The Peter and Gertrud Klopp Family Project

Reflections on Life, Family and Community

Albert Schweitzer


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1. Seminar

Ich stelle mich euch vor

Mein Name ist Hartmut Kegler. Ich wurde im Jahr 1931 in Stettin geboren. Als ich sechs Jahre alt war, kam ich in die Schule. Damals schrieb man noch in einer anderen Schrift mit einem Griffel auf Schiefertafeln. An dieser Tafel hing ein kleiner Schwamm und ein Lappen, mit dem man die Schrift wieder auslöschen konnte. Später lernten wir dieselbe Schrift wie ihr und wir schrieben auch in richtige Hefte.

Als kleiner Junge fuhr ich gerne mit einem Roller, spielte viel im Sandkasten oder mit anderen Kindern Kasperletheater. Später habe ich auch Soldat gespielt, bis ich merkte, dass das kein gutes Spiel ist.

Als ich neun Jahre alt war, begann der Zweite Weltkrieg. Schon im ersten Kriegsjahr ist mein Vater gefallen. Nun war meine Mutter mit uns drei Kindern allein. Gegen Kriegsende wurden die Schulen geschlossen, weil in Schlesien die Ostfront immer näher kam. Als wir schon den Kanonendonner hörten, packte meine Mutter jedem von uns einen kleinen Rucksack mit ein paar wichtigen Dingen und ging mit uns auf die Flucht. Fast wären wir in die Bombennacht in Dresden geraten und alle umgekommen. Da erkannte ich. wie grausam der Krieg ist. Unsere Flucht endete in der Mark Brandenburg. In einem kleinen Dorf bewohnten wir in einer alten Mühle ein Zimmerchen. Es gab wenig zu essen und wir hatten alle Hunger. Um etwas zu essen zu haben, sammelten wir Getreideähren vom Acker auf und haben Kartoffeln geklaut. In Notzeiten verschwindet die Moral.

Mit vierzehn Jahren ging ich zum Bauern und lernte dort Kühe zu melken. Schweine zu füttern, mit Ochsen das Feld zu pflügen und mit einem Traktor, einem „Bulldog“, das Getreide zu mähen. Mein Arbeitstag begann früh um fünf Uhr und endete abends um sechs. Die Arbeit war zwar schwer, aber sie bereitete auch Freude. Es war schön, abends auf ein Feld zu sehen, das man selbst umgepflügt oder besät oder abgeerntet hat. Vor allem habe ich in der Landwirtschaft viel gelernt und Achtung vor schwerer und oft schmutziger Arbeit gewonnen.

Als ich neunzehn Jahre alt war, begann ich an einer Fachschule und auf der Universität Landwirtschaft zu studieren. Es gab viele Fächer über das Wachsen der Pflanzen, die Pflege von Tieren, die Eigenschaften der Dünger und wie man auf einem Bauernhof rechnen muss.

Nachdem ich mein Studium beendet hatte, holte mich ein Professor in sein Institut nach Aschersleben. Es war das frühere Institut für Phytopathologie, das sich mit den Krankheiten der Pflanzen beschäftigte. So wurde ich so eine Art von Pflanzenarzt. In diesem Institut habe ich dann 36 Jahre lang gearbeitet. Wir halfen den Bauern, dass auf ihren Feldern gesunde Pflanzen wuchsen, sie viele Früchte ernten konnten und alle Menschen genug zu essen hatten.

Ich habe eine liebe Frau (gestorben 2017), die viele Jahre in Aschersleben Lehrerin gewesen ist. Wir beide haben einen tüchtigen Sohn, der Städtebauer und Landschafts­gestalter ist.

Nun bin ich Rentner und möchte euch von einem Menschen erzählen, der mein großes Vorbild geworden ist. Er heißt Albert Schweitzer und wurde als „Urwalddoktor’ in der ganzen Welt berühmt. Er war ein guter Mensch und ein wahrer Christ. Als er bereits Pfarrer und Universitätsprofessor war, gab er alles auf und ging nach Afrika, um dort kranken Negern zu helfen. Auch hat er viel für den Frieden in der Welt getan.

Albert Schweitzer sagte einmal, wer eine glückliche Kindheit gehabt hat, darf das nicht als selbstverständlich hinnehmen, sondern soll dafür dankbar sein und an anderen Menschen Gutes tun. Darüber wollen wir nachdenken und miteinander sprechen.

2. Seminar

Die Geschichte vom Bienenstich, von den Hörnern und vom Teufel

Zuvor muss ich euch erst einmal sagen, wann und wo Albert Schweitzer geboren ist. Der Ort heißt Kaysersberg und liegt im Elsaß. Es ist ein ebenso schönes französisches Städtchen wie Quedlinburg. Es war das Jahr 1875, als er zur Welt kam. Sein Vater war Pfarrer, der bald nach der Geburt seines Sohnes nach Günsbach im Elsaß versetzt worden ist. Albert war anfangs ein sehr schwaches Kind. Keiner glaubte, dass er lange leben würde. Doch bald wurde er kräftiger und wuchs heran. Davon werden wir noch hören.

Alberts Vater hielt in seinem Garten Bienen, damit seine fünf Kinder und deren Mutti schönen Honig essen konnten. Eines Tages schaute der kleine Albert seinem Vater zu, wie er an den Bienenstöcken hantierte. Da setzte sich plötzlich eine Biene auf seine Hand. Albert wollte sie streicheln, weil sie immer so fleißig Honig gesammelt hatte. Doch die Biene verstand das nicht und bekam Angst. Deshalb stach sie ihn in die Hand. Albert schrie laut auf, weil der Stich so schmerzte. Seine Hand wurde ganz dick und rot. Schnell eilten seine Mutter und die Hausgehilfin herbei und bemitleideten den Jungen.

