Eine ergreifende Liebesgeschichte – 5. Teil

Gewitterwolken am Horizont

In der nächsten Zeit wohnen unsere Eltern in Quitzöbel in der schönen Lehrerwohnung. Am 9. Juli 1954 legt Mutti am Institut für Lehrerbildung in Schwerin die Staatliche Abschlussprüfung ab und ist jetzt eine richtige Lehrerin mit Lehrbefähigung für die Unterstufe der allgemeinbildenden Schulen. Im September wird Edda geboren, und eigentlich könnte jetzt alles so schön sein, wie es sich die beiden immer erhofft hatten. Doch schon waren neue Gewitterwolken am Horizont aufgetaucht. Von je her werden unzählige Probleme, die bei jungen Paaren die Harmonie der trauten Zweisamkeit stören und zu Spannungen führen, von Eltern und Schwiegereltern verursacht, die meinen, ihre eigenen Erfahrungen seien tiefgreifend genug, um sie auch den jungen Leuten überstülpen zu müssen. Gutgemeinte Ratschläge, eine gewisse Rivalität gegenüber Schwiegertochter oder Schwiegersohn, zu häufige Anwesenheit machen es jungen Paaren oft schwer, ihren eigenen Weg zu finden, der auch eigene Fehler mit einschließt.

0022 Edda 1955 mit Eltern

Eberhard und Elisabeth Trampenau mit der kleinen Edda – 1955

In diesem Fall waren es Eberhards Eltern, die sich getrennt hatten. Während Minna bei ihrer Tochter Edula in Berlin lebte, war man übereingekommen, Vater Albert mit nach Quitzöbel in die Lehrerwohnung zu nehmen. Nun war Albert ein nicht ganz einfacher Mensch, so wie auch sein Leben nicht gerade einfach gewesen war. Geboren wurde er in Ostpreußen, und zwar als uneheliches Kind. Seine Mutter, die als Magd auf einem Gutshof arbeitete und sich mit dem Gutsherrn wohl mehr als gut verstand, behielt das Ergebnis dieses guten Verhältnisses, den kleinen Albert, nicht bei sich, sondern gab ihn in ein Heim, wohl weil es in der damaligen Zeit völlig unmöglich war, als ledige Mutter ein Kind großzuziehen. Albert prahlte später oft mit dem „blauen Blut“, das in seinen Adern fließe, vielleicht war es aber auch nur Zynismus, der von seiner nicht sehr glücklichen Kindheit ablenken sollte. Er war ein sehr kluger Mann, sehr belesen, ein Unikum, der die Leute oft mit Bauchreden verblüffte. Er hatte eine starke Abneigung gegen die Kirche und war nicht nur ziemlich neugierig, sondern oft auch streitsüchtig. Und so blieb es nicht aus, dass es nicht selten Zoff gab, vor allem zwischen ihm und Elisabeth.

In seinem grenzenlosen Wissensdurst inspizierte Albert regelmäßig nicht nur Schränke und Schübe, sondern auch den Mülleimer. Elisabeth war in ihrem Humor häufig nicht gerade zimperlich, und so machte sie sich einmal den Spaß, aus den Hinterlassenschaften in Eddas Windel kleine braune Kügelchen zu formen und gut sichtbar im Müll zu platzieren. Und wirklich, es hat geklappt, wenig später sah man Albert sich heftig und gründlich die Hände schrubben…

Eine ergreifende Liebesgeschichte – 4. Teil

Bitten um Verständnis

Am gleichen Tag erreichte die Familie ein Brief, in dem Elisabeth u.a. schrieb:

„Eberhard und ich haben an dem Tag, an dem Ihr diesen Brief bekommt, also am 4.6., geheiratet. Wir tun es deshalb so schnell, weil wir uns auf ein Kindchen freuen dürfen. Ich weiß nicht, ob es eine Entschuldigung dafür gibt, was ich Euch angetan habe! Das ist mein ganzer Kummer, denn ich habe Euch so lieb, dass es mir unsagbar weh tut, Euch so leiden zu sehen. Wenn Ihr könnt, verzeiht mir. Denkt bitte daran, dass auch Ihr, als Ihr liebtet, fest bei Eurem Entschluss bliebt. Über das, was geschehen ist, möchte ich nichts anderes sagen, als dass es aus Liebe geschehen ist. Ich habe lange darüber nachgedacht, konnte es aber nicht bereuen. Ihr wisst, dass ich es nicht ertragen würde, wenn Ihr nichts mehr von mir wissen wolltet. Ich brauche zu nötig Eure Liebe und Euer Verstehen.“

