German


Gerhard Kegler – ein militärischer und ziviler Held

Biographische Skizze
Beitrag von Dietrich Kegler

 

Die militärische Laufbahn meines Vaters ist hinreichend bekannt und verschiedentlich nachzulesen, nicht zuletzt im Internet, wo die Generale der Wehrmacht ausführlich vorgestellt werden. Bekannt wurde Generalmajor Kegler in Deutschland vor allem durch die Ereignisse am Ende des Krieges, als er in hoffnungsloser Situation die Stadt Landsberg (ehemals in der Neumark gelegen, heute polnisch) auf Befehl Himmlers verteidigen sollte, der sich die Befehlskompetenz der 9. Armee anmaßte, die eigentlich dem Kommandeur der Armee, General Busse, zustand. Wie man weiß, weigerte sich mein Vater, diesen unsinnigen Befehl auszuführen, wurde sofort zum Kriegsgericht nach Torgau bestellt und dort in einem Schnellverfahren zum Tod durch Erschießen verurteilt.

Generalleutnant Gerhard Kegler - Gutfelde 1944
Generalmajor Gerhard Kegler – Gutfelde 1944

Nur dem Untersuchungsrichter Freiherr von Dörnberg ist es zu verdanken, dass mein Vater überlebte. Er wurde zum Schützen degradiert und als einfacher Soldat wieder an die Ostfront geschickt, die sich bereits an der Oder befand. Dort, unweit von Frankfurt/Oder, wurde er verwundet und in einem langen und sehr beschwerlichen, immer wieder aus der Luft beschossenen Bahntransport nach Eutin in Schleswig-Holstein gebracht. Da hatte sich die ursprünglich kleine Wunde (ein Granatsplitter in der linken Schulter) derartig verschlechtert, dass der linke Arm abgenommen werden musste. Mein Vater blieb noch eine kurze Zeit der Rekonvaleszenz in Eutin und wurde dann aus englischer Gefangenschaft noch 1945 nach Gießen entlassen, wo unsere Familie im Jahre 1947 wieder zusammenfand.

Gerhard Kegler between his Daughter Helga and Brother Günther 1964
Gerhard Kegler zwischen Tochter Helga and Bruder Günther Kegler (1964)

Da die Bundesrepublik sich noch lange auf das von Himmler befohlene Urteil des Kriegsgerichts (Degradierung vom Generalmajor zum Schützen) berief und meinem Vater die ihm zustehende Pension verweigerte, bedurfte es erst einer großen Pressekampagne, um die Behörde zu bewegen, das Urteil aufzuheben, was schließlich durch den Bundespräsidenten geschah. Dann konnte mein Vater seine Pension erhalten.

Die große Pressekampagne zeitigte noch eine andere positive Folge. Freunde und Bekannte, die in den Wirren des Kriegsendes, durch Flucht, Ausbombung usw. überallhin verschlagen worden waren, wurden aufmerksam und nahmen Kontakt zu unseren Eltern auf. Ich erinnere mich an viele Besuche ehemaliger Freunde, Kameraden oder Untergebener meines Vaters. Und immer hörten wir großes Lob und große Anerkennung, wenn diese Menschen von den Ereignissen erzählten, die sie zusammen mit meinem Vater erlebt hatten.

Die tapfere und verantwortungsvolle Handlungsweise meines Vaters bei Landsberg ist nicht das einzige Ereignis dieser Art. Immer wieder wagte er, Vorgesetzte zu kritisieren, wenn sie unsinnige Befehle gaben. Dafür wurde er mitunter durch Versetzungen bestraft.

Umsichtiges Handeln in schwierigen Situationen berichtet auch schon die Regimentsgeschichte des Westpreußischen Infanterieregiments 149, dem mein Vater im Ersten Weltkrieg angehörte. Eine dieser Aktionen war die nächtliche Aushebung eines französischen Doppelpostens bei Reims in der Champagne, die dem Regiment wertvolle Informationen lieferte und, wie ausdrücklich betont wird, größere Verluste ersparte. Mein Vater hat uns auf einer Frankreichreise in den sechziger Jahren die Stelle gezeigt, wo er mit ein paar freiwilligen Leuten die Franzosen nachts überraschte, gefangen nahm und hinter die deutschen Linien brachte, wo man sie verhören konnte.

Soweit der militärische Teil im Leben meines Vaters. Aber das Leben ging ja nach dem überstandenen Krieg in Gießen weiter und gewährte meinen Eltern nach der ersten harten und entbehrungsreichen Zeit auch noch schöne Jahre.

Unsere Mutter hatte ebenfalls seit Kriegsbeginn Schweres durchgemacht. Aus München, wo das Leben durch die Luftangriffe immer unsicherer wurde, zog sie mit uns Kindern in den Warthegau. Von dort musste sie sich mit Jutta und mir wie Millionen anderer Menschen auf die wochenlange winterliche Flucht begeben. Wir fuhren zunächst in einem Planwagen mit polnischem Kutscher durch das winterliche Westpreußen, bis der Pole irgendwo in Pommern umkehrte. Ein Offizier nahm uns mit seinem Fahrzeugkonvoi bis nach Berlin mit, von dort ging es in überfüllten Zügen nach Dresden zu meiner Großmutter. Helga und Nati waren vorher schon nach Augustusburg (bei Chemnitz) gebracht worden. Bevor wir aber dort sein konnten, erlebten wir die drei verheerenden Bombenangriffe, an die ich mich lebhaft erinnere.

Im Sommer 1947 verließen wir die sowjetische Besatzungszone und gingen bei Philippstal an der Werra schwarz über die grüne Grenze, wobei uns die ortskundige Tante Lucie half. Unsere Familie fand nun in Gießen wieder zusammen. Wir wohnten zunächst in zwei Zimmern der Bergschenke, einem Hotel und Restaurant, das ursprünglich zum Kruppschen Bergbaubetrieb gehörte. Vater hatte in der Bergschenke eine vorläufige Bleibe gefunden und die Aufgabe eines Hausmeisters und Betreuers der dort wohnenden Studenten übernommen. Diese Studenten waren zumeist bereits Kriegsteilnehmer gewesen und studierten an der Universität Gießen Tiermedizin. Als Familie Stolcke, Onkel Werner, Tante Anni und ihre drei Kinder, nach Argentinien auswanderte, konnten wir aus der Bergschenke in die relativ komfortable „Baracke“ auf dem Bergschenkengelände umziehen, die sie bewohnt hatten.

Die Lebenssituation war in dieser Zeit zwischen Kriegsende und Währungsreform (1948) bekanntlich äußerst prekär. Als Vater uns in jenem Sommer 1947 in Gießen erwartete, sammelte er in einer ehemaligen Munitionskiste eine Menge von Lebensmitteln, die er sich vom Mund abgespart hatte, um seiner Familie einen guten Empfang zu bereiten. Das ist eine Tatsache, die ich selbst nicht bezeugen kann, Helga mir aber erzählte.

Besser wurde die Situation erst, als Vater die Stelle eines Stadtjugendpflegers der Stadt Gießen übernehmen konnte. In dieser Zeit, Anfang der fünfziger Jahre, erfolgte auch seine Rehabilitierung, wodurch sich unsere Lebenssituation entscheidend verbesserte.

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Gerhard Kegler zwischen Bruder Günther und Sohn Dietrich (1969)

Das Leben mit der Einarmigkeit verlangt sehr viel Geduld und Geschicklichkeit. Durch Geduld zeichnete sich unser Vater gewiss nicht aus, aber er war sehr geschickt bei allen Verrichtungen, wozu ein Mensch normalerweise beide Arme braucht. Und der Stolz über die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit, die Vater sich trotz der Einarmigkeit erworben hatte, kam zum Beispiel in einem Reim zum Ausdruck, den Helga und Nati zum 50. Geburtstag unseres Vaters in einem Gratulationsgedicht formulierten. Sie legten ihrem Vater folgende Worte in den Mund, die er sicherlich in „Prosa“ geäußert hatte: „Was ich mit einer Hand kann richten, macht Ihr mit zweien stets zunichten.“ Vater brauchte nur zu wenigen Handlungen im Alltag Hilfe, so etwa zum Schnüren der Schuhe. Aber Rasieren, Schlips binden, Schreibarbeiten usw. erledigte er ohne Hilfe, auch Autofahren in Fahrzeugen, die dafür nicht besonders präpariert waren. In den Wagen mit Schaltgetriebe, die er zuerst fuhr, musste er zum Schalten das Steuer loslassen. Er fuhr sicher, aber ich erinnere mich, dass mir als Mitfahrer immer etwas mulmig wurde, wenn er schaltete.

In der einsam am Waldrand gelegenen Baracke hatte der General natürlich auch an mögliche Einbrecher gedacht. Die Fenster waren sehr niedrig und stellten kein Hindernis für kriminelle Besucher dar. Vater hatte einen kurzen dicken Knüppel an seinem Bett und sagte mir, als wir uns einmal über die “militärische Lage“ der Baracke unterhielten, dass er hart zuschlagen würde, wenn ein Bursche es wagen sollte, einzusteigen.

Und als Held zeigte sich unser Vater später wieder einmal, als die Eltern in Leihgestern (Am Hasenpfad) wohnten. In einer Sommernacht schlief er allein in seinem Zimmer im ersten Stock. Die Balkontür stand offen, es war eine warme Nacht. Vater wird durch ein Geräusch geweckt und sieht von seinem Lager aus, wie sich ein Einbrecher, der über den Balkon in das Zimmer gekommen war, am Kleiderständer an der Jackentasche des schlafenden Generals zu schaffen macht und sie untersucht. Vater erkennt sie Situation sofort und brüllt ihn noch im Bett liegend an, worauf der Dieb sofort das Weite sucht. Die Reaktion unseres Vaters ist erstaunlich und bewundernswert, denn aus dem Schlaf direkt zum Angriff überzugehen, erfordert Mut, und in schlaftrunkenem Zustand ist man normalerweise moralisch nicht gerade stark.

Die Krankheit, die ihn dann im Jahre 1986 auf das Krankenbett warf, hat er tapfer ertragen. In dieser Zeit war auch unsere Mutter kränklich und pflegebedürftig. Unsere Eltern waren nun auf Hilfe angewiesen, die ihnen vor allem Helga treu und fürsorglich zukommen ließ. Mittlerweile lebten sie in einem kleinen Haus am Alten Friedhof in Gießen.

Der ältere Bruder meines Vaters, Onkel Günter, mein Patenonkel, war schon im Januar desselben Jahres verstorben, und Vater hat ihn noch bis zum Juli 1986 überlebt. Vaters langjähriger Freund, Horst Schubring, ebenfalls Hinterpommer, den er in den ersten schweren Gießener Jahren zufällig kennengelernt hatte – damals Gemeindepfarrer in Wieseck, dann Propst von Oberhessen – begleitete unseren Vater auf dem letzten Gang. Sein Grab, das einige Jahre später auch unsere Mutter und in jüngster Zeit unsere Schwester Renate aufnahm, liegt auf dem Neuen Friedhof in Gießen.

Ein tapferer Mann, dessen Leben im Pfarrhaus von Hinterpommern begonnen hatte, der in den Kadettencorps von Plön und Berlin seine Erziehung zum Offizier erhalten und zwei Kriege und große Belastungen durchlitten hatte und der nach allen Katastrophen noch viele friedliche und gute Jahre erleben durfte, war an sein Ende gekommen.

 

Dormagen (Gohr) im September 2016

  Dietrich Kegler

 

Sein letzter Besuch

Beitrag von Norbert Werner

Nach einer Begebenheit „Weihnachtszeit 1942“, gewidmet von Elsbeth Panknin an Paul Werner.

                                                                   Gotha, im Jahre 1943

Sternenklar war der Abend, und pfeifend strich der Wind um die Ecken. Hart klang jeder Schritt, und wenn es nicht so bitter kalt gewesen wäre, so hätte man Lust verspürt, stundenlang spazieren zu gehen, den Blick nach oben, um die Millionen von Sternen zu bewundern. Man kann sich an ihnen einfach nicht satt sehen, so wie man immer und immer wieder ein schönes Bild betrachten muss.

Elsbeth Panknin
Elsbeth Panknin

Das Mädchen ging raschen Schrittes und trug unter dem Arm ein kleines Päckchen. Flüchtig war das weisse Papier um die weihnachtliche Hülle gelegt, und der Wind zerrte daran, als ob er damit spielen wollte. Nachher wird sie das Papier zerknüllen und rasch in die Manteltasche schieben, als sei es nie dagewesen. Dann wird nur die hübsche Packung zu sehen sein. Gewiss wird er sich sehr freuen, und überhaupt sprachlos wird er sein, wenn sie ihn so unerwartet am Theater erwartet …

Das Bim-Bim der Trambahn riss die Gedanken des Mädchens auseinander. Nur im Eiltempo erreichte sie noch die Strassenbahn.- Es war noch sehr früh. „Ich werde einige Stationen weiter fahren, gehe dann langsam zurück, damit ich nicht so lange warten muss.“ So dachte das Mädchen und betrachtete die Fahrgäste, nur um etwas zu tun. Sicher wollten einige zum Bahnhof. Wer fährt sonst um diese Zeit in die Stadt? Das junge Mädchen dort hat sicher Nachtwache, und der Herr dort mit den Blumen will noch mit grosser Verspätung einer Einladung Folge leisten. Alles schaut langweilig und trübe. Es ist doch seltsam, dass man in der Strassenbahn immer dieselben gleichgültigen Gesichter sieht. Nur die Soldaten draussen sind lustig. Sie stehen bei der Schaffnerin und werfen Scherzworte hin, und schlagfertig werden sie zurückgegeben.

„Hindenburgstrasse“. „Ach, da steige ich aus, bis zum Bahnhof ist es doch ein wenig weit.“

Draussen umfing sie starre Dunkelheit, und einen Moment musste sie ruhig stehen bleiben, um sich daran zu gewöhnen. Dann schien es ihr wunderbar hell, und mit leichten unruhigen Schritten ging sie ein Stück des Weges wieder zurück. Im Geiste malte sie sich die Überraschung aus, wenn er sie so unerwartet unten in der Theaterhalle sehen würde. Draussen würde er rasch ihren Arm nehmen mit der ihm eigentümlichen Gebärde, und mit sprudelnden Worten wollte sie ihm den Grund sagen, der sie dazu bewogen hat, ihn abzuholen, und nicht wie verabredet zu Hause seinen Abschiedsbesuch abzuwarten. Dabei würden sie mit Bummelschritten heimwärts gehen. Sie würden sich irgendwie unterhalten über das Theater oder sonstwas, es wäre auch ganz belanglos. Auf jeden Fall würde sie sich die vielen Sterne betrachten und an etwas ganz Schönes denken. Er müsste das eben auch tun. So wäre es schön, und sein letzter Urlaubstag mit ihr fände dann einen romantischen Abschluss, wo sie sowieso die ganze Woche keine Zeit gehabt hatte.

Ja, und dann wären sie auf einmal schon zu Hause gewesen. Sie würde fragen, ob er nicht noch auf einen Sprung mit hereinkommen wolle, ihren Eltern Lebewohl zu sagen. Bestimmt würde er dankend ablehnen, es sei schon sehr spät. Vielleicht hätten sie noch eine Weile vor der Tür gestanden, dann hätte sie ihm zum Abschied rasch mit wenigen erklärenden Worten das Päckchen in die Hand gedrückt, und lachend hätte sie ihm dann ihre Hand entzogen, wäre raschen Schrittes ins Haus geeilt.. So malte sich das Mädchen alles aus.

Die Vorhalle im Theater war nur schwach beleuchtet. Einige Leute standen wartend in den Nischen. Sie warten genauso wie ich, dachte das Mädchen und fühlte eine innere Befriedigung dabei, dass sie nicht alleine war. Die Zeit verging sehr langsam. Manchmal kamen neue Leute hinzu. Eine Frau lief mit immer gleichmässigen Schritten auf und ab. Es klang furchtbar monoton. Einige Jünglinge unterhielten sich auffällig, leise dabei lachend. Sicher waren es Tanzstundenjünglinge und warteten hier auf ihre Damen. Jetzt tauschten sie wahrscheinlich Erlebnisse aus und machten sich über diese oder jene lustig. Es ist doch immer das Gleiche. Schon lange ist der Uhrzeiger auf 21 Uhr gewesen. Da sollte das Stück beendet sein. Aber die Logenschliesser machen noch nicht die geringsten Andeutungen. Gähnend stehen sie vielmehr bei den Garderobenfrauen und horchen manchmal gespannt auf das ersehnte Schlusswort. Unten in der Halle geht die Frau noch immer auf und ab, auf und ab. Ach, das Warten macht furchtbar müde. Es wird übrigens gar nicht so einfach sein, nachher die Menschenmassen zu überblicken, wenn sie alle den Ausgängen zuströmen. Man müsste statt zwei Augen vier haben, um gleichzeitig alle Ausgänge überblicken zu können. Das Mädchen dachte darüber nach, wo es wohl am günstigste sei, sich hinzustellen. Entweder gleich oben bei den Garderoben oder unten in der Mitte zwischen den Ausgängen.

Während sie noch hin und her überlegte, wurden oben die Türen geöffnet. Lautes Beifallklatschen ertönte und erreichte auch die Wartenden unten in der Halle. In die starren Gesichter kam Leben. Die Jünglinge hörten auf zu schwatzen, und auch die Frau stand jetzt still. Das Mädchen lief nach oben zu den Garderoben. Nur einzelne Menschen kamen jetzt. Es waren die Ersten, die gleich beim ersten Herablassen des Vorhanges sich von ihren Plätzen erheben und hinausstürzen. Nun kommen schon mehr, man kann sie bald nicht mehr überblicken, es ist der grosse Schwung. Das Mädchen wird unruhig. So geht das nicht, dachte es, ich stelle mich doch besser unten bei den Ausgängen hin.

Lärmend drängen sich die Leute den Ausgängen zu. Auch viel Militär ist darunter. Ob er Uniform oder Zivil trägt, überlegte das Mädchen verzweifelt. Man kann aber auch schier gar nichts erkennen bei der mangelhaften Beleuchtung. Wäre man doch wenigstens etwas grösser, ach es ist schrecklich. Angestrengt springen die Augen von einem zum andern. Alles geht so furchtbar rasch. Nun kommen schon die Letzten, die Bummler, und noch immer nicht hatte sie ihn entdeckt.

Leise schliesst sie die Haustür auf und legt fast mechanisch ihren Mantel und Hut an der Flurgarderobe ab. Der Besuch war nicht gekommen. Na, ist ja auch jetzt gleichgültig. Einfach sagt sie zu der Mutter: „Ich habe ihn nicht getroffen, es waren der Menschen zu viele.“

Verlassen liegt das Weihnachtspäckchen in der Küche. Es vergehen Minuten, eine halbe Stunde, und niemand kommt. Die Standuhr schlägt die volle Stunde aus. Still bei sich denkt das Mädchen: „Er hat doch noch ein Mädel nach Hause begleitet, sonst müsste er schon längst hier sein. Wie konnte ich nur einen Augenblick seine Natur verkennen.“ Laut sagt sie zu der Mutter: „Er wird nicht mehr kommen. Ich werde zu Bett gehen.“ Sie erhob sich, um Gute Nacht zu wünschen. In dem Augenblick klingelt es. Also kam er doch noch.

Freundlich, als hätte sie ihn so nebenbei erwartet, empfing das Mädchen ihn an der Haustür. Er legte trotz seinem Widerstreben an der Garderobe Mantel und Mütze ab. Dann trank man mit den Eltern noch ein Gläschen Wein zusammen, unterhielt sich dabei zwanglos, fragte nach dem Schauspiel, ob es gefallen hätte und bedauerte, dass der Urlaub schon zu Ende sei. Dann verabschiedete man sich, wünschte ein frohes Weihnachtsfest da draussen im Bunker, alles Gute für das neue Jahr, hoffte dabei auf baldigen Frieden und wünschte zum Schluss noch eine gute Reise. Das Mädchen half ihm draussen in den Mantel, probierte lachend seine Mütze auf und drückte ihm zum Abschied das Päckchen in die Hand. Seine Überraschung und Freude waren wirklich echt. „Du schreibst mir aber auch“, waren seine letzten Worte, die schon im Dunkel der Nacht verhallten, und dann klangen auch seine Schritte immer ferner.

Paul Werner
Paul Werner

Und noch stand das Mädchen und versuchte, sich voll Verständnis in die Psyche des jungen Soldaten hineinzudenken.

Nachsatz

Mein Vater war ab 1940 beim Militär. Nach der Rekrutenzeit kam er 1941 zur Feldeinheit nach Frankreich an die Kanalküste und die Normandie. Im Juni 1944 geriet er bei der Invasion in Gefangenschaft. Von Frankreich ging es über England nach Boston/USA. Die Gefangenschaft verbrachte er vorwiegend im „Camp Perry/Ohio“. Die Rückführung nach Frankreich/Le Havre erfolgte 1946. In französischer Gefangenschaft war er bis Dez. 1947. 1948 heiratet er Elsbeth Panknin.

Sein Kriegstagebuch endet mit den Worten:

„Jetzt gilt es, meine ganze Kraft für den Aufbau des zerstörten Vaterlandes einzusetzen!“

Anke Schubert schreibt über ihre Eltern

Eberhard Trampenau und Elisabeth Kegler

Familienzweig Kegler – Karte II a – III

Rühstädt, Quitzöbel 1953

Es war einmal – so beginnt auch dieses Märchen von einer großen Liebe, die 27 Jahre später nach vielen Höhen und Tiefen erloschen sein sollte – eine junge Lehrerin. Das war Elisabeth, die später unsere Mutter werden sollte. Sie zählte 20 Lenze und war ein sehr hübsches Mädchen. Eigentlich hatte sie ihre Lehrerausbildung noch gar nicht abgeschlossen, weil ihre lebensbejahende und offene Art es mit sich brachte, dass der Weg zum Ziel so manches Mal durch Umwege verlängert wurde. Nach ihrem Abitur hatte Elisabeth angefangen, in Potsdam Pädagogik und Deutsch zu studieren. Doch schon nach einem Jahr entschied sie sich, das Studium abzubrechen, denn eine unglückliche Liebe ließ es ihr unmöglich erscheinen, weiter in Potsdam zu bleiben.

