Panknin-Reifferscheid


Sein letzter Besuch

Beitrag von Norbert Werner

Nach einer Begebenheit „Weihnachtszeit 1942“, gewidmet von Elsbeth Panknin an Paul Werner.

  Gotha, im Jahre 1943

Sternenklar war der Abend, und pfeifend strich der Wind um die Ecken. Hart klang jeder Schritt, und wenn es nicht so bitter kalt gewesen wäre, so hätte man Lust verspürt, stundenlang spazieren zu gehen, den Blick nach oben, um die Millionen von Sternen zu bewundern. Man kann sich an ihnen einfach nicht satt sehen, so wie man immer und immer wieder ein schönes Bild betrachten muss.

Elsbeth Panknin
Elsbeth Panknin

Das Mädchen ging raschen Schrittes und trug unter dem Arm ein kleines Päckchen. Flüchtig war das weisse Papier um die weihnachtliche Hülle gelegt, und der Wind zerrte daran, als ob er damit spielen wollte. Nachher wird sie das Papier zerknüllen und rasch in die Manteltasche schieben, als sei es nie dagewesen. Dann wird nur die hübsche Packung zu sehen sein. Gewiss wird er sich sehr freuen, und überhaupt sprachlos wird er sein, wenn sie ihn so unerwartet am Theater erwartet …

Das Bim-Bim der Trambahn riss die Gedanken des Mädchens auseinander. Nur im Eiltempo erreichte sie noch die Strassenbahn.- Es war noch sehr früh. „Ich werde einige Stationen weiter fahren, gehe dann langsam zurück, damit ich nicht so lange warten muss.“ So dachte das Mädchen und betrachtete die Fahrgäste, nur um etwas zu tun. Sicher wollten einige zum Bahnhof. Wer fährt sonst um diese Zeit in die Stadt? Das junge Mädchen dort hat sicher Nachtwache, und der Herr dort mit den Blumen will noch mit grosser Verspätung einer Einladung Folge leisten. Alles schaut langweilig und trübe. Es ist doch seltsam, dass man in der Strassenbahn immer dieselben gleichgültigen Gesichter sieht. Nur die Soldaten draussen sind lustig. Sie stehen bei der Schaffnerin und werfen Scherzworte hin, und schlagfertig werden sie zurückgegeben.

„Hindenburgstrasse“. „Ach, da steige ich aus, bis zum Bahnhof ist es doch ein wenig weit.“

Draussen umfing sie starre Dunkelheit, und einen Moment musste sie ruhig stehen bleiben, um sich daran zu gewöhnen. Dann schien es ihr wunderbar hell, und mit leichten unruhigen Schritten ging sie ein Stück des Weges wieder zurück. Im Geiste malte sie sich die Überraschung aus, wenn er sie so unerwartet unten in der Theaterhalle sehen würde. Draussen würde er rasch ihren Arm nehmen mit der ihm eigentümlichen Gebärde, und mit sprudelnden Worten wollte sie ihm den Grund sagen, der sie dazu bewogen hat, ihn abzuholen, und nicht wie verabredet zu Hause seinen Abschiedsbesuch abzuwarten. Dabei würden sie mit Bummelschritten heimwärts gehen. Sie würden sich irgendwie unterhalten über das Theater oder sonstwas, es wäre auch ganz belanglos. Auf jeden Fall würde sie sich die vielen Sterne betrachten und an etwas ganz Schönes denken. Er müsste das eben auch tun. So wäre es schön, und sein letzter Urlaubstag mit ihr fände dann einen romantischen Abschluss, wo sie sowieso die ganze Woche keine Zeit gehabt hatte.

Ja, und dann wären sie auf einmal schon zu Hause gewesen. Sie würde fragen, ob er nicht noch auf einen Sprung mit hereinkommen wolle, ihren Eltern Lebewohl zu sagen. Bestimmt würde er dankend ablehnen, es sei schon sehr spät. Vielleicht hätten sie noch eine Weile vor der Tür gestanden, dann hätte sie ihm zum Abschied rasch mit wenigen erklärenden Worten das Päckchen in die Hand gedrückt, und lachend hätte sie ihm dann ihre Hand entzogen, wäre raschen Schrittes ins Haus geeilt.. So malte sich das Mädchen alles aus.

Die Vorhalle im Theater war nur schwach beleuchtet. Einige Leute standen wartend in den Nischen. Sie warten genauso wie ich, dachte das Mädchen und fühlte eine innere Befriedigung dabei, dass sie nicht alleine war. Die Zeit verging sehr langsam. Manchmal kamen neue Leute hinzu. Eine Frau lief mit immer gleichmässigen Schritten auf und ab. Es klang furchtbar monoton. Einige Jünglinge unterhielten sich auffällig, leise dabei lachend. Sicher waren es Tanzstundenjünglinge und warteten hier auf ihre Damen. Jetzt tauschten sie wahrscheinlich Erlebnisse aus und machten sich über diese oder jene lustig. Es ist doch immer das Gleiche. Schon lange ist der Uhrzeiger auf 21 Uhr gewesen. Da sollte das Stück beendet sein. Aber die Logenschliesser machen noch nicht die geringsten Andeutungen. Gähnend stehen sie vielmehr bei den Garderobenfrauen und horchen manchmal gespannt auf das ersehnte Schlusswort. Unten in der Halle geht die Frau noch immer auf und ab, auf und ab. Ach, das Warten macht furchtbar müde. Es wird übrigens gar nicht so einfach sein, nachher die Menschenmassen zu überblicken, wenn sie alle den Ausgängen zuströmen. Man müsste statt zwei Augen vier haben, um gleichzeitig alle Ausgänge überblicken zu können. Das Mädchen dachte darüber nach, wo es wohl am günstigste sei, sich hinzustellen. Entweder gleich oben bei den Garderoben oder unten in der Mitte zwischen den Ausgängen.

Während sie noch hin und her überlegte, wurden oben die Türen geöffnet. Lautes Beifallklatschen ertönte und erreichte auch die Wartenden unten in der Halle. In die starren Gesichter kam Leben. Die Jünglinge hörten auf zu schwatzen, und auch die Frau stand jetzt still. Das Mädchen lief nach oben zu den Garderoben. Nur einzelne Menschen kamen jetzt. Es waren die Ersten, die gleich beim ersten Herablassen des Vorhanges sich von ihren Plätzen erheben und hinausstürzen. Nun kommen schon mehr, man kann sie bald nicht mehr überblicken, es ist der grosse Schwung. Das Mädchen wird unruhig. So geht das nicht, dachte es, ich stelle mich doch besser unten bei den Ausgängen hin.