Sie zogen den Stachel heraus und legten eine Zwiebel auf die Wunde, damit der Schmerz nachlässt. Er wurde auch wirklich schwächer, doch Albert weinte und schrie weiter, weil er es so schön fand, wenn man ihn bemitleidete. Da meldete sich eine innere Stimme in ihm und fragte: „Albert, willst du dich vielleicht nur wichtig machen?“ Er schämte sich ein wenig und hörte auf zu weinen.

Alberts Eltern hatten viele gute Bücher in ihrem Schrank. In einem Regal stand eine uralte Bilderbibel, die sich Albert besonders gerne ansah. Auf dem Buchdeckel war ein Mann abgebildet, der auf seinem Kopf zwei Hörner trug. Er stellte Mose dar, ein jüdischer Prophet, der von einem Berg herunterkam. Albert fasste sich an seine Stirn und spürte selbst zwei kleine Höcker. Nun fürchtete er, dass ihm auch zwei Hörner wüchsen. Aber sein Vater klärte ihn auf, dass die Hörner eigentlich Sonnenstrahlen gewesen waren und nur die Maler später daraus Hörner gemacht hätten. In Wirklichkeit hat Mose gar keine Hörner gehabt. Das beruhigte den kleinen Albert.

Am Sonntag ging Albert immer in die Kirche. Während des Gottesdienstes blickte er gerne mal zur Orgel hoch. Wenn die spielte, glaubte er in einem Spiegel den Teufel zu sehen. Doch wenn sein Vater predigte, war der Teufel wieder weg. Albert nahm nun an, dass der Teufel Angst vor Gottes Wort hätte und deshalb bei der Predigt schnell verschwand. Später erkannte er aber, dass der angebliche Teufel eigentlich der Orgelspieler war. Der war ein guter Mensch, der anderen Menschen half und Freude bereitete. Da er aber so struppiges Haar hatte und einen langen Bart trug, sah er von weitem wie ein Teufel aus. Alberts Vater erklärte ihm, dass es einen richtigen Teufel überhaupt nicht gibt. Das ist nur Aberglaube. Auch darf man einen Menschen nie nach seinem Aussehen beurteilen.

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3. Seminar

Die Geschichte vom Tierbändiger, vom alten Pferd und vom Abendgebet

Die Familie Schweitzer hatte einen Hund. Der hieß Phylax. Dieser Hund mochte- keine Uniformen und biss deshalb Soldaten und Polizisten in das Hosenbein. Auch den Briefträger griff er an. Vater Schweitzer sagte deshalb zu Albert: „Pass auf, dass der Hund niemanden beißt!“ So schnitt sich Albert eine Weidenrute ab und drohte dem Hund damit. Er solle ja nicht auf den Briefträger zu rennen und ihn gar beißen! Der Hund schaute den Albert treuherzig an und wedelte mit dem Schwanz. Doch was Albert gesagt hatte, verstand er nicht.

Als der Briefträger vor der Gartentür erschien, rannte Phylax wieder auf ihn zu und kniff ihn ins Bein. Daraufhin haute ihn Albert mit der Rute auf den Rücken. Der Hund jaulte laut auf vor Schmerz und rannte weg. Nun tat er dem Albert doch sehr leid und er machte sich Vorwürfe, dass er das Tier geschlagen hatte. Er hätte ihn ja einfach am Halsband festhalten können anstatt ihn zu schlagen. Dann zerbrach er die Rute und warf sie weit weg. Er streichelte das Tier und sagte zu ihm: „Verzeih mir, Phylax!“ Der Hund schaute den Jungen mit seinen großen treuen Augen an und legte seinen Kopf auf Alberts Knie. Er hatte ihm wohl verziehen und darüber freute sich Albert. Er flüsterte ihm ins Ohr: „Ich will nie wieder ein Tier schlagen, das verspreche ich!“

Eines Tages beobachtete Albert, wie zwei Männer ein altes, hinkendes Pferd die Dorfstraße entlang führten. Weil das Pferd nur langsam gehen konnte, haute es einer der Männer mit der Peitsche. „Wohin geht ihr mit dem Pferd?“, fragte Albert die Männer. „Zum Schlachthof1, antworteten sie ihm. Doch Albert tat das Pferd leid. Es lief mit gesenktem Kopf und schaute ganz traurig drein. Ein Leben lang hatte es fleißig gearbeitet, hatte schwere Wagen oder den Pflug gezogen. Nun aber, da es schwach war und nicht mehr arbeiten konnte, bekam es Schläge und sollte geschlachtet werden. War das nicht schlimm?

Als Albert abends in seinem Bett lag, musste er immerzu an seinen Hund und das arme alte Pferd denken. Eigentlich dachte er an alle Tiere, die von Menschen schlecht behandelt werden.

Deshalb betete er bevor er einschlief nicht nur für die armen und kranken Nachbarn, für die Menschen, die hungerten, überhaupt nur für die Menschen, sondern auch für die Tiere, die Not litten. Er sagte ganz leise: „Lieber Gott, schütze und bewahre alles, was Odem hat!“ Das heißt, er möge allem helfen, was atmet, also allen Lebewesen beistehen.

