The Peter and Gertrud Klopp Family Project

Reflections on Life, Family and Community

Category Archives: German language contributions

Albert Schweitzer Seminar #1

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1. Seminar

Ich stelle mich euch vor

Mein Name ist Hartmut Kegler. Ich wurde im Jahr 1931 in Stettin geboren. Als ich sechs Jahre alt war, kam ich in die Schule. Damals schrieb man noch in einer anderen Schrift mit einem Griffel auf Schiefertafeln. An dieser Tafel hing ein kleiner Schwamm und ein Lappen, mit dem man die Schrift wieder auslöschen konnte. Später lernten wir dieselbe Schrift wie ihr und wir schrieben auch in richtige Hefte.

Als kleiner Junge fuhr ich gerne mit einem Roller, spielte viel im Sandkasten oder mit anderen Kindern Kasperletheater. Später habe ich auch Soldat gespielt, bis ich merkte, dass das kein gutes Spiel ist.

Als ich neun Jahre alt war, begann der Zweite Weltkrieg. Schon im ersten Kriegsjahr ist mein Vater gefallen. Nun war meine Mutter mit uns drei Kindern allein. Gegen Kriegsende wurden die Schulen geschlossen, weil in Schlesien die Ostfront immer näher kam. Als wir schon den Kanonendonner hörten, packte meine Mutter jedem von uns einen kleinen Rucksack mit ein paar wichtigen Dingen und ging mit uns auf die Flucht. Fast wären wir in die Bombennacht in Dresden geraten und alle umgekommen. Da erkannte ich. wie grausam der Krieg ist. Unsere Flucht endete in der Mark Brandenburg. In einem kleinen Dorf bewohnten wir in einer alten Mühle ein Zimmerchen. Es gab wenig zu essen und wir hatten alle Hunger. Um etwas zu essen zu haben, sammelten wir Getreideähren vom Acker auf und haben Kartoffeln geklaut. In Notzeiten verschwindet die Moral.

Mit vierzehn Jahren ging ich zum Bauern und lernte dort Kühe zu melken. Schweine zu füttern, mit Ochsen das Feld zu pflügen und mit einem Traktor, einem „Bulldog“, das Getreide zu mähen. Mein Arbeitstag begann früh um fünf Uhr und endete abends um sechs. Die Arbeit war zwar schwer, aber sie bereitete auch Freude. Es war schön, abends auf ein Feld zu sehen, das man selbst umgepflügt oder besät oder abgeerntet hat. Vor allem habe ich in der Landwirtschaft viel gelernt und Achtung vor schwerer und oft schmutziger Arbeit gewonnen.

Als ich neunzehn Jahre alt war, begann ich an einer Fachschule und auf der Universität Landwirtschaft zu studieren. Es gab viele Fächer über das Wachsen der Pflanzen, die Pflege von Tieren, die Eigenschaften der Dünger und wie man auf einem Bauernhof rechnen muss.

Nachdem ich mein Studium beendet hatte, holte mich ein Professor in sein Institut nach Aschersleben. Es war das frühere Institut für Phytopathologie, das sich mit den Krankheiten der Pflanzen beschäftigte. So wurde ich so eine Art von Pflanzenarzt. In diesem Institut habe ich dann 36 Jahre lang gearbeitet. Wir halfen den Bauern, dass auf ihren Feldern gesunde Pflanzen wuchsen, sie viele Früchte ernten konnten und alle Menschen genug zu essen hatten.

Ich habe eine liebe Frau (gestorben 2017), die viele Jahre in Aschersleben Lehrerin gewesen ist. Wir beide haben einen tüchtigen Sohn, der Städtebauer und Landschafts­gestalter ist.

Nun bin ich Rentner und möchte euch von einem Menschen erzählen, der mein großes Vorbild geworden ist. Er heißt Albert Schweitzer und wurde als „Urwalddoktor’ in der ganzen Welt berühmt. Er war ein guter Mensch und ein wahrer Christ. Als er bereits Pfarrer und Universitätsprofessor war, gab er alles auf und ging nach Afrika, um dort kranken Negern zu helfen. Auch hat er viel für den Frieden in der Welt getan.