Lärmend drängen sich die Leute den Ausgängen zu. Auch viel Militär ist darunter. Ob er Uniform oder Zivil trägt, überlegte das Mädchen verzweifelt. Man kann aber auch schier gar nichts erkennen bei der mangelhaften Beleuchtung. Wäre man doch wenigstens etwas grösser, ach es ist schrecklich. Angestrengt springen die Augen von einem zum andern. Alles geht so furchtbar rasch. Nun kommen schon die Letzten, die Bummler, und noch immer nicht hatte sie ihn entdeckt.

Leise schliesst sie die Haustür auf und legt fast mechanisch ihren Mantel und Hut an der Flurgarderobe ab. Der Besuch war nicht gekommen. Na, ist ja auch jetzt gleichgültig. Einfach sagt sie zu der Mutter: „Ich habe ihn nicht getroffen, es waren der Menschen zu viele.“

Verlassen liegt das Weihnachtspäckchen in der Küche. Es vergehen Minuten, eine halbe Stunde, und niemand kommt. Die Standuhr schlägt die volle Stunde aus. Still bei sich denkt das Mädchen: „Er hat doch noch ein Mädel nach Hause begleitet, sonst müsste er schon längst hier sein. Wie konnte ich nur einen Augenblick seine Natur verkennen.“ Laut sagt sie zu der Mutter: „Er wird nicht mehr kommen. Ich werde zu Bett gehen.“ Sie erhob sich, um Gute Nacht zu wünschen. In dem Augenblick klingelt es. Also kam er doch noch.

Freundlich, als hätte sie ihn so nebenbei erwartet, empfing das Mädchen ihn an der Haustür. Er legte trotz seinem Widerstreben an der Garderobe Mantel und Mütze ab. Dann trank man mit den Eltern noch ein Gläschen Wein zusammen, unterhielt sich dabei zwanglos, fragte nach dem Schauspiel, ob es gefallen hätte und bedauerte, dass der Urlaub schon zu Ende sei. Dann verabschiedete man sich, wünschte ein frohes Weihnachtsfest da draussen im Bunker, alles Gute für das neue Jahr, hoffte dabei auf baldigen Frieden und wünschte zum Schluss noch eine gute Reise. Das Mädchen half ihm draussen in den Mantel, probierte lachend seine Mütze auf und drückte ihm zum Abschied das Päckchen in die Hand. Seine Überraschung und Freude waren wirklich echt. „Du schreibst mir aber auch“, waren seine letzten Worte, die schon im Dunkel der Nacht verhallten, und dann klangen auch seine Schritte immer ferner.

Paul Werner
Paul Werner

Und noch stand das Mädchen und versuchte, sich voll Verständnis in die Psyche des jungen Soldaten hineinzudenken.

Nachsatz

Mein Vater war ab 1940 beim Militär. Nach der Rekrutenzeit kam er 1941 zur Feldeinheit nach Frankreich an die Kanalküste und die Normandie. Im Juni 1944 geriet er bei der Invasion in Gefangenschaft. Von Frankreich ging es über England nach Boston/USA. Die Gefangenschaft verbrachte er vorwiegend im „Camp Perry/Ohio“. Die Rückführung nach Frankreich/Le Havre erfolgte 1946. In französischer Gefangenschaft war er bis Dez. 1947. 1948 heiratet er Elsbeth Panknin.

Sein Kriegstagebuch endet mit den Worten:

„Jetzt gilt es, meine ganze Kraft für den Aufbau des zerstörten Vaterlandes einzusetzen!“

Guest Post by Gertrud’s Nephew Norbert Werner

Reifferscheid Family Tree – Chart III – III & IV
A very critical view of the US condensed from letters written in the late 1980’s
Photos  from Walter Panknin’s New York Album 1988

Blog Contribution in German by Norbert Werner

Walter NY 3

Vorwort: In einem früheren Beitrag schrieb ich über meine Erlebnisse anlässlich meiner ersten „Westreise“ mit meinem Onkel Walter nach Kanada. Kurz nach unserer Rückkehr übernahm Walter 1987 in New York die Vertretung seiner Firma für die USA und lebte hier längere Zeit. In dieser Zeit entwickelte sich ein intensiver Schriftverkehr. Ich hatte den Eindruck, dass er seine Erlebnisse, Gedanken, Gefühle … jemanden mitteilen wollte. Dazu kam in den Jahren 88/89 die Zeit des Umbruchs in der DDR mit vielen neuen Erfahrungen für uns. Auch ich suchte jemanden, den ich mal fragen konnte über so viele (heute) alltägliche Dinge. Diesen Schriftverkehr habe ich über die Jahre aufbewahrt, aber leider nur die Briefe von Walter an uns (und vielleicht auch an Biene, …). Ich möchte aus diesen einige Passagen zitieren, die ich für bemerkenswert halte. Einiges erscheint aus heutiger Sicht vielleicht merkwürdig, aber sie wurden vor fast 30 Jahren geschrieben und spiegeln die Ereignisse dieser Zeit wieder.

Walter NY 1

  1. Dezember 1987 – 22 Uhr

Mein lieber N.,

– der lange Brief an Euch ist geschrieben

– meine Vorbereitungen für das morgige meeting habe ich abgeschlossen,

– und nun dachte ich, sei es Zeit, Euch zu verraten, warum ich Euch so oft schreibe.

Der Grund ist einfach und nur demjenigen verständlich, der je in den USA gelebt hat.

Als ich am 27. September hier ankam dachte ich mir, es sei vielleicht interessant, ein Tagebuch zu führen. Also kaufte ich mir am 1. Tag bei Woolworth ein Tagebuch. Ich füllte die ersten 5 Seiten aus und dann stellte ich fest – wenn ich umblättere-, dann lösen sich die vorhergehenden Seiten auf. Die Qualität des Heftes war einfach zu schlecht.

Danach habe ich versucht, auf der

   * weltberühmten 5th avenue,

    * dem welt- welt- berühmten Broadway,

   * dem super, super, super technical buisiness supply service ein kleines Heft zu finden,

welches ordentlich gebunden- nicht nur geklebt ist, welches einfach weiße Seiten hat- vielleicht einen hübschen Umschlag-, welches sich nicht von alleine auflöst, wenn man mehr als 6 Seiten umblättert.- Ich habe es bisher nicht gefunden.

Es sollte ein Tagebuch werden, doch es kam nie zustande. Es wurden nur lose Blätter an Euch – die Briefe.

