Walter K. Panknin – Wie ich die USA sehe – Teil I

Guest Post by Gertrud’s Nephew Norbert Werner

Reifferscheid Family Tree – Chart III – III & IV
A very critical view of the US condensed from letters written in the late 1980’s
Photos  from Walter Panknin’s New York Album 1988

Blog Contribution in German by Norbert Werner

Walter NY 3

Vorwort: In einem früheren Beitrag schrieb ich über meine Erlebnisse anlässlich meiner ersten „Westreise“ mit meinem Onkel Walter nach Kanada. Kurz nach unserer Rückkehr übernahm Walter 1987 in New York die Vertretung seiner Firma für die USA und lebte hier längere Zeit. In dieser Zeit entwickelte sich ein intensiver Schriftverkehr. Ich hatte den Eindruck, dass er seine Erlebnisse, Gedanken, Gefühle … jemanden mitteilen wollte. Dazu kam in den Jahren 88/89 die Zeit des Umbruchs in der DDR mit vielen neuen Erfahrungen für uns. Auch ich suchte jemanden, den ich mal fragen konnte über so viele (heute) alltägliche Dinge. Diesen Schriftverkehr habe ich über die Jahre aufbewahrt, aber leider nur die Briefe von Walter an uns (und vielleicht auch an Biene, …). Ich möchte aus diesen einige Passagen zitieren, die ich für bemerkenswert halte. Einiges erscheint aus heutiger Sicht vielleicht merkwürdig, aber sie wurden vor fast 30 Jahren geschrieben und spiegeln die Ereignisse dieser Zeit wieder.

Walter NY 1

  1. Dezember 1987 – 22 Uhr

Mein lieber N.,

– der lange Brief an Euch ist geschrieben

– meine Vorbereitungen für das morgige meeting habe ich abgeschlossen,

– und nun dachte ich, sei es Zeit, Euch zu verraten, warum ich Euch so oft schreibe.

Der Grund ist einfach und nur demjenigen verständlich, der je in den USA gelebt hat.

Als ich am 27. September hier ankam dachte ich mir, es sei vielleicht interessant, ein Tagebuch zu führen. Also kaufte ich mir am 1. Tag bei Woolworth ein Tagebuch. Ich füllte die ersten 5 Seiten aus und dann stellte ich fest – wenn ich umblättere-, dann lösen sich die vorhergehenden Seiten auf. Die Qualität des Heftes war einfach zu schlecht.

Danach habe ich versucht, auf der

   * weltberühmten 5th avenue,

    * dem welt- welt- berühmten Broadway,

   * dem super, super, super technical buisiness supply service ein kleines Heft zu finden,

welches ordentlich gebunden- nicht nur geklebt ist, welches einfach weiße Seiten hat- vielleicht einen hübschen Umschlag-, welches sich nicht von alleine auflöst, wenn man mehr als 6 Seiten umblättert.- Ich habe es bisher nicht gefunden.

Es sollte ein Tagebuch werden, doch es kam nie zustande. Es wurden nur lose Blätter an Euch – die Briefe.

Walter NY 2

  1. Februar 1988

Meine lieben Grimmaer,

obwohl ich gar nicht sicher bin, ob ich meinen letzten Brief an Euch bereits abgeschickt habe, möchte ich doch noch schnell ein paar Zeilen an den „ruhenden Pol“ schreiben.

Nun gut, letzten Dienstag war ich nach Washington geflogen … Danach 3 aufreibende Tage in der Firma. Sie waren deprimierend.

Leute, die 10,20,30 Jahre tätig waren, werden von einer Woche zur nächsten entlassen, sie stehen praktisch auf der Straße,- wenn sie nicht selbst vorgesorgt haben. Es erschüttert mich sehr, dies mit anzusehen. Mit jedem Tag wird man ein Jahr älter…

Morgen werde ich nach Portland fliegen. P. ist nicht New York. P. verhält sich zu N.Y. wie Grimma zu Moskau. Die Leute dort sind anders, die Einstellung, die Atmosphäre. Ich mag die Leute sehr gerne und ich hoffe, sie im Vertrauen auf die St.-Technik bestärken zu können.

Manchmal habe ich das Gefühl, als wenn ich hier wie in „Trance“ lebe. Und ich habe das Gefühl, das es den anderen ebenso geht, es kann nicht anders sein, denn die täglichen, stündlichen, minütlichen Änderungen versetzten einen in Hypnose.

        * Sicher nicht jeden, wenn sein Tagesablauf geregelt ist,

     * Sicher aber so manchen, der wie ich den ständigen Wechseln ausgesetzt ist.

Und das Erstaunliche ist – ich habe es beim letzten Aufenthalt in Gummersbach gemerkt-, man beginnt sich daran zu gewöhnen, man beginnt es vielleicht zu lieben, obwohl man es beinahe „hasst“.

Was ich so schreibe, klingt wie in einem Kitschroman: Die große „Hassliebe“ auf N.Y., doch irgendwie spiegelt es zumindest die augenblickliche Wahrheit wieder.

Eigentlich wollte ich ein weiteres Kapitel über die Kontraste in N.Y. schreiben. Davon gibt es so viele- und sie berühren einen so stark.

Stattdessen lasst mich kurz erzählen, was ich vorgestern gekauft habe für 179 $. Es ist ein Telefon mit allen Schikanen.

