Gedächtnisrede für unsere Mutter Elisabeth Kegler


Gedächtnisrede

des Pastors Reichmuth, Erfurt (Reglerkirchen-Gemeinde)

(früher 15 Jahre in Stettin)

am 17. Sept. 1948 auf dem Südfriedhof in Erfurt.

Evang. Johannes 16 V. 33

Nun ist die Stunde gekommen, wo ihr Abschied nehmen müßt von der sterblichen Hülle eurer geliebten Mutter und Großmutter.

Nach einem dreivierteljährigem ernsten Krankenlager hat Gott der Herr sie nun, nachdem sie den 80. Geburtstag noch mit hellen Bewußt­sein und in großer Dankbarkeit begehen konnte, zu sich genommen in die Ewigkeit.-Für euch Kinder, die ihr diesen Sarg umsteht und die treue Mutter bis zuletzt gepflegt und betreut habt in selbst­verständlicher, fürsorglicher Liebe, aber nicht minder für den Gros­sen Kreis der Kinder und Enkel, die heute nicht unter uns sein können, ist es eine schwere Stunde, war die Entschlafene doch der geistige Mittelpunkt der großen Familie. Und doch sollte der ernste Ton, den wir hier anstimmen, ein Ton des Dankens sein, des Dankes dafür, daß Gott euch dies treue Mutterleben so lange erhalten hat. Zuletzt war es doch ihr sehnlichster Wunsch, als sie das Nachlassen der Kräfte von Tag zu Tag immer spürbarer fühlte, nun heimgehen zu dürfen.-Und wie friedlich ist dieser Heimgang schließlich gewesen, wenn die Klänge des alten Chorals “Jesus meine Zuversicht” und die Verlesung von Joh. 16 aus des Sohnes Mund das letzte waren, was sie geistig aufnehmen konnte. So soll es auch ein Wort aus diesem 16. Kapitel des Joh. Ev. sein, das wir heute vernehmen, das dieses Leben vom Worte Gottes deuten und abrunden soll, das uns zugleich ausrichten und trösten soll. “Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.” So ruft es Jesus in seinen letzten Stunden vor dem Kreuzestod den Jüngern zu. Er weiß um die bedrohte Lage der Jünger, die Katastrophe, die über sie hereinbrechen wird, er weiß um die Lebensangst, die nicht ausbleiben wird. Aber er kann sie hinweisen auf ein Wort, die das Leben zu einem getrosten Wandern macht. Wie er nicht allein ist in der größten menschlichen Einsam­keit, sondern der Vater ist bei ihm, so dürfen sie ihn, ihren Hei­land und Herrn, den Quell alles Friedens als Beistand und Tröster hinnehmen in den Stunden der Angst und Ausweglosigkeit. War das nicht das Geheimnis auch im Leben eurer lieben Mutter, daß sie um diese spendende Mitte im Leben wußte? – Gott hat ihr den Kampf nicht leicht gemacht. Vor uns steht das Bild der treuen Pfarrfrau, die ein Menschenalter an der Seite des treuen Gatten im Grünewalder Pfarrhaus im Kreis Neustettin wirkte. Es war keine Kleinigkeit für die junge Pfarrfrau die alten Eltern und zwei kranke Schwestern zu hegen und zu pflegen und dabei im Laufe der Jahre sechs Kinder das Leben zu schenken. Aber wie selbstverständlich hat die fleißige, immer bescheidene, rücksichtsvolle Frau diesen schweren, oft an die Grenzen der Kraft gehenden Liebesdienst getan. Was menschliche Ohnmacht ist, wie Gott uns immer wieder an die Grenzen der Kraft führt, das hat sie da wohl oft erfahren; aber sie wußte auch um jene Kraft und jenen Frieden, den der Herr Christus allein verleihen kann, wenn Menschenkraft ausgeht.

Welch treue Gehilfin ist sie dem Gatten gewesen, wie hat sie euch Kinder und Enkelkinder mit wahrhaft mütterlicher Aufopferungsfreu­digkeit von früher Jugend an umhegt. Schon auf der Höhe des Lebens mit 59 Jahren ward ihr der treue Gefährte euer lieber Vater genom­men. Fast ein Menschenalter hat sie dann noch in Stolpmünde, das ihr zur zweiten Heimat wurde, zugebracht. Unendlich viel Liebe und Dank hat sie seitens der Kinder und der immer größer werdenden Enkelchen hier erfahren. Unendlich viel Liebe hat sie aber auch immer wieder aufs neue ausgestreut. – Dann kamen zuletzt die schweren Jahre des zweiten Weltkrieges, in denen sie den jüngsten geliebten Sohn euern Bruder verlor. Auch sie mußte im hohen Alter die ganze Schwere sol­chen mütterlichen Opfers tragen, ja sie mußte unter polnischer Be­satzung die ganze Größe menschlicher Entbehrungen erfahren, mußte am Ende der siebziger Jahre noch einmal, um den Lebensunterhalt zu ver­dienen, sich in die körperliche Arbeit stürzen. Nichts, nichts blieb ihr erspart bis zum Verlust der Heimat und der Flucht aus dem Pommernland.

Was Welt- und Lebensangst bedeutet, das hat sie damals noch einmal erfahren. Aber sie kannte den, der von sich sagen konnte? “Ich habe die Welt überwunden”. Der Blick auf den Gekreuzigten, der uns den Weg des Kreuzes vorangegangen, der mitten im Tode doch zum Überwinder und Spender allen echten Lebens geworden, hat ihr in allem Suchen, Fragen, Grübeln, im Ringen um die letzten Fragen des Lebens, das sie wahrlich nicht leicht nahm, die Kraft gegeben zum eigenen überwinden. Hier in eurem Erfurter Haus durfte sie den Abend ihres Lebens nun verbringen, wohl in der Kraft der Jahre gebrochen und doch innerlich abgeklärt und zum Frieden der Seele gelangt: „Solches habe ich zu Euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt.“

Kierkegart hat einmal gesagt, und die Philosophie unserer Tage hat es gleich ihm ausgesprochen, daß die Angst die treibende Kraft unseres Lebens sei. Auf einem halbjährigen Lager im Erfurter Krankenhaus, in viel Einsamkeit hat sie davon noch einmal am Schluß ihres Lebens etwas zu spüren bekommen. Aber wie dankbar war sie, daß sie in dieser Zeit noch einmal alle ihre Kinder sehen konnte, noch einmal durfte sie wie in den Tagen der Jugend jeden einzelnen mit ihrem persön­lichen Rat und der ganzen Fülle ihrer Liebe dienen. Sie spürte darin sichtlich die Fügung und Führung dessen, der die Seinen nicht ver­läßt, sondern ihnen gerade an den Kindern die Kraft gibt, das Leben zu meistern.-So hat Er, der Himmlische Herr sie nun heimgeholt in seinen Frieden. Wir dürfen sie wissen in jenem ewigen Vaterhaus, in das der Gatte und der Sohn ihr vorangegangen sind wie die Quartier­macher, die dem Heer voraneilen, um die Unterkünfte zu bereiten.

Es ist ein reiches, gesegnetes Lebenswerk, das mit ihrem Heimgang vollendet ist.

Ach, wir wollen sie nicht zurück wünschen, Gott hat es gnädig mit ihr gemeint. — Wohl uns, wenn wir, die wir Zurückbleiben in allen Rätseln der Welt, in allem Dunkel und seinen Führungen, in allen Ängsten, die auch für uns nicht ausbleiben, um jenen Frieden wissen, von dem unser Heilandwort kündet: “Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt.” In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Amen.

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