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4. Seminar

Die Geschichte von Alberts Schulanfang

Es war Herbst und die Blätter an den Bäumen färbten sich bunt. Der Wein an den Hängen der Berge begann zu reifen und die ersten Trauben schmeckten schon süß. Es war die Zeit, in der das neue Schuljahr begann. Der kleine Albert wurde eingeschult, das heißt, für ihn begann nun auch die Schulzeit. Eine Zuckertüte bekam er nicht, denn die kostete zu viel Geld. Ein Pfarrer verdiente ja nicht viel und außerdem hatte Albert noch vier Geschwister, die essen und trinken und angezogen sein wollten.

Aber Albert hatte keine Lust, in die Schule zu gehen. Er wollte lieber wie bisher draußen spielen. „Ich gehe nicht in die Schule und brauche nicht zu schreiben und will gar nichts lesen und schon gar nicht viel rechnen!“, brummte er.

Doch sein Vater schob ihm einfach die Schiefertafel unter den Arm, nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm auf der Dorfstraße hin zur Schule. Auf dem ganzen Weg musste Albert weinen. Er brummelte vor sich hin: „Ich will aber lieber spielen und nicht immer nur auf der Schulbank sitzen!“

Albert gewöhnte sich aber dann doch an die Schule, weil alle seine Freunde im Klassenzimmer neben ihm saßen und er auch Spaß daran fand, lesen und schreiben und rechnen zu lernen. Manchmal träumte er aber auch im Unterricht und dachte an etwas anderes als der Lehrer gerade erzählte. Dann musste ihn der Lehrer ermahnen, aufmerksam zu sein und zuzuhören. Sonst würde er ja nichts lernen. An seinen Hund, an die Blumen auf der Wiese oder an die Spiele mit seinen Freunden könnte er nach dem Unterricht denken.

Später erkannte er, wie wichtig die Schule doch ist. So erlernte er nicht nur das Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch fremde Sprachen, erfuhr von anderen Ländern und Menschen und viel über die Natur, was er bisher noch nicht wusste. Besonders die Geschichte interessierte ihn sehr, wie die Menschen früher gelebt und gearbeitet hatten, woher sie kamen und wohin sie zogen. Angst bekam er nur immer, wenn er von den vielen Kriegen hörte, die die Menschen gegeneinander geführt hatten.

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5. Seminar

Die Geschichte vom Juden Mausche

Eines Tages trieb ein alter Mann mit Sommersprossen im Gesicht und mit einem langen Bart einen Esel durch das Dorf. Der Esel zog einen kleinen Karren. Der Mann hieß Mausche. Er war Jude und ein Viehhändler aus dem Nachbardorf. Die Kinder fanden ihn etwas komisch mit seinem Bart, dem großen Hut. dem langen Mantel und seinem Esel. Deshalb lachten sie auch über ihn. Sie rannten hinter ihm her, hüpften um ihn herum, schnitten Grimassen, steckten die Zunge heraus und riefen immer „Mausche, Mausche, Mausche!“

Viele Leute schauten aus den Fenstern und lachten mit. Alle glaubten, dass der Jude Mausche nun böse wird und die Jungen verjagt. Doch der Jude Mausche blieb ganz ruhig, hielt seinen Esel an und schaute freundlich zu den ungezogenen Jungen. Er lächelte gütig, strich einem der Jungen über das Haar und ging dann weiter.

Albert hatte das beobachtet und den Juden Mausche nicht ausgelacht. Eigentlich tat er ihm sogar leid, denn er war ein guter Mensch und hatte es nicht verdient, ausgelacht zu werden. Albert fasste sich sogar ein Herz und lief dem Juden Mausche nach, bis er ihn erreicht hatte. Dann nahm er seine Hand und ging mit ihm gemeinsam weiter durch das Dorf. Die Leute wunderten sich nun sehr: Da ging der junge Christ Albert mit dem alten Juden Mausche Hand in Hand die Straße entlang. Nicht nur die Jungen, sondern auch die älteren Leute hörten nun auf zu lachen und einige schämten sich sogar, dass sie den alten, gütigen Mann nur wegen seines Aussehens ausgelacht hatten.

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6. Seminar

Die Geschichte vom Ringkampf

In Alberts Schulklasse gab es einen Jungen, der hieß Georg. Er war der Größte und alle hielten ihn auch für den Stärksten. Viele hatten mit ihm schon gerungen und dabei verloren.

Georg war auch ein Angeber. Er protzte mit seiner Stärke und forderte die anderen Jungen auf, mit ihm zu kämpfen. Aber die meisten hatten Angst vor ihm. Da sprach er auch den Albert an: „Du Herrenbüble bist wohl zu fein mit mir zu kämpfen?“ Georg nannte den Albert Herrenbüble, weil er immer ordentlich angezogen war und weil sein Vater nicht Bauer oder Tischler, sondern Pfarrer war. Albert ärgerte sich über diese Verspottung als Herrenbüble, wollte aber trotzdem nicht mit ihm kämpfen, weil er keinen Spaß am Ringkampf hatte. Doch als der Georg ihn einen Feigling nannte, legte Albert seine Schiefertafel in das Gras und sagte: „Los. kämpfen wir!“

Die beiden Jungen rangen miteinander und keuchten vor Anstrengung. Die anderen Jungen und Mädchen standen um sie herum und feuerten die beiden Kampfhähne an. Da gelang es Albert, den Georg auf den Boden zu werfen und festzuhalten. Alle riefen: „Bravo, Albert!“ Sie freuten sich nämlich, dass Albert den Angeber besiegt hatte. Doch Georg wischte sich den Schweiß von der Stirn und brummte böse: „Wenn ich auch jede Woche eine Fleischsuppe essen könnte wie der Albert, wäre ich auch so stark!“

Darüber erschrak der Albert sehr. Er schämte sich, dass es ihm besser ging als den anderen Kindern von Eltern, die nicht so viel Geld hatten, um ihren Kindern eine Fleischsuppe zu kochen. Sie aßen immer nur Mehl- oder Brotsuppen, von denen man nicht so stark wurde wie von Fleischsuppe. Als die anderen Kinder dem Albert zu seinem Sieg gratulieren wollten, drehte er sich still um und ging nach Hause.