View of the rebuilt Potsdam City Palace at night - Photo Credit: wikipedia.org
View of the rebuilt Potsdam City Palace at night – Photo Credit: wikipedia.org

Dieses Hindernis auf dem geradlinigen Weg zum Erreichen des Berufszieles hörte auf den Namen Jochen. Er war das, was man gemeinhin einen Herzensbrecher nennt, sah gut aus, war bei allen beliebt und hatte schließlich sein Interesse Elisabeth zugewandt, die ihr Glück zunächst gar nicht fassen konnte. Man traf sich häufiger, ging zusammen aus und Elisabeth war überaus zufrieden. Der junge Mann, immerhin schon 22-jährig, wollte sich aber schon nach kurzer Zeit nicht nur mit Händchenhalten und Abschiedsküsschen abfinden. So inszenierte er die perfekte Verführungssituation – eine Flasche Wein, Kerzenschein und leise Musik. Elisabeth fand das zwar wunderschön und sehr rührend, war aber trotzdem noch nicht zu dem bereit, was er sich erhoffte. Sie bat um Jochens Verständnis und um mehr Zeit. Beides war er aber nicht zu geben bereit. Verletzte männliche Eitelkeit und Egoismus ließen ihn vom feurigen Verführer zum beleidigten Macho werden, und um ihr zu beweisen, dass er keineswegs auf sie angewiesen war, tauchte er alsbald mit einer anderen Dame an seiner Seite in Potsdams Straßen auf. Elisabeth war darüber sehr unglücklich. Sie meinte, es nicht ertragen zu können, ihn und seine jeweiligen Bekanntschaften noch jahrelang sehen zu müssen und brach kurzerhand das Studium ab.

City Hall and Church at Perleberg - Photo Credit: wikipedia.org
City Hall and Church at Perleberg – Photo Credit: wikipedia.org

Das war damals wohl nicht ganz so tragisch – gemeint ist natürlich der Abbruch des Studiums, nicht dessen Ursache -, denn es gab für sie wie für viele andere junge Leute die Möglichkeit, schon als Lehrerin zu arbeiten und sich nebenbei durch Weiterbildungen auf die erste und später auf die zweite Lehrerprüfungen vorzubereiten. Also reiste Elisabeth von Potsdam nach Perleberg und ging zusammen mit einer Freundin zum Schulamt, um sich um eine Lehrerstelle zu bewerben. Der Schulrat hörte sich ihre Geschichte an, hatte ein gewisses Verständnis für ihre Situation und bot ihr an, nach Quitzöbel zu gehen, dort an der Schule ihre praktische Ausbildung zu vollenden und ein Jahr später, im Juli 1954, ihre staatliche Abschlussprüfung abzulegen. Elisabeth war überglücklich, als sie das Schulamt verließ. Nun sollte doch noch alles gut werden, und sie konnte ihr Berufsziel verwirklichen.

hurch of Legde_Quitzöbel - Photo Credit: wikipedia.org
Village Church of Legde-Quitzöbel – – – Photo Credit: wikipedia.org

Als ansonsten meist folgsame Tochter hatte sie es in diesem Fall aber leider versäumt, ihre Familie über diese nicht unwesentliche Abänderung ihres beruflichen Entwicklungsweges zu informieren. Just an diesem Tag hatte nun ihre Mutter Johanna, die ja auch Lehrerin war, dringende Erledigungen beim Schulamt zu machen und traf dort ihre Tochter, die gerade glücklich in Richtung ihres neuen Wirkungskreises aufbrechen wollte. Von Mutter Johanna zur Rede gestellt, beichtete Elisabeth alles. Johanna war äußerst aufgebracht und forderte, alles wieder rückgängig zu machen und nach Potsdam zurückzukehren, aber Elisabeth ließ sich nicht dazu überreden und fing ungeachtet des Protestes ihrer Mutter ihr neues Leben in Quitzöbel an.

„Zum Verlieben, nur nicht mehr zum Kriegen“

Schloss in Birkholz - Foto: gemeinde-karstaedt.de
Schloss in Birkholz – Foto: gemeinde-karstaedt.de

Nun gab es an dieser Schule in Quitzöbel einen Schulleiter, dessen Name Eberhard Trampenau war, und der zu diesem Zeitpunkt als 28-Jähriger schon ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich hatte. Er stammte aus Dallmin bei Karstädt, wo er zusammen mit drei Brüdern und zwei Schwestern auf einem Gutshof aufwuchs. Sein Vater war dort herrschaftlicher Kutscher, seine Mutter arbeitete auch auf dem Gut. Die Eltern hatten es nicht leicht, ihre sechs Kinder durchzubringen. Mutter Minna war gezwungen, bei der Arbeit auf dem Gut immer mal wieder ein paar Kartoffeln oder Rüben mitgehen zu lassen, um die vielen hungrigen Mäuler zu Hause zu stopfen. Vater Albert war überzeugter Atheist, was in jener Zeit, der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ziemlich ungewöhnlich und dem Ruf der Familie im Dorf nicht gerade förderlich war. Es entsprach dem damaligen Zeitgeist, dass Pfarrer, Lehrer und Gutsbesitzer in einem Dorf bestimmten, was „rechtens“ war. Auch Eberhard hatte das als Jugendlicher zu spüren bekommen, denn als er konfirmiert werden wollte, war der Pfarrer der Meinung, dass er nicht die „richtigen“ Sachen anhabe und ließ ihn aus diesem Grund nicht zur Konfirmation zu. Es ist verständlich, dass Eberhards Einstellung zur Kirche zeit seines Lebens nicht nur ablehnend, sondern auch von Wut und Intoleranz gekennzeichnet war. Sein Werdegang als Jugendlicher und junger Mann war durch die Verhältnisse der dreißiger Jahre und der Kriegszeit vorprogrammiert: Hitlerjugend, Arbeitsdienst, Unteroffiziersschule, Kandidat der Offiziersschule. Mit 18 Jahren musste er in den Krieg ziehen, wurde dort bald verwundet und verlor zwei Finger. Gleich nach dem Krieg nahm er an einem „Neulehrerlehrgang“ teil (der kurioserweise wahrscheinlich im Gutshaus in Dallmin stattfand), das heißt, er wurde in relativ kurzer Zeit zum Lehrer ausgebildet, an denen damals großer Mangel herrschte. Sie waren entweder im Krieg gefallen oder aufgrund ihrer politischen Vergangenheit für diesen Beruf nicht mehr tragbar.

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Jedenfalls hatte es Eberhard in dem Jahr, als Elisabeth an seine Schule kam, bereits zum Schulleiter gebracht. Auch war er bereits verheiratet und hatte eine Tochter, wobei Gerüchte über lautstarke Auseinandersetzungen und durch die Luft fliegende (volle!) Windeln darauf hinwiesen, dass diese Ehe nicht gerade glücklich verlief.

Elisabeth 1955
Elisabeth 1955

Kaum hatte Elisabeth ihre Arbeit an der Schule in Quitzöbel begonnen, verliebte sie sich Hals über Kopf in ihren Schulleiter. In ihrem Tagebuch – das ich 20 Jahre später lesen durfte und das mich zu Tränen rührte, und das dann irgendwann unverzeihlicher Weise und zu meinem großen Bedauern nach einem heftigen Ehestreit in den Heizkessel flog – schwärmte sie immer wieder davon, wie nett und gutaussehend und klug er sei. An die Worte „Zum Verlieben, nur nicht mehr zum Kriegen“ kann ich mich noch genau erinnern. Wie das Leben so spielt, war auch Eberhard recht angetan von ihr, und es kam, wie es kommen musste: sie gaben ihren Gefühlen nach und beschworen damit für sich und natürlich auch für ihre Familien eine schwere Zeit herauf. Viele Kollegen verurteilten sie, Elisabeths Mutter und Großmutter versuchten hektisch, sie zu bekehren, Eberhards Frau war unglücklich, aber sie konnten nicht voneinander lassen. War es Unrecht? Ich bin da nicht ganz objektiv, denn wären die beiden „vernünftig“ geblieben, würde es mich und meine Geschwister nicht geben, und das fände ich ganz schön traurig. Also mag das jeder selbst beurteilen, und wer darüber den Stab bricht, hat entweder noch nie geliebt oder war bei Eintritt seiner eigenen großen Liebe in der glücklichen Lage, gerade frei und ungebunden zu sein.

Walter Panknin

Guest Post by Gertrud’s Nephew Norbert Werner

Reifferscheid Family Tree – Chart III – III & IV
A very critical view of the US condensed from letters written in the late 1980’s
Photos  from Walter Panknin’s New York Album 1988

Blog Contribution in German by Norbert Werner

Walter NY 3

Vorwort: In einem früheren Beitrag schrieb ich über meine Erlebnisse anlässlich meiner ersten „Westreise“ mit meinem Onkel Walter nach Kanada. Kurz nach unserer Rückkehr übernahm Walter 1987 in New York die Vertretung seiner Firma für die USA und lebte hier längere Zeit. In dieser Zeit entwickelte sich ein intensiver Schriftverkehr. Ich hatte den Eindruck, dass er seine Erlebnisse, Gedanken, Gefühle … jemanden mitteilen wollte. Dazu kam in den Jahren 88/89 die Zeit des Umbruchs in der DDR mit vielen neuen Erfahrungen für uns. Auch ich suchte jemanden, den ich mal fragen konnte über so viele (heute) alltägliche Dinge. Diesen Schriftverkehr habe ich über die Jahre aufbewahrt, aber leider nur die Briefe von Walter an uns (und vielleicht auch an Biene, …). Ich möchte aus diesen einige Passagen zitieren, die ich für bemerkenswert halte. Einiges erscheint aus heutiger Sicht vielleicht merkwürdig, aber sie wurden vor fast 30 Jahren geschrieben und spiegeln die Ereignisse dieser Zeit wieder.

Walter NY 1

  1. Dezember 1987 – 22 Uhr

Mein lieber N.,

– der lange Brief an Euch ist geschrieben

– meine Vorbereitungen für das morgige meeting habe ich abgeschlossen,

– und nun dachte ich, sei es Zeit, Euch zu verraten, warum ich Euch so oft schreibe.

Der Grund ist einfach und nur demjenigen verständlich, der je in den USA gelebt hat.

Als ich am 27. September hier ankam dachte ich mir, es sei vielleicht interessant, ein Tagebuch zu führen. Also kaufte ich mir am 1. Tag bei Woolworth ein Tagebuch. Ich füllte die ersten 5 Seiten aus und dann stellte ich fest – wenn ich umblättere-, dann lösen sich die vorhergehenden Seiten auf. Die Qualität des Heftes war einfach zu schlecht.

Danach habe ich versucht, auf der

   * weltberühmten 5th avenue,

    * dem welt- welt- berühmten Broadway,

   * dem super, super, super technical buisiness supply service ein kleines Heft zu finden,

welches ordentlich gebunden- nicht nur geklebt ist, welches einfach weiße Seiten hat- vielleicht einen hübschen Umschlag-, welches sich nicht von alleine auflöst, wenn man mehr als 6 Seiten umblättert.- Ich habe es bisher nicht gefunden.

Es sollte ein Tagebuch werden, doch es kam nie zustande. Es wurden nur lose Blätter an Euch – die Briefe.

Walter NY 2

  1. Februar 1988

Meine lieben Grimmaer,

obwohl ich gar nicht sicher bin, ob ich meinen letzten Brief an Euch bereits abgeschickt habe, möchte ich doch noch schnell ein paar Zeilen an den „ruhenden Pol“ schreiben.

Nun gut, letzten Dienstag war ich nach Washington geflogen … Danach 3 aufreibende Tage in der Firma. Sie waren deprimierend.

Leute, die 10,20,30 Jahre tätig waren, werden von einer Woche zur nächsten entlassen, sie stehen praktisch auf der Straße,- wenn sie nicht selbst vorgesorgt haben. Es erschüttert mich sehr, dies mit anzusehen. Mit jedem Tag wird man ein Jahr älter…

Morgen werde ich nach Portland fliegen. P. ist nicht New York. P. verhält sich zu N.Y. wie Grimma zu Moskau. Die Leute dort sind anders, die Einstellung, die Atmosphäre. Ich mag die Leute sehr gerne und ich hoffe, sie im Vertrauen auf die St.-Technik bestärken zu können.

Manchmal habe ich das Gefühl, als wenn ich hier wie in „Trance“ lebe. Und ich habe das Gefühl, das es den anderen ebenso geht, es kann nicht anders sein, denn die täglichen, stündlichen, minütlichen Änderungen versetzten einen in Hypnose.

        * Sicher nicht jeden, wenn sein Tagesablauf geregelt ist,

     * Sicher aber so manchen, der wie ich den ständigen Wechseln ausgesetzt ist.

Und das Erstaunliche ist – ich habe es beim letzten Aufenthalt in Gummersbach gemerkt-, man beginnt sich daran zu gewöhnen, man beginnt es vielleicht zu lieben, obwohl man es beinahe „hasst“.

Was ich so schreibe, klingt wie in einem Kitschroman: Die große „Hassliebe“ auf N.Y., doch irgendwie spiegelt es zumindest die augenblickliche Wahrheit wieder.

Eigentlich wollte ich ein weiteres Kapitel über die Kontraste in N.Y. schreiben. Davon gibt es so viele- und sie berühren einen so stark.

Stattdessen lasst mich kurz erzählen, was ich vorgestern gekauft habe für 179 $. Es ist ein Telefon mit allen Schikanen.

      * 10 Nummern kann ich speichern und auf Klopfdruck auswählen,

     * Ich kann einen Anrufbeantworter einschalten, der alles aufnimmt, was während meiner Abwesenheit ankommt,

     * Ich kann beliebige Nachrichten hinterlassen,

     * Ich kann auf eine andere Leitung, z.B. Büro umschalten,

     * Ich kann auf Tastendruck eine belegte Nummer neu anwählen,

    * Zusätzlich kann ich all dies von einem externen Telefon aus erledigen, also

     * hören, was jemand hier ausgerichtet hat,

     * ändern, was ich per Band sagen will etc.

Ein Wunderwerk der Technik, aber zugleich eine Selbstverständlichkeit für alle, die hier leben, ein Kontrast in N.Y. Innerhalb von zwei Minuten habe ich den Flug für morgen reserviert, bestellt, bezahlt- per Telefon. Ein Sprung ins Nachbargebäude, und ich habe mein Ticket. Doch es dauerte 2 ½ Wochen, bis ich 4 Pakete mit Büchern durch den Zoll bekommen habe. Ich musste 5 Formulare (fünf!) ausfüllen, eine Spedition einschalten (162 $) und xxx Anrufe tätigen. Formalismus wie in …

Walter NY4051

Great Neck, 5. Mai 1988, 20.15 Uhr

Obwohl das Telefonnetz in den USA wahrscheinlich das beste der Welt ist, so leidet es doch an einigen Besonderheiten…Man kann innerhalb einer Stunde

     * 5x im Sekretariat anrufen und

     * 5x wird man nach dem Namen gefragt,

     * 5x wird man nach der Firma gefragt,

     * 5x wird man gebeten, die Telefonnummer anzugeben.

Die Frage ist: Warum? Nun, sie ist einfach zu beantworten. In den sogenannten Sekretariaten sitzen Mädchen, die wahrscheinlich nur die vorigen drei Fragen stellen können, mehr haben sie nie gelernt. Es sind schlecht bezahlte Stellen, meist werden sie von Schwarzen besetzt. Ja, das ist N.Y., das ist USA. Die Mädchen im Sekretariat sind komplett überfordert, wenn man ihnen eine Frage stellt, die mehr als 5 Worte umfasst. Wenn man auf die Frage „Dürfen wir zurückrufen?“ mit NEIN antwortet, so bricht für sie eine Welt zusammen, sie wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Also lässt man es besser und wartet auf einen Rückruf…

Als ich vor 2-3 Jahren mit einem China-Projekt befasst war, nahm ich an einem Seminar teil, in dem uns ein wenig die chinesische Philosophie, Haltung, Verhandlungsweise nahegebracht wurde. Jedem schien es selbstverständlich, dass ein solches mehrtägiges Seminar sinnvoll war. Nie würde jedoch jemand auf die Idee kommen, ein solches Seminar für Kontakte in den USA zu veranstalten. Meiner Meinung nach sind die Unterschiede zwischen den USA und Europa wesentlich größer als vielleicht zwischen China und Europa. Die große Gefahr lieg darin, dass man die Unterschiede nicht sofort bemerkt und – sobald man die andere Philosophie kennengelernt hat-, man sich zu schnell daran gewöhnt, und vielleicht akzeptiert.

Es muss einmal gesagt werden, doch es ist wahr: Die USA sind bezüglich Rassenfragen und Nationalismus mit Sicherheit schärfer, drastischer (oft unterschwellig) eingestellt, als es vielleicht je in Deutschland der Fall war. Hier sind es nicht die Juden, die diskriminiert werden. Die Juden –gerade in N.Y.- haben eine Vormachtstellung. Nein, es sind die, – wie man es vornehm umschreibt-, die Minorities, die Minderheiten…

N.Y. wird in der Werbung allgemein „The big Apple“ genannt, von dem jeder ein Stück abbeißen möchte. Man kommt nach N.Y., um „to make money“, nicht, um Geld zu verdienen nein Geld zu machen! Dies ist ein wichtiger Unterschied. Man versucht „Geld zu machen“, nicht durch eigenes Schaffen, Intelligenz, Wissen, sondern durch Ausnutzung der anderen, der Unwissenheit, der Unsicherheit, der Schwierigkeiten anderer, anderer einzelner Personen, Firmen, Konzerne. Man macht 10 $ Gewinn, indem man einen ahnungslosen Taxigast übers Ohr haut …Jemanden, z.B. eine Firma, halbwegs legal um 10.000.000 $ betrogen zu haben, ist eine stolze Leistung! Man lässt sich öffentlich dafür feiern und beglückwünschen.

Es ist eine andere Mentalität, doch es gibt – gottseidank- auch noch andere Amerikaner.

Mit Sicherheit ist das wieder nur eine der vielen, vielen Facetten, die der große Kristall N.Y. hat. Diesmal habe ich einen Blick auf die dunklen Stellen dieses glitzernden Steins geworfen. Aber es gibt auch die schönen Seiten, die guten Stellen, nur, diese nimmt man vielleicht eher selbstverständlich zur Kenntnis, freut sich darüber und vergisst, darüber zu berichten.

Walter NY4052

Great Neck, 19. Mai 1988

Meine Lieben,

Vergangenes Wochenende lernte ich einen Piloten kennen, der über 20 Jahre lang eine große Passagiermaschine geflogen hat, die Boing 727. Er hat ein schönes großes Haus, eine toll eingerichtete Werkstatt und mit Stolz führte er mir seine letzte Errungenschaft vor: Ein elektronisches Wörterbuch. Wenn man nicht genau weiß wie ein Wort geschrieben wird, dann tippt man einen ersten Versuch in das Gerät und erhält dann die korrekte Schreibweise auf Knopfdruck dargestellt. „Walter,“ sagte er, „dies ist eine tolle Errungenschaft, jetzt kann ich endlich wieder Briefe schreiben.“ Der 52jährige Mann hatte einen Hochschulabschluss in Physik, war Pilot und gleichzeitig halber Analphabet.

Als ich bei meinem letzten Aufenthalt in Long Beach mit einem 18jährigen Schüler ins Gespräch kam und sagte, dass ich aus Deutschland sei, antwortete er: „Ach ja, Deutschland ist doch ein Teil von Russland.“

Vor einigen Wochen forderte ich den „Business director“ unserer Firma auf, ein kurzes Protokoll zu schreiben. As er es mir vorlegte waren in der ½ Schreibmaschinenseite ca. 30 Schreibfehler. Der Mann hatte seit Jahren sein erstes Protokoll zu Papier gebracht.

Als ich heute im Supermarkt war, kaufte vor mir ein Mann 2 Artikel à 1,95 $. Er beschwerte sich, als er statt 2×1,95 $ insgesamt 6,45 $ zahlen sollte. Das Mädchen an der Kasse brauchte ca. 15 Minuten, bis es ihr nach 4 oder 5 Versuchen gelang, die zwei Zahlen handschriftlich richtig zu addieren (Die Maschine war leider blockiert.).

Was ich an diesen vier Beispielen nur andeuten konnte, verursacht so manchem Europäer den sogenannten „Kulturschock“. Die Beispiele sind nicht an den Haren herbeigezogen, sie ließen sich beliebig erweitern. Allgemein darf man feststellen: Die allgemeine Schulbildung in den USA ist auf einem derart niedrigen Niveau angelangt, dass es einen erschauern lässt. Es ist deprimierend und erschütternd zu sehen auf welches geistige Niveau die USA abgesackt sind.

Vorwort: Der erste Teil dieses Beitrages beschäftigte sich mit den Menschen und der Lebensweise in den USA. In diesem Betrag fasse ich die Eindrücke über das „Konsumverhalten“ der Amerikaner zusammen. Kommt uns das heute nicht sehr bekannt vor?

Walter NY4054

Great Neck, 4.April 1988

Laut Arbeitsvertrag habe ich Anrecht auf einen Firmenwagen. Doch, wie ihr sicher verstehen werdet, hatte ich bisher kaum Zeit, mich um dessen Anschaffung zu kümmern. Zu oft war ich unterwegs, und auch mit der neuen Wohnung gab es ja genug – und gibt es immer noch- zu tun.

Nun, nach einigem Hin und Her habe ich schließlich ab 30. März zunächst mal einen Wagen gemietet und siehe da, mit einem mobilen Untersatz eröffnen sich völlig neue Welten…

Endlich habe ich auch die Supermarkets entdeckt, die ich aus Kanada kannte und bisher vermisst hatte. Natürlich sind sie noch ein wenig größer als in Toronto oder Nakusp, doch das macht das Einkaufen nicht immer einfacher.