Albert Schweitzer sagte einmal, wer eine glückliche Kindheit gehabt hat, darf das nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern soll dafür dankbar sein und an anderen Menschen Gutes tun. Darüber wollen wir nachdenken und miteinander sprechen.

Albert Schweitzer – Vorwort zu den Kinder Seminaren von Prof. Dr. Hartmut Kegler

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Im Sommer des Jahres 2003 lud mich die Freie Montessori Grundschule Aschersleben ein, ihren jüngsten Schülern etwas über Albert Schweitzer zu erzählen. Damit sollte ihr Ethikunterricht ein wenig ergänzt werden. Nur zu gerne bin ich dieser Einladung gefolgt, denn es konnte für mich nichts Schöneres geben, als jungen Menschen diesen großartigen Humanisten und beispielhaften Christen nahe zu bringen.

Da ich selbst kein Pädagoge bin, traute ich mir auch nicht zu, ordentlichen Unterricht zu geben. So entschloss ich mich zu einer Art von Seminar. Meine „Schüler“ hatten sich freiwillig dazu gemeldet, keiner wurde zur Teilnahme gezwungen. Einige von ihnen schienen durch ein aufgeklärtes Elternhaus zu dem Entschluss ermuntert worden zu sein, denn sie zeigten mir später Bücher Albert Schweitzers aus ihrer Hausbibliothek.

Meine Seminare dauerten jeweils eine Dreiviertelstunde. Diese Zeit hatte ich dreigeteilt. Zunächst erzählte ich ihnen jeweils eine der nachfolgenden Geschichten. Dann spielten wir einige Geschichten als kleine Theaterstücke nach. Das begeisterte die Jungen und Mädchen am meisten. Jeder wollte einmal Albert oder Helene, Joseph, Emma oder Mausche, Esel, Fiffi oder sogar Regenwurm spielen. Oft genug musste ich die Begeisterung bremsen, um nicht in Verdacht zu geraten, im Klassenzimmer Volksfeste zu veranstalten. Doch im letzten Drittel der Stunde setzten wir uns hin und malten eine ganz bestimmte Szene nach. Wie viele liebevolle Zeichnungen künden von dem gerade erzählten und nachgespielten Erlebnis!

So entstand nicht nur ein beglückendes Freundschaftsverhältnis zwischen meinen Schülern und mir, sondern ich erlebte zunehmend, wie Albert Schweitzers guter Geist Eingang in ihre Herzen fand. Das gab mir Hoffnung und auch etwas Mut, vor älteren Schülern aufzutreten, dort allerdings mit regelrechten Vorträgen über das Leben und Denken dieses wunderbaren Menschen. Auch hier in Sekundarschulen und Gymnasien stellte ich große Aufgeschlossenheit und Aufmerksamkeit fest. Es schien mir, dass die jungen Menschen geradezu danach verlangten, außerhalb der regulären Schule ein­mal etwas anderes zu vernehmen als ihnen eine flache Unterhaltungsindustrie ansonsten bietet.

Meine Geschichten habe ich weitgehend dem ausgezeichneten Kinder- und Jugendbuch von Werner Laubi „Albert Schweitzer, der Urwalddoktor“ sowie den am Schluss genannten Büchern Albert Schweitzers entnommen. Von all dem habe ich kurze Texte verfasst, die ich den Schülern übergeben habe, damit sie sich damit später noch einmal befassen oder ihre Eltern ihnen daraus vorlesen können. Jedem Text habe ich einen kleinen Fingerzeig angefügt, bei dem es um die wichtigste ethische Aussage ging, über die man nachdenken und die man beherzigen sollte. Damit sollten Samenkörner ausgelegt werden.

in der Hoffnung, dass das eine oder andere trotz einer für menschliche Werte wenig zugänglichen Umwelt keimen und wachsen möge. Ohne Hoffnung kann kein Mensch leben und Hoffnung ist Kraft, hat Schweitzer einmal selbst gesagt.