Zuhause gab es zufällig gerade Fleischsuppe. Die Schüssel stand auf dem Tisch und roch gut. Alle hatten Appetit und langten zu, Alberts Eltern, der Bruder und die Schwestern. Nur Albert mochte nicht essen. Die Eltern wunderten sich sehr. Sie schimpften mit ihm: „Albert, warum isst du die gute Suppe nicht? Die Mutter hat sie mit so viel Liebe gekocht! Deine Geschwister essen sie doch auch!“ Doch Albert aß einfach nichts, weil er immer an Georgs Worte und die anderen Kinder denken musste, die es nicht so gut hatten wie er. Ohne etwas gegessen zu haben, stand Albert vom Tisch auf und ging in sein Zimmer.

Albert nahm sich fest vor, nie mehr Fleischsuppe zu essen und sich auch nicht mehr gut anzuziehen, damit die anderen nicht wieder „Herrenbüble“ zu ihm sagen konnten. Aber er beschloss auch, nie mehr einen Ringkampf zu machen, denn er wollte nicht, dass andere wegen seiner Kraft verlieren. Er empfand es als ungerecht, dass er stärker war als die anderen Kinder.

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7. Seminar

Die Geschichte von der Angst, ausgelacht zu werden

Früher haben die Kinder gerne mit einer Schlappschleuder geschossen. Man spannte einfach Gummibänder an eine kleine Zweiggabel, legte einen Stein oder eine Erbse in die Lusche, spannte und ließ den Stein fliegen. Man zielte auf einen Baumstamm oder eine Blechbüchse oder in die Luft. Doch war es verboten, auf Menschen oder Tiere zu schießen, denn man konnte sie damit verletzen oder sogar töten.

Auch Albert besaß eine solche Schleuder. Er kniff das linke Auge zusammen, schoss auf einen Ball und traf ihn auch. Da kam sein Freund Heinrich hinzu. Er schlug ihm vor, doch nicht auf einen Ball, sondern in den Wald zu gehen und auf Vögel zu schießen. Da könnte Albert zeigen, ob er wirklich ein guter Schütze ist. Aber Albert wollte nicht auf Tiere schießen, denn sie taten ihm leid. Ganz gleich, ob es Amseln oder Spatzen sind, sie alle wollen ja leben. Außerdem hatte er die zehn Gebote gelernt, in denen es heißt: Du sollst nicht töten!

Doch Albert traute sich nicht, „nein“ zu sagen. Er fürchtete, dass ihn sein Freund Heinrich auslachen und einen Angsthasen nennen würde. So antwortete er: „Ich komme mit!“

Beide Jungen liefen nun zum Wald, lasen kleine Steine auf und warteten hinter einem Baum darauf, dass Vögel kämen und sich auf die Zweige setzten. Da kam eine Schar Spatzen angeflattert. Sie ließen sich auf dem Baum nieder und zwitscherten fröhlich in die Morgenluft. „Die schießen wir runter“, flüsterte Heinrich leise. „Schieß, Albert!“, befahl er streng. Doch eine innere Stimme warnte ihn und sagte: “Schieß nicht. Albert!“ „Ich schieße daneben“, meinte Albert im Stillen. „Ich will doch keine Vögel töten!“

Albert spannte den Gummi der Schleuder und wollte gerade schießen, als vom Kirchturm in Günsbach die Glocken zu läuten begannen. Sie riefen zum Sonntagsgottesdienst. Albert erschien das Glockenläuten wie eine Mahnung: „Du sollst nicht töten, Albert!“ Albert sprang auf, warf die Schleuder weg und rannte nach Hause. Sein Herz klopfte stark, doch er war froh. Denn er hatte nicht etwas Böses getan, was ihm ein anderer befohlen hatte. Seine innere Stimme, sein Gewissen, war stärker als der Befehl des Freundes.

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8. Seminar

Die Geschichte vom kleinen Orgelspieler Albert

Albert war inzwischen schon neun Jahre alt geworden. Er besuchte die 3. Klasse seiner Dorfschule in Günsbach. Der Ort liegt im französischen Elsaß inmitten von den Bergen der Vogesen.

Eines Tages fragte ihn sein Lehrer: „Albert, möchtest du einmal Orgelspielen lernen?“ Albert pochte das Herz bei dieser Frage, denn er hätte zu gern ,ja“ gesagt. Er hatte ja schon mit vier Jahren begonnen, Klavier zu spielen. Sein Vater hatte ihm den ersten Unterricht erteilt, weil er frühzeitig erkannte, dass sein Albert sehr musikalisch ist. Schließlich antwortete Albert dem Lehrer und sagte ihm, dass er gerne auf der Orgel spielen würde. Er träumte schon lange davon, oben auf der Empore auf der Orgelbank sitzen zu können und Lieder und Choräle zu spielen.

