Albert Schweitzer – Seminar #3

Die Geschichte vom Tierbändiger, vom alten Pferd und vom Abendgebet

Die Familie Schweitzer hatte einen Hund. Der hieß Phylax. Dieser Hund mochte- keine Uniformen und biss deshalb Soldaten und Polizisten in das Hosenbein. Auch den Briefträger griff er an. Vater Schweitzer sagte deshalb zu Albert: „Pass auf, dass der Hund niemanden beißt!“ So schnitt sich Albert eine Weidenrute ab und drohte dem Hund damit. Er solle ja nicht auf den Briefträger zu rennen und ihn gar beißen! Der Hund schaute den Albert treuherzig an und wedelte mit dem Schwanz. Doch was Albert gesagt hatte, verstand er nicht.

Als der Briefträger vor der Gartentür erschien, rannte Phylax wieder auf ihn zu und kniff ihn ins Bein. Daraufhin haute ihn Albert mit der Rute auf den Rücken. Der Hund jaulte laut auf vor Schmerz und rannte weg. Nun tat er dem Albert doch sehr leid und er machte sich Vorwürfe, dass er das Tier geschlagen hatte. Er hätte ihn ja einfach am Halsband festhalten können anstatt ihn zu schlagen. Dann zerbrach er die Rute und warf sie weit weg. Er streichelte das Tier und sagte zu ihm: „Verzeih mir, Phylax!“ Der Hund schaute den Jungen mit seinen großen treuen Augen an und legte seinen Kopf auf Alberts Knie. Er hatte ihm wohl verziehen und darüber freute sich Albert. Er flüsterte ihm ins Ohr: „Ich will nie wieder ein Tier schlagen, das verspreche ich!“

Eines Tages beobachtete Albert, wie zwei Männer ein altes, hinkendes Pferd die Dorfstraße entlang führten. Weil das Pferd nur langsam gehen konnte, haute es einer der Männer mit der Peitsche. „Wohin geht ihr mit dem Pferd?“, fragte Albert die Männer. „Zum Schlachthof1, antworteten sie ihm. Doch Albert tat das Pferd leid. Es lief mit gesenktem Kopf und schaute ganz traurig drein. Ein Leben lang hatte es fleißig gearbeitet, hatte schwere Wagen oder den Pflug gezogen. Nun aber, da es schwach war und nicht mehr arbeiten konnte, bekam es Schläge und sollte geschlachtet werden. War das nicht schlimm?

Als Albert abends in seinem Bett lag, musste er immerzu an seinen Hund und das arme alte Pferd denken. Eigentlich dachte er an alle Tiere, die von Menschen schlecht behandelt werden.

Deshalb betete er bevor er einschlief nicht nur für die armen und kranken Nachbarn, für die Menschen, die hungerten, überhaupt nur für die Menschen, sondern auch für die Tiere, die Not litten. Er sagte ganz leise: „Lieber Gott, schütze und bewahre alles, was Odem hat!“ Das heißt, er möge allem helfen, was atmet, also allen Lebewesen beistehen.

Seminar 3