Hartmut Kegler

Gerhard Kegler – Military and Civilian Hero (Guest Post in German)

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Gerhard Kegler – ein militärischer und ziviler Held

Biographische Skizze
Beitrag von Dietrich Kegler

 

Die militärische Laufbahn meines Vaters ist hinreichend bekannt und verschiedentlich nachzulesen, nicht zuletzt im Internet, wo die Generale der Wehrmacht ausführlich vorgestellt werden. Bekannt wurde Generalmajor Kegler in Deutschland vor allem durch die Ereignisse am Ende des Krieges, als er in hoffnungsloser Situation die Stadt Landsberg (ehemals in der Neumark gelegen, heute polnisch) auf Befehl Himmlers verteidigen sollte, der sich die Befehlskompetenz der 9. Armee anmaßte, die eigentlich dem Kommandeur der Armee, General Busse, zustand. Wie man weiß, weigerte sich mein Vater, diesen unsinnigen Befehl auszuführen, wurde sofort zum Kriegsgericht nach Torgau bestellt und dort in einem Schnellverfahren zum Tod durch Erschießen verurteilt.

Generalleutnant Gerhard Kegler - Gutfelde 1944

Oberst Gerhard Kegler – Gutfelde 1944

Nur dem Untersuchungsrichter Freiherr von Dörnberg ist es zu verdanken, dass mein Vater überlebte. Er wurde zum Schützen degradiert und als einfacher Soldat wieder an die Ostfront geschickt, die sich bereits an der Oder befand. Dort, unweit von Frankfurt/Oder, wurde er verwundet und in einem langen und sehr beschwerlichen, immer wieder aus der Luft beschossenen Bahntransport nach Eutin in Schleswig-Holstein gebracht. Da hatte sich die ursprünglich kleine Wunde (ein Granatsplitter in der linken Schulter) derartig verschlechtert, dass der linke Arm abgenommen werden musste. Mein Vater blieb noch eine kurze Zeit der Rekonvaleszenz in Eutin und wurde dann aus englischer Gefangenschaft noch 1945 nach Gießen entlassen, wo unsere Familie im Jahre 1947 wieder zusammenfand.

Gerhard Kegler between his Daughter Helga and Brother Günther 1964

Gerhard Kegler zwischen Tochter Helga und Bruder Günther Kegler; rechts folgen die beiden Schwestern von Gerhard, Erika Klopp und Maria Kegler, und Günter Keglers Frau Luci (1964)

Da die Bundesrepublik sich noch lange auf das von Himmler befohlene Urteil des Kriegsgerichts (Degradierung vom Generalmajor zum Schützen) berief und meinem Vater die ihm zustehende Pension verweigerte, bedurfte es erst einer großen Pressekampagne, um die Behörde zu bewegen, das Urteil aufzuheben, was schließlich durch den Bundespräsidenten geschah. Dann konnte mein Vater seine Pension erhalten.

Die große Pressekampagne zeitigte noch eine andere positive Folge. Freunde und Bekannte, die in den Wirren des Kriegsendes, durch Flucht, Ausbombung usw. überallhin verschlagen worden waren, wurden aufmerksam und nahmen Kontakt zu unseren Eltern auf. Ich erinnere mich an viele Besuche ehemaliger Freunde, Kameraden oder Untergebener meines Vaters. Und immer hörten wir großes Lob und große Anerkennung, wenn diese Menschen von den Ereignissen erzählten, die sie zusammen mit meinem Vater erlebt hatten.

Die tapfere und verantwortungsvolle Handlungsweise meines Vaters bei Landsberg ist nicht das einzige Ereignis dieser Art. Immer wieder wagte er, Vorgesetzte zu kritisieren, wenn sie unsinnige Befehle gaben. Dafür wurde er mitunter durch Versetzungen bestraft.