Glückliche Tage der Verliebten 1955 - Titel: Don Quichote auf Rosinante

Glückliche Tage der Verliebten 1955 – Titel: Don Quichote auf Rosinante

Auch Eberhard wendet sich an seine Schwiegermutter, unter anderem mit folgenden Zeilen: „Seit wir Gewissheit hatten, dass Elisabeth ein Kindchen haben würde, stand unser Entschluss fest, so schnell wie möglich zu heiraten. Sie werden das alles vielleicht nicht verstehen, Sie werden sehr böse auf mich sein und wer weiß was von mir denken, weil Sie mich zu wenig kennen. Ich verstehe das wohl. Die Zeit wird es beweisen, dass wir zueinander passen und glücklich sein werden.

Die kleine Edda mit Eltern 1955

Die kleine Edda mit Eltern 1955

In unseren Freudenbecher werden ein paar bittere Tropfen fallen. Wir wissen, dass Sie mit unserer Ehe nicht einverstanden sind. Aus diesem einfachen Grunde erhalten Sie so spät Nachricht von der bevorstehenden Trauung. Ich wünsche und hoffe nur das Eine: dass die Liebe des Mutterherzens in Ruhe und Besonnenheit die rechte Entscheidung fällt. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ein Mutterherz sich so verhärten kann. Wenn Sie mich auch nicht anerkennen, verschließen Sie Elisabeth nicht die Tür. Sollten Sie sich von uns abwenden, werden wir warten. Unsere Tür wird Ihnen stets geöffnet sein. Einmal werden Sie wieder gut sein, diesen Tag sehnen wir voller Hoffnung herbei.“

Diese eindringlichen Worte und Bitten um Vergebung haben scheinbar ihre Wirkung nicht ganz verfehlt. Schon bald findet im Haus von Elisabeths Mutter und ihrem Stiefvater Emanuel in Mellen ein kleines Fest statt, auf dem das jungvermählte Paar gefeiert und beglückwünscht wird. Gäste waren hier Eberhards Eltern, Minna und Albert, sowie Vera und Paul Rohra, ein befreundetes Ehepaar aus Mellen. Die Wogen haben sich zunächst geglättet und die Zukunft der beiden – und damit auch die unsrige – nimmt ihren Lauf.

 

August Otto Wilhelm Klopp (1884 – 1886) – Part I

The Short Life of Emma’s Seventh Child

After the mill business in Olvenstedt turned out to be a complete disaster in 1893 at the very latest, P.F.W. Klopp and his wife Emma moved with their six children to Magdeburg- Neustadt. The people they dealt with, work prospects and accommodation remain a gap still to be filled in the family research. The fact is that Emma’s ninety-one year old grandfather Johann Christian Bauer of Jewish ancestry passed away on December 16, 1883 in Magdeburg-Sudenburg. What amount of inheritance he bequeathed to the Emma Klopp family can no longer be ascertained, but must have been considerable. For it secured the next six years of living expenses in Jersleben and must have formed the basis for the acquisition of a house and property in Wolmirstedt further down the road.

Bahnhof Magdeburg Neustadt - Foto: geolocation.ws

Bahnhof Magdeburg Neustadt – Foto: geolocation.ws

While enjoying the unexpected financial blessing, Emma was also thankfully looking forward to her seventh pregnancy. In August 1884 she bore in Magdeburg-Neustadt her fourth son (seventh child) August Otto Wilhelm. Although Emma was briefly hospitalized in and around this time, the possibility of a hospital birth in those days must be excluded. Besides Emma Klopp was of a robust  physical constitution and always gave birth at home without any complications.

Remark: Every once in a while I need to remind my readers, who praise me for the research on the Klopp family, that the author of this amazing story of our ancestry is not I but Eberhard Klopp, a distant cousin of mine. After an intensive research over a period of many years in the 90’s he published the results in Germany under the title “Ein Brief an die Nachfahren der Familie Klopp aus Altendorf/Brome und Wolmirstedt“. Since many of the descendants have spread all over the North American continent and most of them no longer speak German, I endeavored to translate the relevant parts of his book into English.

Eine ergreifende Liebesgeschichte – 3. Teil

Hochzeit ohne Familie

Es blieb nicht aus, dass auch das Schulamt Wind von der Sache bekam. Es gab ziemlichen Ärger und Elisabeth wurde „strafversetzt“, sie kam noch 1953 nach Rühstädt. Doch auch diese Maßnahme brachte ebenso wenig Nutzen, wie die häufigen Besuche von Elisabeths Großmutter, unserem Omchen, in Rühstädt, die dem Zweck dienten, die beiden zu trennen. Eberhard fuhr abends oft mit dem Fahrrad nach Rühstädt, um seine Elisabeth heimlich zu treffen. Einmal wäre er dabei beinahe Omchen in die Arme gelaufen, die gerade wieder in verlorener Mission unterwegs war. In letzter Sekunde erkannte er die Gefahr und machte sich schleunigst wieder auf den Rückweg.

