Über Familienforschung


Über Familienforschung

von Norbert Werner (Chart IV – IV)

Mit Interesse habe ich den Beitrag von Peter gelesen, in dem er über das „Fieber“ schreibt, was einen befallen kann, wenn man einen Koffer mit Erinnerungen öffnet. Mir ist es vor vielen Jahren ähnlich ergangen. Meine Tante Ursel hütete den Nachlass ihrer Eltern und es war immer etwas schwierig, sich etwas aus dem großen eichenen Bücherschrank auszuleihen. Ich wusste, das dort ein dickes Buch mit dem Titel „Familiengeschichte“ stand. Es umfasste etwa 500 Seiten, natürlich von meinem Großvater (Werner) handgeschrieben und fachmännisch eingebunden (sein Vater hatte Buchdrucker gelernt). Daneben gab es weitere kleinere Bücher, Kisten usw.

Dazu gehörte u.a. auch ein Kriegstagebuch des 1. Weltkrieges, wo mein Großvater „seine Kriegsschauplätze“ bis ins Detail beschreibt, hinterlegt mit umfangreichem Kartenmaterial.

Ich begann mich dafür zu interessieren, borgte es mir aus und las mit Interesse. Es war die Geschichte der 4 Familien meiner Großeltern Werner (also von Oma Werner die Familien Sieland und Oberthür und von Opa Werner die Familien Werner und Barb). Jedes Familien­mit­glied hatte eine Nummer nach einem bekannten genealogischen System, die wichtig­sten Daten waren verzeichnet, vorhan­dene Bilder sowie Abschriften von Geburts-, Heirats- und Sterbe­urkun­den beigefügt und als Übersicht ein Stammbaum erstellt. Er hatte sich die Mühe gemacht, die Kirchen- und Standesämter in den Gemein­den Thüringens aufzusuchen, woher die Familien stammten und wo auch heute noch Familien dieses Namens wohnen (Man bedenke, dass es natürlich kein Internet oder Kopierer gab, er fuhr mit Bus und Bahn und machte handschrift­liche Abschriften der gefundenen Dokumente). Es war sein Hobby, sicher aber auch inspiriert durch die Forderungen der Nationalsozialisten im Dritten Reich nach Nachweis seiner arischen Abstammung.

Meine Tante erzählte mir viel über die Familie; es war ihr immer wichtig, Kontakte in alle Richtungen zu halten. Davon zeugt u.a. dass sie zu Feiertagen (Weihnachten, Ostern, Hochzeiten …) eine Unmenge an Glückwunschkarten schrieb und demzufolge auch viele erhielt (Ich habe sie später im Nachlass wiedergefunden). Sie vervollstän­digte die Familienchronik nach bestem Wissen, ergänzte Fotos usw.

Mein Großvater hatte sich die Mühe gemacht, insbesondere zu seiner eigenen Familie detailierte Aufzeichnungen im Sinne eines Tagebuchs zu machen. So finden sich z.B. Aufstellungen zu den Familienausflügen mit Datum und Uhrzeit, Abschriften der Zeugnisse der Kinder, ein Haushaltsbuch mit Ein- und Ausgaben und bei Geburten und Sterbefällen eine Aufstellung der eingegangenen Grußkarten und eventueller Geld- und Blumenspenden. Weiterhin beschreibt er sehr genau die (leider vorhan­denen) Feindseligkeiten in der Familie bis hin zu Erbschaftsstreitigkeiten (Die Fam. Sieland war in Gotha eine angesehene Kaufmannsfamilie).

Nach einigen Jahren fand ich im Nachlass der Großeltern meiner Frau den berühmten Koffer mit unzähligen Fotos und Dokumenten. Ich begann zu recherchieren, zu sor­tieren und nachzuforschen. Es gab noch einige Ältere, die mir über Familienver­hält­­nisse Auskunft geben und Zusammenhänge erklären konnten. Mit meinem ersten Computer füllte ich ein Ahnenforschungsprogramm mit allen greifbaren Informa­tionen, Fakten und Bildern. Dazu kam der glückliche Umstand, das es noch mehr Leute gab, die sich für diese Familien im weitesten Sinne interessierten und ähnliche Forschungen anstellten. Später kam mir das Internet zur Hilfe und ich hatte Kontakt mit vielen Gleichgesinnten.

Aber schon bald erkannte ich meine Grenzen.

Wie schon erwähnt, hatte mein Großvater die 4 Familien seiner Eltern als Basis genommen. Es war also seine Familiengeschichte. Das wollte ich auch weiterführen, es war ja ein guter Grundstock. Aber inzwischen sind Generationen vergangen, dieser Teil ist heute nur ein Bruchteil meiner Familiengeschichte (und der meiner Frau), noch weniger der meiner Kinder und Enkel. Für wen mache ich das, wo ist die Basis?

Diese Frage beschäftigt mich seit langem und ist der Grund dafür, das ich noch kein „geschlossenes Gesamtwerk“ vollbracht habe. Ich sammle eifrig alle erreichbaren Informationen, lege sie in Ordnern ab und versuche, den Kontakt in alle Richtungen zu halten. Meine Datenbank enthält mittlerweile ca. 2000 Namen von Personen, die in irgendeiner Weise mit der „Großfamilie“ im Zusammenhang stehen. Dabei reichen die Informationen teilweise bis in die Zeit nach der Reformation, die Familiennamen tauchen in der Geschichte an vielen Stellen auf. Wenn es auch sicher nicht immer „mein Zweig“ ist, gibt es doch irgendwie eine Verbindung zur Familie.

Ich will aber noch einen anderen Aspekt beleuchten. Bei allem berechtigtem Interesse an der Dokumentation der Familiengeschichte und dem Schicksal der Menschen, die dahinterstehen, muss man sehr behutsam mit diesen Informationen umgehen und auch abschätzen, was für die „breite Öffentlichkeit“ bestimmt ist und was man besser für sich behalten sollte. So musste ein naher Verwandter, der sich noch viel intensiver als ich mit der Materie beschäftigt hatte, bittere Erfahrungen machen. Zur Informationsgewinnung hatte er an alle noch lebenden Familienmit­glieder Fragebogen verschickt mit der Bitte um Bilder und Informationen. Weiterhin hat er seinen Kenntnisstand im Netz öffentlich gemacht. Dort las dann Frau X, das ihr Vater an der Krankheit Y verstorben war. Das ging ihr zu weit und sie drohte mit dem Staatsanwalt, wenn das weiter verbreitet würde.

Das nur als Beispiel dafür, das es durchaus auch sensible Daten und Zusammenhänge gibt, die nicht ins Netz gehören.

Die Beschäftigung mit der Familiengeschichte wirft aber oft auch Fragen auf, wo man lange nach einer befriedigenden Antwort sucht. Aber das ist ein extra Kapitel.

Ich wünsche mir, das eines meiner Enkelkinder sich für die Historie interessiert, sie weiterführt und somit die Fakten für die Nachwelt erhält. Ich hätte es mir von meinen Vorfahren gewünscht, mein Großvater war die Ausnahme.

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