Umsichtiges Handeln in schwierigen Situationen berichtet auch schon die Regimentsgeschichte des Westpreußischen Infanterieregiments 149, dem mein Vater im Ersten Weltkrieg angehörte. Eine dieser Aktionen war die nächtliche Aushebung eines französischen Doppelpostens bei Reims in der Champagne, die dem Regiment wertvolle Informationen lieferte und, wie ausdrücklich betont wird, größere Verluste ersparte. Mein Vater hat uns auf einer Frankreichreise in den sechziger Jahren die Stelle gezeigt, wo er mit ein paar freiwilligen Leuten die Franzosen nachts überraschte, gefangen nahm und hinter die deutschen Linien brachte, wo man sie verhören konnte.

Soweit der militärische Teil im Leben meines Vaters. Aber das Leben ging ja nach dem überstandenen Krieg in Gießen weiter und gewährte meinen Eltern nach der ersten harten und entbehrungsreichen Zeit auch noch schöne Jahre.

Unsere Mutter hatte ebenfalls seit Kriegsbeginn Schweres durchgemacht. Aus München, wo das Leben durch die Luftangriffe immer unsicherer wurde, zog sie mit uns Kindern in den Warthegau. Von dort musste sie sich mit Jutta und mir wie Millionen anderer Menschen auf die wochenlange winterliche Flucht begeben. Wir fuhren zunächst in einem Planwagen mit polnischem Kutscher durch das winterliche Westpreußen, bis der Pole irgendwo in Pommern umkehrte. Ein Offizier nahm uns mit seinem Fahrzeugkonvoi bis nach Berlin mit, von dort ging es in überfüllten Zügen nach Dresden zu meiner Großmutter. Helga und Nati waren vorher schon nach Augustusburg (bei Chemnitz) gebracht worden. Bevor wir aber dort sein konnten, erlebten wir die drei verheerenden Bombenangriffe, an die ich mich lebhaft erinnere.

Im Sommer 1947 verließen wir die sowjetische Besatzungszone und gingen bei Philippstal an der Werra schwarz über die grüne Grenze, wobei uns die ortskundige Tante Lucie half. Unsere Familie fand nun in Gießen wieder zusammen. Wir wohnten zunächst in zwei Zimmern der Bergschenke, einem Hotel und Restaurant, das ursprünglich zum Kruppschen Bergbaubetrieb gehörte. Vater hatte in der Bergschenke eine vorläufige Bleibe gefunden und die Aufgabe eines Hausmeisters und Betreuers der dort wohnenden Studenten übernommen. Diese Studenten waren zumeist bereits Kriegsteilnehmer gewesen und studierten an der Universität Gießen Tiermedizin. Als Familie Stolcke, Onkel Werner, Tante Anni und ihre drei Kinder, nach Argentinien auswanderte, konnten wir aus der Bergschenke in die relativ komfortable „Baracke“ auf dem Bergschenkengelände umziehen, die sie bewohnt hatten.

Die Lebenssituation war in dieser Zeit zwischen Kriegsende und Währungsreform (1948) bekanntlich äußerst prekär. Als Vater uns in jenem Sommer 1947 in Gießen erwartete, sammelte er in einer ehemaligen Munitionskiste eine Menge von Lebensmitteln, die er sich vom Mund abgespart hatte, um seiner Familie einen guten Empfang zu bereiten. Das ist eine Tatsache, die ich selbst nicht bezeugen kann, Helga mir aber erzählte.

Besser wurde die Situation erst, als Vater die Stelle eines Stadtjugendpflegers der Stadt Gießen übernehmen konnte. In dieser Zeit, Anfang der fünfziger Jahre, erfolgte auch seine Rehabilitierung, wodurch sich unsere Lebenssituation entscheidend verbesserte.