      * 10 Nummern kann ich speichern und auf Klopfdruck auswählen,

     * Ich kann einen Anrufbeantworter einschalten, der alles aufnimmt, was während meiner Abwesenheit ankommt,

     * Ich kann beliebige Nachrichten hinterlassen,

     * Ich kann auf eine andere Leitung, z.B. Büro umschalten,

     * Ich kann auf Tastendruck eine belegte Nummer neu anwählen,

    * Zusätzlich kann ich all dies von einem externen Telefon aus erledigen, also

     * hören, was jemand hier ausgerichtet hat,

     * ändern, was ich per Band sagen will etc.

Ein Wunderwerk der Technik, aber zugleich eine Selbstverständlichkeit für alle, die hier leben, ein Kontrast in N.Y. Innerhalb von zwei Minuten habe ich den Flug für morgen reserviert, bestellt, bezahlt- per Telefon. Ein Sprung ins Nachbargebäude, und ich habe mein Ticket. Doch es dauerte 2 ½ Wochen, bis ich 4 Pakete mit Büchern durch den Zoll bekommen habe. Ich musste 5 Formulare (fünf!) ausfüllen, eine Spedition einschalten (162 $) und xxx Anrufe tätigen. Formalismus wie in …

Walter NY4051

Great Neck, 5. Mai 1988, 20.15 Uhr

Obwohl das Telefonnetz in den USA wahrscheinlich das beste der Welt ist, so leidet es doch an einigen Besonderheiten…Man kann innerhalb einer Stunde

     * 5x im Sekretariat anrufen und

     * 5x wird man nach dem Namen gefragt,

     * 5x wird man nach der Firma gefragt,

     * 5x wird man gebeten, die Telefonnummer anzugeben.

Die Frage ist: Warum? Nun, sie ist einfach zu beantworten. In den sogenannten Sekretariaten sitzen Mädchen, die wahrscheinlich nur die vorigen drei Fragen stellen können, mehr haben sie nie gelernt. Es sind schlecht bezahlte Stellen, meist werden sie von Schwarzen besetzt. Ja, das ist N.Y., das ist USA. Die Mädchen im Sekretariat sind komplett überfordert, wenn man ihnen eine Frage stellt, die mehr als 5 Worte umfasst. Wenn man auf die Frage „Dürfen wir zurückrufen?“ mit NEIN antwortet, so bricht für sie eine Welt zusammen, sie wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Also lässt man es besser und wartet auf einen Rückruf…

Als ich vor 2-3 Jahren mit einem China-Projekt befasst war, nahm ich an einem Seminar teil, in dem uns ein wenig die chinesische Philosophie, Haltung, Verhandlungsweise nahegebracht wurde. Jedem schien es selbstverständlich, dass ein solches mehrtägiges Seminar sinnvoll war. Nie würde jedoch jemand auf die Idee kommen, ein solches Seminar für Kontakte in den USA zu veranstalten. Meiner Meinung nach sind die Unterschiede zwischen den USA und Europa wesentlich größer als vielleicht zwischen China und Europa. Die große Gefahr lieg darin, dass man die Unterschiede nicht sofort bemerkt und – sobald man die andere Philosophie kennengelernt hat-, man sich zu schnell daran gewöhnt, und vielleicht akzeptiert.

Es muss einmal gesagt werden, doch es ist wahr: Die USA sind bezüglich Rassenfragen und Nationalismus mit Sicherheit schärfer, drastischer (oft unterschwellig) eingestellt, als es vielleicht je in Deutschland der Fall war. Hier sind es nicht die Juden, die diskriminiert werden. Die Juden –gerade in N.Y.- haben eine Vormachtstellung. Nein, es sind die, – wie man es vornehm umschreibt-, die Minorities, die Minderheiten…

N.Y. wird in der Werbung allgemein „The big Apple“ genannt, von dem jeder ein Stück abbeißen möchte. Man kommt nach N.Y., um „to make money“, nicht, um Geld zu verdienen nein Geld zu machen! Dies ist ein wichtiger Unterschied. Man versucht „Geld zu machen“, nicht durch eigenes Schaffen, Intelligenz, Wissen, sondern durch Ausnutzung der anderen, der Unwissenheit, der Unsicherheit, der Schwierigkeiten anderer, anderer einzelner Personen, Firmen, Konzerne. Man macht 10 $ Gewinn, indem man einen ahnungslosen Taxigast übers Ohr haut …Jemanden, z.B. eine Firma, halbwegs legal um 10.000.000 $ betrogen zu haben, ist eine stolze Leistung! Man lässt sich öffentlich dafür feiern und beglückwünschen.

Es ist eine andere Mentalität, doch es gibt – gottseidank- auch noch andere Amerikaner.

Mit Sicherheit ist das wieder nur eine der vielen, vielen Facetten, die der große Kristall N.Y. hat. Diesmal habe ich einen Blick auf die dunklen Stellen dieses glitzernden Steins geworfen. Aber es gibt auch die schönen Seiten, die guten Stellen, nur, diese nimmt man vielleicht eher selbstverständlich zur Kenntnis, freut sich darüber und vergisst, darüber zu berichten.