An einem Sonnabendnachmittag bestellte ihn nun sein Lehrer in die Kirche. Er stieg die steile, knarrende Holztreppe zur Empore hinauf und hatte wieder Herzklopfen vor Aufregung. Oben angekommen, sagte der Lehrer zu ihm: „Setze dich neben mich auf die Orgelbank!“ Dann erklärte der Lehrer dem kleinen Albert seine Orgel. Sie hatte viele weiße und schwarze Tasten, viel mehr als sein Klavier zuhause. Außerdem sah er die vielen Knöpfe, die man herausziehen und wieder zurückdrücken konnte. Und unter seinen Füßen bemerkte er auch noch viele Holzpedalen, zu denen er aber nicht hinunterreichte, weil seine Beine noch viel zu kurz waren. Albert kam aus dem Staunen nicht heraus und hatte Angst, dass er das alles auch verstehen würde. Doch sein Lehrer hatte viel Geduld und erklärte ihm alles schön. Je nachdem, welche Tasten er drückte und welche Knöpfe er zog, erklangen die vielen Orgelpfeifen wie Flöten oder Trompeten oder Posaunen. Das alles erschien dem Albert wie ein Wunder. Mit dieser Orgel konnte man ganz, ganz leise spielen, dass man den Atem anhalten musste, um sie noch zu hören. Aber man konnte auch gewaltig laut spielen, dass man die Musik draußen auf der Straße hörte. Albert hörte das Orgelspiel so gerne, dass er sogar nachts davon träumte. Weil Albert so musikalisch war und immer fleißig übte, erlernte er das Orgelspielen schnell. Seine kleinen Händchen liefen über die Tasten und ließen die Flöten schön erklingen. Nur die Fußpedalen konnte er noch nicht bedienen. Deshalb sagte sein Lehrer aus Spaß zu ihm: ..Du musst immer tüchtig essen, damit du schön groß wirst und bald an die Pedalen reichst!“ Schon nach wenigen Wochen konnte Albert Stücke seines Lieblingskompo­nisten Johann Sebastian Bach spielen. Er erinnerte sich daran, dass im Arbeitszimmer seines Vaters ein Bild von diesem großen Komponisten und Musiker hing. Als die schöne Musik durch den Kirchenraum schallte, wurde dem kleinen Albert ganz warm ums Herz.

Eines Tages kam sein Vater ganz aufgeregt zu Albert. Der Organist seiner Kirche war plötzlich erkrankt und es gab keinen, der zum Gottesdienst die Orgel spielen konnte. Da fragte ihn der Vater: „Albert, würdest du es dir zutrauen, am Sonntag in der Kirche die Orgel zu spielen?“ Albert bekam einen richtig roten Kopf vor Aufregung. Doch er sagte: „Ja!“ Endlich ging für ihn ein langer Traum in Erfüllung. Tatsächlich spielte Albert Schweitzer bereits mit neun Jahren im Gottesdienst zu Günsbach die Orgel und alle Leute lobten ihn, weil er so gut gespielt hat. Später wurde Albert ein weltberühmter Orgelspieler, der sich auch mit der Technik der Orgel so gut auskannte, dass ihn Orgelbauer um seinen Rat baten und er auch Bücher über den Orgelbau schrieb.

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9. Seminar

Die Geschichte von den armen Familien und Albert Schweitzers Entschluss

Als Albert das Abitur bestanden hatte, studierte er in Straßburg Theologie und Philosophie. Das eine Fach beschäftigt sich mit der Religion und das andere mit der menschlichen Weisheit. Wie sein Vater wollte auch Albert Pfarrer werden. Er wollte aber nicht nur auf der Universität lernen, sondern auch daneben anderen Menschen helfen. Deshalb besuchte er arme Leute, sprach mit ihnen und übergab ihnen Geld, das reiche Menschen gespendet hatten. Die armen Leute freuten sich immer, wenn er zu ihnen kam, denn ihnen half sonst niemand. Sie waren so arm, dass die Kinder schon arbeiten gehen mussten, um etwas Geld zu verdienen. Sonst hätten sie nicht einmal genug zum Essen gehabt. Spielzeug hatten die Kinder sowieso nicht, denn dafür hatten die Eltern kein Geld. Sie spielten in der Küche auf dem Fußboden mit kleinen Steinchen. In der Küche hingen an Bindfäden Windeln und andere Wäschestücke zum Trocknen. Woanders war dafür kein Platz. Der Vater der Kinder war krank und verdiente nun gar kein Geld mehr. Die Mutter fing an zu weinen, weil sie nicht wusste, ob sie in der Wohnung bleiben durften. Sie konnte ja nun keine Miete bezahlen. Das war alles sehr traurig. Da legte ihr Albert Schweitzer etwas Geld auf den Küchentisch, damit die Mutter wenigstens etwas Brot und Milch für die Kinder kaufen konnte. Mutter und Kinder freuten sich darüber sehr und bedankten sich. Aber Albert wollte keinen Dank und sagte ihnen, dass das Geld von anderen Menschen stammte, die ein Herz für arme Laute hatten. Er habe es nur für sie gesammelt.

Die Mutter erzählte auch dem Albert, dass ihr ältester Sohn in der Schule gut lernt und schon das „ABC“ aufsagen kann. Darauf war sie sehr stolz.

Als Albert wieder zuhause war. dachte er über alles nach, was er gesehen und gehört hatte. Er fragte sich: “Warum habe ich es so gut in meiner Kindheit gehabt? Ich konnte spielen und lernen, hatte ein eigenes Bett und brauchte nie zu hungern! Viele andere Kinder hatten das alles nicht. Mein Glück ist also nicht selbstverständlich.”