Nun muss ich ein 95m langes Brotregal abklappern um letztendlich festzustellen, dass zwischen den 138 verschiedenen Brotsorten nur wenige Unterschiede sind. Alle sind gleich labbrig und schwammig. Danach gehe ich das 95m lange Regal zurück, um zwischen 328 Sorten Haarwaschmittel auszusuchen, dann wieder 95m in die andere Richtung, um zwischen 38 verschiedenen Sorten Tomatensaft zu wählen. Es sind nur 38 Sorten, aber sie nehmen jeweils soviel Platz ein. Auf dem Rückweg durch Reihe 4 find ich die tollen Angebote über Toilettenpapier-jede Farbnuance, die gewünscht ist-, Reihe 5 bringt dann Dosensuppen, Reihe 6 bringt Gemüse in Dosen, Reihe 7 –immer noch 95m lang- gestattet die Wahl zwischen 42 Sorten Cornflakes, Reihe 8- schon etwas müde auf den Füßen entlanggelaufen- hat nur Katzennahrung … Na ja, so klappert man also seinen Supermarket ab. Man kauft nicht einfach „Klopapier“, nein, man kauft einen „value“, einen „Wert“. Und was für einen „value“! das Klopapier ist um 9 cent die Rolle herabgesenkt- welch ein Geschäft! Es ist ein „bargain“-, ein Geschäft was ich mache, wenn ich nun sofort 10 Rollen, nein 100 Rollen, am besten 1000 Rollen kaufe. Dann habe ich ja 1000×9 cent gespart. Es ist unglaublich und ihr werdet es mir auch kaum abnehmen

Aber diese Neuigkeit, das diese besondere Sorte Klopapier ab gestern 9 cent billiger ist als bisher, wird vielleicht sogar im Fernsehen angekündigt als sei ein Goldschatz plötzlich umsonst zu vergeben.

Der Witz der Werbung liegt übrigens darin:

     * Das Klopapier ist 9 cent billiger

     * Für das Auto zahlt man 500 $ weniger

     * Für das Radio zahlt man 100 $ weniger.

Nie wird gesagt, wieviel die Sachen vorher gekostet haben und jetzt kosten. Dazu muss man anrufen oder eben ins Geschäft kommen.

Heute war ich in einem Möbelgeschäft, das letzte Woche eine ganzseitige Anzeige in einer der größten Zeitungen hier hatte- der „New York Times“. Angepriesen wurde ein sehr hübsches Regal. Doch wenn ihr nun denkt, dieses Regal sei zu kaufen gewesen, dann habt ihr euch geschnitten. Es war nicht zu besichtigen, nicht auf Lager, – erst ab Mai erhältlich.
Warum also die horrend teure Werbung? Ganz einfach, um Kunden ins Geschäft zu locken und ihnen etwas anderes anzudrehen.

Möbelkauf ist übrigens in N.Y.- wahrscheinlich in den ganzen USA- ein sehr schwieriges Geschäft für Europäer. Es gibt 3 Sorten Möbel.

Die erste Sorte ist die Billigsorte: Tisch, Stühle, Regale, alles für 49,99 $. Die Qualität ist entsprechend. Nachdem man 2x auf dem Stuhl saß, bricht er zusammen, das Regal ist stabil genug, gerade sich selbst zu tragen- wehe, wenn man 2 Bücher reinstellt.

Möbel Sorte 2: Das ist Rokoko und Barock auf amerikanisch. Imitierte Eiche, viele Schnörkel viel blinkendes Messing, Preis relativ hoch. Dafür klemmen die Schubladen, hängen die Türen schief in den Scharnieren. Für den US-Geschmack nett anzusehen, aber nur aus 20m Entfernung. Es ist ein Teil des Showgeschäfts: Große Fassade- nichts dahinter.

Möbel Sorte 3, das sind die Importe aus Europa, doch leider die miesen Qualitäten. Denn man will ja gleichzeitig die Käuferschicht der Klasse 1 ansprechen, also 49,99 $, diesmal kosten die Regale 499,95 $, doch ist die Qualität in keiner Weise angemessen. Es ist wirklich ein Jammer, ich war heute in 5 Geschäften und danach so tief enttäuscht.

Walter NY4055

N.Y., 2. Mai 1988

Wie ich schrieb, habe ich das Auto von der Gesellschaft AVIS gemietet. Als ich letztes Wochenende mit Rob durch die Gegend fuhr, sagte ich: „Ach, die Size in diesem Auto sind wirklich unbequem Eigentlich müsste ich es umtauschen.“ Da wir gerade zufällig in der Nähe einer AVIS-Station waren, hielt ich dort an und sagte, dass mir die Sitze zu unbequem sind.

„O.K. Sir, welchen Wagen möchten Sie?“ Ich ging zum Parkplatz, probierte ein paar Autos aus und entschied mich dann für einen Toyota. Innerhalb von ca. 6 Minuten hatte ich einen neuen Vertrag, die Sachen umgeladen und ab ging es in dem neuen Gefährt. Dieser Wagen ist viel bequemer. Er hat elektrisch verstellbare Fenster, Klimaanlage, Radio und Kassettenrecorder usw.

Doch warum erwähne ich das? Was mich immer wieder verblüfft, ist die Schnelligkeit, mit der man so manche Dinge erledigen kann, während andere Sachen oft sehr langsam und umständlich gehandhabt werden.

Rob und ich sind dann zu einem Einkaufszentrum gefahren, wo ich mir noch einen kleinen Fernseher für meinen Computer gekauft habe. Natürlich habe ich wieder etwas gehandelt- und siehe da, ich bekam das Gerät für 298 $ statt für 329 $. Es ist ein Farbfernseher von Sony, mit Fernbedienung, im Prinzip sehr preiswert. Dabei gibt es andere Marken sogar schon für ca. 200 $, doch ist die Qualität nicht so gut.

Walter NY4056

Great Neck, 19. Mai 1988

Wenn man allein, vielleicht sogar nachts, in einer großen leeren Halle ist, so wird man durch das kleinste Geräusch aufgeschreckt und aufmerksam. Wenn man aber in einem tobenden Fußballstadion ist und seinem Nachbarn etwas sagen will, so muss man brüllen, um sich verständlich zu machen.

N.Y. ist wie ein tobendes Fußballstadion. Dementsprechend noch lautstarker, marktschreierischer, greller und überzogener ist die Werbung, um auf ihre Produkte aufmerksam zu machen. Man kann sich der Werbung nicht entziehen. Im Radio, Fernsehen, in Zeitschriften, auf Plakaten hämmert sie auf die Menschen ein. Sie ist nicht elegant, witzig, unterschwellig informativ oder anregend, sondern ganz einfach brutal. Die 4 wichtigsten Worte werden aneinandergereiht und jedem eingehämmert: MORE VALUE for YOUR DOLLARS. Dieser Slogan muss von einem Computer ausgedacht sein:

„Mehr“: jeder will mehr haben, alle streben nach mehr, nach viel mehr, nach Geld, Reichtum, Einfluss, Macht.

„Wert“: Es wird kein Produkt angesprochen, sondern der besondere Wert. Der besondere Wert einer Cornflakes Sorte, der besondere Wert eines Reinigungsmittels, der besondere Wert der neuen Coca Cola.

„Deine Dollars“: Die will man haben, die sollen ausgegeben werden, dafür bekommt man „Wert“. Die Dollars sollen locker gemacht werden im wahrsten Sinn des Wortes.

Nirgendwo kann man so viele Leute beobachten, die offen auf der Straße ihre Dollars zählen wie in N.Y. Dicke Geldscheinbündel werden an den Straßenecken durchgezählt. Oft ist es gar nicht soviel Geld, denn es gibt ja den 1 $-Schein-, aber man berauscht sich am Anblick des dicken Geldbündels.

Die Sprache und Lautstärke, mit der die Werbung verkündet wird, ist tatsächlich ausnahmslos so laut, als wolle man von einer Seite des Stadions auf der gegenüberliegenden Seite jemanden überzeugen.

Walter NY4057

Great Neck, 30. Juni 1988

Heute Abend, es geht auf 22:30 Uhr zu, habe ich wieder den Fehler begangen, etwas den Fernseher einzuschalten. Doch während ich mich über das Programm ärgerte, habe ich nochmal über das TV-Programm im allgemeinen nachgedacht.

Ich glaube, die große Enttäuschung, die Europäer -insbesondere Deutsche- beim US-Fernsehen empfinden, beruht auf eine Art Missverständnis, geboren aus einer Gewohnheit. Ich möchte einen Vergleich wagen:

Wenn man ein ledergebundenes Buch aufschlägt, 228 Seiten dick, hervorragend im Druck, so erwartet man selbstverständlich, dass etwas Lesenswertes gedruckt ist. Es kann ein Roman sein, ein Sachbuch, ein Gedichtband, eine Reisebeschreibung. Vielleicht stimmt man nicht völlig dem Geschriebenen zu, vielleicht entspricht es nicht dem eigenen Geschmack, doch zumindest erwartet man etwas Diskussionswürdiges. Andere mögen das Buch hervorragend finden.

Doch was ist ein Buch? Ein Buch steht aus Seiten, auf die man drucken kann, was man will, im Prinzip. Ich glaube, wir alle wären ziemlich erstaunt, wenn wir dies ledergebundene Buch aufschlagen würden und entdeckten nur Banalitäten, Geschmiere, Gossensprache, Mist. Doch prinzipiell kann dies keiner untersagen. Warum nicht Mist auf Hochglanz drucken? Der zunächst ahnungslose Leser muss sich einfach damit vertraut machen, dass sich nicht hinter jedem wertvollen Einband auch etwas Lesenswertes verbirgt.

So ist es auch mit dem Fernsehen in den USA. Es ist einfach ein Mittel, bewegte Bilder ins Haus zu bringen. Ob diese Bildbeiträge entsprechend sind, interessant, langweilig, aufreizend, einschläfernd oder anekelnd, das entscheidet die Fernsehstation. Indem man einen Sender einschaltet bezahlt man dafür, in das Buch schauen zu dürfen. Der Preis dafür ist die Werbung zwischen der Sendung, die man mit ansehen muss. Die Qualität der Sendung orientiert sich am primitivsten Zuschauer, nämlich demjenigen, der noch gut empfänglich für die Werbung ist. Dem darf man dann auch nicht zu viel zumuten. Also bitte keine Beiträge aus Europa, meist weiß man hier doch nicht so genau, wo das liegt. Irgendwo zwischen China, Russland und Australien.

Walter K. Panknin – Wie ich 1989/90 in den USA erlebt habe

(Wie ich die USA sehe – Teil III)

Zusammengestellt von Norbert Werner

Vorwort: Ende 1989 begannen unruhige Zeiten in der DDR. Die Menschen gingen auf die Straße und demonstrierten für einen „besseren Sozialismus“. Mit dem Anschluss an die Bundesrepublik und der Wiedervereinigung im Oktober 1990 kamen viele neue Sorgen und Probleme auf uns bisher recht unmündige Bürger zu. Ich suchte mir in Walter einen Gesprächspartner, der mir manches erklären und vielleicht auch einen Rat geben sollte.

Arlington, 30.9.1989

Ja, meine Lieben, auch ich habe in der Presse verfolgt, was in Deutschland so vor sich geht. Mehr als einmal habe ich an Euch alle gedacht und mich in Eure Situation versetzt… Ich bin ziemlich sicher, dass sich der in der UdSSR begonnene Prozess der Liberalisierung nicht mehr aufhalten lässt und über kurz oder lang auch in der DDR fortsetzen wird. Ein einzelnes Land, so groß oder klein wie die DDR, kann nicht auf Dauer in so verkrusteten Strukturen bestehen, vor allem nicht, wenn ja praktisch alle Nachbarländer, alle Verbündeten, alle Vorbilder von früher einen neuen Kurs einschlagen. Die Menschen sind einfach mündiger geworden. Zu lange hat man ihnen einzureden versucht, dass schwarz=rot ist, das ein Kreis viereckig ist. Lange, allzu lange haben sich die Menschen damit abgefunden, haben sich ihren eigenen Teil gedacht. Doch irgendwann kommt einfach mal der Punkt, wo man offen sagen dürfen will: Schwarz ist schwarz und rot ist rot, und ein Kreis ist rund. Es ist im Grunde die in jedem Menschen verbleibende „Würde“, die sich nicht total unterdrücken lässt. Es ist die Würde und das eigene Streben, ausreichend selbst bestimmen zu können was man tut, wohin man sich entwickelt, was man wird. Ich bin absolut sicher, dass in kurzer Zeit, in wenigen Monaten, maximal 1-2 Jahre, auch in der DDR ein Umdenken und ein drastischer Wandel stattfinden wird. Ich hoffe nur, dass dieser Wandel einigermaßen geordnet, ohne dramatische Vorgänge erfolgen wird. Wie es gehen kann hat man in Russland, Polen, Ungarn gesehen.

Leipzig,Montagsdemonstration - Photo Credit: wikipedia.org
Leipzig,Montagsdemonstration – Photo Credit: wikipedia.org

Arlington, 23.10.1989

Leber N., liebe Ch., ich war in den letzten Jahren vielleicht nicht so oft bei Euch, aber doch oft genug, um mir ein sehr plastisches Bild von dem machen zu können was Euch in diesen Wochen und Monaten berührt. Auch hat uns unser reger Schriftwechsel im letzten Jahr noch näher zueinander gebracht, als wir ohnehin schon waren. Man braucht nur die Anzahl der Flüchtlinge der letzten Monate durch die Bevölkerungszahl zu dividieren um sofort zu sehen, dass fast ein jeder ganz persönlich betroffen ist. Plötzlich fehlt ein Freund, ein Kollege, ein Bekannter. Auch kann ich Deine Wut und Enttäuschung verstehen, dass gerade diejenigen geflohen sind, denen es noch am besten ging. Mit Deiner trotzdem so besonnenen Haltung scheinst Du gottseidank nicht allein dazustehen. Wie ich in der Zeitung gelesen habe, muss vor allem der große Protestumzug in Leipzig sehr verhalten und besonnen gewesen sein.

Berlin Demonstration - Photo Credit: wikipedia.org
Berlin Demonstration – Photo Credit: wikipedia.org

Arlington, 9.11.1989

Meine Lieben,

mein Brief von gestern ist noch nicht abgeschickt und die Ereignisse haben sich überschlagen. Heute ist die Mauer gefallen. Mir fehlen die Worte, um Euch meine Empfindungen und Gefühle zu schildern. Was soll ich in diesen Stunden denken und schreiben, die in die Geschichte Deutschlands eingehen und die uns persönlich alle so tiefgreifend beeinflussen werden. Ich wünsche Euch Kraft, Besonnenheit und einen klaren Kopf, um in dieser Zeit weiterhin das richtige zu tun. Ich bin bei Euch allen in meinen Gedanken und bleibe Euer Walter.

Fall der Mauer - Photo Credit: wikipedia.org
Fall der Mauer – Photo Credit: wikipedia.org

Arlington, 18.12.1989

Meine Lieben, der Versuch, die Ereignisse der letzten Wochen zu beschreiben und zu charakterisieren führt mich hinweg von Eurem und meinem Alltag. Doch eines Tages werden eure Kinder sagen können: „Ich habe es erlebt- ich war dabei!“ Ich hoffe und wünsche, dass die Ereignisse in der DDR sich niemals wieder umkehren werden. Ich weiß, das der Westen sicherlich nicht Sinnbild alles Guten ist, doch ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass Ihr alle einen Schritt in die richtige Richtung tut. Es wird Euch alle fordern,- es wird nicht leicht sein,- doch was war leicht in der Vergangenheit? Es wird Euch helfen auf lange Sicht. Und wenn ich sage „lange Sicht“, so meine ich die nächsten 5-10 Jahre.

Arlington, 9.10.1990

Aus der Ferne, doch in Gedanken war ich voll dabei, habe ich die Vereinigung unserer beiden Staaten erlebt und mitverfolgt. Zwei Staaten, wie sie sich gegensätzlicher kaum vorstellen lassen, die aber trotzdem zusammengehören Dies ist, jeder weiß und spürt und erlebt es, kein leichter Prozess. Für beide Seiten. Ich habe vor Kurzem an die Zeit nach 1945 gedacht, als meine Eltern im Alter von 53 bzw. 56 Jahren mit zwei 10jährigen Kindern und zwei Koffern ein neues Leben begannen. Ich glaube, wir haben ca. 4 oder 5 Jahre in einer Einzimmer-„Wohnung“ gelebt, ehe wir die erste Wohnung bekamen. 1961- im Jahr des Mauerbaues- machten wir unsere allererste Urlaubsreise nach Italien an den Gardasee.

Bruno Kegler und Rolf Barge

Ihre Lebenslinien treffen sich 1940 im Schwarzwald

Von Dieter Barge (Chart II a – II & IV)

Seit ca. 2 Jahren beschäftige ich mich mit den Kriegsjahren meines Vaters im französischen Atlantikwall-Forum und dem deutschen Forum der Wehrmacht.
Dabei ist mir eine Parallele zwischen Bruno Kegler und meinem Vater Rolf Barge aufgefallen. Sie sind beide gemeinsam bei der deutschen Offensive am Oberrhein im Juni 1940 beteiligt gewesen !
Bruno Kegler war in der:
-6.Kompanie, (Kompaniechef Oberleutnant Nowak) im
-386.IR = Infanterieregiment der
-218.ID = Infanteriedivision.
Der Divisionskommandeur hieß Generalleutnant Woldemar Freiherr Grote.
Mein Vater gehörte zur 2.Batterie der schweren Artillerie-Abteilung 806.

Beide Einheiten gehörten zur 7. Armee unter Generaloberst Friedrich Dollmann.

Die 7.Armee griff einige Wochen nach Beginn des Frankreichfeldzuges (10. Mai bis 25. Juni 1940) im Rahmen der Operation “Kleiner Bär” die Maginotlinie an (Beginn am 15.6.1940).

Ich begann nun, mich mít dieser Zeit zu beschäftigen, dazu bestellte ich mir die Kriegstagebücher der 218. ID und nahm Kontakt mit Herrn Josef Göhri auf, der das Buch “Breisgauer Kriegstagebuch” geschrieben hat. Er hat als 10-jähriger Bube, wohnhaft in Bleichheim, das Geschehen sehr nah erlebt, Bleichheim liegt im Bleichtal, wo später Bruno hinkam, das Nachbardorf (2 km entfernt) ist Tutschfelden, wo das letzte Foto von Bruno Kegler aufgenommen wurde!, beide Orte gehören zu Herbolzheim.

  1. Zu meinem Vater Rolf

Mein Vater wurde am 21.6.1919 in Nordhausen geboren, er war vom 1.11.1938 bis zum 30.4.1939 beim sogenannten Reichsarbeitsdienst (RAD) in Buttlar/Rhön, am 1.9.1939 wurde er zur Artilleriekaserne Mühlhausen zum Wehrdienst einberufen.
Die genannten Orte gehören zu Thüringen, im Herzen von Deutschland. Davon die Bilder vom RAD, der Kaserne in Mühlhausen und von der Grundausbildung an der Flak 8,35 (t).

Im Januar 1940 wurde seine Einheit in den Schwarzwald verlegt, dazu Bilder von der Ankunft in Karlsruhe und dem ersten Unterbringungsort in Oberachern.

Während der folgenden Monate fand eine umfassende Ausbildung statt, dazu Bilder von Manövern und vom Schießplatz in Zeutern.

  1. Zu Bruno

Wie bereits geschrieben, machte Bruno zunächst den Polenfeldzug mit, die Einheit blieb danach noch in Polen stationiert und wurde später in den Raum Burg bei Magdeburg verlegt, dort waren traditionell schon immer Truppenübungsplätze, von unserer Zeit in Wolmirstedt kenne ich den Truppenübungsplatz Altengrabow, den es seit 1893 gibt, auch dort waren damals die Russen stationiert, jetzt ist es ein Übungsgelände der Bundeswehr.

Ich habe in den Dokumenten der 218.ID folgendes Blatt gefunden:

15 Dokument zur Verlegung

In Johannas Album für Elisabeth ist ein rührendes Gedicht von Bruno enthalten:

16 Gedicht Bruno

Dretzen liegt in dem beschriebenen Gebiet, hier eine Übersicht:

17 Dretzen

Brunos Einheit wurde am 31.5.1940 in den Schwarzwald verlegt!

Die Lebenslinien von Bruno Kegler und Rolf Barge treffen sich 1940 im Schwarzwald – Part II

 Von Dieter Barge (Chart II a – II & IV)

Die Division wurde am 31.5.1940 bei gutem Wetter in Marsch gesetzt, die Fahrt ging von Burg über Magdeburg, Halle , Naumburg nach Erfurt, das gegen Abend erreicht wurde.
Von Erfurt ging es über die Rhön nach Frankfurt-Süd, von dort über die Bergstraße nach Heidelberg, das Neckartal hinauf bis Stuttgart. In Stuttgart (1.6.1940 abends) erfolgte die Ausladung und der Abmarsch über Freudenstadt nach Zell. Die endgültige Unterbringung der Einheit von Bruno erfolgte in Schuttertal.

Endgültige Unterbringung
Endgültige Unterbringung

Nach Tutschfelden kam die 3.Kompanie des IR 386 und die 2.Batterie des AR 216, nach Bleichheim die 3.Kompanie des IR 386, nach Schweighausen der Reg.stab des IR 386 mit Nachrichten-, Reiter- und Pionierzug. Der Regimentskommandeur des IR 386 war Oberst Manitius.

Laut Forum der Wehrmacht (FdW) hatte damals ein Infanterie-Regiment hatte ca. 3000 Mann, ein Bataillon ca. 860 Mann, eine Infanterie-Division über 10.000 Mann.
Die Unterbringung erfolgte bei den Einwohnern der Orte, in Schulen, anderen öffentlichen Gebäuden, oder es wurde biwakiert.
Eine Übersicht über den Oberrhein gibt das folgende Bild:

Übersicht Oberrhein
Übersicht Oberrhein

Der Angriff

Hier der Bucheinband zu dem bereits genannten Buches von Josef Göhri:

Breisgauer KTB Göhri
Breisgauer KTB Göhri

Josef Göhri schreibt, dass die deutschen Angriffstruppen in Bleichheim in wenigen Tagen enge Freundschaft mit der Bevölkerung geschlossen hatten, aber die vollbehangenen Kirschbäume bald wie leergefegt waren. Die Dorfbewohner schauten mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu, “wir Buben hatten das Nachsehen”.
Am 10.Juni wurde die Division in den Angriffsraum vorgezogen, die Führungsstaffel der Division rückte nach Wagenstadt, einem Stadtteil von Herbolzheim, vor, der Rest des Stabes wurde nach Ettenheim verlegt.