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Gerhard Kegler zwischen Bruder Günther und Sohn Dietrich (1969)

Das Leben mit der Einarmigkeit verlangt sehr viel Geduld und Geschicklichkeit. Durch Geduld zeichnete sich unser Vater gewiss nicht aus, aber er war sehr geschickt bei allen Verrichtungen, wozu ein Mensch normalerweise beide Arme braucht. Und der Stolz über die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit, die Vater sich trotz der Einarmigkeit erworben hatte, kam zum Beispiel in einem Reim zum Ausdruck, den Helga und Nati zum 50. Geburtstag unseres Vaters in einem Gratulationsgedicht formulierten. Sie legten ihrem Vater folgende Worte in den Mund, die er sicherlich in „Prosa“ geäußert hatte: „Was ich mit einer Hand kann richten, macht Ihr mit zweien stets zunichten.“ Vater brauchte nur zu wenigen Handlungen im Alltag Hilfe, so etwa zum Schnüren der Schuhe. Aber Rasieren, Schlips binden, Schreibarbeiten usw. erledigte er ohne Hilfe, auch Autofahren in Fahrzeugen, die dafür nicht besonders präpariert waren. In den Wagen mit Schaltgetriebe, die er zuerst fuhr, musste er zum Schalten das Steuer loslassen. Er fuhr sicher, aber ich erinnere mich, dass mir als Mitfahrer immer etwas mulmig wurde, wenn er schaltete.

In der einsam am Waldrand gelegenen Baracke hatte der General natürlich auch an mögliche Einbrecher gedacht. Die Fenster waren sehr niedrig und stellten kein Hindernis für kriminelle Besucher dar. Vater hatte einen kurzen dicken Knüppel an seinem Bett und sagte mir, als wir uns einmal über die “militärische Lage“ der Baracke unterhielten, dass er hart zuschlagen würde, wenn ein Bursche es wagen sollte, einzusteigen.

Und als Held zeigte sich unser Vater später wieder einmal, als die Eltern in Leihgestern (Am Hasenpfad) wohnten. In einer Sommernacht schlief er allein in seinem Zimmer im ersten Stock. Die Balkontür stand offen, es war eine warme Nacht. Vater wird durch ein Geräusch geweckt und sieht von seinem Lager aus, wie sich ein Einbrecher, der über den Balkon in das Zimmer gekommen war, am Kleiderständer an der Jackentasche des schlafenden Generals zu schaffen macht und sie untersucht. Vater erkennt sie Situation sofort und brüllt ihn noch im Bett liegend an, worauf der Dieb sofort das Weite sucht. Die Reaktion unseres Vaters ist erstaunlich und bewundernswert, denn aus dem Schlaf direkt zum Angriff überzugehen, erfordert Mut, und in schlaftrunkenem Zustand ist man normalerweise moralisch nicht gerade stark.

Die Krankheit, die ihn dann im Jahre 1986 auf das Krankenbett warf, hat er tapfer ertragen. In dieser Zeit war auch unsere Mutter kränklich und pflegebedürftig. Unsere Eltern waren nun auf Hilfe angewiesen, die ihnen vor allem Helga treu und fürsorglich zukommen ließ. Mittlerweile lebten sie in einem kleinen Haus am Alten Friedhof in Gießen.

Der ältere Bruder meines Vaters, Onkel Günter, mein Patenonkel, war schon im Januar desselben Jahres verstorben, und Vater hat ihn noch bis zum Juli 1986 überlebt. Vaters langjähriger Freund, Horst Schubring, ebenfalls Hinterpommer, den er in den ersten schweren Gießener Jahren zufällig kennengelernt hatte – damals Gemeindepfarrer in Wieseck, dann Propst von Oberhessen – begleitete unseren Vater auf dem letzten Gang. Sein Grab, das einige Jahre später auch unsere Mutter und in jüngster Zeit unsere Schwester Renate aufnahm, liegt auf dem Neuen Friedhof in Gießen.

Ein tapferer Mann, dessen Leben im Pfarrhaus von Hinterpommern begonnen hatte, der in den Kadettencorps von Plön und Berlin seine Erziehung zum Offizier erhalten und zwei Kriege und große Belastungen durchlitten hatte und der nach allen Katastrophen noch viele friedliche und gute Jahre erleben durfte, war an sein Ende gekommen.