Darauf legte Albert ein Gelübde ab, das heißt, er nahm sich fest vor: „Bis ich dreißig Jahre alt bin, will ich für mich leben. Ich will studieren, Orgel spielen und Konzerte geben, Bücher schreiben und Vorträge halten und in der Kirche predigen. Aber danach will ich vor allem für andere Menschen da sein. Ich will all denen helfen, denen es nicht so gut ging wie mir, so wie es Jesus mir gesagt hat.“

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10. Seminar

Die Geschichte von Albert als Professor, der Regenwürmer aufhebt und eines Tages seine Fahrt nach Afrika vorbereitet.

 

Nachdem Albert sein Studium beendet hatte, schrieb er wissenschaftliche Bücher und wurde gleich zweimal Doktor: Doktor der Theologie und Doktor der Philosophie. Auf der Universität gab er Studenten Unterricht, was man Vorlesung nennt. Albert Schweitzer war nämlich inzwischen Professor geworden. So heißen die Lehrer an der Universität. In der Kirche hielt er Predigten, denn er war gleichzeitig Pfarrer. Außerdem spielte er auf der Orgel und gab Konzerte.

Albert Schweitzer war schon als junger Mann sehr berühmt durch seine Bücher und seine Konzerte. Aber er ist immer bescheiden geblieben und hat alle Menschen geachtet, ob sie reich waren oder arm, ob sie alt waren oder jung, ob sie sehr klug waren oder nicht so sehr, ob sie eine weiße Hautfarbe hatten oder eine schwarze, ob sie an Gott glaubten oder nicht.

Aber er hatte auch große Achtung vor allen Tieren. Denn Tiere wollen ja auch leben, so wie wir Menschen leben wollen. Und Tiere haben ebenso Hunger wie wir Menschen und spüren ebenso den Schmerz. Deshalb war er immer gut zu allen Tieren, ganz gleich, ob es ein altes Pferd, ein bellender Hund, eine stechende Biene oder ein Regenwurm war.

Eines Tages ging Albert Schweitzer nach einem Gewitter durch einen Park. Man sah, wie er sich ab und zu bückte, etwas vom Weg aufhob und ins Gras legte. Es waren Regenwürmer! „Warum tun sie das, Herr Professor?“, fragte ihn ein Spaziergänger, „das sind doch bloß Würmer?“ Albert Schweitzer antwortete: „Weil bald wieder die Sonne scheint. Dann vertrocknen die Würmer und müssen sterben! Vorher haben sie aber noch große Schmerzen, wie die Menschen beim Sonnenbrand“, antwortete er. „Im feuchten Gras aber können sich die Regenwürmer vor der Sonne schützen und wieder tief in die Erde eingraben. So bleiben sie am Leben.“ „Ach so“, sagte der Spaziergänger, „daran habe ich noch gar nicht gedacht!“

Albert Schweitzer hat auch nie eine Blume oder ein Blatt mutwillig abgerissen und weggeworfen. Denn auch eine Pflanze will ja leben und sich über die Sonne und den Regen freuen. Die Pflanzen spenden uns Nahrung und gesunde Luft, ohne die wir alle nicht leben können. Obwohl Albert Schweitzer Professor und Pfarrer und ein großer Künstler war, wollte er etwas Anderes. Er wollte nicht nur reden und schreiben und spielen, sondern etwas ganz Gutes an anderen Menschen tun. Dabei dachte er immer an Jesus, der die Menschen aufgefordert hat, Gutes zu tun.

Als Albert erfuhr, dass es in Afrika viele kranke Menschen gibt, die keinen Arzt und kein Krankenhaus haben, entschloss er sich, Arzt zu werden und nach Afrika zu gehen. Deshalb begann er mit dreißig Jahren Medizin zu studieren. So setzte er sich als Professor neben jungen Studenten wieder auf die „Schulbank“. Seine Frau Helene Schweitzer war ein ebenso gütiger Mensch. Wie wir noch sehen werden, half sie ihm, wo sie nur konnte, erlernte den Schwesternberuf und kaufte viele Sachen, die ein Arzt braucht.

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11. Seminar

 

Die Geschichte von Albert Schweitzers Vorbereitung auf die Reise nach Afrika

 

In unserer vorigen Geschichte erfuhren wir, dass Albert Schweitzer sich entschlossen hatte, nicht weiter Wissenschaftler, Pastor und Orgelkünstler zu sein, sondern leidenden Menschen zu helfen. Jesus hatte ihm das Beispiel gegeben und gesagt: „Du aber folge mir nach!“

So wollte er nach Afrika gehen und dort kranke Menschen wieder heilen und von ihren Schmerzen befreien. In Afrika gibt es nämlich viele böse Krankheiten, die besonders die Kinder befallen. Sie bekommen hohes Fieber, Ausschlag oder Geschwüre. Viele Kinder müssen daran sterben, weil ihnen kein Arzt hilft.

Vor seinem Studium hatte Albert Schweitzer eine ganz liebe Frau kennen ge­lernt. Sie hieß Helene und sorgte sich um junge Mütter mit ihren Kindern. Sie half auch den Kindern, die keine Eltern mehr hatten. Sie gab ihnen Essen und Unterkunft. Während Albert studierte, erlernte Helene den Schwesternberuf, um später ihrem Mann helfen zu können. Auch kaufte sie schon Medizin, Salben, Fieberthermometer, Instrumente zum Operieren und Verbände. Das Geld bekam sie durch ihre Arbeit und von Albert, der neben dem Studium noch Orgelkonzerte gab. Außerdem schrieb er an einem Buch über den großen Musiker Johann Sebastian Bach. Auch für dieses Buch erhielt er Geld, mit dem er sein späteres Krankenhaus bezahlte.