Walter NY 2

  1. Februar 1988

Meine lieben Grimmaer,

obwohl ich gar nicht sicher bin, ob ich meinen letzten Brief an Euch bereits abgeschickt habe, möchte ich doch noch schnell ein paar Zeilen an den „ruhenden Pol“ schreiben.

Nun gut, letzten Dienstag war ich nach Washington geflogen … Danach 3 aufreibende Tage in der Firma. Sie waren deprimierend.

Leute, die 10,20,30 Jahre tätig waren, werden von einer Woche zur nächsten entlassen, sie stehen praktisch auf der Straße,- wenn sie nicht selbst vorgesorgt haben. Es erschüttert mich sehr, dies mit anzusehen. Mit jedem Tag wird man ein Jahr älter…

Morgen werde ich nach Portland fliegen. P. ist nicht New York. P. verhält sich zu N.Y. wie Grimma zu Moskau. Die Leute dort sind anders, die Einstellung, die Atmosphäre. Ich mag die Leute sehr gerne und ich hoffe, sie im Vertrauen auf die St.-Technik bestärken zu können.

Manchmal habe ich das Gefühl, als wenn ich hier wie in „Trance“ lebe. Und ich habe das Gefühl, das es den anderen ebenso geht, es kann nicht anders sein, denn die täglichen, stündlichen, minütlichen Änderungen versetzten einen in Hypnose.

        * Sicher nicht jeden, wenn sein Tagesablauf geregelt ist,

     * Sicher aber so manchen, der wie ich den ständigen Wechseln ausgesetzt ist.

Und das Erstaunliche ist – ich habe es beim letzten Aufenthalt in Gummersbach gemerkt-, man beginnt sich daran zu gewöhnen, man beginnt es vielleicht zu lieben, obwohl man es beinahe „hasst“.

Was ich so schreibe, klingt wie in einem Kitschroman: Die große „Hassliebe“ auf N.Y., doch irgendwie spiegelt es zumindest die augenblickliche Wahrheit wieder.

Eigentlich wollte ich ein weiteres Kapitel über die Kontraste in N.Y. schreiben. Davon gibt es so viele- und sie berühren einen so stark.

Stattdessen lasst mich kurz erzählen, was ich vorgestern gekauft habe für 179 $. Es ist ein Telefon mit allen Schikanen.

      * 10 Nummern kann ich speichern und auf Klopfdruck auswählen,

     * Ich kann einen Anrufbeantworter einschalten, der alles aufnimmt, was während meiner Abwesenheit ankommt,

     * Ich kann beliebige Nachrichten hinterlassen,

     * Ich kann auf eine andere Leitung, z.B. Büro umschalten,

     * Ich kann auf Tastendruck eine belegte Nummer neu anwählen,

    * Zusätzlich kann ich all dies von einem externen Telefon aus erledigen, also

     * hören, was jemand hier ausgerichtet hat,

     * ändern, was ich per Band sagen will etc.

Ein Wunderwerk der Technik, aber zugleich eine Selbstverständlichkeit für alle, die hier leben, ein Kontrast in N.Y. Innerhalb von zwei Minuten habe ich den Flug für morgen reserviert, bestellt, bezahlt- per Telefon. Ein Sprung ins Nachbargebäude, und ich habe mein Ticket. Doch es dauerte 2 ½ Wochen, bis ich 4 Pakete mit Büchern durch den Zoll bekommen habe. Ich musste 5 Formulare (fünf!) ausfüllen, eine Spedition einschalten (162 $) und xxx Anrufe tätigen. Formalismus wie in …

Walter NY4051

Great Neck, 5. Mai 1988, 20.15 Uhr

Obwohl das Telefonnetz in den USA wahrscheinlich das beste der Welt ist, so leidet es doch an einigen Besonderheiten…Man kann innerhalb einer Stunde

     * 5x im Sekretariat anrufen und

     * 5x wird man nach dem Namen gefragt,

     * 5x wird man nach der Firma gefragt,

     * 5x wird man gebeten, die Telefonnummer anzugeben.

Die Frage ist: Warum? Nun, sie ist einfach zu beantworten. In den sogenannten Sekretariaten sitzen Mädchen, die wahrscheinlich nur die vorigen drei Fragen stellen können, mehr haben sie nie gelernt. Es sind schlecht bezahlte Stellen, meist werden sie von Schwarzen besetzt. Ja, das ist N.Y., das ist USA. Die Mädchen im Sekretariat sind komplett überfordert, wenn man ihnen eine Frage stellt, die mehr als 5 Worte umfasst. Wenn man auf die Frage „Dürfen wir zurückrufen?“ mit NEIN antwortet, so bricht für sie eine Welt zusammen, sie wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Also lässt man es besser und wartet auf einen Rückruf…

Als ich vor 2-3 Jahren mit einem China-Projekt befasst war, nahm ich an einem Seminar teil, in dem uns ein wenig die chinesische Philosophie, Haltung, Verhandlungsweise nahegebracht wurde. Jedem schien es selbstverständlich, dass ein solches mehrtägiges Seminar sinnvoll war. Nie würde jedoch jemand auf die Idee kommen, ein solches Seminar für Kontakte in den USA zu veranstalten. Meiner Meinung nach sind die Unterschiede zwischen den USA und Europa wesentlich größer als vielleicht zwischen China und Europa. Die große Gefahr lieg darin, dass man die Unterschiede nicht sofort bemerkt und – sobald man die andere Philosophie kennengelernt hat-, man sich zu schnell daran gewöhnt, und vielleicht akzeptiert.

Es muss einmal gesagt werden, doch es ist wahr: Die USA sind bezüglich Rassenfragen und Nationalismus mit Sicherheit schärfer, drastischer (oft unterschwellig) eingestellt, als es vielleicht je in Deutschland der Fall war. Hier sind es nicht die Juden, die diskriminiert werden. Die Juden –gerade in N.Y.- haben eine Vormachtstellung. Nein, es sind die, – wie man es vornehm umschreibt-, die Minorities, die Minderheiten…

N.Y. wird in der Werbung allgemein „The big Apple“ genannt, von dem jeder ein Stück abbeißen möchte. Man kommt nach N.Y., um „to make money“, nicht, um Geld zu verdienen nein Geld zu machen! Dies ist ein wichtiger Unterschied. Man versucht „Geld zu machen“, nicht durch eigenes Schaffen, Intelligenz, Wissen, sondern durch Ausnutzung der anderen, der Unwissenheit, der Unsicherheit, der Schwierigkeiten anderer, anderer einzelner Personen, Firmen, Konzerne. Man macht 10 $ Gewinn, indem man einen ahnungslosen Taxigast übers Ohr haut …Jemanden, z.B. eine Firma, halbwegs legal um 10.000.000 $ betrogen zu haben, ist eine stolze Leistung! Man lässt sich öffentlich dafür feiern und beglückwünschen.