 

Dormagen (Gohr) im September 2016

  Dietrich Kegler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine ergreifende Liebesgeschichte – 6. Teil

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Gespräch über „Gott und die Welt“

Gisela und Hartmut (Kegler Stammbaum Chart II a – III) lernten Albert während ihrer Verlobung kennen, die in Quitzöbel gefeiert wurde. Hier sorgten Vati und Jürgen, Muttis jüngerer Bruder, für lustige Unterhaltung. Hartmut führte an diesem Tag ein langes Gespräch mit Albert, das er bis heute nicht vergessen hat:

 

Eddas Taufe 1955 mIt Jürgen Hartmut Gisela

Eddas Taufe 1955 mit Jürgen, Hartmut und Gisela

Hartmut:

„An Eberhards Vater erinnert mich ein endlos langes, heftig geführtes Gespräch über „Gott und die Welt“. Ich vertrat damals die kirchliche Seite, er dagegen war überzeugter Atheist. Als ich später Ludwig Feuerbachs denkwürdige Schrift über das „Wesen des Christentums“ las, wuchs mein Respekt vor jenem streitbaren Gesprächspartner. Er erwies sich als ausgezeichneter Kenner der Bibel und argumentierte auf dieser Grundlage so folgerichtig, dass ich ihm mit meiner stümperhaften Theologie nicht gewachsen war. Das ärgerte mich auch gehörig, trug aber, als ich etwas vernünftiger wurde, auch zu meiner kirchenkritischen Einstellung bei. Ein einfacher Kutscher hatte einem jungen Akademiker geistig auf die Sprünge geholfen!“

 

Albert lebte vielleicht ein Jahr bei unseren Eltern. Als Eberhard an die Schule nach Baek versetzt wird und Familie Trampenau nach Gulow zieht, geht er in ein Altersheim nach Mecklenburg. Elisabeth hatte sich durchgesetzt!

 

In dieser Zeit hatte sich unsere Oma Hanna an der Hilfsschule in Bad Wilsnack als Lehrerin beworben und war auch dorthin versetzt worden. Sie bekam dort eine kleine Wohnung, zwei Zimmerchen mit Küche im ersten Stock, die nur über eine steile Treppe erreichbar war. Für Opa Manuel, der ja nur mit Krücken laufen konnte, war der Weg in die Wohnung sehr beschwerlich. Aber da es in der Ehe von Johanna und Emanuel ohnehin gerade ziemlich kriselte, wohnten Oma Hanna und Omchen zeitweise allein in Bad Wilsnack.

Edda 1956

Edda 1956

Auch Elisabeth, Eberhard und die kleine Edda besuchten sie hier von Zeit zu Zeit. Einmal, als auch Jürgen gerade dort war, wurde Edda, die gerade laufen konnte und daran gewöhnt werden sollte, ihr Geschäft auf dem Töpfchen zu verrichten, auf dasselbe gesetzt. Sie wollte aber nicht sitzen bleiben, stand immer wieder auf und tappelte zu Großmutter in die Küche. Jürgen setzte sie wieder hin, und als sie sofort wieder aufstehen wollte, brüllte er sie an: „Setz dich jetzt hin!!“. Edda, die sonst von Jürgen nur lustige Töne gewohnt war, plumpste mit fassungslos aufgerissenen Augen wieder auf den Topf, erledigte umgehend ihr Geschäft, und alle lobten Jürgen ob seiner pädagogischen Fähigkeiten.

Emanuel kam in Mellen sehr schlecht allein zurecht.

Dorfkirche mit Friedhofsansicht in Mellen - Photo Credit: Panoramio

Dorfkirche mit Friedhofsansicht in Mellen – Photo Credit: Panoramio

Jürgen(Kegler Stammbaum Chart II a – III) :