Befehl Angriffsraum 10.6.1940
Befehl Angriffsraum 10.6.1940

Aus den beiden folgenden Dokumenten geht hervor, dass die schwere Artillerieabteilung 806 meines Vaters der 218.ID zugeordnet wurde, sie von der 218. ID verpflegt wurden und die Munition für den Angriff in Weisweil erhielt. Die 806 rückte am 14.Juni aus Oberachern nach Kappel vor.

Die beiden folgenden Bilder zeigen eine motorisierte Artillerie-Einheit bei Bleichheim, es handelt sich dabei um eine Batterie 15cm s F.H.18 (schwere Feldhaubitzen), diese Einheit kam wie Rolf auch aus dem Artillerie-Regiment 65 in Mühlhausen.

 Die 218. ID gehörte ebenso wie die 221. ID und 239.ID zum XXVII. AK (Armeekorps)von General Alfred Wäger,
nördlich davon stand das XXV.AK von General Ritter von Prager mit der 555.ID und der 557.ID, südlich davon XXXIII. AK von General Brandt mit der 554.ID und der 556.ID.

Den deutschen Truppen in diesem Gebiet standen die V. und VIII. Armee Frankreichs gegenüber.

Im Vorgriff wurde die Bevölkerung in den Gemeinden zwischen Rhein und den geschützten Lagen im Schwarzwald evakuiert.

Im Rücken der französischen Armeen an der Maginotlinie war bereits die Panzergruppe Guderian unterwegs, um diese einzukesseln, am 9. Juni 1940 hatte die zweite Phase des Westfeldzuges mit der Durchbruchsschlacht durch die französische Aisne-Front begonnen. Am 12. und 13. Juni schloss sich der Kampf um Châlons s.M. und den Rhein-Marne-Kanal sowie bis zum 17. Juni die Verfolgungskämpfe über den Rhein-Marne-Kanal bis zur Schweizer Grenze bei Pontarlier an.

Am 15.6.1940 begann der deutsche Angriff auf die französische Maginotlinie um 10 Uhr mit schwerem Artilleriefeuer aus 300 Kanonen insbesondere gegen die feindlichen Bunker, um den Rheinübergang der deutschen Truppen vorzubereiten. Daran waren auch die Geschütze des Westwalls und das Eisenbahngeschütz “Kurzer Bruno” beteiligt.
Den Tätigkeit eines vorgeschobenen Beobachters (VB), die mein Vater bei der 806 hatte, wird durch das folgende Bild vom Bundesarchiv veranschaulicht.

Russland, Artillerie-Beobachtung
Russland, Artillerie-Beobachtung

Nach dem Artilleriefeuer begann der Sturm der Einheiten über den Rhein, der geplante Einsatz von Stukas konnte wegen des schlechten Wetters nicht erfolgen. Der Rhein führte Hochwasser, Flußbreite ca. 210m, Wassertiefe 5-6 m, Strömung 3-4 m/sec, ca. 40 sec dauerte die Fahrt mit einem Sturmboot.
Ich habe die Übersetzstreifen der 218.ID einmal in der Übersicht dargestellt, vom IR 386 waren 2 Bataillone eingesetzt, Bruno war also nicht dabei
Eine Vorstellung über den Rheinübergang vermitteln die folgenden 3 Bilder von Josef Göhri, ein Bild des Bildarchivs zeigt ein Sturmboot im Einsatz.

Das IR 386 startete aus dem Raum westlich von Wyhl und sollte sich in Richtung Mackenheim vorkämpfen. Es wurden 500 Mann mit 60 MG in 6 Etappen übergesetzt. Die Fahrt über den Rhein war sehr verlustreich, vom Regiment wurden 33 Mann vermisst. Im Verlaufe des Tages wird ein kleiner Brückenkopf bis zu 500 m Tiefe gebildet.
Wenige Tage später erfuhren die Bewohner von Bleichheim von einem zurückgekehrten Unteroffizier, dass viele Soldaten in ihren Booten ums Leben kamen, “der Rhein war vom Blut rotgefärbt”!
Am 15.Juni begann durch das Pionierbataillon 685 (der 239. ID unterstellt) der Aufbau einer Pontonbrücke über den Rhein bei Sasbach, nahe den Überresten der Limburg.
Am 16.Juni hat das IR 386 Marckolsheim erreicht, es gab Unterstützung durch Stukas.

Göhri Stuka
Göhri Stuka

Zerstörte Bunker aus dem Buch von J.Göhri:

Am Abend überquerten die Truppen den Rhine-Rhone-Kanal und eliminieren weitere französische Bunker.
Am 17. Juni wird Marckolsheim eingenommen, am 17.Juni 8 Uhr ist die Pontonbrücke fertig und schwere Waffen können übergesetzt werden. Am Abend des 17.Juni wird Colmar besetzt.

Bruno war in eine große Vorausabteilung, gebildet aus den IR 386 und 397, eingeteilt, diese Abteilung sollte eigentlich am 15.Juni übersetzen und die Spitze der ID 218 bilden, das hat nicht wie geplant geklappt. Ich berichte im 3. und letzten Teil meines Beitrages detailliert über einen Bericht, den ich in den Unterlagen der 218. ID darüber gefunden habe.

Die Einheit meines Vaters wurde, wie aus Unterlagen des XXV. Armeekorps hervorgeht, in der Nacht vom 16. zum 17.Juni der 557. ID zugeführt und unterstellt, am 18.Juni überquerte sie in der Dringlichkeitsstufe an 10.Stelle die Pontonbrücke Sasbach.
Diese 557. ID/ XXV. AK agierte im Raum Rhinau im Bereich der V. französischen Armee.
Von der Rheinüberquerung 4 Bilder meines Vaters:

Von der Operation “Kleiner Bär” gibt es einiges im Axis-History-Forum und bei Feldgrau zu lesen.

Brunos Letzte Tage – Chart II a – II & IV

von Dieter Barge

Ich war sehr froh, in den Unterlagen der 218. ID einen 4-seitigen Bericht zu dem Vorauskommando zu finden, dem Bruno mit seinem Radfahrerzug angehörte. Zunächst der Berichtskopf mit einigen allgemeinen Angaben zum Vorauskommando, dann 2 Fotos zu Radfahrern in der Wehrmacht.

Das Vorauskommando hatte eine beachtliche Stärke: 10 LKW, 3*Flak, 3*PAK, 7 Motorräder, Küchen-, Munitions-, Funk-, Tank- und Krankenwagen, 3 Radfahrgruppen, 2 Radfahrerzüge. Im nächsten Bild wird begründet, dass die Gruppe wegen des schlechten Wetters nicht mit den schweren LKW an den Rhein heranfahren konnte und eine weitere Nacht vom 15.Juni zum 16.Juni in Tutschfelden übernachten mußte.

Bild 4 Bericht 2

Der Abmarsch erfolgte am 16.Juni erst gegen 18 Uhr, deshalb konnte Bruno auch einen Brief an die Familie daheim schreiben und das folgende Bild beilegen, das auch noch entwickelt werden musste. Das Bild zeigt Bruno bei der “Bekanntgabe der Lage und der Aufgaben des Vorauskommandos” an seinen Radfahrerzug und ist mit 16.6.1940 datiert.

Bruno letztes Bild
Bruno letztes Bild

Das nächste Bild enthält die Erläuterung des Fahrweges von Tutschfelden bis Sigolsheim. Ich habe den Verlauf in 2 Google-Maps-Bildern eingetragen.

Der folgende Bericht schildert die Kämpfe in Sigolsheim und in Kientzheim, zu diesem Zeitpunkt war das Vorauskommando tatsächlich vor dem 386 IR, das sie vor Gemar einholten.

Bild 9 Bericht 4

Bemerkenswert, dass die Einheit direkt vom Divisions- und vom Regimentskommandeur geführt wurde! Die Kämpfe in Kientzheim dauerten ca. 9 Stunden !

Gegen Mittag fiel Bruno, wie im Beitrag von Anke und Jürgen bereits von einer Augenzeugin beschrieben wurde. Der Bericht des Vorauskommandos ist damit stimmig mit der Augenzeugin und der folgenden Nachricht des Vorgesetzten Brunos an Johanna. Etwas verwunderlich für mich ist, dass von diesen schweren Kämpfen in Kientzheim nichts beschrieben wurde.

Bruno

Die nächsten beiden Bilder zeigen das 1.Grabkreuz und das nach der offiziellen Trauerfeier errichtete 2. Grabkreuz.

Am 25.10.1940 besuchte die beiden Brüder Gerhard (später General) und Günther (Oberst) die Grabstelle.

Bild 13 Günther und Gerhard am Grab ihres Bruders am 25.10.1940

Die Söhne Jürgen und Hartmut konnten nach der Wiedervereinigung gemeinsam das Grab besuchen.

Bild 14 Jürgen und Hartmut am Grab ihres Vaters Bruno

Ich habe zur Erinnerung an Bruno 2 Bilder bearbeitet, das eine zeigt den jungen Bruno am Grab seines Vaters.

Verdammter Krieg

Der Weitere Weg Meines Vaters

von Klaus-Dieter Barge – Chart II a – IV

Die 807 meines Vaters agierte mit der 557. ID ( XXV. AK) unter Generalleutnant Kuprion im Elsaß nördlich von Colmar und westlich von Rhinau im Bereich der 5. französischen Armee bis zur Kapitulation der französischen Truppen am 22.Juni 1940, da wurden etwa 200.000 Mann der französischen Heeresgruppe 3 (2., 3., 5. und 8. Armee) gefangen genommen.
Damit waren die deutschen Truppen noch einige Wochen beschäftigt.

Es gibt verschiedene Fotos in Fotoalben von Soldaten der Abteilung 806 vom Chateau de Thanvillé (deutsch Tannweiler) und weiteren Orten.

Chateau de Thanvillé aus Wikipedia
Chateau de Thanvillé aus Wikipedia

In Sélestat (deutsch Schlettstadt) , etwa 20 km nördlich von Colmar, man erkennt auf dem Foto den mächtigen Uhrturm (Tour de l’horloge).

In Saverne (deutsch Zabern) (die Stadt liegt 80 km nördlich von Colmar zwischen Vogesenwäldern und Weindörfern) gilt das Château des Rohan dank seiner 140 Meter langen Fassade aus rotem Sandstein als “Elsässisches Versailles”.

Mit dem Befehl vom 13.8.1940 wurde die Art.Abt.806 nach Mühlhausen zurückgeführt.

Rückführung 801 - 807
Rückführung 801 – 807

Die Artillerie Abteilung 806 wurde dort am 31.8.1940 aufgelöst.
Danach gehörte Rolf zur Stellungsbatterie 771/Küstenbatterie 771, ausgerüstet mit 4*15 cm Kanone 15/16 (t).
Diese Einheit wurde mit zusätzlichen Eingliederungen per Befehl vom 20.12.1940 zur 3.Batterie Heeres-Küsten-Artillerie Abteilung 788 in Le Havre.
Im Dezember 1942 kam die Batterie nach Mesnil Val, im Frühjahr 1943 an die Klippen von Mers-les-Bains bei Treport.
Als die Batterie im Dezember 1943 nach Südfrankreich verschickt wurde, kam mein Vater doch bald wieder nach Mers-les-Bains zur 3. Batterie der I./HKAR 1252 zurück. (Über seine “mystische” 3./788 gibt es eine Geschichte von Alain Chazette, dem 1.Atlantikwall-Kenner in Frankreich).
Am 9.7.1944 wurde er nach Fecamp zur 10./1252 versetzt, die etwa zu diesem Zeitraum zusätzlich mit Flak 8,35 (t) ausgerüstet wurde.
Alle Standorte liegen in der Region “Haute-Normandie des Somme” an der sogenannten “Alabasterküste”.
Das folgenden Fotos zeigen meinen Vater Rolf am 21.6.1944 (15 Tage nach D-Day) an seinem 25. Geburtstag und meine Eltern 1944 (am 12.6.1943 hatten sie geheiratet).

Nach dem deutschen Rückzug im September 1944 folgten Kämpfe in Holland (Schlacht von Arnheim, auch “Operation Market Garden” genannt).
Für ca. 3 Monate lag er mit dem 184.AR (84. ID) am Reichswald bei Kleve am Niederrhein.

Dort startete südlich von Nijmegen (Holland) am 8.2. 1945 die “Operation Veritable”, an der neben den Engländern auch kanadische Einheiten beteiligt waren
(1. Kanadische Armee unter Harry Crerar).

Operation Veritable wurde von General Crerar befehligt, er kommandierte 470 000 Mann mit 1000 Geschützen und 1000 Jagdflugzeugen bzw. Bombern, der Angriff am 8.2.1945 war der größte Artillerieangriff des 2. WK an der Westfront.
Mein Vater wurde am gleichen Tag am Galgensteeg in Kranenburg von den Kanadiern gefangen genommen. Er war in folgenden Kriegsgefangenenlagern in Belgien:

-Camp 2223 Brasschaat/Antwerpen
-Camp Waterschei
-Camp 2228 Overijse
-Camp 2221 Vilvorde
-dort am14.6.46 geflohen, nach 14 Tagen mit Hunden aus Versteck geholt
-28.6.46 wieder ins Lager gekommen
-25.7.46 Munster, Deutschland

Damit verbrachte er fast 8 Jahre seiner Jugend in RAD, Wehrmacht und Gefangenenlagern!

Die beiden folgenden Bilder zeigen General Crerar und bei einem Treffen mit dem englischen Feldmarschall Montgomery im Februar1945 bei Kleve.

Am 3./4.April 1945 wurde Nordhausen, Rolfs Heimatstadt, von der RAF unter Arthur Harris, genannt “Butcher”, 2 mal bombardiert, das Haus der Barges wurde zerstört, darin starben meine Großeltern Karl und Anna Barge , 2 Tanten und ein kleiner Cousin von mir. Nordhausen wurde zu 74% zerstört, 8800 Menschen kamen dabei um.

Das war 7 Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner!.Für Harris wurde in London ein Denkmal errichtet.

Alle 4 Brüder überlebten den 2.WK, da waren es noch 7 Barge-Geschwister.

Mein Vater kam Ende Juli 1946 nach Mitteldorf, dem Heimatort meiner Mutter zurück, am 22.4.1947 wurde ein Junge geboren, der Beginn einer neuen Zeit.

Es ist mir nicht leichtgefallen, über teilweise fürchterliche Dinge zu berichten.
Ich glaube aber auch, dass wir die Aufarbeitung dieser schlimmen Zeit unseren Vätern schuldig sind, ich fühle mich dadurch meinem Vater sehr verbunden und möchte , dass unsere Nachkommen wissen, wie es unserer Familie in diesen geschichtlichen Ereignissen erging.
Schön, dass sich Frankreich und Deutschland immer mehr annähern und mit der heutigen Jugend der Teufelskreis von Feindschaft durchbrochen ist.

Die Wunderbare Liebesgeschichte meiner Großeltern

von Anke Schubert  ( Chart II a – II & IV)
Altstadt von Stettin (heute Szczecin) Photo Credit: Wikipedia.org

Altstadt von Stettin (heute Szczecin) Photo Credit: Wikipedia.org

Meine Großmutter Johanna besuchte von 1929 bis 1931 ein Lehrerseminar in Stettin. Sie stammte aus Hirschberg im Riesengebirge. Ihr Vater, der Oberschullehrer Ludwig Engel, hatte diese Lehranstalt ausgesucht, weil hier im Gegensatz zu anderen Hochschulen nur Studentinnen ausgebildet wurden. Nun trug es sich zu, dass bei einer Cousine von Johanna ein junger Zollbeamter namens Bruno Kegler zu Gast war. An der Wand der Wohnung hing ein Bild von Johanna, und Bruno fragte neugierig, wer das sei. Ihm wurde Bescheid gegeben, und er bat darum, der Cousine einen Gruß ausrichten zu dürfen. Das wurde ihm gestattet. Als Johanna ihre ersten Semesterferien zu Hause in Hirschberg verlebte, erhielt sie eines Tages eine Brief mit fremder Schrift und mit der ihr bis dahin fremden Anrede „Sehr geehrtes gnädiges Fräulein!“. Lachend zeigte sie die Zeilen ihren Eltern und las ihnen vor, dass der Briefeschreiber um ein Treffen bat, um ihr die Grüße ihrer Cousine ausrichten zu dürfen. Vater Ludwig sagte sogleich: „Du schreibst, dass aus dem Treffen nichts wird, da du ja gerade in Hirschberg bist“. Johanna setzte sich sofort hin und schrieb auf einem winzigen Briefkärtchen die Absage. Der Brief wanderte in den Briefkasten – der Vater kontrollierte das vom Balkon aus – und Johanna verlebte zufrieden ihre Ferien.

Als sie wieder in Stettin war, schrieb Bruno wieder nach Hirschberg. Der Brief wurde geöffnet, aber Johanna immerhin nach Stettin nachgeschickt. Er enthielt die wiederholte Bitte, die Grüße ausrichten zu dürfen. Johanna zeigte das Schreiben ihren Klassenkameradinnen, die sie vor den energischen Schriftzügen warnten. Sie antwortete aber trotzdem und gab den Termin und den Ort – ein Café – an. Alle Klassenkameradinnen wollten mitkommen!

Bruno und Johanna - Eine Glückliche Zeit
Bruno und Johanna – Eine Glückliche Zeit

Als Kennzeichen hatte Bruno angegeben, dass er einen grauen Anzug mit einer weißen Nelke im Knopfloch tragen würde, Johanna wollte ein weißes Kleid und einen weißen Schal tragen.

Als sie sich an dem verabredeten Termin im Café einfand, sah sie … zwei Herren in grauen Anzügen, und keiner hatte eine weiße Nelke im Knopfloch! Aber einer stand auf, kam auf sie zu und stellte sich vor – und es war, als ob sie sich seit Jahren kennen würden.

Bruno und Johanna - Liebe auf den Ersten Blick
Bruno und Johanna – Liebe auf den Ersten Blick

Für Johanna begann nun eine wunderschöne Zeit. Sie sahen sich so oft sie konnten, unternahmen gemeinsame Wanderungen und Dampferfahrten.

Schon nach dem ersten Treffen sagte Bruno zu den beiden alten Damen, bei denen er als „möblierter Herr“ wohnte, er habe gerade seine zukünftige Ehefrau kennen gelernt. Ohne Johannas Wissen schrieb er an ihre Eltern, schilderte seine wirtschaftliche Lage und seine Familie und bat darum, einen Besuch machen zu dürfen. Das wurde ihm gestattet, man lernte sich kennen und am 29. April 1930 heirateten Johanna und Bruno. Sie waren sehr glücklich miteinander, und in den folgenden Jahren wurde dieses Glück durch die Geburt ihrer Kinder Hartmut, Elisabeth und Jürgen vervollkommnet.

Bild 26

Bericht über Wolmirstedt und die Klopp’s

von Dieter Barge – Chart II a – IV

Also Chart I – I & II

Als ich in Peter’s Bericht über die Klopp’s das Bild der Seilerei Friedrich Klopp in Wolmirstedt gesehen habe, interessierte mich sehr, wo das wohl war.
Edda und ich lebten doch selbst von 1980 bis 1990 dort.
Ich hatte ein Buch von Otto Zeitke und habe mir noch 2 weitere Bücher antiquarisch besorgt, diese hat Otto Zeitke gemeinsam mit Erhard Jahn geschrieben. Die Beiden haben sich als Heimatforscher sehr verdient gemacht, Otto Zeitke ist 1924 geboren und versteht es gut, die Berichte der älteren Leute interessant wiederzugeben. Erhard Jahn ist um einiges jünger und hat in Wolmirstedt ein Ingenieurbüro für Architektur.

Im ersten Buch “Das alte Wolmirstedt” fand ich dann vermeintlich die Seilerei Klopp !
Um sicherzugehen, habe ich bei Erhard Jahn angerufen, habe ihn nach Klopp’s gefragt und da kam sofort die Frage zur Seilerei Klopp zurück. Ich habe ihm einiges erzählt und ihn gebeten, mal das Bild in einer Mail zu betrachten und meine Vermutung zu bestätigen.
Das hat er auch getan und mir bestätigt, daß das Gebäude links neben der Druckerei Grenzau die alte Seilerei Klopp ist. Beide Gebäude befinden sich in der Friedensstraße, das ist der neue Name für den nördlichen Teil der ehemaligen Magdeburger Straße Er kannte auch das Bild von der Seilerei schon. Daneben ein aktuelles Bild von Herrn Jahn mit dem ehemaligen Seilereigebäude in der Mitte.

Ich stelle hier ein Google-Earth-Bild mit der Friedensstraße ein:

7 Bild Google-Earth

Herr Jahn hat mir auch erlaubt, Bilder aus den Büchern im Blog zu benutzen und erzählte, dass Anfang der 90-er Jahre ein etwa 60-jähriger Klopp bei ihm in Wolmirstedt war, nach Durchsicht seiner Aufzeichnungen fand er heraus, dass dies Eberhard Klopp war, also der Klopp, der das Buch:

“Ein Brief an die Nachfahren der Familie Klopp aus Altendorf/Brome und Wolmirstedt”
Teil 1   400 Lebensläufe zwischen 1590 und 1990
1997 Verlag Trier

geschrieben hat. Herr Jahn stand mit Eberhard Klopp an der Hindenburg- bzw. Magdeburger Brücke und dieser hat mit der Hand auf die Stelle gezeigt, wo von 1900-1912 die “Seilerbahn” der Klopp’s war. Inzwischen weiß ich, daß Eberhard der Großcousin von Peter Klopp ist.