Es ist eine andere Mentalität, doch es gibt – gottseidank- auch noch andere Amerikaner.

Mit Sicherheit ist das wieder nur eine der vielen, vielen Facetten, die der große Kristall N.Y. hat. Diesmal habe ich einen Blick auf die dunklen Stellen dieses glitzernden Steins geworfen. Aber es gibt auch die schönen Seiten, die guten Stellen, nur, diese nimmt man vielleicht eher selbstverständlich zur Kenntnis, freut sich darüber und vergisst, darüber zu berichten.

Walter NY4052

Great Neck, 19. Mai 1988

Meine Lieben,

Vergangenes Wochenende lernte ich einen Piloten kennen, der über 20 Jahre lang eine große Passagiermaschine geflogen hat, die Boing 727. Er hat ein schönes großes Haus, eine toll eingerichtete Werkstatt und mit Stolz führte er mir seine letzte Errungenschaft vor: Ein elektronisches Wörterbuch. Wenn man nicht genau weiß wie ein Wort geschrieben wird, dann tippt man einen ersten Versuch in das Gerät und erhält dann die korrekte Schreibweise auf Knopfdruck dargestellt. „Walter,“ sagte er, „dies ist eine tolle Errungenschaft, jetzt kann ich endlich wieder Briefe schreiben.“ Der 52jährige Mann hatte einen Hochschulabschluss in Physik, war Pilot und gleichzeitig halber Analphabet.

Als ich bei meinem letzten Aufenthalt in Long Beach mit einem 18jährigen Schüler ins Gespräch kam und sagte, dass ich aus Deutschland sei, antwortete er: „Ach ja, Deutschland ist doch ein Teil von Russland.“

Vor einigen Wochen forderte ich den „Business director“ unserer Firma auf, ein kurzes Protokoll zu schreiben. As er es mir vorlegte waren in der ½ Schreibmaschinenseite ca. 30 Schreibfehler. Der Mann hatte seit Jahren sein erstes Protokoll zu Papier gebracht.

Als ich heute im Supermarkt war, kaufte vor mir ein Mann 2 Artikel à 1,95 $. Er beschwerte sich, als er statt 2×1,95 $ insgesamt 6,45 $ zahlen sollte. Das Mädchen an der Kasse brauchte ca. 15 Minuten, bis es ihr nach 4 oder 5 Versuchen gelang, die zwei Zahlen handschriftlich richtig zu addieren (Die Maschine war leider blockiert.).

Was ich an diesen vier Beispielen nur andeuten konnte, verursacht so manchem Europäer den sogenannten „Kulturschock“. Die Beispiele sind nicht an den Haren herbeigezogen, sie ließen sich beliebig erweitern. Allgemein darf man feststellen: Die allgemeine Schulbildung in den USA ist auf einem derart niedrigen Niveau angelangt, dass es einen erschauern lässt. Es ist deprimierend und erschütternd zu sehen auf welches geistige Niveau die USA abgesackt sind.

Vorwort: Der erste Teil dieses Beitrages beschäftigte sich mit den Menschen und der Lebensweise in den USA. In diesem Betrag fasse ich die Eindrücke über das „Konsumverhalten“ der Amerikaner zusammen. Kommt uns das heute nicht sehr bekannt vor?

Walter NY4054

Great Neck, 4.April 1988

Laut Arbeitsvertrag habe ich Anrecht auf einen Firmenwagen. Doch, wie ihr sicher verstehen werdet, hatte ich bisher kaum Zeit, mich um dessen Anschaffung zu kümmern. Zu oft war ich unterwegs, und auch mit der neuen Wohnung gab es ja genug – und gibt es immer noch- zu tun.

Nun, nach einigem Hin und Her habe ich schließlich ab 30. März zunächst mal einen Wagen gemietet und siehe da, mit einem mobilen Untersatz eröffnen sich völlig neue Welten…

Endlich habe ich auch die Supermarkets entdeckt, die ich aus Kanada kannte und bisher vermisst hatte. Natürlich sind sie noch ein wenig größer als in Toronto oder Nakusp, doch das macht das Einkaufen nicht immer einfacher.

Nun muss ich ein 95m langes Brotregal abklappern um letztendlich festzustellen, dass zwischen den 138 verschiedenen Brotsorten nur wenige Unterschiede sind. Alle sind gleich labbrig und schwammig. Danach gehe ich das 95m lange Regal zurück, um zwischen 328 Sorten Haarwaschmittel auszusuchen, dann wieder 95m in die andere Richtung, um zwischen 38 verschiedenen Sorten Tomatensaft zu wählen. Es sind nur 38 Sorten, aber sie nehmen jeweils soviel Platz ein. Auf dem Rückweg durch Reihe 4 find ich die tollen Angebote über Toilettenpapier-jede Farbnuance, die gewünscht ist-, Reihe 5 bringt dann Dosensuppen, Reihe 6 bringt Gemüse in Dosen, Reihe 7 –immer noch 95m lang- gestattet die Wahl zwischen 42 Sorten Cornflakes, Reihe 8- schon etwas müde auf den Füßen entlanggelaufen- hat nur Katzennahrung … Na ja, so klappert man also seinen Supermarket ab. Man kauft nicht einfach „Klopapier“, nein, man kauft einen „value“, einen „Wert“. Und was für einen „value“! das Klopapier ist um 9 cent die Rolle herabgesenkt- welch ein Geschäft! Es ist ein „bargain“-, ein Geschäft was ich mache, wenn ich nun sofort 10 Rollen, nein 100 Rollen, am besten 1000 Rollen kaufe. Dann habe ich ja 1000×9 cent gespart. Es ist unglaublich und ihr werdet es mir auch kaum abnehmen

Aber diese Neuigkeit, das diese besondere Sorte Klopapier ab gestern 9 cent billiger ist als bisher, wird vielleicht sogar im Fernsehen angekündigt als sei ein Goldschatz plötzlich umsonst zu vergeben.

Der Witz der Werbung liegt übrigens darin:

     * Das Klopapier ist 9 cent billiger

     * Für das Auto zahlt man 500 $ weniger

     * Für das Radio zahlt man 100 $ weniger.

Nie wird gesagt, wieviel die Sachen vorher gekostet haben und jetzt kosten. Dazu muss man anrufen oder eben ins Geschäft kommen.