Walter NY4052

Great Neck, 19. Mai 1988

Meine Lieben,

Vergangenes Wochenende lernte ich einen Piloten kennen, der über 20 Jahre lang eine große Passagiermaschine geflogen hat, die Boing 727. Er hat ein schönes großes Haus, eine toll eingerichtete Werkstatt und mit Stolz führte er mir seine letzte Errungenschaft vor: Ein elektronisches Wörterbuch. Wenn man nicht genau weiß wie ein Wort geschrieben wird, dann tippt man einen ersten Versuch in das Gerät und erhält dann die korrekte Schreibweise auf Knopfdruck dargestellt. „Walter,“ sagte er, „dies ist eine tolle Errungenschaft, jetzt kann ich endlich wieder Briefe schreiben.“ Der 52jährige Mann hatte einen Hochschulabschluss in Physik, war Pilot und gleichzeitig halber Analphabet.

Als ich bei meinem letzten Aufenthalt in Long Beach mit einem 18jährigen Schüler ins Gespräch kam und sagte, dass ich aus Deutschland sei, antwortete er: „Ach ja, Deutschland ist doch ein Teil von Russland.“

Vor einigen Wochen forderte ich den „Business director“ unserer Firma auf, ein kurzes Protokoll zu schreiben. As er es mir vorlegte waren in der ½ Schreibmaschinenseite ca. 30 Schreibfehler. Der Mann hatte seit Jahren sein erstes Protokoll zu Papier gebracht.

Als ich heute im Supermarkt war, kaufte vor mir ein Mann 2 Artikel à 1,95 $. Er beschwerte sich, als er statt 2×1,95 $ insgesamt 6,45 $ zahlen sollte. Das Mädchen an der Kasse brauchte ca. 15 Minuten, bis es ihr nach 4 oder 5 Versuchen gelang, die zwei Zahlen handschriftlich richtig zu addieren (Die Maschine war leider blockiert.).

Was ich an diesen vier Beispielen nur andeuten konnte, verursacht so manchem Europäer den sogenannten „Kulturschock“. Die Beispiele sind nicht an den Haren herbeigezogen, sie ließen sich beliebig erweitern. Allgemein darf man feststellen: Die allgemeine Schulbildung in den USA ist auf einem derart niedrigen Niveau angelangt, dass es einen erschauern lässt. Es ist deprimierend und erschütternd zu sehen auf welches geistige Niveau die USA abgesackt sind.

Gerhard Kegler, the general, who dared to disobey Himmler Part X

My Uncle’s Final Report

A Historical Document

Kegler Family Tree

Chart IIa – II
Gerhard Kegler Gutfelde 1942

Major-General Gerhard Kegler Gutfelde (Zlotniki) near Dietfurt (Znin)

Dear friends and followers of my blog, this post is a rather lengthy one and in German. I decided to publish General Kegler’s report in one single post,  which -I felt- should not be presented in fragmented form spread over several posts. I did not make an attempt to translate it into English, because I realized the immense difficulty with so many name places. For those having problems with German there is always Google Translate, which does a fairly decent job translating text from one language to another. I extracted the main part from my uncle’s writing, which his daughter Helga Kegler had found among his personal belongings after his death in 1986. I publish it as a tribute to my hero ‘Onkel Gerhard’.

Nach Beendigung des Frankreichfeldzuges mit Btl nach Luneville, dann nach Nancy verlegt. Am 27.11.1940 zum Kdr des IR 27 ernannt. Das Regiment gehörte zur 12. ID, deren Kdr General von Seydlitz war. Ende Mai 1941 wurde die Division nach Ostpreußen verlegt und im Juni an die russische Grenze unweit von Eydkuhnen. Am 22.06.1941 Angriff auf die UdSSR. Nach anfänglichem Widerstand des Feindes, zügiger Vormarsch nördlich Marijampole, in nordöstlicher Richtung über die Memel, südlich Kowno über die Düna südlich Dünaburg – nördlich Velikie-Luki auf Seberg zu; hier Durchbruch durch die Stalin-Linie und weiter zum Seliger See auf den Waldei-Höhen – Ende September 1941. Bis hier hatten wir 1.000 km auf sandigen Wegen durch ausgedehnte Wälder zurückgelegt. Regen setzte ein, die Wege waren tief verschlammt; Stellungen in der Verteidigungslinie ausgebaut; im Oktober kam Frost; feindliche Artillerie-Überfälle und nächtliche Bombardierungen häuften sich; mein Gefechtsstand wurde zerstört; die Temperaturen fielen bis -35 Grad C. Zum Jahresende 1941 überrannte der Russe Stellungen der Nachbar-Division. Es entstand der bekannte Kessel von Demjansk. Am 01.02.1942 Beförderung zum Oberst und Versetzung aus der Division. Mit einer Ju (52?) flog ich aus dem Kessel mit Auftrag, in Frankreich – in Le Mans – ein neues Regiment aufzustellen. Die neue ID 377 mit den Regimentern 767, 768 und 769 wurde aufgestellt. Im Mai 1942 nach Schigri (Scigry) ostw. Kursk transportiert; Angriff Richtung Woronesch (Voronez) am Don. Nach heftigen Kämpfen erreichte mein Regiment bei Kastornoje (Kastornoe) den Don. 100 km waren wir vorgedrungen. Im Dezember 1942 fuhr ich in Urlaub bis Anfang Januar 1943. Bei Rückkehr erfuhr ich, daß mein Regiment zerschlagen und aufgelöst wurde. Reste der 377. ID waren im IR 769 zusammengestellt, welches ich übernahm. Im August 1943 wurde ich zur 75. ID – C- als Kdr des IR 222 versetzt; Rückzugskämpfe von Sumy über Kiew bis ostwärts Lemberg; für einige Wochen die 75. ID vertretungsweise geführt. Lehrgang für höhere Truppenführung in Hirschberg/Schlesien, aber schon nach wenigen Tagen Abberufung zu einer Armee nach Estland (Riga) mit zwei weiteren Obersten; vergebliches Warten auf Einsatz als DivKdr.