Aus den 3 Büchern habe ich einen kleinen Abriß zur Geschichte von Wolmirstedt gemacht:

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Das kleine Städtchen Wolmirstedt, 14 km nördlich von Magdeburg gelegen, wurde erstmals 1009 urkundlich erwähnt.
Wahrscheinlich während der Völkerwanderung bildete sich eine geschlossene Siedlung, die “Walmerstidi” genannt wurde, diese befand sich am Zusammenfluss von Ohre und Elbe und bildete unter “Karl dem Großen” einen östlichen Grenzort des großen Frankenreiches.
Am Ende des 13.Jahrhunderts änderte die Elbe ihren Lauf in Richtung Osten, heute mündet die Ohre bei Rogätz in die Elbe.
Im 30-jährigen Krieg wurde Wolmirstedt 1642 völlig zerstört, 1642 fand eine öffentliche Hexenverbrennung statt!
Einen Aufschwung gab es für den Ort nach der Besetzung 1807 durch die Truppen von Napoleon. Die Leibeigenschaft wurde abgeschafft, es gab mehr Freiheiten für Handel und Gewerbe und weniger Privilegien für den Adel!
1890 hatte Wolmirstedt 3868 Einwohner, nicht mitgezählt wurden die 50 Beschäftigten auf dem Junkerhof.
Die Magdeburger Straße, dort wo sich die Seilerei Friedrich Klopp befand, wurde 1365 noch als “Steinweg” benannt, sie war eine wichtige Durchgangsstraße von Magdeburg nach Norden. Die Passage über die Magdeburger Brücke der Ohre muss “sehr riskant” gewesen sein. Ein Fuhrwerk benötigte damals einen ganzen Tag, um nach Magdeburg und zurückzukommen.
1667 wurde die Torakzise (Wegezoll) eingeführt, das “Magdeburger Tor” wurde errichtet, 1812 wurde die Torakzise abgeschafft.
In der Straße siedelten sich Kaufleute, Handwerker, Fabrikanten, Handwerksmeister, ein Apotheker, ein Schmied und ein Kantor an. Die Straße war “420 Schritte” lang und endete am alten Rathaus, einem Renaissance-Bau.
1925 lebten 170 Familien in der Straße.
Die “Magdeburger Brücke” hieß zeitweise “Hindenburgbrücke”.
Markante Gebäude waren das Polizeiamt, die Buchdruckerei Grenzau, die den “Allgemeinen Anzeiger” herausgab (daneben die Seilerei Klopp), “Schau’s Hotel”, die Gaststätte “Schwarzer Adler” (1971 abgerissen), die Alte Schmiede, das Fachwerkhaus des Schlossermeisters Jänicke, die “Wildemanns Gaststätte und Pension”.
Einer von Wolmirstedt’s Originalen war der Wirt des “Schwarzen Adler’s, Kurt Güssefeld.
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Der heute über 90 Jahre alte Otto Zeitke ist ein toller Erzähler vom alten Wolmirstedt und seinen Bewohnern, da gibt es viele interessante Dinge zu lesen:

-Er berichtet, dass der Wirt einmal plötzlich sagte “Das kann’s doch nicht geben, wie der Schinder die Braunen hetzt”, dann lief er zum Fenster, sah auf die Straße, , schüttelte den Kopf und brummte unverständliche Flüche gegen den
Kutscher”.
-Auf dem Hof des Rathauses gab es den Karzer, das Gefängnis. Die Frau vom Polizisten Meier betreute und versorgte die Knastbrüder, der Volksmund sagte zu den Insassen, sie sind im “Cafe Meier”.

Ich habe mit Otto Zeitke lange nett telefoniert, er wirkt noch sehr jugendlich und berichtete mir, dass er die Kanuten in Wolmirstedt organisierte, er ist auch der Meinung, dass die Seilerbahn der Klopp’s am Ufer der Ohre gelegen haben muss.

Am 11.3.2015 war ich mit Edda in Wolmirstedt, wir haben die Friedensstraße von der Ohrebrücke bis zum alten Rathaus abgewandert und Fotos gemacht.

Ich stelle nun einige der Bilder neben den alten Aufnahmen aus den genannten Büchern ein. Den Anfang macht das Bild von Eberhard Klopp, das mir Herr Jahn freundlicherweise auch geschickt hat. Ich habe rot eingezeichnet, wo sich vermutlich die Seilbahn Klopp befand.

Kein Unterschied, Homunkulus!

Für Biene (Gertrud Panknin) 1964 geschrieben

von  Peter Klopp

Paps war ausgegangen, Nahrung zu holen. Eigentlich war er noch kein Vater, aber sie nannte ihn so, und das war entscheidend. Tief unter dem Erdreich saß sie in der gemütlichen Stube und betrachtete liebevoll ihren Leib. Sie dachte an die Kinder, die da kommen würden, und horchte still in sich hinein, ob sie nicht vielleicht schon ein zartes Pochen der Herzchen vernehmen könnte. Ihre schwarzen Äuglein leuchteten zufrieden, sie ging ihrer Erfüllung entgegen.

Und wo aber auch?! Mit keinem Palast dieser Erde hätte sie die so nützlich und sicher angelegte Wohnung getauscht, die ihr Mann in unermüdlicher Arbeit aus dem Erdreich gestampft hatte. Er hatte für alles gesorgt: Die Kinderzimmer grenzten mit ihren niedlich ausgerundeten Eingängen an die gute Stube und das Schlafzimmer der Eltern. Mit ihnen verbunden war ein lang sich erstreckenden Gang wohl drei Körperlängen hoch und mehr als dreißig solcher Längen lang, in dem die Kinder ungestört herumtollen könnten, wenn sie erst einmal ein wenig größer geworden sind. Und was den kommenden Winter anbetraf, so hatte ihr Mann mehr getan als alle Männer dieser Welt. Die Kornkammer war zum Bersten voll, genug, um eine zwölfköpfige Familie den Winter durchzubringen. Das wäre alles jedoch kein Weizenkörnchen wert gewesen, wenn nicht der umsichtige Vater auch für die Sicherheit gegen Wetter und Feind gesorgt hätte.

Wie lange mussten sie eigentlich schon unter der Erde leben? In den langen Winterabenden, wenn einem das schlafen manchmal zu langweilig wurde, dann räkelte sich Paps voller Tatenlust auf dem Rücken hin und her und erzählte, da es doch nichts zu schaffen gab, was er von seinen Ahnen wusste. Früher, da alle Wesen noch freundlich zueinander waren und sich nichts zu Leide taten, sprangen auch sie noch lustig und unbekümmert unter Gottes freier Natur herum. Aber seit das große Morden begann und nicht mehr aufhören wollte, da mussten auch sie unter die Erde. Zuerst begnügte man sich mit einem Eingang zur Wohnung. Doch die ewig lauernden mordgierigen Feinde belagerten ihn, bis man es innen vor Hunger und Angst nicht mehr aushalten konnte und sich in ihre Klauen warf. Man baute dann zwei, drei, dann ganz viele Ausgänge. So gab es immer ein Entrinnen. Mochten auch Tod und Verderben eine Pforte umschleichen, mit Sack und Pack würden sie dann durch ein unsichtbares Hintertürchen entwischen.

Während sie sich das alles überlegte und immer wieder ihren Bauch liebkoste, fiel ihr der Schlauste aller Väter wieder ein, ihr Mann. Emsig hatte er tiefe Schächte gegraben und viel Sand und Geröll ans Tageslicht geschleift. Nur drei davon hatte er mit einander durch Gänge verbunden und zur jetzigen Wohnung ausgebaut. Die anderen dienten zur Täuschung des bösen Feindes. Ob er je bei so vielen den richtigen Eingang fände? Wohl kaum. Beim nächsten Besuch der Vettern und Basen würde das alles gezeigt werden. Wie werden sie auf den Trick hereinfallen, triumphierte die junge werdende Mutter. Schimpfend und fluchend werden sie an den falschen Gängen hervorkriechen und verwundert den Kopf schütteln. Dann aber an der Seite ihres lieben Herrn Gemahls, der zu allem Überfluss einen fünfzig Körperlängen tiefen Wasserschacht gebaut hatte aus dem einzigen Grund, dass sich der Regen dort hinab ergieße und ihre trockene, warme Wohnung verschone, an der Seite dieses großen Mannes, der ihr das Leben so …

Sie horchte auf, ein fremdes Geräusch drang an ihr Ohr, ein Rauschen, wie sie es einmal mit ihrem Mann in der Nähe eines Wasserfalles vernommen hatte. Selige Erinnerungen stiegen in ihr auf und ließen sie für einen Augenblick von dem Getöse ablenken, das nun zu einem Zischen, Sprudeln und Kochen anschwoll. Aus süßen Träumen gerissen blickte sie sich verwundert um. Was sie da ganz plötzlich zu sehen bekam, ließ ihr das Blut in den Adern erstarren, und ihre von Natur aus schon großen, schönen Perlaugen weiteten sich vor Entsetzen. Eine mannshohe Flutwelle kam durch den Haupteingang ihres Wohnsitzes geschossen. Sie sprang von ihrem Ruhebett auf und rannte in die entgegengesetzte Richtung den laugen Gang hinauf zum Arbeitzimmer ihres Mannes. Aber sie hatte noch nicht den größten Teil der Strecke zurückgelegt, als sie die Wassermassen schon mit packender Gewalt erreicht hatten und sie nun einfach vor sich herspülten. Sie strampelte mit Händen und Füßen, bis sie keine Luft mehr schöpfen konnte und ohnmächtig die verzweifelten Bewegungen einstellte.

Als sie wieder zu sich kam, wunderte sie sich sehr, dass sie noch am Leben war. So düster sah das Jenseits doch nicht aus! Alle Viere von sich gestreckt lag sie in solcher Haltung bedrohlich tief im ekeleregenden Schlamm. Aber sie lebte, sog neue Luft in ihre Lungen. Das Geräusch, dieses Verderben bringende Geräusch war jedoch nicht verschwunden. Es hatte nur einen anderen Klang angenommen. Was vorher gezischt, gebrodelt, gekocht und sie schon so tödlich nahe berührt hatte, klang nun wie Glucksen, Schlucken und Seufzen in der Luft. Mühsam befreite sie sich von dem Morast und watete den Gang hinauf, die Verheerung zu besehen.

Während sie bei jedem Körnchen aufschluchzte, das verdorben im Gang herumlag und schmerzend schon ahnte, dass all ihr Reichtum in der Kornkammer verdorben war, dämmerte ihr etwas im tiefstes Grunde ihres Herzens, was sie mit großer Dankbarkeit erfüllte. Sie lebte ja noch und durfte weiteratmen. Tapfer wollte sie an der Seite ihres Mannes die bevorstehende Not durchstehen. Hatte er nicht immer alle Müh’ und Drangsal bewältigt? Seine Idee von dem Wasserschacht und ihre Verwirklichung hatte ihr das Leben gerettet! Ob die Kinder zu Schaden gekommen waren? Keuchend tastete sie sich vorwärts, wobei sie bis zu den Knien in den zähen Schlick eindrang. Endlich hatte sie ihre Kammer erreicht, von der sie soeben geflohen war. Der Anblick war entsetzlich. Das sorgfältig gezimmerte und weich gepolsterte Bett stand unter Wasser. Herabgestürzte Erdmassen versperrten die Zugänge der Kinderzimmer und machten die Wohnung zu einem Bild des Chaos. Voll Schmerz schaute die junge Frau sich um. Hier war kein weiteres Bleiben mehr. Es schien besser, eine neue Wohnung zu graben als diese auszubessern und die Schäden zu beseitigen.

Dann ergriff sie eine neue Ohnmacht, aber nicht körperliche Schwäche oder die Gewalt des Wassers fällte sie zu Boden, nein, ein Anblick so entsetzlich, so unnatürlich widerlich, dass sie ihn nicht beschreiben könnte, wenn sie noch heute lebte. So will ich es für sie tun. Vor dem Hauptgang, unter dem sich auch der Regenschacht befand, der also direkt zum Schlafzimmer führte, fauchte eine rote Riesenschlange. Sie hatte einen Rachen aus glänzendem Gold und spukte unablässig Wasser gegen die Decke des Ganges aus ihrem schier unerschöpflichen Magen. Entsetzlich! Unsere Heldin hatte an einen besonders schweren Wolkenbruch gedacht, der so plötzlich ihr Heim überfallen hätte. Das war jedoch nicht mehr aus dem Bereich des Natürlichen, das sich so vielleicht mit ein wenig Verstand beherrschen ließe. Das war dämonische, höhere Gewalt. Wen von diesen fürchterlichen Mächten hatten sie erzürnt? Wofür wurden sie bestraft? Wo lag ihre Schuld begraben, die sie selbst nicht erkennen konnten? Alles Fragen und keine Antworten. In diesen Fragen liegen die Ansätze der Religion und auch in den Antworten, die uns noch zu den Fragen fehlen.

Freilich konnte die junge Frau, die ohnmächtig im Morast zusammengebrochen war, sich mit diesem Problem nicht beschäftigen. Ich weiß auch nicht, ob ich sie glücklich nennen soll, dass sie noch einmal aufwachte oder besser, dass das Ungeheuer den kahlen Hals senkte, seinen kalten Strahl auf das Schlafgemach richtete und sie, die erbärmlich da Liegende mit diabolischer Freude unsanft aus der Bewusstlosigkeit riss. Erbarmungslos spritzte das eisige Wasser über sie herein, das nun auch vom Boden herquoll und in wenigen Augenblicken die tief atmende Stupsnase erreichte. Zum letzten mal riss sie alle ihre Kräfte zusammen, floh vor dem natürlichsten Element der Welt, ausgespieen von einem Wesen, das durch Stärke, Ungestalt und überirdische Macht geeignet war, in den Mythos einzugehen.

Sie schleppte sich denselben Gang noch einmal hoch, jedoch ging sie nicht zum Arbeitszimmer hinauf, sondern verfolgte den Gang weiter, der zum Südausgang führte. Das Wasser eilte ihr voraus und kletterte langsam, aber stetig die Wände des Ganges empor, bis schließlich die gehetzte Frau gezwungen war, zu schwimmen, was ihr in ihrem gesegneten Zustand außerordentlich schwerfiel. Das Ungetüm schien zu ahnen, dass sein Opfer seinem Zorn entgehen wollte und jagte mit seiner augenlosen Fratze hinterher, den nassen Tod vor sich herspeiend. Die Druckwelle brachte die junge Frau jedoch schneller ihrem Ziele zu und entfernte sie von dem Scheusal. Endlich ging es senkrecht nach oben. Für einen kurzen Moment erblickte sie den blauen, strahlenden Himmel über sich. Dann wurde es wieder duster, nur das Gefühl sagte ihr, dass sie noch weiterhinauf mit dem Wasser stieg. Etwas hatte den Eingang versperrt. Wenn sie es nicht schaffte, die Sperre zu beseitigen, würde sie unweigerlich ertrinken.

Plötzlich blendete sie grelles Tageslicht. Mit einem Satz sprang sie hinaus ins Trockene, in die Freiheit, ins Leben. Keuchend und zitternd vor Atemnot, aber glücklich für das zum dritten mal geschenkte Leben, lag die Frau da, bemerkte zu spät den dunklen Schatten, der vernichtend auf sie niederhieb. Kein Zufall, kein hier und dort treffender Schicksalsschlag, höhere Absicht bis in die letzte Einzelheit gewollt, begründet auf einen unerklärlichen Zorn, waren ihre letzten Gedanken, die ihr durchs Gehirn schossen. Der Hieb des unbekannten Gewichts saß haargenau. Es entschwand sogleich wieder in die blaue Höhe, um das Opfer gleichsam höheren Blicken freizugeben. Bestimmt schon tot, wenn auch das bloßgelegte Herz noch tüchtig pochte. Das Blut, das nach allen Seiten gespritzt war, färbte das welke Gras mit grellroter Farbe. Unter dem plötzlich schweren Druck sprizte nicht nur Blut in die Natur. Der Leib hatte die innere Last nicht mehr halten können. Umgeben von zuckendem Gedärm lagen blind und nackt die ungeborenen Kinder auf dem Geröll der Erde! Welch ein erschaudernder Anblick! Kann einem Menschen soviel Leid geschehen, wie es dieser jungen Maus geschah?

Mit lässiger Fußbewegung stieß der Mann die Überreste der Maus in das Loch zurück. Sie war ihm schon lange ein Dorn im Auge gewesen und hatte ein großen Teil seines Ziergartens unterwühlt. Nun holte er den roten Gartenschlauch aus dem Nachbarloch und spülte die blutigen Körperfetzen in den Schlund zurück. Zufrieden steckte er sich seine Pfeife an und sog den aromatischen Duft in seine Lungen. Die Schuld war beglichen.

 Eulogy

Gedächtnisrede für unseren Vater Carl Kegler Pastor in Grünewald in der Kirche zu Grünewald am 19. Juni 1919. von Oberpfarrer Wollermann/ Bärwalde Krs. Neustettin

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und Herrn Jesu Christo! Aus dem Evangelium Johannes, Kap. 16. Vers 4, hören wir die folgenden Worte: “Denn ich war bei Euch!” Amen!

In dem Herrn geliebte Leidtragende!

Liebe Trauergemeinde!

So soll ich denn Ihrem treuen Entschlafenen, unserem lieben Freunde und Bruder, wie er selbst es gewünscht hat, an seinem Sarge die Gedächtnisrede halten. – Als er schon vor längerer Zeit mich bat, ihm einmal diesen letzten Freundesdienst zu erweisen, da war er noch ein rüstiger Mann so daß ich mich über den ausgesprochenen Wunsch hier verwunderte; da habe ich ebenso wenig wie Sie und andere daran gedacht, daß so bald der Fall eintreten würde, wo seiner Bitte entsprochen werden sollte. Gleichwohl scheint schon damals ein dunkles Todesahnen durch seine Seele gezogen zu sein wie ein Gefühl davon, daß seine Sterbestunde vielleicht näher wäre, als er selbst es glauben möchte. Denn damals wünschte und hoffte er selbst noch lange Zeit den Seinen erhalten zu bleiben und seiner Gemeinde wie bisher weiter zu dienen. – Es ist anders gekommen. Der Wille Gottes ist geschehen. Nach längerer Krankheit, nach schweren seelischen und körperlichen Leiden ist unser Bruder zuletzt durch einen stillen, sanften Tod, im Frieden mit Gott und Men­schen, noch nicht 59 Jahre alt, hinweg geführt aus dem Lande der Lebendigen, aus dem Kreise der Seinen und aus der Mitte seiner Gemeinde, hinweg aus seiner Lebensarbeit in die Ewigkeit. Mit seinen gebeugten Angehörigen stehen wir teilnehmend an der Bahre des Verewigten. Aber wir wollen uns demütigen unter der Hand Gottes und auch im Schmerze seinen Willen ehren.

Nun haben wir uns, die Familienangehörigen und Gemeindeglieder, die Freunde und Brüder, zu einer Trauerfeier an seinem Sarge versammelt. Hier in dieser Kirche, wo er so viele Jahre das Wort des Herrn verkündigt hat, und inmitten dieser Gemeinde, die bei so vielen Gottesdiensten an Sonn- und Feiertagen, in Freud’ und Leid, in Krieg und Frieden dem Zeugnis seines beredten Mundes gelauscht hat, wollen wir zu guterletzt Abschied nehmen von dem teuren Manne, der uns allen auf die eine oder andere Weise und unserem Herzen nahe gestanden hat. Unsere Abschiedsgedanken und Empfindungen in dieser Trauerstunde wollen wir dabei durch das verlesene kurze Wort die Richtung weisen lassen, das unser Heiland einst in einer großen Abschiedsrede zu seinen Jüngern ge­sprochen hat, durch das Schriftwort: “Denn ich war bei Euch!” – Mit solchem Worte weist der Herr hin auf die lange innige Lebens­gemeinschaft, in welcher die Seinen mit ihm standen, wie auf das unmittelbar bevorstehende traurige Ende derselben. Als der Her- zenskündiger weiß Jesus, wie erschüttert und niedergeschlagen die Seinen bei seinem Tode sein werden. Darum will er sie auf die Scheidestunde vorbereiten und ihnen ein Trostwort geben, an dem sie sich nachher wieder aufrichten können. Wie Sie, meine lieben Leidtragenden, die bei dem Heimgang Ihres lieben Entschla­fenen ein tiefes, großes Weh empfinden, so haben einst die Jünger die ganze Bitterkeit und den ganzen großen Schmerz des Abschied­nehmens gekostet. Und wie der Herr damals seine Jünger getröstet hat, so will er durch das Wort seiner Liebe auch Sie trösten in Ihrem Leide und aufrichten in dieser Trauerstunde. – Ich war bei Euch. So redet der Herr von der vergangenen schönen Zeit seiner segensvollen Gemeinschaft, so wie der darauf folgende schmerzlichen Trennung. Ja, er war lange bei ihnen gewesen, im vertrauten Jüngerkreise aufs Innigste mit ihnen verbunden. Sie waren ihm auf Schritt und Tritt gefolgt. Sie hatten unvergäng­liche Worte der Gnade und Wahrheit aus seinem Munde vernommen.

Sie hatten seine Heilandsliebe in tiefster Seele empfunden und seine Hirtentreue in ihrem Leben erfahren. Sie hatten seine Taten, die Worte seiner Gottesmacht und Liebe gesehen. Sie hatten ihm ins Herz geschaut. Ihr alles zog sie hin zu ihm, so daß der Gedanke der Trennung ihnen unerträglich war. – Aber die Schicksalsstunde kam dennoch, kam mit ihrem ganzen großen Leid. Als ihr Meister an das Kreuz geschlagen und in das Grab gelegt ward, da war es ihnen, als ob mit ihm auch alle Hoffnungen begraben wären; da wähn­ten sie, daß es keine Gerechtigkeit mehr in der Welt gäbe; da ist es wie ein Schwert durch ihre Seele gedrungen, da haben Verzagtheit und Trauer ihr banges Herz erfüllt.

Wie den Jüngern damals zumute gewesen ist, das werden Sie, die heute um einen teuren Toten Leid tragen, ihnen nachfühlen können.

Ich war bei Euch. Dieses Heilandswort dürfen wir in übertragenem und doch wieder in ähnlichem Sinne auf unsern verewigten Bruder in den Mund legen. Ich war bei Euch. So konnte er sprechen im Blick auf die Seinen. Denn er ist viele Jahre hindurch bei Ihnen , gewesen ein treuer, lieber Gatte und Vater in unvergeßlicher, reich­gesegneter Lebensgemeinschaft. Ich weiß es aus dem Munde des Ver­ewigten selbst, wie dankbar er seinem Gott für das große Lebens­glück war, das ihm an der Seite seiner treuen Lebensgefährtin er­wachsen ist. Herz und Hand vereint haben sie beide alles mit ein­ander geteilt und getragen. Es war alle Jahre hindurch eine rechte Ehe in unergründlicher Liebe und Treue, eine wahre Lebensgemeinschaft im Geben und Nehmen, im gegenseitigen Verstehen und Dienen, im Tra­gen und Vertragen, bewährt im Glück und Unglück, in Freude und Schmerz, ein rechter Lebensbund, davon das Dichterwort gilt: öDas ist die rechte Ehe, wo Zweie sind geeint, durch alls Glück und Wehe zu pilgern treu vereint, der eine Stab des ändern und liebe Last zugleich, gemeinsam Rast und Wandern und Ziel des Himmelreich.”