Heute war ich in einem Möbelgeschäft, das letzte Woche eine ganzseitige Anzeige in einer der größten Zeitungen hier hatte- der „New York Times“. Angepriesen wurde ein sehr hübsches Regal. Doch wenn ihr nun denkt, dieses Regal sei zu kaufen gewesen, dann habt ihr euch geschnitten. Es war nicht zu besichtigen, nicht auf Lager, – erst ab Mai erhältlich.
Warum also die horrend teure Werbung? Ganz einfach, um Kunden ins Geschäft zu locken und ihnen etwas anderes anzudrehen.

Möbelkauf ist übrigens in N.Y.- wahrscheinlich in den ganzen USA- ein sehr schwieriges Geschäft für Europäer. Es gibt 3 Sorten Möbel.

Die erste Sorte ist die Billigsorte: Tisch, Stühle, Regale, alles für 49,99 $. Die Qualität ist entsprechend. Nachdem man 2x auf dem Stuhl saß, bricht er zusammen, das Regal ist stabil genug, gerade sich selbst zu tragen- wehe, wenn man 2 Bücher reinstellt.

Möbel Sorte 2: Das ist Rokoko und Barock auf amerikanisch. Imitierte Eiche, viele Schnörkel viel blinkendes Messing, Preis relativ hoch. Dafür klemmen die Schubladen, hängen die Türen schief in den Scharnieren. Für den US-Geschmack nett anzusehen, aber nur aus 20m Entfernung. Es ist ein Teil des Showgeschäfts: Große Fassade- nichts dahinter.

Möbel Sorte 3, das sind die Importe aus Europa, doch leider die miesen Qualitäten. Denn man will ja gleichzeitig die Käuferschicht der Klasse 1 ansprechen, also 49,99 $, diesmal kosten die Regale 499,95 $, doch ist die Qualität in keiner Weise angemessen. Es ist wirklich ein Jammer, ich war heute in 5 Geschäften und danach so tief enttäuscht.

Walter NY4055

N.Y., 2. Mai 1988

Wie ich schrieb, habe ich das Auto von der Gesellschaft AVIS gemietet. Als ich letztes Wochenende mit Rob durch die Gegend fuhr, sagte ich: „Ach, die Size in diesem Auto sind wirklich unbequem Eigentlich müsste ich es umtauschen.“ Da wir gerade zufällig in der Nähe einer AVIS-Station waren, hielt ich dort an und sagte, dass mir die Sitze zu unbequem sind.

„O.K. Sir, welchen Wagen möchten Sie?“ Ich ging zum Parkplatz, probierte ein paar Autos aus und entschied mich dann für einen Toyota. Innerhalb von ca. 6 Minuten hatte ich einen neuen Vertrag, die Sachen umgeladen und ab ging es in dem neuen Gefährt. Dieser Wagen ist viel bequemer. Er hat elektrisch verstellbare Fenster, Klimaanlage, Radio und Kassettenrecorder usw.

Doch warum erwähne ich das? Was mich immer wieder verblüfft, ist die Schnelligkeit, mit der man so manche Dinge erledigen kann, während andere Sachen oft sehr langsam und umständlich gehandhabt werden.

Rob und ich sind dann zu einem Einkaufszentrum gefahren, wo ich mir noch einen kleinen Fernseher für meinen Computer gekauft habe. Natürlich habe ich wieder etwas gehandelt- und siehe da, ich bekam das Gerät für 298 $ statt für 329 $. Es ist ein Farbfernseher von Sony, mit Fernbedienung, im Prinzip sehr preiswert. Dabei gibt es andere Marken sogar schon für ca. 200 $, doch ist die Qualität nicht so gut.

Walter NY4056

Great Neck, 19. Mai 1988

Wenn man allein, vielleicht sogar nachts, in einer großen leeren Halle ist, so wird man durch das kleinste Geräusch aufgeschreckt und aufmerksam. Wenn man aber in einem tobenden Fußballstadion ist und seinem Nachbarn etwas sagen will, so muss man brüllen, um sich verständlich zu machen.

N.Y. ist wie ein tobendes Fußballstadion. Dementsprechend noch lautstarker, marktschreierischer, greller und überzogener ist die Werbung, um auf ihre Produkte aufmerksam zu machen. Man kann sich der Werbung nicht entziehen. Im Radio, Fernsehen, in Zeitschriften, auf Plakaten hämmert sie auf die Menschen ein. Sie ist nicht elegant, witzig, unterschwellig informativ oder anregend, sondern ganz einfach brutal. Die 4 wichtigsten Worte werden aneinandergereiht und jedem eingehämmert: MORE VALUE for YOUR DOLLARS. Dieser Slogan muss von einem Computer ausgedacht sein:

„Mehr“: jeder will mehr haben, alle streben nach mehr, nach viel mehr, nach Geld, Reichtum, Einfluss, Macht.

„Wert“: Es wird kein Produkt angesprochen, sondern der besondere Wert. Der besondere Wert einer Cornflakes Sorte, der besondere Wert eines Reinigungsmittels, der besondere Wert der neuen Coca Cola.

„Deine Dollars“: Die will man haben, die sollen ausgegeben werden, dafür bekommt man „Wert“. Die Dollars sollen locker gemacht werden im wahrsten Sinn des Wortes.

Nirgendwo kann man so viele Leute beobachten, die offen auf der Straße ihre Dollars zählen wie in N.Y. Dicke Geldscheinbündel werden an den Straßenecken durchgezählt. Oft ist es gar nicht soviel Geld, denn es gibt ja den 1 $-Schein-, aber man berauscht sich am Anblick des dicken Geldbündels.

Die Sprache und Lautstärke, mit der die Werbung verkündet wird, ist tatsächlich ausnahmslos so laut, als wolle man von einer Seite des Stadions auf der gegenüberliegenden Seite jemanden überzeugen.

Walter NY4057

Great Neck, 30. Juni 1988

Heute Abend, es geht auf 22:30 Uhr zu, habe ich wieder den Fehler begangen, etwas den Fernseher einzuschalten. Doch während ich mich über das Programm ärgerte, habe ich nochmal über das TV-Programm im allgemeinen nachgedacht.

Ich glaube, die große Enttäuschung, die Europäer -insbesondere Deutsche- beim US-Fernsehen empfinden, beruht auf eine Art Missverständnis, geboren aus einer Gewohnheit. Ich möchte einen Vergleich wagen:

Wenn man ein ledergebundenes Buch aufschlägt, 228 Seiten dick, hervorragend im Druck, so erwartet man selbstverständlich, dass etwas Lesenswertes gedruckt ist. Es kann ein Roman sein, ein Sachbuch, ein Gedichtband, eine Reisebeschreibung. Vielleicht stimmt man nicht völlig dem Geschriebenen zu, vielleicht entspricht es nicht dem eigenen Geschmack, doch zumindest erwartet man etwas Diskussionswürdiges. Andere mögen das Buch hervorragend finden.

