Über menschliche Werte im Geiste der Ehrfurcht vor dem Leben – 14. Teil

Albert-Schweitzer-photograph-Yousuf-Karsh

Albert Schweitzer

Redlichkeit

Wie das Wort „Ehrfurcht” erscheint auch das Wort „Redlichkeit” veraltet und bedeutungslos. Axel Noak (in Möllering und Behlau) verweist aber auf sein Synonym­wörterbuch, in dem im Zusammenhang mit dem Wort Redlichkeit auch Begriffe wie „Anständigkeit”, „Aufrichtigkeit”, „Ehrenhaftigkeit”, „Rechtschaffenheit” und „Gerechtigkeit” genannt werden, deren Aktualität wohl kaum jemand bestreiten wird. Noak fährt fort und schreibt: „Wer sich redlich bemüht, ist bestimmt kein Überflieger, möglicherweise auch kein Genie, das alles aus dem Ärmel schüttelt. Die redliche Bemühung schließt ein, dass einer sein Bestes gegeben hat und mehr einfach nicht ,drin’ gewesen ist.” Redliches Bemühen zeichnet sich aus durch Gründlichkeit bei der Vorbereitung und Durchführung einer Handlung, schließt kritisches und selbstkritisches Vorgehen ein, ist unabhängig gegenüber äußeren Einflüssen und überwindet den , inneren Schweinehund’. Es ist überprüfbar sowie verständlich. Das alles bedeutet aber auch, dass redliches Handeln anstrengend ist und Charakterstärke voraussetzt.

Axel Noak stellt aber dazu fest, dass Redlichkeit in unserer Zeit recht schwer sei, „weil heutiges ethisches Nachdenken sehr stark auf das Ergebnis einer Tat fixiert ist. Die allgegenwärtige Frage, ob sich ein Einsatz lohne oder besser: ob es sich ,rechne’, ist dafür lebendiger Ausdruck. Doch Redlichkeit liegt eine ethische Überzeugung zu Grunde, die nicht auf das Ergebnis fixiert ist. Der Weg, den ich gehe, um zu einem Ziel zu gelangen, ist nicht beliebig.” Noak beschließt seine Ausführungen zu diesem Thema mit den Worten: „Redliches Bemühen lässt sich ähnlich wie alle Werte, über deren Fehlen so viel geklagt wird, nicht nur über den Kopf vermitteln. Es muss eingeübt und trainiert werden. Die Werte schweben nicht im luftleeren Raum. Sie müssen umgesprochen werden in leicht verständliche Lebensregeln, die eingeübt werden können, am besten frühzeitig. Besonders wenn die Gesellschaft zeigt, wie schwer es ist, redlich zu handeln, gilt es, die Überzeugung und innere Haltung zu stärken, die der Redlichkeit zu Grunde liegt.”

Von Albert Schweitzer stammen auch die Worte: „Und wirklich, wie viel wäre gewonnen, wenn wir an Lauterkeit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit das betätigen wollten, was gemeinhin als das Rechte gilt!”

Im Blick auf die Unredlichkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft schreibt Ernst Luther: „Als eine gewaltige Erweiterung der Freiheit wird die Globalisierung bezeichnet. Aber neben den positiven Seiten ermöglicht sie vor allem die Abkoppelung der Verantwortung von der Freiheit. Das geschieht im Internet, wo nicht nur Wissen um die Welt gesendet wird. Die Globalisierung ermöglicht Spekulanten Milliarden Geldbeträge aufzuhäufen, Banken und Betriebe zu kaufen und bei Verlustgeschäften nahezu die gesamte Bevölkerung eines Landes in den Ruin zu stürzen. Konzerne erklären, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden, gehen sie ins Ausland. Um die Steuerflucht zu verhindern, werden die Steuern der Reichen gesenkt und der Staat nimmt hohe Verluste in Kauf.” Dies alles lässt Redlichkeit vermissen.