Eine besonders große Freude ist es für den Entschlafenen gewesen, daß es ihm vergönnt war, mit seiner Gattin die silberne Hochzeit zu feiern und bei diesem Feste aus dem Munde seiner Kinder den Dank herzlicher Liebe wie ihrer Glück- und Segenswünsche in tief­empfundenen Worten zum Teil in schöner gebundener Rede zu hören.

Noch mit dem letzten Druck der Hand und dem letzten Blick des brechenden Auges hat es der Verewigte ihnen bezeugt: Ich habe Dich je und je geliebt, denn ihre Herzen waren verbunden in der wahren Liebe, die langmütig und freundlich ist, die selbstlos nicht das Ihre sucht, sondern das des anderen ist, die in Glauben, Hoff­nung und Geduld sich bewährt als die Liebe, die nimmer aufhört. Gedauert auch über das Grab hinaus.

Ich war bei Euch. Klingt das Wort besonders für Sie, die Kinder, nicht so, als ob es Ihr scheidender teurer Vater zu Ihnen spräche? Ja, er war bei Ihnen, ein lieber, treu sorgender Vater, der allezeit mit treuen Herzen das Beste seiner Kinder gesucht hat. – Sie werden es nimmer vergessen, daß Sie hier in Ihrem Elternhause, in dem alten und doch so traulichen Pfarrhause dieses Ortes, die glücklichen und segensvollen Tage einer fröhlichen Kindheit und Jugend gelebt haben. Vater- und Muttersegen wird Sie aus diesem Hause als das Beste in die Welt hinaus begleiten. Ihr lieber Vater hat seine Herzensfreude gehabt an den Fortschritten, an dem Geraten und Gedeihen seiner Kinder. Aber wie sehr er sein Fleisch und Blut auch lieb hatte, so hat es ihn doch besonders gefreut, wenn auch seine Kinder sich mit ihren Kräften und Fähigkeiten willig in den Dienst der Allgemeinheit stellten. Denn das war auch ein Teil der Lebensauffassung und Weltanschauung unseres Bruders, das niemand nur sich selbst und nur den Seinen leben dürfe, son­dern daß jedermann in großen sittlichen Lebensgemeinschaften, Fa­milie und Gemeinde, Staat und Kirche, im großen Ganzen mit allen seinen Gaben und Gütern zu dienen hat. Darum hat unser Bruder in berechtigten Vaterstolz eine herzliche Befriedigung darüber empfun­den, daß in der Stunde der Not auch seine Söhne tapfer und ehren­haft für das teure Vaterland mitgestritten und mitgelitten haben. Eine ganz besonders große, letzte Herzensfreude ist es für den Entschlafenen gewesen, daß sich vor seinem Tode noch einmal alle seine Kinder an seinem Sterbebett in dankbarer Liebe um ihn versam­melt haben* Wie einst der sterbende Erzvater seine Söhne zu sich rief und ihnen mit dem Trostwort: “Siehe, ich sterbe, und Gott wird mit Euch sein,” seinen Segen erteilte, so hat sicherlich Ihr lieber Vater vor seinem Scheiden mit einem letzten heißen Gebet Gottes reichen Segen auf Ihr Haupt herabgefleht. Und dieser Vater­segen möge mit Ihnen sein bis an das Ende!

Ich war bei Euch. Das gilt auch Euch, Ihr lieben Gemeinden, in deren Mitte der Verewigte einst von Gott als Prediger und Seelsorger hineingestellt wurde. Ja, er ist lange bei Euch gewesen, über 28 Jahre, seine ganze Arbeit hindurch vom Anfang bis zum Ende. Er ist ganz der Eurige geworden. Selbst eines Landwirts Sohn, hat er sich völlig hineingelebt in Euer Denken und Fühlen. Er hat innerlich teilgenommen an Euern Geschicken und Erfahrungen, an Euern Schaffen und Sorgen, an Euren Freuden und Leiden, ist fröhlich gewesen mit den Fröhlichen und traurig mit den Traurigen. Es dürfte in der gan­zen Gemeinde kein Haus und kein Glied sein, mit dem er nicht in per­sönliche Berührung und Fühlung gekommen wäre. Im Laufe all der Jahre hat er Eure Kinder getauft und ihnen, die Euch ans Herz gewachsen sind, das Beste zu ihrem Lebenslauf, den Segen des Allmächtigen, mitgegeben im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Eure heranwachsende Jugend hat er in dem Worte Gottes unterwiesen und sie, die jungen Christen, eingesegnet. Er hat Euch Ehepaare getraut. Eure Toten, alt und jung, – es mögen wohl viele Hundert geworden sein – hat er zu Grabe geleitet, wie Ihr selbst heute Eu­ren Pastor das letzte Geleit gebt, und hat an ihren Särgen in herz­licher Teilnahme Euch zum Troste das Wort des Herrn gesagt. Vor allem aber hat er Euch von Kanzel und Altar das Evangelium von der Gnade Gottes in Christo verkündigt und Euch damit die wertvollste aller Gaben dargeboten, das Brot des Lebens für Eure Pilgerreise,

Er selbst war eine ringende, suchende Seele. Er gab sich nicht von vorn herein und ohne weiteres mit einem Dogma zufrieden, sondern suchte die schweren Fragen des Glaubens und Probleme der Weltan­schauung in ihrer ganzen Tiefe zu erfassen. Er suchte in die Wahr­heit einzudringen, und wie er sie dann verstand, wie sie ihm schimmer­te und leuchtete, so, mit innerer Beteiligung hat er sie Euch danach in lebensvollen Gedanken und Bildern gepredigt. Und weil sein Herz dabei war, so ist Euch auch wohl zu Herzen gegangen, was er Euch zu sagen hatte. Er glaubte an die Wahrheit, und weil es ihm gewiß war, daß Gott und die Wahrheit den letzten Sieg behalten muß, konnte es ihn nicht erschüttern, wenn auch einmal eine alte Überzeugung ins Wanken geriet, wenn etwa eine alte Form oder Formel umgestoßen wurde. Der Herr aber, der einst auch den Zweifelnden, suchenden Jünger Thomas in seinen Kreis aufgenommen und ihn seinerseits gesucht und sich ihm geoffenbart hat, bis der Jünger mit dem Bekenntnis: Mein Herr und mein Gotti anbetend vor ihm in die Knie sinkt. Derselbe hat auch . unseren verewigten Bruder gesucht und gefunden. Die mit von dem Entschlafenen berichtet ist, ist sein Glaube gerade in seiner Lei­denszeit noch fester, tiefer, inniger und reifer geworden, bis er, ganz seinem Gott ergeben, in völligen Frieden hineingehen durfte.

Unser Bruder suchte die Wahrheit und hat sie Euch verkündigt in rechter Liebe, hat Euch gedient in der Wahrheit und in der Liebe.

Auf einem Synodal-Konvent hat er uns einmal eine Predigt gehal­ten über den Heiland, der seinen Jüngern in dienender Liebe die Füße wusch. Er hat uns damals hingewiesen auf das Vorbild des Herrn, der aus Liebe zu uns Menschen sich selbst erniedrigte, in Selbst­aufopferung alles für uns tat und litt. Nach dem Beispiel dieses großen Meisters hat unser Bruder Euch gern gedient in selbstloser Liebe, nicht in weichlicher, süßlicher Art und Weise, sondern in männlicher Kraft, mit dem Rat und zu jedem Dienste bereit und den sein Herz ihm gebot. – Dazu war er ein gerader, aufrechter Mann, der seine Überzeugung und Meinung auch kraftvoll zu vertreten wußte. Was er meinte, das sagte er auch, frei und offen, nach oben und nach unten hin; er mochte damit Beifall finden oder Anstoß erregen, gefallen oder nicht gefallen. Von der fröhlichen Studenten­zeit her hatte er sich die rechte Burschenart bewahrt, die nach dem Worte handelt; “Wer die Wahrheit kennt und sagt sie nicht, der bleibet fürwahr ein erbärmlicher Wicht.” Dieser redliche Mann war bei uns, ein guter Freund unter Freunden und Bekannten. Mit seinem treuen Herzen, mit seinem lebhaften Temperament und seiner fröhli­chen Lebenslust, mit seinem sonnigen Humor, mit seiner Tatkraft und seinem umfangreichen Wissen, mit seinem ganzen aufrichtigen Wesen ist er vielen als ein Freund lieb und wert gewesen. Viele, die mit ihm zusammen waren, werden den entschlafenen Freund noch lange vermissen in Trauer und Schmerz. – Er war bei uns, ein Freund unter Freunden und Mensch unter Menschen, dem auch menschliche Feh­ler und Schwächen anhafteten, wie er selbst das sehr wohl gewußt hat, aber bei dem allen ein lauterer Charakter, dem alle Bosheit fern lag, und eine treue Seele, der jede Schlechtigkeit verhaßt und zuwider war. Er war bei uns als ein treuer Sohn seines Volkes, ein glühender Patriot, dem der Zusammenbruch des Vaterlandes bis in das tiefste Herz hinein getroffen hat. Sein treues Herz hat bis zum letzten Atemzuge der brennende Wunsch beseelt, daß unser teures Vaterland sich dereinst aus seiner tiefen Not und Schmach wieder erheben möge, daß der Heldengeist der Väter wieder lebendig werde in dem jungen Geschlecht, in dem ganzen Volke, damit es durch die Not geläutert, einst wie seine Vorfahren durch die Tugenden der Gottes­furcht und Treue, der Kraft und Zucht zu neuer Freiheit, Wohlfahrt und Ehre gelange. – So war der Verewigte bei uns, in allen Stücken in Liebe und Treue bewährt bis an den Tod.

Nun geht er von uns, aber sein Bild lebt unvergeßlich fort in den Herzen der Seinen; er scheidet, aber sein Gedächtnis bleibt im Segen. Er verläßt uns; aber ein anderer bleibt bei uns, unser Trost und Beistand zu sein. Es ist der Herr. Er, der Heiland hat nicht bloß gesagt; “Ich war bei Euch”, sondern auch; “Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende!” Dieser Heiland war auch bei unserm Bruder mit seiner Gnade und Wahrheit, mit seiner Kraft zu aller Zeit. Der Herr wird auch jetzt mit Euch sein in Eurer Trau­er. Lassen Sie sich getröstet von seiner Hand leiten! Befiel dem Herrn Deine Wege, ich hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen!

Unser Bruder war bereit, dem Rufe seines Herrn in die Ewigkeit zu folgen. Wie mir mitgeteilt ist, hat er in seiner Leidenszeit zu seiner Gattin als der vertrauten Gefährtin seines Lebens oft­mals gesagt! wie Gott will, ich bin bereit! Ein gutes Bekenntnis im Angesicht des Todes, ein Wort des Glaubens und der Hoffnung! Nehmet es auf wie ein teures Vermächtnis, wie eine letzte ernste Mahnung, die der Sterbende an Euch gerichtet hat!

Er soll Euch wie der Sarg in Eurer Mitte eindringlich erinnern an den eigenen Tod. Bist Du auch bereit zu sterben, wie unser Bruder es war, und hinzutreten vor Gottes Thron? Du weißt nicht, wann Gott der Herr Dich abrufen wird aus diesem Leben, weißt nicht, ob Du nicht schon bald von hinnen mußt. Darum laßt uns über allen Sorgen und Freuden des Daseins das höchste und letzte Ziel des Lebens nicht vergessen, sondern es fest im Auge behalten!

Darum seid auch Ihr bereit, denn Ihr wisset nicht, welche Stunde Euer Herr kommen wird. Laßt uns nur des Herren sein! Er in uns, und wir in ihm! Er geleite uns allen mit seinen Friedensgedanken bis ans Ende!

Ja, der Herr sei bei Euch und uns allen auf allen unseren Wegen, bei uns und mit uns alle Tage bis ans Ende und bis in Ewigkeit! Amen!

Gedächtnisrede

des Pastors Reichmuth, Erfurt (Reglerkirchen-Gemeinde)

(früher 15 Jahre in Stettin)

am 17. Sept. 1948 auf dem Südfriedhof in Erfurt.

Evang. Johannes 16 V. 33

Nun ist die Stunde gekommen, wo ihr Abschied nehmen müßt von der sterblichen Hülle eurer geliebten Mutter und Großmutter.

Nach einem dreivierteljährigem ernsten Krankenlager hat Gott der Herr sie nun, nachdem sie den 80. Geburtstag noch mit hellen Bewußt­sein und in großer Dankbarkeit begehen konnte, zu sich genommen in die Ewigkeit.-Für euch Kinder, die ihr diesen Sarg umsteht und die treue Mutter bis zuletzt gepflegt und betreut habt in selbst­verständlicher, fürsorglicher Liebe, aber nicht minder für den Gros­sen Kreis der Kinder und Enkel, die heute nicht unter uns sein können, ist es eine schwere Stunde, war die Entschlafene doch der geistige Mittelpunkt der großen Familie. Und doch sollte der ernste Ton, den wir hier anstimmen, ein Ton des Dankens sein, des Dankes dafür, daß Gott euch dies treue Mutterleben so lange erhalten hat. Zuletzt war es doch ihr sehnlichster Wunsch, als sie das Nachlassen der Kräfte von Tag zu Tag immer spürbarer fühlte, nun heimgehen zu dürfen.-Und wie friedlich ist dieser Heimgang schließlich gewesen, wenn die Klänge des alten Chorals “Jesus meine Zuversicht” und die Verlesung von Joh. 16 aus des Sohnes Mund das letzte waren, was sie geistig aufnehmen konnte. So soll es auch ein Wort aus diesem 16. Kapitel des Joh. Ev. sein, das wir heute vernehmen, das dieses Leben vom Worte Gottes deuten und abrunden soll, das uns zugleich ausrichten und trösten soll. “Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.” So ruft es Jesus in seinen letzten Stunden vor dem Kreuzestod den Jüngern zu. Er weiß um die bedrohte Lage der Jünger, die Katastrophe, die über sie hereinbrechen wird, er weiß um die Lebensangst, die nicht ausbleiben wird. Aber er kann sie hinweisen auf ein Wort, die das Leben zu einem getrosten Wandern macht. Wie er nicht allein ist in der größten menschlichen Einsam­keit, sondern der Vater ist bei ihm, so dürfen sie ihn, ihren Hei­land und Herrn, den Quell alles Friedens als Beistand und Tröster hinnehmen in den Stunden der Angst und Ausweglosigkeit. War das nicht das Geheimnis auch im Leben eurer lieben Mutter, daß sie um diese spendende Mitte im Leben wußte? – Gott hat ihr den Kampf nicht leicht gemacht. Vor uns steht das Bild der treuen Pfarrfrau, die ein Menschenalter an der Seite des treuen Gatten im Grünewalder Pfarrhaus im Kreis Neustettin wirkte. Es war keine Kleinigkeit für die junge Pfarrfrau die alten Eltern und zwei kranke Schwestern zu hegen und zu pflegen und dabei im Laufe der Jahre sechs Kinder das Leben zu schenken. Aber wie selbstverständlich hat die fleißige, immer bescheidene, rücksichtsvolle Frau diesen schweren, oft an die Grenzen der Kraft gehenden Liebesdienst getan. Was menschliche Ohnmacht ist, wie Gott uns immer wieder an die Grenzen der Kraft führt, das hat sie da wohl oft erfahren; aber sie wußte auch um jene Kraft und jenen Frieden, den der Herr Christus allein verleihen kann, wenn Menschenkraft ausgeht.

Welch treue Gehilfin ist sie dem Gatten gewesen, wie hat sie euch Kinder und Enkelkinder mit wahrhaft mütterlicher Aufopferungsfreu­digkeit von früher Jugend an umhegt. Schon auf der Höhe des Lebens mit 59 Jahren ward ihr der treue Gefährte euer lieber Vater genom­men. Fast ein Menschenalter hat sie dann noch in Stolpmünde, das ihr zur zweiten Heimat wurde, zugebracht. Unendlich viel Liebe und Dank hat sie seitens der Kinder und der immer größer werdenden Enkelchen hier erfahren. Unendlich viel Liebe hat sie aber auch immer wieder aufs neue ausgestreut. – Dann kamen zuletzt die schweren Jahre des zweiten Weltkrieges, in denen sie den jüngsten geliebten Sohn euern Bruder verlor. Auch sie mußte im hohen Alter die ganze Schwere sol­chen mütterlichen Opfers tragen, ja sie mußte unter polnischer Be­satzung die ganze Größe menschlicher Entbehrungen erfahren, mußte am Ende der siebziger Jahre noch einmal, um den Lebensunterhalt zu ver­dienen, sich in die körperliche Arbeit stürzen. Nichts, nichts blieb ihr erspart bis zum Verlust der Heimat und der Flucht aus dem Pommernland.

Was Welt- und Lebensangst bedeutet, das hat sie damals noch einmal erfahren. Aber sie kannte den, der von sich sagen konnte? “Ich habe die Welt überwunden”. Der Blick auf den Gekreuzigten, der uns den Weg des Kreuzes vorangegangen, der mitten im Tode doch zum Überwinder und Spender allen echten Lebens geworden, hat ihr in allem Suchen, Fragen, Grübeln, im Ringen um die letzten Fragen des Lebens, das sie wahrlich nicht leicht nahm, die Kraft gegeben zum eigenen überwinden. Hier in eurem Erfurter Haus durfte sie den Abend ihres Lebens nun verbringen, wohl in der Kraft der Jahre gebrochen und doch innerlich abgeklärt und zum Frieden der Seele gelangt: „Solches habe ich zu Euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt.“

Kierkegart hat einmal gesagt, und die Philosophie unserer Tage hat es gleich ihm ausgesprochen, daß die Angst die treibende Kraft unseres Lebens sei. Auf einem halbjährigen Lager im Erfurter Krankenhaus, in viel Einsamkeit hat sie davon noch einmal am Schluß ihres Lebens etwas zu spüren bekommen. Aber wie dankbar war sie, daß sie in dieser Zeit noch einmal alle ihre Kinder sehen konnte, noch einmal durfte sie wie in den Tagen der Jugend jeden einzelnen mit ihrem persön­lichen Rat und der ganzen Fülle ihrer Liebe dienen. Sie spürte darin sichtlich die Fügung und Führung dessen, der die Seinen nicht ver­läßt, sondern ihnen gerade an den Kindern die Kraft gibt, das Leben zu meistern.-So hat Er, der Himmlische Herr sie nun heimgeholt in seinen Frieden. Wir dürfen sie wissen in jenem ewigen Vaterhaus, in das der Gatte und der Sohn ihr vorangegangen sind wie die Quartier­macher, die dem Heer voraneilen, um die Unterkünfte zu bereiten.

Es ist ein reiches, gesegnetes Lebenswerk, das mit ihrem Heimgang vollendet ist.

Ach, wir wollen sie nicht zurück wünschen, Gott hat es gnädig mit ihr gemeint. — Wohl uns, wenn wir, die wir Zurückbleiben in allen Rätseln der Welt, in allem Dunkel und seinen Führungen, in allen Ängsten, die auch für uns nicht ausbleiben, um jenen Frieden wissen, von dem unser Heilandwort kündet: “Solches habe ich mit euch geredet, daß ihr in mir Frieden habt.” In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Amen.

Bruno Kegler und Seine Familie

Chart II a – I, II, III, IV

Contributed by Dieter and Edda Barge

Wir möchten heute über Eddas Großeltern mütterlicherseits berichten. Eine Hilfe dabei sind die bereits genannten Ahnen-Unterlagen von Erich Engel und ein Fotoalbum, dass Oma Johanna für ihre Tochter Elisabeth (Eddas Mutti) gefertigt hat. Erich ist Johannas Cousin, man sieht beide auf folgendem Foto:

Bild 1

Bild 1

Eddas Opa Bruno Kegler entstammte einer Pastorenfamilie. Er wurde am 14.8.1901 in Grünewald, Kreis Neustettin in Hinterpommern, als 6. Kind in der Ehe von Pastor Karl Kegler und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Maas, geboren. Erich Engel ermittelte als ältesten Vorfahren der Keglers einen Gottfried, der sich noch Kägeler schrieb. Gottfried wurde in Luchow bei Stettin geboren und starb am 12.Mai 1715. Hier die Eltern von Bruno:

Bild 2

Bild 2

Bruno 1906 und 1924:

    Bild 3 und Bild 4

Das nächste Bild zeigt die Eltern von Johanna, Oberschullehrer Ludwig Engel mit seiner Frau Margarete, geb. Janke, und der kleinen Johanna, die am 15.März 1907 in Bad Ziegenhals, Kreis Neiße geboren wurde und das einzige Kind blieb.

Bild 3

Bild 5

 Johanna verlebte eine glückliche, unbeschwerte Kindheit und wuchs in einem harmonischen, fröhlichen Elternhaus auf. Sie besuchte das Lyzeum und die Studienanstalt in Hirschberg, später die Frauenfachschule in Görlitz und von 1929 – 1931 das Lehrerseminar in Stettin. Bruno erhielt seinen ersten Unterricht in der Volksschule Grünewald bei seinem Vater, 1911 trat er in die Kadettenanstalt in Plön ein, ab 1915 in Berlin-Lichterfelde, 1919 bestand er das Abitur, der Tod seines Vaters am 15.Juni 1919 traf ihn hart. Er trat in den Grenzschutz ein und begann ein Medizinstudium in Tübingen, das er aber wegen Geldmangel aufgeben musste. Er trat in den Zolldienst ein. In Neustadt/Oberschlesien befreundete er sich mit Hans Becker. Später wurde er nach Stettin versetzt Bei einem Besuch bei den Beckers sah er ein Bild von Johanna Engel an der Wand hängen und die Frau von Hans Becker, Ruth sagte “das ist meine Cousine Johanna”. Bruno wollte unbedingt Grüße von Beckers an Johanna ausrichten und lernte sie am 10.8.1928 in Stettin kennen. Nun begann für Johanna die wunderschöne Zeit der ersten Liebe. Sie sahen sich oft und unternahmen gemeinsame Wanderungen und Dampferfahrten. Bruno hatte nach dem ersten Zusammentreffen mit Johanna den beiden Damen, bei denen er als “möblierter Herr” wohnte, spontan erklärt, dass er seine zukünftige Frau kennengelernt habe !!! Am 29.April 1930 schlossen beide in Hirschberg den Bund der Ehe. In ihren Ringen war der 10.8.1928 eingraviert.