Doch was ist ein Buch? Ein Buch steht aus Seiten, auf die man drucken kann, was man will, im Prinzip. Ich glaube, wir alle wären ziemlich erstaunt, wenn wir dies ledergebundene Buch aufschlagen würden und entdeckten nur Banalitäten, Geschmiere, Gossensprache, Mist. Doch prinzipiell kann dies keiner untersagen. Warum nicht Mist auf Hochglanz drucken? Der zunächst ahnungslose Leser muss sich einfach damit vertraut machen, dass sich nicht hinter jedem wertvollen Einband auch etwas Lesenswertes verbirgt.

So ist es auch mit dem Fernsehen in den USA. Es ist einfach ein Mittel, bewegte Bilder ins Haus zu bringen. Ob diese Bildbeiträge entsprechend sind, interessant, langweilig, aufreizend, einschläfernd oder anekelnd, das entscheidet die Fernsehstation. Indem man einen Sender einschaltet bezahlt man dafür, in das Buch schauen zu dürfen. Der Preis dafür ist die Werbung zwischen der Sendung, die man mit ansehen muss. Die Qualität der Sendung orientiert sich am primitivsten Zuschauer, nämlich demjenigen, der noch gut empfänglich für die Werbung ist. Dem darf man dann auch nicht zu viel zumuten. Also bitte keine Beiträge aus Europa, meist weiß man hier doch nicht so genau, wo das liegt. Irgendwo zwischen China, Russland und Australien.

Walter K. Panknin – Wie ich 1989/90 in den USA erlebt habe

(Wie ich die USA sehe – Teil III)

Zusammengestellt von Norbert Werner

Vorwort: Ende 1989 begannen unruhige Zeiten in der DDR. Die Menschen gingen auf die Straße und demonstrierten für einen „besseren Sozialismus“. Mit dem Anschluss an die Bundesrepublik und der Wiedervereinigung im Oktober 1990 kamen viele neue Sorgen und Probleme auf uns bisher recht unmündige Bürger zu. Ich suchte mir in Walter einen Gesprächspartner, der mir manches erklären und vielleicht auch einen Rat geben sollte.

Arlington, 30.9.1989

Ja, meine Lieben, auch ich habe in der Presse verfolgt, was in Deutschland so vor sich geht. Mehr als einmal habe ich an Euch alle gedacht und mich in Eure Situation versetzt… Ich bin ziemlich sicher, dass sich der in der UdSSR begonnene Prozess der Liberalisierung nicht mehr aufhalten lässt und über kurz oder lang auch in der DDR fortsetzen wird. Ein einzelnes Land, so groß oder klein wie die DDR, kann nicht auf Dauer in so verkrusteten Strukturen bestehen, vor allem nicht, wenn ja praktisch alle Nachbarländer, alle Verbündeten, alle Vorbilder von früher einen neuen Kurs einschlagen. Die Menschen sind einfach mündiger geworden. Zu lange hat man ihnen einzureden versucht, dass schwarz=rot ist, das ein Kreis viereckig ist. Lange, allzu lange haben sich die Menschen damit abgefunden, haben sich ihren eigenen Teil gedacht. Doch irgendwann kommt einfach mal der Punkt, wo man offen sagen dürfen will: Schwarz ist schwarz und rot ist rot, und ein Kreis ist rund. Es ist im Grunde die in jedem Menschen verbleibende „Würde“, die sich nicht total unterdrücken lässt. Es ist die Würde und das eigene Streben, ausreichend selbst bestimmen zu können was man tut, wohin man sich entwickelt, was man wird. Ich bin absolut sicher, dass in kurzer Zeit, in wenigen Monaten, maximal 1-2 Jahre, auch in der DDR ein Umdenken und ein drastischer Wandel stattfinden wird. Ich hoffe nur, dass dieser Wandel einigermaßen geordnet, ohne dramatische Vorgänge erfolgen wird. Wie es gehen kann hat man in Russland, Polen, Ungarn gesehen.

Leipzig,Montagsdemonstration - Photo Credit: wikipedia.org
Leipzig,Montagsdemonstration – Photo Credit: wikipedia.org

Arlington, 23.10.1989

Leber N., liebe Ch., ich war in den letzten Jahren vielleicht nicht so oft bei Euch, aber doch oft genug, um mir ein sehr plastisches Bild von dem machen zu können was Euch in diesen Wochen und Monaten berührt. Auch hat uns unser reger Schriftwechsel im letzten Jahr noch näher zueinander gebracht, als wir ohnehin schon waren. Man braucht nur die Anzahl der Flüchtlinge der letzten Monate durch die Bevölkerungszahl zu dividieren um sofort zu sehen, dass fast ein jeder ganz persönlich betroffen ist. Plötzlich fehlt ein Freund, ein Kollege, ein Bekannter. Auch kann ich Deine Wut und Enttäuschung verstehen, dass gerade diejenigen geflohen sind, denen es noch am besten ging. Mit Deiner trotzdem so besonnenen Haltung scheinst Du gottseidank nicht allein dazustehen. Wie ich in der Zeitung gelesen habe, muss vor allem der große Protestumzug in Leipzig sehr verhalten und besonnen gewesen sein.

Berlin Demonstration - Photo Credit: wikipedia.org
Berlin Demonstration – Photo Credit: wikipedia.org

Arlington, 9.11.1989

Meine Lieben,

mein Brief von gestern ist noch nicht abgeschickt und die Ereignisse haben sich überschlagen. Heute ist die Mauer gefallen. Mir fehlen die Worte, um Euch meine Empfindungen und Gefühle zu schildern. Was soll ich in diesen Stunden denken und schreiben, die in die Geschichte Deutschlands eingehen und die uns persönlich alle so tiefgreifend beeinflussen werden. Ich wünsche Euch Kraft, Besonnenheit und einen klaren Kopf, um in dieser Zeit weiterhin das richtige zu tun. Ich bin bei Euch allen in meinen Gedanken und bleibe Euer Walter.

