetry and Prose, Non-Poetry and Art

witlessdatingafterfifty

Relationships reveal our hearts.

Wondering and Wandering

"How vain it is to sit down to write when you have not stood up to live! Methinks that the moment my legs begin to move my thoughts begin to flow..." --Henry David Thoreau, August 19, 1851

Frau Stich-Schlinge

handGemachtes & allerlei Tüddellütt

birgitdiestarkeblog

What you see is what you get

My Fragmented Narrative

rants and ramblings freshly served

rabbitpatchdiarycom

comfort and joy from my home to yours

mommermom

......one moms journey

Find Your Middle Ground

"Life is a series of highs and lows. Be grateful for the highs. Be graceful in the lows. Enjoy life fully and find contentment in your Middle Ground" Val Boyko

This Much I Know

Exploring life after raising a family

the creative life in between

cherishing the moments and exploring my passion for creativity... through art, photography, food, and writing

Retirementally Challenged

Navigating through my post-work world

Curious Steph

explorations on the journey of living

The Cedar Journal

The adventures of a cedar canoe

Under a Cornish Sky

inspired by the colours of the land, sea and sky of Cornwall

A Quiet Word

Looking for the Light- Reflections on the Everyday

priorhouse blog

Photos, art - and a little bit of LIT.

valeriedavies

Author of The Sound of Water and other books

dunelight

Life in the dunes along Lake Michigan

Pit's Fritztown News

A German Expat's Life in Fredericksburg/Texas

My Life Lived Full

If you aren't living on the edge, you're taking up too much space

silkannthreades

about the little things in life

Schwedenlichter

Alltäglich(t) Leichtes, Knirpsbuchwelten

POINT BLANK

...come closer

A Teacher's Reflections

Thirty Years of Wonder

Theresa Barker - Lab Notes

sketches in fiction and poetry

WordsVisual

Mostly photographs with some words by this arty scientist...

Tish Farrell

Writer on the Edge

ruthfreter

This WordPress.com site is the bee's knees

pastpastoring

By a Pastor, for Pastors, for church leaders, and for all Christians who love their Church

Friendly Fairy Tales

Fairy Tales and Poetry Celebrating Magic and Nature for Kids of all Ages

photoartstuttgart

Präsentation by wordpress

Candid Chicana

Chicano Culture, Self-Development & More

Frank Solanki

If you want to be a hero well just follow me

A Whistling Caravan

Write not to impress others,but to express yourself and inspire others!!!™

PlantsandBeyond

Plant Based Living and Gardening

Alles mit Links.

Ja, Schnecke, besteig den Fuji, aber langsam, langsam! (Issa)

Zimmerbitch

age is just a (biggish) number) NUMBER

Thinking Ahead

Consequences of thinking ahead and remembering the past.

ELIZABETH ANN JOHNSON-MURPHREE

Confessional Fiction, Free Verse Poetry and Prose, Non-Poetry and Art

witlessdatingafterfifty

Relationships reveal our hearts.

Wondering and Wandering

"How vain it is to sit down to write when you have not stood up to live! Methinks that the moment my legs begin to move my thoughts begin to flow..." --Henry David Thoreau, August 19, 1851

Frau Stich-Schlinge

handGemachtes & allerlei Tüddellütt

birgitdiestarkeblog

What you see is what you get

My Fragmented Narrative

rants and ramblings freshly served

rabbitpatchdiarycom

comfort and joy from my home to yours

mommermom

......one moms journey

Find Your Middle Ground

"Life is a series of highs and lows. Be grateful for the highs. Be graceful in the lows. Enjoy life fully and find contentment in your Middle Ground" Val Boyko

This Much I Know

Exploring life after raising a family

the creative life in between

cherishing the moments and exploring my passion for creativity... through art, photography, food, and writing

Retirementally Challenged

Navigating through my post-work world

Curious Steph

explorations on the journey of living

The Cedar Journal

The adventures of a cedar canoe

Under a Cornish Sky

inspired by the colours of the land, sea and sky of Cornwall

A Quiet Word

Looking for the Light- Reflections on the Everyday

priorhouse blog

Photos, art - and a little bit of LIT.

valeriedavies

Author of The Sound of Water and other books

dunelight

Life in the dunes along Lake Michigan

Pit's Fritztown News

A German Expat's Life in Fredericksburg/Texas

My Life Lived Full

If you aren't living on the edge, you're taking up too much space

silkannthreades

about the little things in life

Schwedenlichter

Alltäglich(t) Leichtes, Knirpsbuchwelten

POINT BLANK

...come closer

A Teacher's Reflections

Thirty Years of Wonder

Theresa Barker - Lab Notes

sketches in fiction and poetry

WordsVisual

Mostly photographs with some words by this arty scientist...

Tish Farrell

Writer on the Edge

ruthfreter

This WordPress.com site is the bee's knees

pastpastoring

By a Pastor, for Pastors, for church leaders, and for all Christians who love their Church

Friendly Fairy Tales

Fairy Tales and Poetry Celebrating Magic and Nature for Kids of all Ages

photoartstuttgart

Präsentation by wordpress

%d bloggers like this: