Über menschliche Werte im Geiste der Ehrfurcht vor dem Leben – 10. Teil

A015

Konfliktfähigkeit

„Was vermittelt Spannung? Der Konflikt. Was erregt Interesse? Der Konflikt. Was erhält uns am Leben in der Literatur und auf allen Wissensgebieten in Bewegung? Der Konflikt.” Dies stellte Johannes R. Becher nicht zu Unrecht in seinen Bekenntnissen fest.

Auch wenn jeder Mensch ab und zu einmal gerne allein sein möchte, so ist er doch ein gesellschaftliches Wesen, das des Mitmenschen bedarf. Er braucht jemanden, der ihm hilft, der ihm rät, mit dem er Freude und Leid teilen kann, den er liebt. Doch bei diesem Miteinander können natürlich auch Konflikte entstehen. Zuweilen sind es gegensätzliche Wünsche und Interessen, fehlende Zuneigung oder auch Rücksichtslosigkeit, übertriebene (Mutter- oder Nächsten-) Liebe, entgegengesetzte Anschauungen oder Verhaltensweisen. Das Miteinander von Mensch zu Mensch braucht Nähe, aber auch Distanz, sonst kann es zu Konflikten kommen. Ständige Nähe kann ebenso belasten wie andauernde Distanz. Eine wichtige Voraussetzung dafür, Konflikte zu lösen, besteht darin, dass einem eigenes Unrecht bewusst wird. „Unreife Menschen sind nicht fähig, zu ihrer Schuld zu stehen“, schreibt Herma Brandenburger (in Möllering und Behlau), „sie setzen vielmehr alles daran, schuldlos dazustehen. Mit einem, der sich nicht schuldig fühlen kann, ist Konfliktlösung nicht möglich.“ „Nie dürfen wir abgestumpft werden!”, warnt Albert Schweitzer, „In der Wahrheit sind wir, wenn wir die Konflikte immer tiefer erleben. Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels.“

Eine weitere wichtige Voraussetzung zur Lösung von Konflikten besteht darin, dass man den anderen Menschen achtet. „Wenn jeder sich als Maß aller Dinge versteht, bleiben Störfälle nicht aus, ganz gleich, ob in Partnerschaft, Familien­verbänden, Religionsgemeinschaften oder in der Politik“, stellte Herma Brandenburger fest. „Sobald ein einziges Maß zur alleingültigen Norm erhoben wird, kommt es zu Protest und Ablehnung. Lässt sich kein gemeinsamer geistiger Nenner finden, muss man jeden nach seiner Fasson glücklich werden lassen, wie der Alte Fritz gesagt hat, ansonsten ist es aus mit dem friedlichen Miteinander und Nebeneinander und Mord- und Totschlag stehen Tür und Tor offen“, warnt Brandenburger. Die Geschichte der Menschheit bietet bis in die Gegenwart genügend Beispiele. „Ein Leben ohne Konflikte wird es nie geben. Konfliktträchtige Situationen gilt es rechtzeitig zu erkennen – wo keine gangbare Lösung zu finden ist – notfalls zu meiden. Auch dies ist ein Kennzeichen reifer Persönlichkeit, für welche Art von Konfliktbewältigung sie sich entscheidet, denn aus unbewältigten Problemen, wenn sie der Verdrängung anheimfallen, erwachsen bekanntlich Neurosen … Wer zu weit geht, tritt anderen zwangsläufig zu nah. Er vergisst, dass die Freiheit des einen da endet, wo die Freiheit des anderen beginnt”, schreibt Brandenburger. Was die menschliche Reife betrifft, so äußert Albert Schweitzer in seinen Kindheits­erinnerungen die folgende Ansicht: „Der Ausdruck ,reif auf den Menschen angewandt, war mir und ist mir noch immer etwas Unheimliches. Ich höre dabei die Worte Verarmung, Verkümmerung, Abstumpfung als Dissonanzen mitklingen.” Doch „die Reife, zu der wir uns zu entwickeln haben, ist die, dass wir an uns arbeiten müssen, immer schlichter, immer wahrhaftiger, immer lauterer, immer friedfertiger, immer sanftmütiger, immer gütiger, immer mitleidiger zu werden.” So kann in diesem Sinne menschliche Reife helfen, Konflikte zu vermeiden und auch zu lösen.