Fall der Mauer - Photo Credit: wikipedia.org
Fall der Mauer – Photo Credit: wikipedia.org

Arlington, 18.12.1989

Meine Lieben, der Versuch, die Ereignisse der letzten Wochen zu beschreiben und zu charakterisieren führt mich hinweg von Eurem und meinem Alltag. Doch eines Tages werden eure Kinder sagen können: „Ich habe es erlebt- ich war dabei!“ Ich hoffe und wünsche, dass die Ereignisse in der DDR sich niemals wieder umkehren werden. Ich weiß, das der Westen sicherlich nicht Sinnbild alles Guten ist, doch ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass Ihr alle einen Schritt in die richtige Richtung tut. Es wird Euch alle fordern,- es wird nicht leicht sein,- doch was war leicht in der Vergangenheit? Es wird Euch helfen auf lange Sicht. Und wenn ich sage „lange Sicht“, so meine ich die nächsten 5-10 Jahre.

Arlington, 9.10.1990

Aus der Ferne, doch in Gedanken war ich voll dabei, habe ich die Vereinigung unserer beiden Staaten erlebt und mitverfolgt. Zwei Staaten, wie sie sich gegensätzlicher kaum vorstellen lassen, die aber trotzdem zusammengehören Dies ist, jeder weiß und spürt und erlebt es, kein leichter Prozess. Für beide Seiten. Ich habe vor Kurzem an die Zeit nach 1945 gedacht, als meine Eltern im Alter von 53 bzw. 56 Jahren mit zwei 10jährigen Kindern und zwei Koffern ein neues Leben begannen. Ich glaube, wir haben ca. 4 oder 5 Jahre in einer Einzimmer-„Wohnung“ gelebt, ehe wir die erste Wohnung bekamen. 1961- im Jahr des Mauerbaues- machten wir unsere allererste Urlaubsreise nach Italien an den Gardasee.

Über Familienforschung

von Norbert Werner (Chart IV – IV)

Mit Interesse habe ich den Beitrag von Peter gelesen, in dem er über das „Fieber“ schreibt, was einen befallen kann, wenn man einen Koffer mit Erinnerungen öffnet. Mir ist es vor vielen Jahren ähnlich ergangen. Meine Tante Ursel hütete den Nachlass ihrer Eltern und es war immer etwas schwierig, sich etwas aus dem großen eichenen Bücherschrank auszuleihen. Ich wusste, das dort ein dickes Buch mit dem Titel „Familiengeschichte“ stand. Es umfasste etwa 500 Seiten, natürlich von meinem Großvater (Werner) handgeschrieben und fachmännisch eingebunden (sein Vater hatte Buchdrucker gelernt). Daneben gab es weitere kleinere Bücher, Kisten usw.

Dazu gehörte u.a. auch ein Kriegstagebuch des 1. Weltkrieges, wo mein Großvater „seine Kriegsschauplätze“ bis ins Detail beschreibt, hinterlegt mit umfangreichem Kartenmaterial.

Ich begann mich dafür zu interessieren, borgte es mir aus und las mit Interesse. Es war die Geschichte der 4 Familien meiner Großeltern Werner (also von Oma Werner die Familien Sieland und Oberthür und von Opa Werner die Familien Werner und Barb). Jedes Familien­mit­glied hatte eine Nummer nach einem bekannten genealogischen System, die wichtig­sten Daten waren verzeichnet, vorhan­dene Bilder sowie Abschriften von Geburts-, Heirats- und Sterbe­urkun­den beigefügt und als Übersicht ein Stammbaum erstellt. Er hatte sich die Mühe gemacht, die Kirchen- und Standesämter in den Gemein­den Thüringens aufzusuchen, woher die Familien stammten und wo auch heute noch Familien dieses Namens wohnen (Man bedenke, dass es natürlich kein Internet oder Kopierer gab, er fuhr mit Bus und Bahn und machte handschrift­liche Abschriften der gefundenen Dokumente). Es war sein Hobby, sicher aber auch inspiriert durch die Forderungen der Nationalsozialisten im Dritten Reich nach Nachweis seiner arischen Abstammung.

Meine Tante erzählte mir viel über die Familie; es war ihr immer wichtig, Kontakte in alle Richtungen zu halten. Davon zeugt u.a. dass sie zu Feiertagen (Weihnachten, Ostern, Hochzeiten …) eine Unmenge an Glückwunschkarten schrieb und demzufolge auch viele erhielt (Ich habe sie später im Nachlass wiedergefunden). Sie vervollstän­digte die Familienchronik nach bestem Wissen, ergänzte Fotos usw.

Mein Großvater hatte sich die Mühe gemacht, insbesondere zu seiner eigenen Familie detailierte Aufzeichnungen im Sinne eines Tagebuchs zu machen. So finden sich z.B. Aufstellungen zu den Familienausflügen mit Datum und Uhrzeit, Abschriften der Zeugnisse der Kinder, ein Haushaltsbuch mit Ein- und Ausgaben und bei Geburten und Sterbefällen eine Aufstellung der eingegangenen Grußkarten und eventueller Geld- und Blumenspenden. Weiterhin beschreibt er sehr genau die (leider vorhan­denen) Feindseligkeiten in der Familie bis hin zu Erbschaftsstreitigkeiten (Die Fam. Sieland war in Gotha eine angesehene Kaufmannsfamilie).

Nach einigen Jahren fand ich im Nachlass der Großeltern meiner Frau den berühmten Koffer mit unzähligen Fotos und Dokumenten. Ich begann zu recherchieren, zu sor­tieren und nachzuforschen. Es gab noch einige Ältere, die mir über Familienver­hält­­nisse Auskunft geben und Zusammenhänge erklären konnten. Mit meinem ersten Computer füllte ich ein Ahnenforschungsprogramm mit allen greifbaren Informa­tionen, Fakten und Bildern. Dazu kam der glückliche Umstand, das es noch mehr Leute gab, die sich für diese Familien im weitesten Sinne interessierten und ähnliche Forschungen anstellten. Später kam mir das Internet zur Hilfe und ich hatte Kontakt mit vielen Gleichgesinnten.

Aber schon bald erkannte ich meine Grenzen.

Wie schon erwähnt, hatte mein Großvater die 4 Familien seiner Eltern als Basis genommen. Es war also seine Familiengeschichte. Das wollte ich auch weiterführen, es war ja ein guter Grundstock. Aber inzwischen sind Generationen vergangen, dieser Teil ist heute nur ein Bruchteil meiner Familiengeschichte (und der meiner Frau), noch weniger der meiner Kinder und Enkel. Für wen mache ich das, wo ist die Basis?