Mit Beförderung zum Generalmajor am 01.10.1944 übernahm ich die 48. ID, die bei Metz kämpfte. Der Amerikaner kämpfte methodisch nach Zeit und Ziel. Nachts war Ruhe und morgens begann der Kampf regelmäßig zur gleichen Zeit. Anders war es an der Ostfront beim Russen, Tag und Nacht mußte man mit Angriffen rechnen – immer gab es Überraschungen.

Ohne starken Einsatz von Panzern und Artillerie griff der Amerikaner nicht an. Im Laufe des Oktober/November 1944 verlegte unsere Armee die Abwehr bis an die Saar bei Merzig zurück. Meine Div. wurde im Elsaß bei Hagenau eingesetzt; auch hier wurde die Front der Armee bis in die alte Bunkerlinie bei Weißenburg zurückgenommen. Die Gefechtsstärken der Truppe reichten nicht aus, um eine geschlossene Abwehrfront zu besetzen. Ein Bunker wurde zerschossen und ging verloren. Der Kommandeur des Korps verlangte die Rückeroberung. Reserven dafür waren nicht vorhanden. Ich geriet in Meinungsstreit mit dem Korps-Kdr und schlug vor, er möge alle NS-Führungsoffiziere seines Korps zur Verfügung stellen, die sicherlich den Bunker zurücknehmen würden. Hierauf kam wenige Tage später der Befehl an mich, an die Ostfront zu fahren und mich in Posen beim Generalkommando zu melden. Dort erhielt ich Befehl, mich zu weiterer Verfügung als DivKdr in Deutsch Krone (30 km nordwestlich Schneidemühl) beim Stab der Heeresgruppe Weichsel (Himmler) zu melden. Ich fuhr über Meseritz – Schwerin – Landsberg nach dort. Der Russe war bereits über Thorn in Richtung Schneidemühl und Kreuz vorgedrungen. Ich begegnete langen Flüchtlingskolonnen.

Am 30.01.1945, in Deutsch Krone, erhielt ich von Himmler Befehl, die „Division Woldenberg“ zu übernehmen. Einweisung in die Lage und Auftrag sollte ich mir vom SS-Corps in Arnswalde geben lassen. Dort wurde mir mitgeteilt, daß das Corps eine Orientierung über die Lage und den Auftrag nicht geben könne. Die „Division Woldenberg“ befinde sich vermutlich in der Gegend zwischen Woldenberg und Friedeberg.

Ich fuhr in Richtung Woldenberg entgegen den Strom zahlreich zurückeilender versprengter Soldaten und fand schließlich den Divisionsgefechtsstand in einer Baracke ostwärts Friedeberg. Hier erfuhr ich, daß diese Division Anfang 1945 unvollständig und in größter Eile zusammengestellt und sogleich in den Kampf geworfen worden war. Die Division hatte im Raume Kreuz – Filehne unglückliche und verlustreiche Kämpfe gehabt. Einige Bataillone waren von den Russen abgeschnitten und in Gefangenschaft geraten. Nachbartruppen oder übergeordnete Kommandostellen, mit denen man hätte Verbindung aufnehmen können, waren nicht vorhanden.

Die Befehlsübernahme erfolgte gegen Mittag des gleichen Tages, als sich diese bedauernswerte Division in nahezu aufgelöstem Zustand über Friedeberg auf Landsberg im Rückzug befand.

Am Morgen des 31.01.1945 veranlaßte ich in Landsberg das Sammeln, Ordnen und Einteilen sowie den Einsatz der noch vorhandenen Verbände rings um die Stadt. Hierbei stellte ich fest, daß die „Division Woldenberg“ keine Nachrichtenabteilung, keine Nachschubkolonne, keinen Divisionsarzt, keine Vorräte an Munition und Verpflegung, nur zwei pferdebespannte Batterien, kein Sturmgeschütz, geschweige denn Panzer zur Verfügung hatte. Ein SS-Offizier mit 4 Panzern war dieser Division unterstellt, verließ entgegen meinem Befehl mit seinen Panzern den Gefechtsstand. Ich hatte keine Machtmittel, dies zu verhindern. Einen Generalstabsoffizier hatte ich ebenfalls nicht. In Erwartung der nachdrängenden Russen mußten die Stellungen in Eile erkundet und besetzt werden.

Eingraben war wegen des hartgefrorenen Bodens nicht möglich. Die Warthebrücke ließ ich sprengen. Inzwischen war fernmündlich über Postleitung von der 9. Armee der Befehl gekommen, daß Landsberg eine Festung und ich der Kommandant sei, und daß ich diese Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen habe. Mit Nachdruck wurde darauf hingewiesen, daß dies ein Befehl von Himmler sei.