Schloss Rühstädt Photo Credit: wikipedia.org

Schloss Rühstädt – Photo Credit: wikipedia.org

Eberhard stand zu seiner Liebe und leitete seine Scheidung in die Wege, und als er auf diese Weise seine „Familienangelegenheiten“ in Ordnung gebracht hatte, wie es sich für einen Schulleiter gehörte, durfte Elisabeth wieder an die Schule in Quitzöbel zurückkehren.

Die Lehrerwohnung in Quitzöbel 2003

Die Lehrerwohnung in Quitzöbel 2003

Nun gab es zwar dienstlich keine Beanstandungen mehr, aber Mutter Johanna und Omchen waren noch lange nicht mit der Beziehung einverstanden. Wenn ich heute zurückblicke, waren sie das wohl nie aus vollem Herzen. Elisabeth verstand sich gut mit ihrem Bruder Hartmut und dessen Freundin Gisela. Die beiden Frauen trafen sich oft in Bad Wilsnack, wo die Weiterbildungen zur Vorbereitung auf die Lehrerprüfungen stattfanden. Oft gingen sie nach dem Unterricht noch eine Bockwurst essen und unterhielten sich. Bei einem dieser Treffen war auch Hartmut dabei. Den beiden fiel auf, dass Elisabeth sehr schlecht aussah, und sie führten das auf die große seelische Belastung durch die Auseinandersetzung mit Mutter und Großmutter zurück. Elisabeth konnte sich jedoch leider nicht entschließen, Gisela und Hartmut von dem wahren Problem zu erzählen, das in ihr heranwuchs – mein Schwesterchen hatte sich auf den Weg gemacht, das Licht der Welt zu erblicken. Ich glaube nicht, dass sie befürchtete, ihr Bruder könnte sie zu Hause verraten, vielmehr wollte sie ihn sicher nicht vor die Entscheidung stellen, sich entweder der Schwester oder aber der Mutter gegenüber loyal zu verhalten. Elisabeth und Eberhard glaubten keinen anderen Ausweg zu sehen, als alle vor vollendete Tatsachen zu stellen, und so kam es dazu, dass sie am vierten Juni 1954 allein und ohne die Familie zuvor davon in Kenntnis zu setzen, heirateten.

Elisabeth und Eberhard Trampenau am Tag ihrer Hochzeit

Elisabeth und Eberhard Trampenau am Tag ihrer Hochzeit

Elise Alma Klopp (1882-1975) – Part III

Active and Mentally Alert to the End

Rastenburg (Kętrzyn), East Prussia - Photo Credit: wikipedia.org

Rastenburg (Kętrzyn), East Prussia – Photo Credit: wikipedia.org

At the end of World War II Else was the only surviving child of the Scholz family. Else had married the engineer Artur Thieß. He is the one I called Uncle Artur, even though he was my cousin by marriage. He was born in Rastenburg, East Prussia,in 1905. For twenty years he had been active in the technical division of the German Post Office. After the war he was teaching at the institute of engineering within the East German postal system. There his talents found recognition and he quickly advanced to the position of lecturer at the department of engineering and electronics specializing in low-frequency applications in Berlin-Lichtenberg. In 1952 he published a book on low-frequency transmissions. He also frequently served as guest lecturer at the famous Humboldt University. [Knowing my interest in the field of electronics, he now and then sent me textbooks on transistor theory and practice.It was apparently permitted to mail books from the German Democratic Republic to the West, but not in the opposite direction.]

Artur

The surviving children of the Thieß marriage were all female: Ingrid, Gerlinde, Antje (see photo below) and Silvia. They were all known to me through my two visits in 1959 and 1962.

Anje Thieß 1962 (third girl) participating in competitive rowing

Anje Thieß 1962 (third girl) participating in competitive rowing for the German Democratic Republic

In the tender loving care of her daughter Else and son-in-law Artur Thieß,  Aunt Alma passed away on September 10, 1975 at the age of 93. Mentally alert until the very end she reached the oldest age of the entire Friedrich and Emma Klopp family.