Nachdem Emanuel mit seiner ständigen Nörgelei allen die Nerven zersägt hatte, kam Hartmut bei einem seiner Besuche auf die Idee einer Scheidung. Wir, Elisabeth und ich, griffen das begeistert auf, Omchen schwieg sehr beredt dazu, denn Scheidung war in ihrem Lebensbild etwas Unanständiges. Hartmut drängte mit Argumenten, Elisabeth und ich emotional. Schließlich fuhr das scheidungswillige Ehepaar zum Amtsgericht in Perleberg vor den Scheidungsrichter. Ich war bei dem Termin dabei. Es gab keinen, der nach dem Gesetz schuldig war, und so wurde nach Scheidungsgründen gefragt. Weder Emanuel noch Johanna wusste so richtig darauf zu antworten, denn Nörgelei war kein Grund, und dass die Kinder es so wollten, auch nicht. Also entschied der Richter, sie mögen doch zu Hause noch einmal in Ruhe darüber nachdenken und schloss die Sitzung. Sichtlich erleichtert fuhren die Eheleute wieder nach Mellen zurück. Ich war überzeugt, wäre Emanuel nicht an Krücken gegangen, dann hätten die beiden das Amtsgericht Händchen haltend verlassen. Ich war natürlich enttäuscht, Elisabeth und Hartmut nicht minder.

Im Nachhinein, nachdem ich schon im Westen war und Emanuel verstorben, schien mir der Ausgang des Scheidungsversuches sehr glücklich, denn meine Mutter hätte sicher bis an ihr Lebensende an dem Selbstvorwurf gelitten, einen hilfsbedürftigen Menschen im Stich gelassen zu haben.

 

Oma Hanna und Omchen zogen – zu unserem Glück – wieder nach Mellen zurück.

 

 

Eine ergreifende Liebesgeschichte – 5. Teil

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Gewitterwolken am Horizont

In der nächsten Zeit wohnen unsere Eltern in Quitzöbel in der schönen Lehrerwohnung. Am 9. Juli 1954 legt Mutti am Institut für Lehrerbildung in Schwerin die Staatliche Abschlussprüfung ab und ist jetzt eine richtige Lehrerin mit Lehrbefähigung für die Unterstufe der allgemeinbildenden Schulen. Im September wird Edda geboren, und eigentlich könnte jetzt alles so schön sein, wie es sich die beiden immer erhofft hatten. Doch schon waren neue Gewitterwolken am Horizont aufgetaucht. Von je her werden unzählige Probleme, die bei jungen Paaren die Harmonie der trauten Zweisamkeit stören und zu Spannungen führen, von Eltern und Schwiegereltern verursacht, die meinen, ihre eigenen Erfahrungen seien tiefgreifend genug, um sie auch den jungen Leuten überstülpen zu müssen. Gutgemeinte Ratschläge, eine gewisse Rivalität gegenüber Schwiegertochter oder Schwiegersohn, zu häufige Anwesenheit machen es jungen Paaren oft schwer, ihren eigenen Weg zu finden, der auch eigene Fehler mit einschließt.

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Eberhard und Elisabeth Trampenau mit der kleinen Edda – 1955

In diesem Fall waren es Eberhards Eltern, die sich getrennt hatten. Während Minna bei ihrer Tochter Edula in Berlin lebte, war man übereingekommen, Vater Albert mit nach Quitzöbel in die Lehrerwohnung zu nehmen. Nun war Albert ein nicht ganz einfacher Mensch, so wie auch sein Leben nicht gerade einfach gewesen war. Geboren wurde er in Ostpreußen, und zwar als uneheliches Kind. Seine Mutter, die als Magd auf einem Gutshof arbeitete und sich mit dem Gutsherrn wohl mehr als gut verstand, behielt das Ergebnis dieses guten Verhältnisses, den kleinen Albert, nicht bei sich, sondern gab ihn in ein Heim, wohl weil es in der damaligen Zeit völlig unmöglich war, als ledige Mutter ein Kind großzuziehen. Albert prahlte später oft mit dem „blauen Blut“, das in seinen Adern fließe, vielleicht war es aber auch nur Zynismus, der von seiner nicht sehr glücklichen Kindheit ablenken sollte. Er war ein sehr kluger Mann, sehr belesen, ein Unikum, der die Leute oft mit Bauchreden verblüffte. Er hatte eine starke Abneigung gegen die Kirche und war nicht nur ziemlich neugierig, sondern oft auch streitsüchtig. Und so blieb es nicht aus, dass es nicht selten Zoff gab, vor allem zwischen ihm und Elisabeth.