Die Bevölkerung der Stadt – 45.000 Einwohner – befand sich in ihren Wohnungen. Am Bahnhof herrschte ein unentwirrbarer, panikartiger Strom von Flüchtlingen, der auf den letzten Zug wartete. Vorbereitungen zur Räumung der Zivilbevölkerung waren nicht getroffen worden.

Über das noch intakte Postnetz hatte ich bereits von Friedeberg aus und dann von Landsberg mit den nördlich gelegenen Städten Berlinchen und Soldin Verbindung gehabt. Ich erfuhr von dort, daß russische Panzer bereits in diesen Ortschaften waren bzw. sie durchfahren hatten.

An diesem Tage meldete auch der deutsche Wehrmachtsbericht, daß „russische Panzerkräfte beiderseits Landsberg die Warthe-Netze-Linie überschritten hatten“.

Angesichts dieser Lage entschloß ich mich – sowohl aus militärischen und taktischen als auch aus menschlichen Erwägungen, diese Stadt nicht zu verteidigen, sondern die unterstellten Truppen abschnittsweise auf Küstrin zurückzuführen, um sie dort in die im Aufbau befindliche Oderfront einzugliedern. Zu meinem Entschluß hatte ich mich durchgerungen, weil ich mich als Kommandeur von Infanterieregimentern mit nachweisbar mehr als dreijähriger Erfahrung und Bewährung im Kampfeinsatz an der russischen Front hierzu und an dieser Stelle allein vor meinem Gewissen als Mensch und Offizier verantwortlich fühlte.

In klarer Erkenntnis der hoffnungslosen militärischen Lage entschied ich mich also, den mir von der 9. Armee gegebenen Befehl nicht zu befolgen, sondern die mir unterstellten kampfunfähigen Truppen nicht nutzlos zu opfern und der Bevölkerung das schlimmste Los zu ersparen. Ich gab die entsprechenden Befehle. Die Räumung der Stadt durch die Truppe erfolgte in der Nacht vom 31.01. zum 01.02.1945. Durch einen russischen Vorstoß bei einem der Bataillone war die Räumung vorzeitig in Gang gebracht worden und artete teilweise in Flucht aus. In dem Augenblick, als ich dies erkannte, alarmierte ich meinen Stab, begab mich auf die mit Truppen gefüllte Straße und brachte im Laufe der Nacht unter Aufwendung aller Energie die Division etwa 3 km westlich Landsberg wieder zum Einsatz. Daß bei diesem nächtlichen panikartigen Vorgang Teile bis Küstrin geflüchtet sein können, ist für mich keine Überraschung. Wesentlich und entsprechend aber ist, daß ich, mein Stab und die Masse der Division 3 km westlich von Landsberg beiderseits der Straße Landsberg – Küstrin am frühen Morgen des 01.02.1945 wieder abwehrbereit im Einsatz standen.

Als ich diese Lage über Postnetz dem Oberbefehlshaber der 9. Armee (General Busse) berichtete, befahl er den sofortigen Angriff auf Landsberg zur Wiedereroberung der Stadt. Vergeblich bemühte ich mich, Busse die Unmöglichkeit der Ausführung seines Befehls vor Augen zu führen. Busse bezog sich aber ausdrücklich darauf, daß dies ein Befehl von Himmler sei und teilte mir mit, daß, wenn ich diesen nicht ausführen würde, er mich vor ein Kriegsgericht stellen würde. Trotz dieser Drohung blieb ich bei meinem gefaßten Entschluß.

In dieser ersten Stellung zwischen Landsberg und Küstrin hatte ich nur schwache Feindberührung. Am 02.02.1945 führte ich die Division bis zu einer kleinen Stadt (ich glaube, es war Vietz) zurück. Diese Stadt war menschenleer. Ich ordnete die Besetzung des Nord-, Ost- und Südrands der Stadt an. Schwache Angriffe russischer Infanterie wurden abgewiesen.

Eine letzte Zwischenstellung bezog ich am 03.02.1945 etwa 10 – 15 km ostwärts von Küstrin. Hier hatte ich keine Feindberührung mehr.

Die russischen Panzercorps strömten durch den beinahe unverteidigten ostpommerschen Raum in Richtung auf die Ostseeküste und auf die Stadt Stettin zu.

In der Nacht zum 04.02.1945 führte ich die Division nach Küstrin zurück. Mit der letzten Einheit überschritt ich kurz vor Morgengrauen den Panzergraben, der sich am Ostrand von Küstrin-Neustadt befand. In dieser Stadt herrschte vollkommene Ruhe; ich hörte keinen Schuß.

Bald darauf überbrachte mir der Armeerichter der 9. Armee den Befehl Busses, daß ich mich umgehend nach Torgau zu begeben und mich dort beim Kriegsgericht zu melden habe. Gelegenheit zur Berichterstattung an den Oberbefehlshaber der 9. Armee oder an einen Offizier seines Stabes ist mir nicht gegeben worden. Am gleichen Tage meldete ich mich in Torgau beim Kriegsgericht. Busse war hiermit nicht seinem besseren Wissen um die Situation der Truppe, sondern gewissenlos dem Verlangen Himmlers gefolgt.