Diese Frage beschäftigt mich seit langem und ist der Grund dafür, das ich noch kein „geschlossenes Gesamtwerk“ vollbracht habe. Ich sammle eifrig alle erreichbaren Informationen, lege sie in Ordnern ab und versuche, den Kontakt in alle Richtungen zu halten. Meine Datenbank enthält mittlerweile ca. 2000 Namen von Personen, die in irgendeiner Weise mit der „Großfamilie“ im Zusammenhang stehen. Dabei reichen die Informationen teilweise bis in die Zeit nach der Reformation, die Familiennamen tauchen in der Geschichte an vielen Stellen auf. Wenn es auch sicher nicht immer „mein Zweig“ ist, gibt es doch irgendwie eine Verbindung zur Familie.

Ich will aber noch einen anderen Aspekt beleuchten. Bei allem berechtigtem Interesse an der Dokumentation der Familiengeschichte und dem Schicksal der Menschen, die dahinterstehen, muss man sehr behutsam mit diesen Informationen umgehen und auch abschätzen, was für die „breite Öffentlichkeit“ bestimmt ist und was man besser für sich behalten sollte. So musste ein naher Verwandter, der sich noch viel intensiver als ich mit der Materie beschäftigt hatte, bittere Erfahrungen machen. Zur Informationsgewinnung hatte er an alle noch lebenden Familienmit­glieder Fragebogen verschickt mit der Bitte um Bilder und Informationen. Weiterhin hat er seinen Kenntnisstand im Netz öffentlich gemacht. Dort las dann Frau X, das ihr Vater an der Krankheit Y verstorben war. Das ging ihr zu weit und sie drohte mit dem Staatsanwalt, wenn das weiter verbreitet würde.

Das nur als Beispiel dafür, das es durchaus auch sensible Daten und Zusammenhänge gibt, die nicht ins Netz gehören.

Die Beschäftigung mit der Familiengeschichte wirft aber oft auch Fragen auf, wo man lange nach einer befriedigenden Antwort sucht. Aber das ist ein extra Kapitel.

Ich wünsche mir, das eines meiner Enkelkinder sich für die Historie interessiert, sie weiterführt und somit die Fakten für die Nachwelt erhält. Ich hätte es mir von meinen Vorfahren gewünscht, mein Großvater war die Ausnahme.

A Newspaper Report on the WW I Journals of their Grandfather Friedrich Werner

Source Credit: Thüringische Landeszeitung (TLZ.DE); Photo: Foto: Conny Möller

Norbert_Christian
Christian (links) und Norbert Werner bewahren die Tagebücher ihres Großvaters Friedrich Werner, die er während des Ersten Weltkrieges geschrieben hat.

Er war ein großer Mann, respekteinflößend, aber dennoch liebevoll und sehr geschichtsinteressiert. So beschreibt Christian Werner seinen Großvater Friedrich Werner. Der 62-jährige gebürtige Gothaer und sein Bruder Norbert Werner halten die Erinnerungen an ihren Großvater wach, der akribisch Aufzeichnungen zur Familiengeschichte, der Geschichte der Stadt Gotha und der Region, aber auch über seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg angefertigt hat. Die Aufzeichnungen über seine Kriegserlebnisse, die er mit zahlreichen Postkarten, Fotos und eigenen Zeichnungen illustriert hat, haben einen Umfang von 480 Seiten. Dazu kommt noch ein umfangreiches Kartenmaterial von den Kriegsschauplätzen.

Im vergangenen Jahr hatte Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) die Gothaer Bürger zum Geschichtsprojekt “1914 bis 1918 – Gotha vor 100 Jahren” aufgerufen. Ziel sei es dabei, dass Lebensstationen von Bürgern, die Geschichte von Vereinen sowie Unternehmen untersucht werden. Dabei seien Kreuch private Geschichten genauso wichtig, wie Dokumentationen und Bildsammlungen.

Die umfangreichen Notizen des 1967 in Gotha gestorbenen Friedrich Werner bieten ein besonderes Zeugnis des militärischen Lebens im Ersten Weltkrieg. “Die akribische Anfertigung des Buches und der Kartensammlung geben nicht nur einen sehr genauen Überblick zu den individuellen Erlebnissen eines Gothaers inmitten der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, sondern widerspiegeln darüber hinaus das Leben und die Leiden dieser schweren Zeit”, so Kreuch.

In akkurater Schrift hatte Friedrich Werner, der 1893 in Gotha geboren wurde, sein Tagebuch geführt. Im Oktober 1914 wurde er für die Infanterie einberufen, am 23.November rückte er beim 6. Thüringer Infanterie Regiment Nr. 95 in Gotha ein. Am 23. Januar 1915 wurde Werner dann zum Reserve-Infanterie Regiment 252 nach Ohrdruf versetzt. Im Tagebuch findet sich sein Bericht über den Besuch des Kaisers am 29. Januar 1915, der die Besichtigung des Regiments durchführte. Am 3. Februar wurde der Marschbefehl in Richtung russische Grenze erteilt. Bei Gefechten in den Masuren erlitt Friedrich Werner Erfrierungen der Füße. In Gotha wieder angekommen, fand er sich zu seiner großen Überraschung in der “Gothaischen Zeitung” vom 19. April 1915 als Vermissten aufgelistet. In Naumburg erlernte er den Umgang mit Pferden, das Reiten und deren Handhabung unter militärischen Bedingungen und schrieb: “Alles war für mich neu, was verstand ich von Pferden!”. Nach der Fortsetzung der Ausbildung in Jüterbog ist er ab 9. September 1915 wiederauf dem Weg in den Krieg. Dieser führt ihn nach Deysow in Galizien und Stellungskämpfe an der Strypa. Ende August wird Werner während der Kämpfe verletzt. 1917 war er in den Kämpfen um Verdun eingesetzt Nach der Teilnahme an den Kämpfen um die “Höhe 304”, der “Abwehrschlacht bei Verdun”, Gefechten in Lothringen und Stellungskämpfen im Elsass wird Friedrich Werner am 29. Dezember 1917 zum Unteroffizier befördert.

Sein Weg durch den Krieg wird fortgesetzt durch die Teilnahme an der “Schlacht bei Armentiers” (April 1918), den “Kämpfen an der Lys (April bis Mai 1918), den Stellungskämpfe in Flandern (Mai bis Juli 1918) und den “Kämpfen vor Arras”.

Friedrich Werner heiratete 1918 Clara Sieland. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Auch über die Familiengeschichte der Sielands, die in Gotha ein Betten- und Stoffgeschäft betrieben, hat der Großvater der Gebrüder Werner Buch geführt. Der 65-jährige Norbert Werner, der in Grimma wohnt, bewahrt die Schätze gemeinsam mit seinem Bruder auf.

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