So halfen sich beide, Albert und Helene, gegenseitig, ihr großes Ziel zu erreichen und in Afrika ein Hospital zu errichten. Helene und Albert waren nicht nur füreinander da, sondern auch miteinander für andere Menschen. So sollte es immer sein.

Eines Tages traf Albert eine Frau, die mit ihrem Mann in einer Missionsstation in Afrika arbeitete. Eine Missionsstation ist so etwas Ähnliches wie ein Pfarrhaus. Die Frau erzählte ihm, dass diese Station mitten in Afrika an einem Fluss liegt, der Ogowe heißt. „Es gibt viele Kranke dort, viele von ihnen sterben, weil ihnen keiner helfen kann“, sagte die Frau. Der Mann dieser Frau war Missionar und hieß Morel. Er erzählte Albert Schweitzer, wie die Menschen dort leben, was sie essen und womit sie sich beschäftigen.

Da sagte Albert Schweitzer dem Missionar, dass er mit seiner Frau nach Lambarene kommen werde: „Wir werden es versuchen!“ „Das ist ja wunderbar“, rief Herr Morel aus. „Ich werde ihnen ein Stück Land, eine kleine Holzhütte und einen Hühnerstall geben, womit sie ihr Hospital errichten können! Mehr kann ich leider nicht für sie tun.“ „Das lassen sie meine Sorge sein“, antwortete Albert Schweitzer. Meine Frau Helene und ich werden das schon schaffen“. Doch wie schwer das alles sein würde, ahnten beide noch nicht.

 

12. Seminar

Die Geschichte von Albert und Helene Schweitzers Schiffsreise nach Afrika

Wisst ihr, was der Karfreitag bedeutet? Es ist der Freitag vor dem Osterfest. An diesem Tag soll Jesus am Kreuz gestorben sein. Er hat den Menschen gesagt und gezeigt, was Nächstenliebe bedeutet: Man soll nicht nur seinen Nächsten, sondern auch seine Feinde lieben. Trotzdem haben ihn seine Feinde getötet. Wer etwas Gutes will und tut, wird nicht immer dafür belohnt und manchmal sogar bestraft.

Der Karfreitag ist ein großer Feiertag, nicht nur für die Christen, sondern eigentlich für alle Menschen, für die Jesus gestorben ist. An einem solchen Karfreitag des Jahres 1913, also vor über 90 Jahren, begann für Albert und Helene Schweitzer die weite Reise nach Afrika. Um dorthin, ganz weit im Süden und mitten im Urwald, zu kommen, mussten die Menschen verschiedene Verkehrsmittel benutzen. Flugzeuge gab es damals für solche weiten Reisen noch nicht. So bestiegen Albert und Helene auf dem Bahnhof von Günsbach einen Eisenbahnzug. Die Glocken der kleinen Dorfkirche läuteten wie zum Abschied. Alberts Mutter, Vater und Geschwister hatten die beiden zum Zug begleitet. Alle waren sehr traurig. Aber Albert tröstete sie und sagte, dass sie in zwei Jahren wiederkämen. Doch es dauerte leider viel, viel länger, und seine Mutter hat er nie wiedergesehen.

Langsam fuhr der Zug an. Dann verschwand das Heimatdorf hinter den Bergen. Die Eisenbahnfahrt dauerte mehrere Tage, denn sie mussten ja quer durch ganz Frankreich fahren, bis sie in der großen Hafenstadt Bordeaux ankamen. Am Hafen mussten sie zuerst die 70 Kisten ausladen und den Zöllnern zur Kontrolle zeigen. Die Zöllner prüfen immer, ob die Reisenden auch nichts ein- oder ausführen, was verboten ist. Doch an diesem Tage arbeiteten die Zöllner nicht, weil Ostern war. Da wurde Albert sehr böse und rief: „Die Kisten müssen unbedingt auf das Schiff! Morgen früh soll die Reise losgehen. Wenn wir dann nicht kontrolliert sind, können wir nicht nach Afrika fahren und dort arbeiten!“ Doch Helene beruhigte ihn. Schreien und Schimpfen hilft nicht weiter. Sie war für Geduld und Güte. Endlich war der Zöllner bereit, die Kisten mit den Medikamenten und Instrumenten auf das Schiff zu lassen. Albert aber entschuldigte sich beim Zöllner, dass er so laut geschimpft hatte. Er hatte es ja nicht so böse gemeint. Aber die Kisten waren eben sehr wichtig.

Als die vielen Kisten endlich auf dem Schiff waren, konnten auch Albert und Helene über einen schmalen Laufsteg auf den Dampfer gehen, der den Namen „Europe“ trug.

Ihre Seereise dauerte über drei Wochen. Unterwegs gerieten sie in einen schweren Sturm. Das Schiff schaukelte hin und her. Albert musste darauf achten, dass die Kisten im Schiff nicht umfielen und zerbrachen. In ihrer Kabine, wo Albert und Helene schliefen, rutschten die Koffer von den Schränken und fielen auf den Boden. Im Speisesaal rutschten die Teller von den Tischen und zerbrachen. Allen Passagieren wurde übel und keiner konnte etwas essen.

Am nächsten Tag war der Sturm vorüber und die Sonne schien. Albert und Helene schauten auf das Meer und beobachteten die Möwen, fliegende Fische und sogar Haifische. Dann gingen sie zurück in die Kabine, wo Albert Briefe und Bücher schrieb und Helene las, was Albert geschrieben hatte. Beide unterhielten sich auch oft mit dem Schiffsarzt, der ihnen von den Krankheiten erzählte, unter denen die Menschen in Afrika litten. Das war für beide sehr wichtig, denn sie wollten ja dort die Kranken heilen.