In Torgau vernahm mich zunächst der Untersuchungsrichter Dr. jur. Freiherr von Dörnberg. Einige Tage später fand die Verhandlung statt. Fünf Minuten vor Beginn durfte ich in Eile den Rechtsanwalt sprechen. Die Verhandlung führte der Senatspräsident Schmauser, ein besonders ergebener Freund Himmlers. Ihm zu beiden Seiten eine Herde uniformierter Gestalten, auf die ein in fünf Kriegsjahren erfahrener Frontoffizier nur mit Ekel und Verachtung herabsehen konnte. Auf sachliche Argumente wurde nicht reagiert. Innerhalb einer Stunde war der Befehl Himmlers, mich zum Tode zu verurteilen, befolgt. Der Untersuchungs-Richter war auf Veranlassung des Gerichts in Küstrin und hatte dort meine Offiziere einzeln vernommen. Deren Aussagen stimmten mit meinen Aussagen genau überein. Diese Tatsache wurde vom Senat überhaupt nicht beachtet. Der Rechtsanwalt hatte Freispruch beantragt; aber er war nur der Form nach zugelassen.

Nachdem ich mehrere Tage in einer Gefängniszelle auf meine Hinrichtung gewartet hatte, betrat Dr. jur. Freiherr von Dörnberg meine Zelle und teilte mir mit, daß General von Scheele, der Präsident des Kriegsgerichts, persönlich bei Himmler war, um ihn über den wahren Sachverhalt zu unterrichten. Himmler habe darauf die Vollstreckung ausgesetzt und befohlen, daß ich als einfacher Soldat wieder an der Ostfront eingesetzt werde.

Ich kam zu einer Division, die westlich Küstrin eingesetzt war. Der Russe hatte hier einen Brückenkopf gebildet. Der Kommandeur dieser Division empfing mich persönlich und zeigte wohlwollendes Verständnis für meine Lage. Er war der einzige, dem mein Schicksal bekannt war,war aber an den Befehl gebunden, mich als einfachen Soldaten bei einer Kompanie in vorderster Front einzusetzen. Tag und Nacht stand ich Posten im notdürftig ausgehobenen Erdloch und verrichtete alle Pflichten, die mir in dieser Lage zufielen, so auch nächtliches Materialschleppen zum Bau der Stellung. Meine Kameraden wunderten sich nur, daß ich als „alter Mann“ die Waffen beherrschte und als Frontsoldat erfahren war. Am 12.04.1945 wurde ich verwundet. Ein Granatsplitter durchschlug den linken Oberarm unmittelbar unterhalb des Schultergelenks. Bis zum Beginn der Dunkelheit blieb ich mit einem Notverband in der Stellung. Bei Tage war wegen des ebenen deckungslosen Geländes ein Abtransport unmöglich. Die Stellung war bei dem Dorf Sachsendorf. Auf einem Ackerwagen über Kopfsteinpflaster wurde ich zurückgefahren und zunächst in einem Keller, etwa 1 km hinter der Front, abgelegt. Von dort ging die Fahrt am nächsten Tag mit einem Sankra zum Hauptverbandsplatz, wo die Wunde gereinigt und neu verbunden wurde. Gleich danach brachte man mich ins Lazarett nach Fürstenwalde. Hier lag ich nur eine Nacht, weil das Lazarett wegen der näher kommenden Front im Aufbruch war. Mit anderen Verwundeten wurde ich im Güterwagen eines Zuges verladen und nördlich um Berlin herum in eine Kaserne in Neuruppin gebracht. Während der Fahrt wurde der Zug von russischen Fliegern bombardiert, er hielt plötzlich, und alles stürzte panikartig aus den Wagen. Mit meinem Gipsverband war es mir nicht möglich aus dem hohen Waggon herunterzuspringen; so blieb ich liegen. Eine Stunde später geriet der fahrende Zug in Brand. Wieder Panik, doch gelang es bald, das Feuer zu löschen. Die Keller der Kaserne in Neuruppin waren von Verwundeten überfüllt. Auch hier war alles im Aufbruch. Verwundete mit gesunden Beinen wurden zu Fuß in die nordwestliche Richtung entlassen. Ich wanderte bis zum Abend und fand Aufnahme in einem kleinen Haus. Am nächsten Morgen setzte ich meinen Marsch nach Norden fort, endlich kam ein VW, der mich auf meine Bitte mitnahm. In Malchin in Mecklenburg ging ich in eine Schule, die als Lazarett notdürftig hergerichtet war. Aber der Arzt konnte mich da nicht behandeln und schlug mir vor, weiter nach Westen zu fahren. Es glückte wieder, von einem PKW mitgenommen zu werden. Über Güstrow – Wismar – Lübeck erreichte ich Eutin, wo ich im dortigen Lazarett aufgenommen wurde. Der Gipsverband wurde erneuert; die Wunde eiterte, der Oberarmknochen war dicht unter dem Gelenk durchschlagen worden. Der Eiter durchfraß Adern, deren Blutung durch Operation gestoppt wurde. Fieber und Schwäche nahmen zu, der Arm wurde schließlich exartikuliert. Am Tag danach hatte ich Fieber über 40 Grad, das in den folgenden Tagen etwas herunterging. Nach etwa 20 Tagen der erste Versuch, aufzustehen; ich mußte gestützt und geführt werden. Dann kam das Gefühl der Gesundheit und Kraft bald wieder. An den Verlust des linken Armes gewöhnte ich mich schnell. Hilfreiche Menschen nahmen sich meiner an. Die Familie Peters lud mich immer wieder ein und sorgte für äußere und innere Erholung. Ebenso die Familie Blunk in Gotendorf, zu der Herr Peters mich geführt hatte. Im Herbst 1945 war die Verbindung mit meiner Frau Margot wieder hergestellt.