In seinem grenzenlosen Wissensdurst inspizierte Albert regelmäßig nicht nur Schränke und Schübe, sondern auch den Mülleimer. Elisabeth war in ihrem Humor häufig nicht gerade zimperlich, und so machte sie sich einmal den Spaß, aus den Hinterlassenschaften in Eddas Windel kleine braune Kügelchen zu formen und gut sichtbar im Müll zu platzieren. Und wirklich, es hat geklappt, wenig später sah man Albert sich heftig und gründlich die Hände schrubben…

Eine ergreifende Liebesgeschichte – 4. Teil

5

Bitten um Verständnis

Am gleichen Tag erreichte die Familie ein Brief, in dem Elisabeth u.a. schrieb:

„Eberhard und ich haben an dem Tag, an dem Ihr diesen Brief bekommt, also am 4.6., geheiratet. Wir tun es deshalb so schnell, weil wir uns auf ein Kindchen freuen dürfen. Ich weiß nicht, ob es eine Entschuldigung dafür gibt, was ich Euch angetan habe! Das ist mein ganzer Kummer, denn ich habe Euch so lieb, dass es mir unsagbar weh tut, Euch so leiden zu sehen. Wenn Ihr könnt, verzeiht mir. Denkt bitte daran, dass auch Ihr, als Ihr liebtet, fest bei Eurem Entschluss bliebt. Über das, was geschehen ist, möchte ich nichts anderes sagen, als dass es aus Liebe geschehen ist. Ich habe lange darüber nachgedacht, konnte es aber nicht bereuen. Ihr wisst, dass ich es nicht ertragen würde, wenn Ihr nichts mehr von mir wissen wolltet. Ich brauche zu nötig Eure Liebe und Euer Verstehen.“

Glückliche Tage der Verliebten 1955 - Titel: Don Quichote auf Rosinante

Glückliche Tage der Verliebten 1955 – Titel: Don Quichote auf Rosinante

Auch Eberhard wendet sich an seine Schwiegermutter, unter anderem mit folgenden Zeilen: „Seit wir Gewissheit hatten, dass Elisabeth ein Kindchen haben würde, stand unser Entschluss fest, so schnell wie möglich zu heiraten. Sie werden das alles vielleicht nicht verstehen, Sie werden sehr böse auf mich sein und wer weiß was von mir denken, weil Sie mich zu wenig kennen. Ich verstehe das wohl. Die Zeit wird es beweisen, dass wir zueinander passen und glücklich sein werden.

Die kleine Edda mit Eltern 1955

Die kleine Edda mit Eltern 1955

In unseren Freudenbecher werden ein paar bittere Tropfen fallen. Wir wissen, dass Sie mit unserer Ehe nicht einverstanden sind. Aus diesem einfachen Grunde erhalten Sie so spät Nachricht von der bevorstehenden Trauung. Ich wünsche und hoffe nur das Eine: dass die Liebe des Mutterherzens in Ruhe und Besonnenheit die rechte Entscheidung fällt. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ein Mutterherz sich so verhärten kann. Wenn Sie mich auch nicht anerkennen, verschließen Sie Elisabeth nicht die Tür. Sollten Sie sich von uns abwenden, werden wir warten. Unsere Tür wird Ihnen stets geöffnet sein. Einmal werden Sie wieder gut sein, diesen Tag sehnen wir voller Hoffnung herbei.“

Diese eindringlichen Worte und Bitten um Vergebung haben scheinbar ihre Wirkung nicht ganz verfehlt. Schon bald findet im Haus von Elisabeths Mutter und ihrem Stiefvater Emanuel in Mellen ein kleines Fest statt, auf dem das jungvermählte Paar gefeiert und beglückwünscht wird. Gäste waren hier Eberhards Eltern, Minna und Albert, sowie Vera und Paul Rohra, ein befreundetes Ehepaar aus Mellen. Die Wogen haben sich zunächst geglättet und die Zukunft der beiden – und damit auch die unsrige – nimmt ihren Lauf.

 

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