Eine ergreifende Liebesgeschichte – 2. Teil

„Zum Verlieben, nur nicht mehr zum Kriegen“

Schloss in Birkholz - Foto: gemeinde-karstaedt.de

Schloss in Birkholz – Foto: gemeinde-karstaedt.de

Nun gab es an dieser Schule in Quitzöbel einen Schulleiter, dessen Name Eberhard Trampenau war, und der zu diesem Zeitpunkt als 28-Jähriger schon ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich hatte. Er stammte aus Dallmin bei Karstädt, wo er zusammen mit drei Brüdern und zwei Schwestern auf einem Gutshof aufwuchs. Sein Vater war dort herrschaftlicher Kutscher, seine Mutter arbeitete auch auf dem Gut. Die Eltern hatten es nicht leicht, ihre sechs Kinder durchzubringen. Mutter Minna war gezwungen, bei der Arbeit auf dem Gut immer mal wieder ein paar Kartoffeln oder Rüben mitgehen zu lassen, um die vielen hungrigen Mäuler zu Hause zu stopfen. Vater Albert war überzeugter Atheist, was in jener Zeit, der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ziemlich ungewöhnlich und dem Ruf der Familie im Dorf nicht gerade förderlich war. Es entsprach dem damaligen Zeitgeist, dass Pfarrer, Lehrer und Gutsbesitzer in einem Dorf bestimmten, was „rechtens“ war. Auch Eberhard hatte das als Jugendlicher zu spüren bekommen, denn als er konfirmiert werden wollte, war der Pfarrer der Meinung, dass er nicht die „richtigen“ Sachen anhabe und ließ ihn aus diesem Grund nicht zur Konfirmation zu. Es ist verständlich, dass Eberhards Einstellung zur Kirche zeit seines Lebens nicht nur ablehnend, sondern auch von Wut und Intoleranz gekennzeichnet war. Sein Werdegang als Jugendlicher und junger Mann war durch die Verhältnisse der dreißiger Jahre und der Kriegszeit vorprogrammiert: Hitlerjugend, Arbeitsdienst, Unteroffiziersschule, Kandidat der Offiziersschule. Mit 18 Jahren musste er in den Krieg ziehen, wurde dort bald verwundet und verlor zwei Finger. Gleich nach dem Krieg nahm er an einem „Neulehrerlehrgang“ teil (der kurioserweise wahrscheinlich im Gutshaus in Dallmin stattfand), das heißt, er wurde in relativ kurzer Zeit zum Lehrer ausgebildet, an denen damals großer Mangel herrschte. Sie waren entweder im Krieg gefallen oder aufgrund ihrer politischen Vergangenheit für diesen Beruf nicht mehr tragbar.

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Jedenfalls hatte es Eberhard in dem Jahr, als Elisabeth an seine Schule kam, bereits zum Schulleiter gebracht. Auch war er bereits verheiratet und hatte eine Tochter, wobei Gerüchte über lautstarke Auseinandersetzungen und durch die Luft fliegende (volle!) Windeln darauf hinwiesen, dass diese Ehe nicht gerade glücklich verlief.

Elisabeth 1955

Elisabeth 1955

Kaum hatte Elisabeth ihre Arbeit an der Schule in Quitzöbel begonnen, verliebte sie sich Hals über Kopf in ihren Schulleiter. In ihrem Tagebuch – das ich 20 Jahre später lesen durfte und das mich zu Tränen rührte, und das dann irgendwann unverzeihlicher Weise und zu meinem großen Bedauern nach einem heftigen Ehestreit in den Heizkessel flog – schwärmte sie immer wieder davon, wie nett und gutaussehend und klug er sei. An die Worte „Zum Verlieben, nur nicht mehr zum Kriegen“ kann ich mich noch genau erinnern. Wie das Leben so spielt, war auch Eberhard recht angetan von ihr, und es kam, wie es kommen musste: sie gaben ihren Gefühlen nach und beschworen damit für sich und natürlich auch für ihre Familien eine schwere Zeit herauf. Viele Kollegen verurteilten sie, Elisabeths Mutter und Großmutter versuchten hektisch, sie zu bekehren, Eberhards Frau war unglücklich, aber sie konnten nicht voneinander lassen. War es Unrecht? Ich bin da nicht ganz objektiv, denn wären die beiden „vernünftig“ geblieben, würde es mich und meine Geschwister nicht geben, und das fände ich ganz schön traurig. Also mag das jeder selbst beurteilen, und wer darüber den Stab bricht, hat entweder noch nie geliebt oder war bei Eintritt seiner eigenen großen Liebe in der glücklichen Lage, gerade frei und ungebunden zu sein.