Next week I will continue with the Klopp branch of the family tree and cover the life of Uncle Ferdinand, the 4th child out of 16 of Peter and Emma Klopp.

Our Visitors from the West (in German)

Westbesuche

Beitrag von Norbert Werner (Chart IV – IV)

To see the Reifferscheid Family Tree click here.

Ich hatte bereits in einem früheren Beitrag über die Umstände meines ersten Besuches im „Westen“ berichtet, über die Erlebnisse und das ganz neue Gefühl von „Freiheit“, „Konsum-Überfluss“,… Es war uns DDR-Bürgern nicht vergönnt, dorthin zu reisen, wo unsere Verwandtschaft lebt, wohin uns unsere Träume ziehen. Aber, wenn ich ehrlich bin, habe ich das nie so richtig als Einschränkung empfunden, es war einfach so. Später habe ich oft gesagt: Diejenigen, die am meisten darüber geschimpft haben, waren die, die sich noch nicht einmal eine Urlaubsreise an die Ostsee leisten konnten. Es gab trotzdem noch ausreichend Reiseziele, die man sich vornehmen konnte. Ich habe mit meiner Frau und später mit der ganzen Familie viele schöne Reisen unternommen, die uns noch bis heute im Gedächtnis geblieben sind.

Das Elternhaus an der Reinhardsbrunner Straße

Das Elternhaus an der Reinhardsbrunner Straße

Aber darum soll es mir heute nicht gehen. Umso wichtiger waren uns die Besuche aus dem „Westen“. Es gab nicht so viele DDR-Bürger, die so enge Verwandtschaftsbeziehungen in dem anderen Teil Deutschlands hatten wie wir. Davon zeugen die vielen Aussagen von Bundesbürgern aus der Zeit nach der Wende: „Hattet ihr denn auch Strom und fließendes Wasser?“, „Gab es auch Nahrungsmittel in den Läden zu kaufen?“, „Warst du auch bei der STASI?“ usw. Aber im Gegenzug muß ich gestehen, dass ich lange nicht wusste, wo der Schwarzwald oder Gelsenkirchen war. In beiden Teilen Deutschlands wusste man zu wenig über den anderen.

Ein ständiger Gast in unserer Familie war Onkel Hans (Reifferscheid). Er war ein Bruder von Oma Elisabeth Panknin (Bienes Mutter), Junggeselle und Polsterer und lebte in Gemünd/Eifel. Aber noch mehr war er Briefmarkensammler mit Leib und Seele.

Onkel Hans zu Besuch in Gotha 1960

Onkel Hans zu Besuch in Gotha 1960

Onkel Hans kam jedes Jahr zum Urlaub zu uns, mindestens 4 Wochen. Charakteristisch waren seine zwei prall gefüllten Reisekoffer: Einer enthielt seine persönlichen Sachen, der andere war gefüllt mit Bohnenkaffee und Zigaretten. Diese brauchte er für seinen Aufenthalt, es waren seine Grundnahrungsmittel. Natürlich brachte er uns Kindern auch immer ein Geschenk mit. Ich erinnere mich, dass er eines Tages mit einem Hula-Hupp-Reifen anreiste, der damals groß in Mode war.

Onkel Hans nutzte die Zeit bei uns zur intensiven Erholung. Aber es war schon ein Ritual, dass er am ersten Tag seines Aufenthaltes zunächst zum Friseur ging. Ein zweites mal ging er kurz vor seiner Abreise. Warum? Die Kosten betrugen etwa 1 Mark Ost, das war unschlagbar günstig.

Wir wohnten damals noch in der Reinhardsbrunner Str. und Onkel Hans hatte sein Zimmer im Wintergarten. Sein Tag begann wie folgt: Er stand auf und zog seinen rotbraunen Bademantel an. In der Küche bekam er einen starken Kaffee (den er mitgebracht hatte), in diesen quirlte er ein rohes Ei. Dazu rauchte er die erste Zigarette (die er mitgebracht hatte). Die restlichen ca. 39 Zigaretten rauchte er im Laufe des Tages.

Onkel Hans und Elsbeth, Bienes Halbschwester (1967)

Onkel Hans und Elsbeth, Bienes Halbschwester (1967)

Die Tage verbrachten wir gemeinsam mit vielen Wanderungen im Thüringer Wald. Aber auch mit unserem Vermieter, Herrn Mairich verbrachte er viel Zeit, denn dieser war professioneller Briefmarkensammler (oder Händler?). Eines Tages kam er von oben herunter und hatte ein Kuvert in der Tasche. Vermutlich ein paar teure Stücke, die „versilbert“ werden sollten:

Die Abende waren meist dem Kartenspiel vorbehalten. Es gab keine Gnade, tierisch ernst wurden die Regeln des Canasta- oder Rommee-Spiels ausgelegt und eingefordert. Heute erinnert mich das oft an die Strandspiele in Fauquier mit Biene!!

