Albert Schweitzer – Seminar #23

Fräulein Emma und ihr Fiffi

AS01

Ihr erinnert euch sicher, dass Albert Schweitzer am Beginn seiner Arbeit im Urwald nur zwei Helfer hatte. Diese waren seine liebe und tüchtige Frau Helene und der afrikanische Koch Joseph. Doch später kamen immer mehr treue Helferinnen und Helfer hinzu. Eine von ihnen war Emma Haußknecht. Sie war zuvor Lehrerin und stammte wie Albert auch aus dem Eisass. Nachdem sie von Albert Schweitzer gehört hatte, gab sie ihren Beruf auf und ging im Jahr 1925 auch nach Lambarene, um ihm zu helfen. Dort wurde sie im Urwaldkrankenhaus Pflegerin. Über 30 Jahre wirkte sie an der Seite des Urwalddoktors.

Emma Haußknecht war eine sehr kluge und fleißige Frau mit viel Herz für die leidenden Menschen, aber auch für die Tiere. Emma leitete den ganzen Haushalt der Klinik. Sie achtete auf den Koch, dass er das Essen sauber zubereitete und das Trinkwasser lange genug abkochte. Von ungekochtem Wasser konnte man nämlich sehr krank werden. Sie achtete auch darauf, dass die Bettwäsche und die Nachthemden der Kranken gründlich gewaschen und wieder geflickt wurden, wenn sie eingerissen waren.

Sie pflegte den Garten, in dem Obst und Gemüse wuchsen. Sie leitete den Bau der Häuser, wenn Albert Schweitzer nicht im Hospital war, schrieb Briefe, führte Buch über die Rechnungen und war bei den Afrikanern eine beliebte und geachtete Frau. Auch hielt sie in ganz Europa Vorträge über das Leben im Hospital und sammelte Spenden für die Pflege der Kranken in Lambarene. Ihr wisst ja schon, dass es im Urwaldhospital nicht nur Menschen gab, um die man sich kümmerte. Es lebten dort auch viele, viele Tiere, die verletzt oder auf andere Weise in Not geraten waren. Aber man hielt dort auch Haustiere, weil man Nahrungsmittel brauchte. So gab es viele Ziegen, die gemolken wurden, um den kleinen Kindern wenigstens eine Tasse Milch am Tag geben zu können. Auch fütterte man Hühner, um Eier zu erhalten. Denn eine Kaufhalle, in der man schnell einmal ein paar Milchflaschen oder Eier kaufen konnte, gab es im Urwald natürlich nicht.

Um alle diese Tiere sorgte sich auch die treue Emma Haußknecht. Mit den Hühnereiern hatte sie aber auch manchmal ihre Probleme. Im Hühnerstall befanden sich nämlich Nester, in die die Hennen ihre Eier legen konnten. Damit die Hennen wussten, wozu diese Nester gebaut worden waren, legte Emma weiße Gipseier hinein. Auf sie sollten sich die Hühner dann gemütlich setzen und ihre eigenen Eier dazu legen. Das taten sie auch, denn die Hühner sind gar nicht so dumm. Aber es gab im Hospital leider auch kleine Spitzbuben und Schlingel. Einer von ihnen beobachtete, wie Emma an einem schönen Tag einen Korb voller Eier aus dem Hühnerstall trug und in die Hospitalküche brachte. Der Schlingel aber dachte: „Diese Eier könnte ich auch selber essen!“ Nach einer Weile schlich er sich in den Hühnerstall und erblickte dort in jedem Nest ein weißes Ei. Schnell steckte er sich die Eier in die Tasche und verschwand in seiner Hütte. Doch am nächsten Tag lief er schreiend zu Emma Haußknecht und rief: „Diese Eier sind verzaubert!“ „Warum?“, fragte ihn Emma. „Sie sind hart wie Stein und man kann sie nicht essen!“, schimpfte der Schlingel. Emma fasste die Eier an und merkte sofort, dass es die Gipseier aus dem Hühnerstall waren. Da schimpfte nun auch sie auf den Spitzbuben: „Du hast die Eier gestohlen! Die sind nicht verzaubert, sondern aus Gips! Zur Strafe für diesen Diebstahl wirst du jetzt den Hühnerstall ausmisten!“ Der Schlingel war ganz verlegen, denn es tat ihm leid, dass er gestohlen hatte. Außerdem schämte er sich, weil ihn seine Freunde auslachten und riefen: „Das geschieht dir recht! Du bist nicht nur ein Dieb, du bist auch noch ein Dummkopf!“ Schnell machte sich der Schlingel daran, den Hühnerstall zu säubern und seine Schuld zu büßen. Er hat es auch nie wieder getan, und Emma hatte ihm längst alles vergeben.

Aber die gute Emma hatte auch ein „Baby“. Das war kein kleines Menschen-Kind, sondern ein junges Äffchen. Es hieß Fiffi und war ein Schimpansen-Kind. Schimpansen sind übrigens die nächsten Verwandten des Menschen und haben viele Eigenschaften mit uns gemeinsam. Fiffi war ein ganz liebes Tier und hing dem Fräulein Emma stets an der Schürze. Für Fiffi war Emma so etwas wie eine Mutti. Der kleine Fiffi hatte nämlich keine richtige Mutter mehr. Ein böser Jäger, der durch den Urwald geschlichen war, hatte die Schimpansenmutter mit seinem Gewehr einfach totgeschossen. Jemand hatte das verlassene Schimpansen-Kind im Laub liegen sehen und aufgehoben. Es war ganz hungrig und hatte Angst. Sein kleines Gesichtchen war richtig schrumpelig und traurig anzusehen. Der Finder brachte das Äffchen zu Fräulein Haußknecht, die sich beim Anblick des kleinen Wesens erschreckte. Doch sie nahm es an sich und fütterte es wie ihr eigenes Kind. Sie gab ihm mit einem Fläschchen warme Milch und mit einem Löffel etwas Reisbrei mit Zucker. Den Brei pappte das Tierchen am liebsten. Fiffi nahm nun Fräulein Emma als neue Mutti an. Ohne sie würde es ja verhungern oder von Schlangen gefressen werden. Emma musste ihr „Baby“ nicht nur füttern, sondern es auch in Windeln einwickeln, damit es nicht sein Körbchen und das Zimmer verschmutzte. Im Urwald war das natürlich alles nicht nötig, aber hier im Hospitaldorf musste alles schön sauber bleiben. So hatte Fräulein Emma neben ihrer vielen Arbeit im Hospital auch noch ihr Tun mit ihrem Fiffi. Einmal war etwas ganz Ulkiges passiert. Emma kam plötzlich ganz aufgeregt aus der Küche gelaufen und rief: „Wo ist Fiffi?“ Sie fürchtete, dass ihr „Baby“ weggelaufen sein könnte und von Hunden gebissen, von Schlangen gefressen worden wäre. Oder ist es gar im Ogowefluss ertrunken? Doch alle Leute, die das aufgeregte Fräulein Haußknecht sahen, mussten laut lachen: Fiffi hatte sich auf Emmas Rücken festgeklammert, wie es junge Äffchen im Urwald bei ihren Müttern tun. Fräulein Emma aber hatte das gar nicht bemerkt und hatte ihren Fiffi gesucht, obwohl er fröhlich an ihrem Rücken hing.

family226