Nach drei Wochen kam ihr großes Schiff endlich in dem afrikanischen Hafen an. der vor Kap Lopez lag. Dort mündete der große Fluss Ogowe in das Meer. Nun hieß es wieder umladen. Die vielen Kisten wurden vom großen Seedampfer in einen kleinen Flussdampfer umgeladen. Dieses Schiff hatte keine Schraube zum Fortbewegen, sondern wegen der geringen Flusstiefe Schaufelräder. Mit diesem Schiff fuhren sie nun ganz langsam den Fluss hinauf. Aus dem Schornstein kam dunkler Rauch, weil die Dampfmaschinen mit Kohle geheizt wurden. An beiden Seiten des Flusses sah man den dichten Urwald mit seinen großen Bäumen, Schlingpflanzen und Palmen. Zwischen den Baumkronen flogen bunte Vögel hin und her und auf den Ästen saßen viele Affen mit langen Schwänzen.

Am zweiten Tag ihrer Schiffsreise erreichten sie endlich den Ort, zu dem sie wollten. Er hieß Lambarene. Das bedeutet in der Sprache der Einwohner „Ort des Lichtes“. Dort befand sich eine Missionsstation, in der die Menschen über das Christentum unterrichtet wurden. Der Missionar Herr Morel und seine Frau besorgten nun ein paar Boote, die aus Baumstämmen hergestellt worden waren. Sie heißen deshalb Einbaumboote. Mit ihnen ruderten junge Burschen auf dem Fluss hin und her und schafften die Kisten des Doktors vom Flussdampfer an das Land. Dort luden sie sie aus und stellten sie in eine Holzhütte. damit sie bei Regen nicht nass wurden.

Endlich waren Albert und Helene nun an ihrem Ziel und konnten mit ihrer Arbeit beginnen.

13. Seminar

Die Geschichte vom Hühnerstall und vom Arzthelfer Joseph

Die siebzig Kisten standen am Ufer des Flusses. Da bekamen sie plötzlich viele schwarze Beine und wanderten den Hügel hinauf zum Holzhaus des Doktors und seiner Frau. Als der Doktor genauer hinsah, bemerkte er viele schwarze Jungen und Mädchen mit kurzen, krausen Haaren, die die Kisten hoch trugen und dabei lachten und schwatzten. Als alle Kisten im Doktorhaus untergebracht waren, stand nur noch das Klavier am Fluss. Das war aber zu schwer für die Kinder. Da mussten starke Männer kommen und das Instrument ins Haus tragen. Albert Schweitzer spielte nämlich abends nach der Arbeit immer auf dem Klavier Musikstücke von Johann Sebastian Bach oder schöne Choräle.

Schon als Albert und Helene die Kisten auspackten, kamen die ersten Kranken zu ihnen. Die meisten fuhren in Einbaumbooten auf dem Ogowefluss zur Station. Es hatte sich nämlich durch Buschtrommeln herumgesprochen, dass ein weißer Oganga in Lambarene ist. Ein Oganga ist ein Zauberer, der Menschen krank und wieder gesund machen kann. Aber Albert sagte ihnen, dass er kein Zauberer sei und auch niemanden krank machen will und kann.

Das sei nur böser Aberglaube. Aber die Kranken kamen nicht allein, sondern mit ihren Familien. Für die Behandlung mussten sie bezahlen. Weil die meisten kein Geld hatten, bezahlten sie mit Hühnern, Bananen oder Bambusstäben. Das alles brauchte der Doktor zur Ernährung und Unter­bringung der Menschen. Es gab nämlich noch gar kein Krankenhaus. Albert und Helene mussten im Freien operieren. Das war sehr mühsam, denn die Sonne schien heiß vom Himmel und wenn es regnete, mussten sie die Operation unterbrechen. Abends waren beide immer todmüde.

Doch bald kam Hilfe. Der Missionar zeigte ihnen einen kleinen Hühnerstall. Den konnten sie als „Operationssaal“ nutzen. Natürlich musste der Stall zuvor gründlich gesäubert werden. Aber nun mussten Albert und Helene nicht mehr in der heißen Sonne stehen und waren auch vor dem Regen geschützt. Der kleine Hühnerstall war der Anfang ihres Hospitals. Eine zweite Hilfe war der Joseph. Er war früher Koch gewesen und konnte acht Stammessprachen sprechen, außerdem französisch und englisch. So konnte er immer alles übersetzen, was der Doktor zu den Kranken sagte. Nur schreiben und lesen konnte Joseph nicht, denn er war nie in eine Schule gegangen. Der Doktor musste den Kranken ganz wichtige Hinweise geben: „Ihr dürft nicht in der Nähe des Krankenhauses hinspucken!“ Oder: „Ihr müsst eure Medizin so einnehmen, wie ich es euch sage!“ Zuerst haben sie nämlich oft alle Tabletten oder die verordneten Tropfen auf einmal geschluckt. Das war gefährlich und das darf man nicht. Weil Joseph früher Koch war, benutzte er auch Ausdrücke wie Fleischer. So sagte er zum Beispiel: „Der Mann hat Schmerzen am Kotelett.“ Oder: „Dieser Frau tut das Filet weh!“. Manche Kranke nahmen überhaupt keine Medizin ein. Sie glaubten, der Doktor würde sie durch Zauber heilen. Aber auch das ist schlimmer Aberglaube. Das alles mussten ihnen Albert und Helene geduldig erklären.

13 seminar

 

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