Onkel Hans war uns immer ein lieber Gast. Es bestand auch eine enge „Handelsbeziehung“ mit meinem Vater: Hans bekam die aktuellsten Briefmarkenausgaben der DDR (einschließlich Sperrwert – für Insider), Vater bekam regelmäßig Jacobs Krönung. So klappte der innerdeutsche Handel vorzüglich.

Onkel Walter ein paar Jahre vor der Wende (1986)

Onkel Walter (links) und Robert (rechts) noch vor der Wende

In späteren Jahren kam als fast ständiger Besucher bei uns (hier in Grimma) Onkel Walter dazu (Der Bruder von Biene). Das erste Mal, woran ich mich erinnere, war zu der Zeit, als wir als frisch verheiratetes Paar noch bei den Schwiegereltern wohnten. Unsere Tochter Susan war gerade geboren und er kam wahrscheinlich zur Leipziger Messe. So machte er einen Abstecher zu uns. Kurios an der Geschichte war, dass er mit einem Freund mit dem Auto anreiste, zurück aber den Zug nehmen musste. Das verstanden die DDR-Grenzer aber gar nicht, das konnte gar nicht sein. Hat er etwa das Auto zurückgelassen …? Nach längeren Untersuchungen konnte er seine Heimkehr fortsetzen.

Kartenspiel1_0001

Beim Kartenspiel: Paul und Elsbeth Werner und Sohn Norbert

An dieser Stelle muss ich für Außenseiter folgendes erklären: Eine Reise in die DDR war für Bundesbürger nicht so ohne weiteres möglich. Es musste im Voraus durch uns eine sogenannte Aufenthaltsgenehmigung bei der Polizeidirektion (Meldebehörde) beantragt werden. Das bedeutete: Brief an Walter mit der Bitte um Termin seines Besuchs, Adresse, Pass-Nr. … (Wir hatten ja kein Telefon). Dann Brief zurück, Antrag abgeben. Nach einiger Zeit kam der genehmigte Antrag, mit Brief wieder an Walter. Jetzt musste aber auch der Termin eingehalten werden.

Sofort nach seiner Ankunft hier musste sich Walter auf der Polizeistation anmelden (und später auch wieder abmelden). Seine boshaften Bemerkungen über diesen Unsinn klingen mir noch heute in den Ohren! Verbunden mit der Anmeldung war der Zwangsumtausch pro Tag von West- in Ostmark (Unsere Besucher brauchten ja auch Taschengeld!). Der Betrag war über die Jahre unterschiedlich, zwischen 5 und 25 DM/Tag. Zu diesem Zweck hatte die Staatsbank der DDR sogar am Sonntag einen Schalter geöffnet.

Sylvester 1988

Sylvester 1988

Walter verbrachte öfter die Weihnachtstage und Sylvester bei uns. Sylvester hatten wir Freunde eingeladen und es gab eine Party. Eines Tages- es war nach Weihnachten und wir waren schon zu Bett gegangen-, hörten wir aus dem Keller die Geräusche von Maschinen. Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass Walter Lust zum Basteln bekommen hatte und so mit Säge, Bohrmaschine usw. hantierte. Zu Sylvester gab es dann für jeden kleine, nett eingepackte Geschenke, die an einem Mobile aufgehangen waren: Badutensilien aus allen möglichen Hotels der Welt, die dort gratis zur Benutzung herumlagen: Shampoo, Zahnpasta, Showercape, Seife … Wir hatten viel Spaß.

Einmal war zu Weihnachten „dicke Luft“: Es hatte geschneit und es war herrliches Winterwetter. Vor dem Weihnachtsessen (normalerweise bei uns 12 Uhr) wollte Walter mit den Kindern Schlitten fahren. Christa hatte das Essen vorbereitet, die Ente war fertig und die Thüringer Kartoffelklöße kamen auf den Punkt zur rechten Zeit in das kochende Wasser. Aber wer nicht kam war Walter mit den Kindern. Nach geraumer Zeit trudelten sie ein, inzwischen hatten sich aber die Klöße aufgelöst.

Stadt Grimma 2015 - Photo Credit: wikipedia

Stadt Grimma 2015 – Photo Credit: wikipedia

Später kam Walter dann öfter in Begleitung von Robert. Robert war pflegeleicht, er sparte sich oft das Frühstück und konnte dadurch abends länger aushalten. Er ist auf vielen meiner Weihnachtsbilder als „drittes Kind“ zu sehen.

Weihnachten 1997 - Familie Norbert und Robert links oben

Weihnachten 1997 – Familie Norbert Werner und Robert links oben

Nach der Wende hatten wir die Möglichkeit, überallhin in die Welt zu telefonieren, vorausgesetzt, man hatte ein Telefon. So kam es öfter vor, dass Robert mit uns nach dem Besuch des Weihnachtsgottesdienstes  gegen Mitternacht zu einer öffentlichen Telefonzelle ging, bewaffnet mit einer Handvoll Münzen, um ein Gespräch nach Kanada zu führen. Das gelang oft erst nach mehreren Versuchen, denn die Leitungen waren überlastet und wir durchgefroren.

Biene zu Besuch in Grimma beim Schachspiel 1997

Biene zu Besuch in Grimma beim Schachspiel 1997

Auch Richard, Stefan und Biene waren zu Besuch bei uns. Alle diese Besuche gaben uns das Gefühl von Familienzusammengehörigkeit und sie waren uns sehr wichtig. Viele schöne Erinnerungen sind damit verbunden.