Bilder 6 – 9

Bild 9 zeigt beide mit den Beckers. Der Weg der Familie führte sie über Bad Landeck (ab Jan. 1935), Bitburg (ab Okt. 1937), Königsberg/Neumark (ab Okt. 1933) nach Oppeln (ab April 1940). In Stettin wurden Hartmut am 14.4.1931(Bild 10) und Elisabeth am 31.12.1938 (Bild 11) geboren.

Von Bad Landeck die Bilder 12-16.

Bilder 12 – 16

In Bitburg wurde am 20.3.1938 Jürgen geboren.

Bilder 17 – 19

Bild 19 entstand bei einem Besuch der Großeltern Ludwig und Margarete. In Königsberg führt der stolze Großvater Ludwig die großen Enkel zum Schwimmunterricht, die nächsten Fotos zeigen Ferienbilder von Stolpmünde.

Bild 20

Bild 20

Bilder 21 – 24

Auf den Bildern 21-24 sieht man Oma Elisabeth. Dann begann am 1.September 1939 der unsägliche Krieg. Bruno musste den Polenfeldzug vom 1.September bis zum 6.Oktober mitmachen. Bild 25 zeigt Bruno in Uniform, Bild 26 die Familie bei einem Urlaub im Januar 1940.

 Bild 25 und Bild 26

 Am 18.6.1940 fiel Bruno in Kientzheim/Elsaß. Hanna schrieb im Album: Manchmal wollt’ ich fast verzagen, und ich dacht-ich trüg es nie. Und ich hab es doch getragen, aber fragt mich nur nicht -wie.-” Über diese schlimme Zeit berichtet Dieter in einem gesonderten Beitrag! Oma Hanna ging bald mit den Kindern nach Hirschberg zurück. Es schließt sich zeitlich der schon eröffentlichte Bericht von Hartmut über die Flucht nach Mellen an.

Unser Weg nach Mellen

von Hartmut Kegler (Chart II a – III)

Für mich endete die Schulzeit mit der 7. Klasse. Darauf bin ich noch heute stolz. Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich ein „Siebenklassenschüler“ bin, finde ich sofort Kontakt. Ich bin ihr Kumpel und nicht so etwas Verschrobenes wie ein Professor. Im Jahr 1944, meinem letzten Schuljahr also, war mein Zeugnis gar nicht so besonders. Mein lieber Großvater Ludwig Engel, der sich meiner besonders angenommen hatte, war ziemlich besorgt. Vor allem eine Fünf in Mathematik behagte ihm, dem Mathematiklehrer, überhaupt nicht. So war es mir gerade recht, dass unsere Schule in Hirschberg im Riesengebirge im Herbst des vorletzten Kriegsjahres 1944 als Lazarett genutzt worden war. Kein Unterricht mehr, sondern Kriegseinsatz des Deutschen Jungvolks! Das war wichtiger und interessanter als Vokabeln pauken! So zog ich meine Uniform an, sammelte meinen Jungzug und marschierte zum Bahnhof, um den dort ankommenden Flüchtlingen aus dem Warthegau oder noch weiter östlich beim Koffertragen zu helfen oder anderweitig nützlich zu sein. Dass mit den Flüchtlingen auch die Front immer näher rückte, war uns gar nicht so bewusst. Wir glaubten an den Sieg und an den Führer ungebrochen. Außerdem hatten wir im Vorjahr bei Oels tiefe Panzergräben ausgehoben, an denen die Russen sicher scheitern würden.

An Flucht haben wir Jungen nicht einen Augenblick gedacht. Selbst zum Jahreswechsel 1944/45 habe ich mir noch die Ansprache des Führers im Radio angehört: „Deutsche Volksgenossen, Soldaten der Deutschen Wehrmacht, Männer der Waffen-SS …“ . Seine Stimme klang ruhig, fest und zuversichtlich. So erschien es sicher nicht nur mir. Anders kann man es sich nicht erklären, dass so viele Menschen ihm wider alle Vernunft bis zum bitteren Ende glaubten, folgten und auf ihn hofften.

ellisabeth Elisabeth in der BDM-Uniform

   (Bund deutscher Mädchen)   1944

Der Winter brach herein und wurde hart. Viel Schnee und eisige Kälte herrschten im Land. Von den Sorgen, die sich meine Mutter Johanna Kegler und meine Großeltern Ludwig und Margarethe Engel machten, verspürte ich so gut wie nichts. Mein Bruder Jürgen erzählte mir erst vor kurzem, dass sich meine Mutter und Großmutter nicht nur gedanklich mit einer Flucht befasst, sondern sie im Stillen auch schon vorbereitet hatten. Unser Großvater soll damit nicht einverstanden gewesen sein. Er wollte unbedingt in seiner Heimat bleiben. Aber die beiden Frauen sorgten doch schon vor. Das merkten wir Kinder aber erst, als es tatsächlich losging. Unsere Mutter, seit 1940 Witwe, arbeitete als Rote-Kreuz-Schwester auf dem Hirschberger Bahnhof, wo sie Soldatentransporte mit Tee und anderen Dingen versorgte. Dort hörte sie auch so manches, was die Nachrichten des Großdeutschen Rundfunks nicht brachten.

Eines Tages in der ersten Februarwoche 1945 hieß es dann, dass am nächsten Tag der letzte Eisenbahnzug Hirschberg verlassen würde. Danach sollte der Zugverkehr eingestellt werden. Immerhin war die Front schon ziemlich nahe. Die Rote Armee stand vor Breslau. Sie konnte in wenigen Tagen in Hirschberg einmarschieren. Nun gab es kein Zögern mehr. Wir drei Kinder, Elisabeth, Jürgen und ich, bekamen ein Rucksäckchen umgehängt, das die wichtigsten Utensilien enthielt, eine Pelzmütze aus Karnickelfell auf den Kopf und ab ging es zum Bahnhof. Wie Mutter und Großeltern die Koffer dorthin geschleppt hatten, ist mir noch heute ein Rätsel.

Tatsächlich bekamen wir in einem Abteil dritter Klasse eines bereit stehenden Personenzuges noch Sitzplätze. An die Fahrt kann ich mich nur noch sehr vage erinnern. Ich dachte nur immer daran, dass ich meine Fanfare und meine Uniform nicht mitgenommen hatte. Ich war ja Jungzugführer im Fanfarenzug des Jungstammes 1 und hatte mich nicht abgemeldet! Dass Mutter und Großeltern einen ganzen Hausstand mit wertvollen Büchern, ein Klavier, kostbare Möbel von Wohn-, Herren- und Schlafzimmern, Kleidung, Wäsche, Geschirr, Wertgegenstände verschiedenster Art zurück gelassen hatten, kam mir nicht in den Sinn. Erst als wir um jeden Kochtopf oder jede Tasse betteln mussten, begriff ich, was wir verloren hatten.

Die Fahrt wurde ziemlich strapaziös. Der Zug war anfangs nur wenig, später überhaupt nicht mehr geheizt. Wir froren erbärmlich und hatten Hunger. Die wenigen Stullen, die wir mitgenommen hatten, waren bald aufgegessen. Der Zug fuhr immer ein paar Kilometer und hielt dann auf freier Strecke plötzlich an. Glücklicherweise blieben wir wenigstens von Fliegerangriffen verschont. Aber unser Großvater bekam plötzlich Fieber. Natürlich konnte ihm niemand helfen. Das war schon eine Sorge! Immer weiter bewegte sich der Zug in Richtung Westen. An den Bahnhöfen fuhr er meistens durch, Fahrpläne waren außer Kraft gesetzt. So gab es keine Möglichkeit, wenigstens etwas Warmes zu trinken zu bekommen.

Der letzte Aufenthalt auf freier Strecke erfolgte dann vor Dresden. Stundenlang blieb der Zug dort stehen. Die Kälte zog in alle Glieder, der Magen knurrte vor Hunger. Des nachts erkannte jemand am Horizont einen rot-gelben Schein und ein dunkles Grummeln und Donnern war zu vernehmen. Keiner wusste es zu deuten. Erst später erfuhren wir, dass es die teuflische Bombennacht des 13. Februar war, die ihre Zeichen gesandt hatte. Wären wir nur wenige Stunden früher dort angekommen, dann wären wir in das Inferno der Spreng- und Phosphorbomben geraten und hätten ganz sicher nicht überlebt.

 Am nächsten Morgen setzte sich der Zug in entgegengesetzter Richtung in Bewegung und fuhr von nun an langsam, aber stetig weiter. Über das Wohin machte ich mir keine Gedanken. In bleibender Erinnerung ist mir aber der Bahnhof und Wartesaal von Stendal geblieben. Der Fußboden des Saales war mit einer dicken Strohschicht bedeckt. Wir hauten uns sofort hinein, was wir nach dem langen Sitzen auf den harten und kalten Bänken des Eisenbahnzuges als paradiesisch empfanden, und schliefen selig ein. Unvergesslich sind mir dann noch die Leberwurststullen, die uns Rote-Kreuz-Schwestern reichten! Sie waren das reine Festmahl! Wenn ich später, als die Hungerzeit vorüber war, erlebte, wie Butterbrote oder anderes Essen achtlos weggeworfen wurden, musste ich immer an die Leberwurststullen von Stendal denken. Muss der Mensch erst Hunger leiden, um das „Täglich Brot“ zu achten?!

Über dem Bahnhof von Stendal kreisten deutsche Jagdflieger. Sie bestärkten uns in unserer Siegeszuversicht. Die deutsche Luftwaffe war ja die stärkste der Welt! Dass englisch-amerikanische Bomberverbände über Deutschland fliegen und ihre tödliche Last nach Belieben abwerfen konnten, ohne von deutschen Jägern daran gehindert zu werden, war mir nicht bewusst. Ich sehe sie noch heute in Pulks von 60 oder mehr Fliegern über uns hinwegziehen. Bombennächte haben wir ja nicht erleben müssen. In Niederschlesien lebten wir diesbezüglich geradezu im Paradies, jedenfalls im Vergleich zu den Großstädten im Westen Deutschlands. Wie oft hatten wir Jungs uns, wenn wir die Schule wieder einmal satt hatten, einen Fliegeralarm gewünscht!

Endlich endete unsere Reise Richtung Westen in einem Städtchen, das mir bisher völlig unbekannt gewesen war. Es hieß Lenzen und lag an der Elbe. Wie wir von dort in das 10 Kilometer entfernte Mellen gekommen waren, weiß ich nicht mehr. Später bin ich die Strecke oft mit Mutter oder Großvater gelaufen, um in Lenzen mal einen Hering oder mal etwas anderes zu essen zu ergattern.

In Mellen angekommen, ging es von der Dorfstraße einen Hohlweg hinab zu einer Wassermühle, die ganz idyllisch an einem kleinen Teich gelegen war. Dahinter blickte man auf Weiden und einen großen See, dessen Ufer mit Schilf bewachsen waren. In der Mühle bezogen wir zwei kleine Zimmer im ersten Stock. Neben uns wohnte ebenfalls in zwei kleinen Räumen eine russische Familie. Der Mann hieß Sascha, die Frau Shura und beide hatten eine kleine Tochter. Sie waren Fremdarbeiter, die aus der Sowjetunion verschleppt worden waren und in der Mühle arbeiteten. Wie glücklich waren wir, nach der langen Fahrt wieder in einem Bett liegen zu können, auch wenn es keine Matratzen hatte, sondern wir auf Strohsäcken lagen.

Muehle

  Die Mellner Mühle

oben: Foto, unten: Gemälde, zu besichtigen im

Heimatmuseum Perleberg

MuehlePaint

Unsere Mutter erklärte uns nun, warum wir ausgerechnet nach Mellen geflüchtet waren. Wir waren nun in der Mühle untergebracht, aus der der Kamerad unseres Vaters stammte. Nun erinnerte ich mich auch daran, dass in den letzten Jahren zu Weihnachten immer ein kleines Paket ankam, in dem etwas zu naschen war. Der Absender hieß Walter Krumm, Feldpostnummer sowieso. Später blieben diese Sendungen aus. Walter Krumm war als vermisst gemeldet worden. Irgendwo in den Weiten Russlands ist er verschollen. Auch Frau Krumm war also Witwe geworden. Ihr hatte unsere Mutter geschrieben und sie gefragt, ob wir im Notfall bei ihr Unterkunft erhalten könnten. So gelangten wir also zu dem legendären Ort Mellen.

Anfangs ging es uns dort gut. Mit der Familie Krumm verstanden wir uns offenbar glänzend. Frau Krumm hatte auch drei Kinder, die Werner, Elisabeth und Hildegard hießen. Sie wurden unsere Spielgefährten. Wenn Werner Krumm auf die Toilette (Plumpsklo) musste, sagte er immer: „Ick jeh uff Kloster!“ Mit Elisabeth Krumm, heute Elisabeth Preuß, stehen wir noch immer in Verbindung. Wir erhielten ja noch Lebensmittelkarten und hatten das Nötigste zu essen. Ich wurde von einem Fähnleinführer Klaus Krusemark aufgefordert, den Jungzug in Mellen zu übernehmen. Sicher hätte ich den Befehl auch ausgeführt, doch dazu ist es nicht mehr gekommen. Ab März 1945 bekamen wir nämlich das Kriegsgeschehen unmittelbar zu spüren. Tiefflieger kreisten über uns hinweg und schossen auf alles, was sich so zeigte: Auf den pflügenden Bauern, die Hausfrau im Garten und auch auf spielende Kinder. Sie machten sich einen Sport daraus. Wenn man Soldat wird, ist man nicht nur zum Töten verpflichtet, es wird einem offenbar sogar zum Bedürfnis. Für die Siegermacht ist Töten dann ein Sport. In bleibender Erinnerung ist mir ein Ereignis, das ich mit meiner Schwester Elisabeth er- und überlebt hatte. Eines Tages im April 1945, die Sonne schien vom Himmel und es war angenehm warm, ging ich mit ihr den schon genannten Hohlweg von der Mühle zum Dorf hinauf. Plötzlich überflog uns in wenigen Metern Höhe ein englischer Jagdbomber, „Jabo“ genannt. Als er über uns hinwegpfiff, haben wir uns reflexartig geduckt. Dann gingen wir weiter, weil wir dachten, dass alles vorbei sei. Doch der Jabo kehrte zurück und feuerte aus allen Rohren auf uns Kinder. Schlagartig legten wir uns auf die Erde und sahen nur den Sand aufspritzen, wo die Granaten eingeschlagen hatten. Da bewährte sich meine vormilitärische Ausbildung, die ich in einem Wehrerziehungslager im Jahr 1943, geführt von Soldaten der Waffen-SS, erhalten hatte. Ich nahm Elisabeth an der Hand und rannte mit ihr an die Seite des Hohlweges, aus der der Flieger wieder zu erwarten war. Tatsächlich kam er von dort angeflogen und schoss. Doch die Schüsse landeten auf der Gegenseite des Hohlweges. Wir lagen im „toten Winkel“. Nachdem der Jabo uns überflogen hatte, rannten wir auf die Gegenseite, so dass sich das „Spiel“ wiederholte. Schließlich drehte die Maschine ab und wir konnten wieder aufatmen. Zum Glück hatte unsere Mutter das nicht miterlebt. Sie wäre vor Angst um uns sicher fast gestorben. Ich aber war stolz, den Feind so genarrt zu haben!

Es gab sogar noch ein Erlebnis der Vergeltung! In der Nähe von Mellen, da wo heute der Siedlungsweg endet, befand sich eine Flak (Fliegerabwehrkanone). Es war ein Zwillingsgeschütz mit dem Kaliber 3,7. Bedient wurde sie von einem kaum zwanzig Jahre alten Unterscharführer (Unteroffizier) der Waffen-SS. Er trug das Eiserne Kreuz erster Klasse und war für mich der Inbegriff des Helden. Natürlich hielt ich mich bei ihm auf so oft ich konnte. Der Junge schoss auf alles, was sich am Himmel über ihm zeigte. Aber von dort wurde auch zurück geschossen. So lag ich mehr hinter den Sandsäcken und hielt mir die Ohren zu, als dass ich am Geschehen teilnahm. Tatsächlich hat aber eine Salve aus der Flak einen englischen Jäger voll getroffen. Der begann an den Tragflächen zu qualmen und drehte in Richtung Elbe ab. Eines Tages war aber die Flak verschwunden. Das bedauerte ich sehr. Zu gerne hätte ich noch einmal einen Abschuss erlebt. Möglicherweise hätte ich ihn aber auch nicht überlebt.

 Doch der Krieg war für mich noch nicht zu Ende. Es gab nämlich den Befehl, an der Straßenkreuzung, wo sich die Gastwirtschaft Paul Lewerenz befand, eine Panzersperre zu errichten. Damit sollten 10 Kilometer vor der Elbe, wo bereits die Engländer standen, die Russen aufgehalten werden. Mit Vernunft hat Krieg sowieso nichts zu tun. Dies aber war der reine Schwachsinn. Aber ich schleppte mit vielen anderen Großen und Kleinen Steine und Balken. Einen ganzen Tag stand dann auch die Panzersperre quer zur Straße. Das Ergebnis dieser „Befestigung“ bekamen wir postwendend zu spüren: Tiefflieger beschossen mit Leuchtspurmunition die Sperre und alles darum herum. Schließlich ging die Scheune neben der Gastwirtschaft in Flammen auf und brannte nieder. Deutsche Fallschirmjäger, die nach diesem Angriff durch Mellen in Richtung Elbe zogen, um für sich den Krieg einigermaßen glimpflich zu beenden, erklärten uns für verrückt und rieten uns dringend, wenn uns unser Leben auch nur einen Pfifferling wert sei, die Panzersperre so schnell wie möglich wieder zu entfernen. Denn bald würden die Russen hier eintreffen und dann „gäbe es Zunder“, dann bliebe kein Stein mehr auf dem anderen.

MellenDie oben erwähnte Kreuzung auf einer Postkarte von 1913

So trugen wir also schleunigst unsere so mühevoll errichtete Panzersperre wieder ab. Nun begann auch ich allmählich am „deutschen Endsieg“ zu zweifeln. Man sieht: Politisch bin ich schon damals ein typischer „Spätentwickler“ gewesen. Bestärkt in meinem Zweifel wurde ich, als Mutter und Großeltern in Krumms Garten einige Dinge vergruben, an die ich mich aber nicht mehr genau erinnere. Wiedergefunden wurden sie jedenfalls nie. Ich weiß nur, dass ich meinen Dienstausweis vom Deutschen Jungvolk auch vergraben hatte. Man sagte ja, dass die Russen alle erschießen würden, die für Hitler waren. Und das war ich ja nun einmal. Ich erinnere mich auch an ein Gespräch zwischen Frau Krumm und meiner Mutter, im Verlaufe dessen Frau Krumm verbittert ausrief: „Nie wieder einen Gefreiten!“ Damit meinte sie Hitler, der ja im Ersten Weltkrieg Gefreiter gewesen und nun Oberster Befehlshaber der Wehrmacht geworden war, vor dem alle Generäle stramm gestanden haben. Hinter vorgehaltener Hand haben sie ihn aber „Gröfaz“ genannt: „Größter Feldherr aller Zeiten“. Darauf stand aber die Todesstrafe! Auf jene Bemerkung von Frau Krumm erwiderte unsere Mutter leise: „Ich verurteile ihn nicht!“ Damals war ich richtig stolz auf sie.

 Kurz bevor die Rote Armee in Mellen einzog, kamen noch berittene Wlassow-Truppen durch den Ort. Es waren Russen, die zur deutschen Wehrmacht übergelaufen waren und gegen die Rote Armee gekämpft hatten. Sie trugen Kosakenmützen mit dem deutschen Hoheitsadler. Auch sie wollten noch über die Elbe zu den rettenden Westalliierten. Später stellte sich aber heraus, dass diese „Retter“ sie an die Rote Armee wieder ausgeliefert hatten. Sie wurden von Stalin grausam umgebracht.

Eines nachmittags Ende April hörten wir von Boberow her Panzer rollen. Es fielen auch Schüsse. Die Angst saß uns allen im Nacken. Was tun? Ins Schilf flüchten oder in der Scheune verstecken? Ich sehe uns noch zusammen in der kleinen Stube neben der Küche sitzen. Unsere Mutter hatte sich ihr Haar mit Mehl weiß gefärbt, um alt auszusehen. Es hieß ja, die Russen würden alle Frauen vergewaltigen. Sie saß neben Oma Krumm auf dem Sofa, wir Kinder hockten auf Stühlen am Tisch oder auf dem Fußboden. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Rotarmist betrat den Raum. Er blickte sich um, sagte nichts und verschwand wieder. Das war es dann auch zunächst. Abends gingen wir in unsere Zimmer schlafen. Im Nebenzimmer schliefen unsere Mutter und Großmutter. Die Tür haben wir mit einem Schrank verstellt. So befanden sich nur Großvater und wir Kinder im vorderen Raum. Nachts kamen immer wieder Soldaten die Treppe hochgepoltert, rissen die Tür auf und leuchteten uns mit ihren Taschenlampen ins Gesicht. „Deutsch Soldatt?“, riefen sie. Großvater antwortete „Njet!“ So ging es wiederholt. Die Truppen, die das Dorf besetzt hatten, wechselten laufend, so dass immer wieder nach deutschen Soldaten gesucht wurde. Aber die waren ja alle schon über der Elbe. Oder sie lagen als Leichen herum. In dieser Zeit habe ich den ersten toten Menschen im Leben gesehen. Es war ein Angehöriger der Feldgendarmerie. Er hatte sich im Müllerbusch mit einer Pistole das Leben genommen. Diese Truppe war ja gefürchtet wie die SS. Jeder Soldat, der aufgegriffen wurde und keinen Marschbefehl nachweisen konnte, wurde von ihnen erschossen oder aufgehängt. Von den Russen hatte er nichts Gutes zu erwarten. Auch von den Deutschen nicht.

Unsere Nachrichten erhielten wir nun aus verschiedenen Quellen. Die Rotarmisten teilten uns voller Genugtuung mit: „Gitler kaputt!“ Für uns hieß das: Unser Führer war auf dem Felde der Ehre gefallen. Andere Nachrichten erhielten wir aus dem Radio, ohne zu wissen, wo überhaupt noch ein Sender stand und wie er funktionierte. Das Sendezeichen hatte die Melodie von „Freiheit, die ich meine …“ Man berichtete von Hitlerjungen, „Werwölfe“ genannt, die den Kampf gegen die „Feinde“ fortsetzten. Sie sprengten Lastkraftwagen der Alliierten in die Luft, schossen auf Soldaten, legten Minen auf Straßen und dergleichen. Auch sie suchte man natürlich bei den ständigen Kontrollen. Dabei wurden zumindest in der sowjetisch besetzten Zone junge Leute, oft völlig unschuldig, von der Straße aus verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. In Mellen hatten wir so etwas nicht erlebt. Dafür spielten wir Jungen mit Waffen, die ja überall herumlagen. Die Wehrmachtssoldaten hatten kurz vor der rettenden Elbe alles weggeworfen. So lasen wir Karabiner, Handgranaten, Flakgeschosse, Leuchtspurmunition und Stahlhelme auf und spielten damit „Krieg“. Die Leuchtspurmunition steckten wir in Rohre und stießen diese auf Nägel. So wurde die Patrone gezündet und flog hoch in den Himmel mit leuchtend rotem oder grünem Schein. Einer von uns spielte in der Sandkuhle neben der Mühle mit einer Handgranate, die er etwas verspätet wegwarf, so dass sie ziemlich nahe explodierte. Ich bekam einen Splitter am Arm ab, erzählte aber nichts davon zu Hause. Meine Mutter hätte zu große Ängste ausgestanden. Sie hatte zudem auch ganz andere Sorgen.

Inzwischen hatte sich das Kriegsgeschehen etwas gelegt. Wir Mühlenbewohner lebten einigermaßen ruhig. Ein „Schutzengel“ hatte sich nämlich eingefunden. Der hieß Sigmund und war ein russischer Leutnant. Er wohnte in der Mühle und bewahrte uns vor Üblem. Der „Preis“ war eine Frau Schulze, die oben im Dorf wohnte und die den Sigmund allabendlich besuchte oder mit ihm ausging. Von Vergewaltigung konnte man in diesem Fall nicht sprechen. Uns war es nur recht. Ein Bauer Heuer, Vater von Emmi Heuer, wurde vom Ortskommandanten als Bürgermeister eingesetzt. Er trug eine rote Armbinde, hatte aber wahrscheinlich noch nicht viel zu sagen.

Unsere Mutter hatte inzwischen eine Beschäftigung gefunden, die für die Familie nützlich war. In der Gaststätte Lewerenz hatte die Ortskommandantur für ihre Soldaten eine Küche eingerichtet. Dort durfte Mutter Johanna Kartoffeln schälen oder kochen. Das Fleisch besorgten sich die Soldaten von den Weiden. Ich musste selbst mit ansehen, wie sie einem Rind bei lebendigem Leib die Kehle durchschnitten, es gleich zerteilten und die Stücke auf Schultern ins Dorf trugen. Als Lohn brachte unsere Mutter dann so manche Schüssel mit Brühe oder gekochten Kartoffeln nach Hause. Da lebten wir alle auf, denn die Ernährungsfrage wurde allmählich kompliziert. Lebensmittelkarten gab es nicht mehr. Geld war auch nicht vorhanden. Woher also nehmen, wenn nicht stehlen? Letzteres behielt ich mir vor. Ich klaute mal vom einen Acker Rüben, mal aus einem Garten Möhren oder aus einem Hühnerstall Eier. Meine Schwester Elisabeth blieb ehrlich und übernahm die Rolle der Bittenden. Sie ging von Hof zu Hof und fragte nach Milch oder etwas anderem Essbaren. Wir nannten sie, weil sie gar nicht so erfolglos blieb, „Hamsterweiberle“. Ich sehe sie immer noch, wie sie barfuß die Straße oder den Feldweg entlang tappelte, mit einer Milchkanne in der Hand, und von Haustür zu Haustür um etwas Milch bat. Aber die Bauern zeigten sich ziemlich hartherzig. Da war weder von „Volks-“ oder „Schicksalsgemeinschaft“ noch von „christlicher Nächstenliebe“ etwas zu spüren. Das deutsche Volk war restlos demoralisiert. Wie oft bekam Elisabeth auf die Bitte um etwas Magermilch die Antwort: „Us Katt hätt noch nix!“ (Unsere Katze hat noch nichts.) In den Hungerjahren nach dem Krieg begann sich in mir so etwas wie „Klassenbewusstsein“ zu regen. Vor allem in der Landwirtschaftlichen Winterschule in Perleberg, als die Bauernjungen fette Wurststullen verzehrten, während ich mit knurrendem Magen daneben saß, stieg in mir leise eine merkwürdige Wut hoch. Aber das nur so nebenbei.

 Ist die Not am größten, sei der liebe Gott am nächsten, heißt es. Viel hat er uns nicht geholfen, aber immerhin: Der Zufall wollte es, dass der Bauer Müller in der Siedlung jemanden suchte, der bei der Ernte helfen konnte. Da meldete ich mich. So ging ich an jedem Tag früh hin, spannte die Pferde an und fuhr aufs Feld, um Getreide zu mähen oder zu laden und andere Arbeiten zu verrichten. Der Lohn war dann eine warme Mahlzeit am Tag und ein Butterbrot zur Vesper. Für die Familie war das schon einmal eine gewisse Entlastung. Während ich beim Bauern arbeitete, gingen die Großeltern, die Mutter, Elisabeth und Jürgen hinaus auf die abgeernteten Getreidefelder, um Ähren zu lesen. An den Stoppeln stießen sie sich ihre Füße wund. Natürlich musste das Feld schon nachgeharkt worden sein, sonst kam der Bauer und verjagte das Flüchtlingspack, die Habenichtse aus dem Osten. Mit den aufgelesenen Ähren ging man dann nach Hause, rubbelte die Körner aus, zerrieb sie oder gab sie in die Mühle, um danach einen Brei zu kochen oder ein Stück Brot zu backen.

 Unser Großvater, die gute Seele, hatte bei den Russen einen Stein im Brett. Sie liebten Kinder und alte Leute, das fiel auf. Großvater konnte zwar kein Wort Russisch, verständigte sich aber doch mit ihnen und sie taten ihm nichts an. Immerhin war er der einzige Flüchtling der ehrlich zugab, dass er in der NSDAP gewesen war. Alle anderen aus dem Osten waren natürlich schon immer gegen Hitler gewesen!! (So wie 1989 angeblich alle gegen Honecker gewesen waren.) Dabei war Großvater alles andere als ein „Nazi“. Er war Lehrer und Kantor, sonst nichts. In die Partei ist er nur seinem Schwiegersohn zuliebe eingetreten. Aber seine Ehrlichkeit brachte es ihm nach der Wiedereröffnung der Schulen ein, dass er nicht mehr als Lehrer arbeiten durfte. Dabei war er ein so guter und gütiger Lehrer. An „Opa Engel“ erinnerten sich ehemalige Schüler nach Jahrzehnten noch. Eine Episode bei der Begegnung mit einem Rotarmisten blieb mir in Erinnerung. Die sowjetischen Soldaten waren ja bekanntlich sehr auf Uhren aus. „Uhri, Uhri!“ sagten sie und nahmen den Leuten ihre Uhren ab. Großvater war pfiffig und steckte seine goldene Taschenuhr der Marke „Glashütte“ in den rechten Schuh. Als auch er einmal von einem Russen aufgefordert wurde, seine Uhr herzugeben, zeigte er seine Arme, an denen nichts zu sehen war. Der Soldat forderte ihn nun auf, die Schuhe auszuziehen, weil er etwas ahnte. Großvater zog den linken Schuh aus, in dem sich nichts befand. Da klopfte ihm der Russe auf die Schultern, lachte und ging los. So wie ich Großvater in Erinnerung habe, hat ihm die Täuschung des russischen Soldaten Gewissensbisse verursacht. Die Uhr mit den Spuren ihres einstigen Versteckes trägt heute sein Urenkel Harald.

 Mein Aufenthalt in Mellen war ja zeitlich sehr begrenzt. Er dauerte von Februar bis September 1945. Meine Arbeit beim Bauern Müller war keine Perspektive. Die Schule weiter zu besuchen, war zunächst nicht möglich, und dann hatte ich dazu auch gar keine Lust mehr. Irgendwie hatte es meine Mutter mit unserem Onkel Günther Kegler, der in Erfurt lebte, so arrangiert, dass ich in Abtsbessingen, Kreis Sonderhausen, eine ordentliche Lehrstelle auf einem vorbildlichen Bauernhof erhielt. Mein Lehrherr hieß Karl Breitenstein. Ich hatte an der Landarbeit nicht nur des Essens wegen Gefallen gefunden. Außerdem hatte ich mich des Rates eines ostpreußischen Landwirtes erinnert, der gegen Kriegsende durch Mellen gekommen war und in der Mühle Halt gemacht hatte. Er sagte zu mir – und das klingt mir noch heute in den Ohren: „Junge, werde Bauer! Dann bist du immer an der frischen Luft und hast auch was zu essen!“ Von den Schwielen an den Händen hat er nichts gesagt. Die bekam ich gratis.

So setzte ich mich Anfang Oktober 1945 abends in Mellen auf einen Pferdewagen, der mich nach Lenzen brachte. Ich war gute 14 Jahre alt. Meine Mutter winkte mir mit Tränen hinterher. In Lenzen bestieg ich einen Zug nach Wittenberge. Hier übernachtete ich im Wartesaal, wo man einen Hering für 10 Mark verkaufte. Geld hatte ich aber nicht. Nach zwei Tagen und einer Fahrt zum Teil auf den Puffern der Waggons sitzend, zum Teil in Güterwagen liegend, erreichte ich über Nordhausen dann das Dorf Abtsbessingen, wo ich als Landarbeitslehrling und mit einem Monatslohn von 12 Mark meine landwirtschaftliche Ausbildung begann.

 Nach Mellen kam ich nur in den kurzen Urlaubstagen zurück, wo ich meistens schon verplant war: Bauern wie Jakobs oder Rohra, die meiner Familie verschiedentlich geholfen hatten, wurde versprochen, dass der Hartmut ihnen hilft, wenn er auf Urlaub kommt.

 Obwohl ich in Mellen nur kurze Zeit gewesen bin, wurden mir das Dörfchen und die Prignitz doch so etwas wie eine zweite Heimat. „Leben ist Inhalt, nicht Zeit“, hat ein weiser Mensch einmal gesagt. Das trifft bei mir für Mellen zu. Die „Wendezeit“ des Jahres 1945 hat eben ihre Spuren hinterlassen. Außerdem liegen dort die Gräber meines Großvaters und meiner Schwester Elisabeth. So lange es geht, fahre ich dort auch immer wieder hin.

Über Familienforschung

von Norbert Werner (Chart IV – IV)

Mit Interesse habe ich den Beitrag von Peter gelesen, in dem er über das „Fieber“ schreibt, was einen befallen kann, wenn man einen Koffer mit Erinnerungen öffnet. Mir ist es vor vielen Jahren ähnlich ergangen. Meine Tante Ursel hütete den Nachlass ihrer Eltern und es war immer etwas schwierig, sich etwas aus dem großen eichenen Bücherschrank auszuleihen. Ich wusste, das dort ein dickes Buch mit dem Titel „Familiengeschichte“ stand. Es umfasste etwa 500 Seiten, natürlich von meinem Großvater (Werner) handgeschrieben und fachmännisch eingebunden (sein Vater hatte Buchdrucker gelernt). Daneben gab es weitere kleinere Bücher, Kisten usw.

Dazu gehörte u.a. auch ein Kriegstagebuch des 1. Weltkrieges, wo mein Großvater „seine Kriegsschauplätze“ bis ins Detail beschreibt, hinterlegt mit umfangreichem Kartenmaterial.

Ich begann mich dafür zu interessieren, borgte es mir aus und las mit Interesse. Es war die Geschichte der 4 Familien meiner Großeltern Werner (also von Oma Werner die Familien Sieland und Oberthür und von Opa Werner die Familien Werner und Barb). Jedes Familien­mit­glied hatte eine Nummer nach einem bekannten genealogischen System, die wichtig­sten Daten waren verzeichnet, vorhan­dene Bilder sowie Abschriften von Geburts-, Heirats- und Sterbe­urkun­den beigefügt und als Übersicht ein Stammbaum erstellt. Er hatte sich die Mühe gemacht, die Kirchen- und Standesämter in den Gemein­den Thüringens aufzusuchen, woher die Familien stammten und wo auch heute noch Familien dieses Namens wohnen (Man bedenke, dass es natürlich kein Internet oder Kopierer gab, er fuhr mit Bus und Bahn und machte handschrift­liche Abschriften der gefundenen Dokumente). Es war sein Hobby, sicher aber auch inspiriert durch die Forderungen der Nationalsozialisten im Dritten Reich nach Nachweis seiner arischen Abstammung.

Meine Tante erzählte mir viel über die Familie; es war ihr immer wichtig, Kontakte in alle Richtungen zu halten. Davon zeugt u.a. dass sie zu Feiertagen (Weihnachten, Ostern, Hochzeiten …) eine Unmenge an Glückwunschkarten schrieb und demzufolge auch viele erhielt (Ich habe sie später im Nachlass wiedergefunden). Sie vervollstän­digte die Familienchronik nach bestem Wissen, ergänzte Fotos usw.

Mein Großvater hatte sich die Mühe gemacht, insbesondere zu seiner eigenen Familie detailierte Aufzeichnungen im Sinne eines Tagebuchs zu machen. So finden sich z.B. Aufstellungen zu den Familienausflügen mit Datum und Uhrzeit, Abschriften der Zeugnisse der Kinder, ein Haushaltsbuch mit Ein- und Ausgaben und bei Geburten und Sterbefällen eine Aufstellung der eingegangenen Grußkarten und eventueller Geld- und Blumenspenden. Weiterhin beschreibt er sehr genau die (leider vorhan­denen) Feindseligkeiten in der Familie bis hin zu Erbschaftsstreitigkeiten (Die Fam. Sieland war in Gotha eine angesehene Kaufmannsfamilie).

Nach einigen Jahren fand ich im Nachlass der Großeltern meiner Frau den berühmten Koffer mit unzähligen Fotos und Dokumenten. Ich begann zu recherchieren, zu sor­tieren und nachzuforschen. Es gab noch einige Ältere, die mir über Familienver­hält­­nisse Auskunft geben und Zusammenhänge erklären konnten. Mit meinem ersten Computer füllte ich ein Ahnenforschungsprogramm mit allen greifbaren Informa­tionen, Fakten und Bildern. Dazu kam der glückliche Umstand, das es noch mehr Leute gab, die sich für diese Familien im weitesten Sinne interessierten und ähnliche Forschungen anstellten. Später kam mir das Internet zur Hilfe und ich hatte Kontakt mit vielen Gleichgesinnten.

Aber schon bald erkannte ich meine Grenzen.

Wie schon erwähnt, hatte mein Großvater die 4 Familien seiner Eltern als Basis genommen. Es war also seine Familiengeschichte. Das wollte ich auch weiterführen, es war ja ein guter Grundstock. Aber inzwischen sind Generationen vergangen, dieser Teil ist heute nur ein Bruchteil meiner Familiengeschichte (und der meiner Frau), noch weniger der meiner Kinder und Enkel. Für wen mache ich das, wo ist die Basis?

Diese Frage beschäftigt mich seit langem und ist der Grund dafür, das ich noch kein „geschlossenes Gesamtwerk“ vollbracht habe. Ich sammle eifrig alle erreichbaren Informationen, lege sie in Ordnern ab und versuche, den Kontakt in alle Richtungen zu halten. Meine Datenbank enthält mittlerweile ca. 2000 Namen von Personen, die in irgendeiner Weise mit der „Großfamilie“ im Zusammenhang stehen. Dabei reichen die Informationen teilweise bis in die Zeit nach der Reformation, die Familiennamen tauchen in der Geschichte an vielen Stellen auf. Wenn es auch sicher nicht immer „mein Zweig“ ist, gibt es doch irgendwie eine Verbindung zur Familie.

Ich will aber noch einen anderen Aspekt beleuchten. Bei allem berechtigtem Interesse an der Dokumentation der Familiengeschichte und dem Schicksal der Menschen, die dahinterstehen, muss man sehr behutsam mit diesen Informationen umgehen und auch abschätzen, was für die „breite Öffentlichkeit“ bestimmt ist und was man besser für sich behalten sollte. So musste ein naher Verwandter, der sich noch viel intensiver als ich mit der Materie beschäftigt hatte, bittere Erfahrungen machen. Zur Informationsgewinnung hatte er an alle noch lebenden Familienmit­glieder Fragebogen verschickt mit der Bitte um Bilder und Informationen. Weiterhin hat er seinen Kenntnisstand im Netz öffentlich gemacht. Dort las dann Frau X, das ihr Vater an der Krankheit Y verstorben war. Das ging ihr zu weit und sie drohte mit dem Staatsanwalt, wenn das weiter verbreitet würde.

Das nur als Beispiel dafür, das es durchaus auch sensible Daten und Zusammenhänge gibt, die nicht ins Netz gehören.

Die Beschäftigung mit der Familiengeschichte wirft aber oft auch Fragen auf, wo man lange nach einer befriedigenden Antwort sucht. Aber das ist ein extra Kapitel.

Ich wünsche mir, das eines meiner Enkelkinder sich für die Historie interessiert, sie weiterführt und somit die Fakten für die Nachwelt erhält. Ich hätte es mir von meinen Vorfahren gewünscht, mein Großvater war die Ausnahme.

A Newspaper Report on the WW I Journals of their Grandfather Friedrich Werner

Source Credit: Thüringische Landeszeitung (TLZ.DE); Photo: Foto: Conny Möller

Norbert_Christian
Christian (links) und Norbert Werner bewahren die Tagebücher ihres Großvaters Friedrich Werner, die er während des Ersten Weltkrieges geschrieben hat.

Er war ein großer Mann, respekteinflößend, aber dennoch liebevoll und sehr geschichtsinteressiert. So beschreibt Christian Werner seinen Großvater Friedrich Werner. Der 62-jährige gebürtige Gothaer und sein Bruder Norbert Werner halten die Erinnerungen an ihren Großvater wach, der akribisch Aufzeichnungen zur Familiengeschichte, der Geschichte der Stadt Gotha und der Region, aber auch über seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg angefertigt hat. Die Aufzeichnungen über seine Kriegserlebnisse, die er mit zahlreichen Postkarten, Fotos und eigenen Zeichnungen illustriert hat, haben einen Umfang von 480 Seiten. Dazu kommt noch ein umfangreiches Kartenmaterial von den Kriegsschauplätzen.

Im vergangenen Jahr hatte Oberbürgermeister Knut Kreuch (SPD) die Gothaer Bürger zum Geschichtsprojekt “1914 bis 1918 – Gotha vor 100 Jahren” aufgerufen. Ziel sei es dabei, dass Lebensstationen von Bürgern, die Geschichte von Vereinen sowie Unternehmen untersucht werden. Dabei seien Kreuch private Geschichten genauso wichtig, wie Dokumentationen und Bildsammlungen.

Die umfangreichen Notizen des 1967 in Gotha gestorbenen Friedrich Werner bieten ein besonderes Zeugnis des militärischen Lebens im Ersten Weltkrieg. “Die akribische Anfertigung des Buches und der Kartensammlung geben nicht nur einen sehr genauen Überblick zu den individuellen Erlebnissen eines Gothaers inmitten der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, sondern widerspiegeln darüber hinaus das Leben und die Leiden dieser schweren Zeit”, so Kreuch.

In akkurater Schrift hatte Friedrich Werner, der 1893 in Gotha geboren wurde, sein Tagebuch geführt. Im Oktober 1914 wurde er für die Infanterie einberufen, am 23.November rückte er beim 6. Thüringer Infanterie Regiment Nr. 95 in Gotha ein. Am 23. Januar 1915 wurde Werner dann zum Reserve-Infanterie Regiment 252 nach Ohrdruf versetzt. Im Tagebuch findet sich sein Bericht über den Besuch des Kaisers am 29. Januar 1915, der die Besichtigung des Regiments durchführte. Am 3. Februar wurde der Marschbefehl in Richtung russische Grenze erteilt. Bei Gefechten in den Masuren erlitt Friedrich Werner Erfrierungen der Füße. In Gotha wieder angekommen, fand er sich zu seiner großen Überraschung in der “Gothaischen Zeitung” vom 19. April 1915 als Vermissten aufgelistet. In Naumburg erlernte er den Umgang mit Pferden, das Reiten und deren Handhabung unter militärischen Bedingungen und schrieb: “Alles war für mich neu, was verstand ich von Pferden!”. Nach der Fortsetzung der Ausbildung in Jüterbog ist er ab 9. September 1915 wiederauf dem Weg in den Krieg. Dieser führt ihn nach Deysow in Galizien und Stellungskämpfe an der Strypa. Ende August wird Werner während der Kämpfe verletzt. 1917 war er in den Kämpfen um Verdun eingesetzt Nach der Teilnahme an den Kämpfen um die “Höhe 304”, der “Abwehrschlacht bei Verdun”, Gefechten in Lothringen und Stellungskämpfen im Elsass wird Friedrich Werner am 29. Dezember 1917 zum Unteroffizier befördert.

Sein Weg durch den Krieg wird fortgesetzt durch die Teilnahme an der “Schlacht bei Armentiers” (April 1918), den “Kämpfen an der Lys (April bis Mai 1918), den Stellungskämpfe in Flandern (Mai bis Juli 1918) und den “Kämpfen vor Arras”.

Friedrich Werner heiratete 1918 Clara Sieland. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Auch über die Familiengeschichte der Sielands, die in Gotha ein Betten- und Stoffgeschäft betrieben, hat der Großvater der Gebrüder Werner Buch geführt. Der 65-jährige Norbert Werner, der in Grimma wohnt, bewahrt die Schätze gemeinsam mit seinem Bruder auf.

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