Über menschliche Werte im Geiste der Ehrfurcht vor dem Leben – 17. Teil

A017

Versöhnung

In ihrer Abhandlung zum Thema „Versöhnung” schreibt Oda-Gebbine Holze-Stäblein (in Möllering und Behlau): „Versöhnung: ein Wort wie Samt. Weich und fließend wie Milch und Honig. Versöhnung ist wie ein Glockenturm: ,Alles ist gut.’ Es hat auch etwas Endgültiges, Unwiderrufliches. Stärker als ,Vergebung’ oder Verzeihung’. Und genauso endgültig, rettungslos klingt das Gegenteil: unversöhnlich. Wo Menschen einander mit unversöhnlichem Hass begegnen, da sind alle Brücken abgebrochen.

Versöhnung: ein gutes, starkes Wort! Aber unter dem Samt ist ein harter Kern. Der kommt zum Vorschein in der Urform des Wortes, die sich in einem unserer bekanntesten Weihnachtslieder erhalten hat:

O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Weihnachtszeit!

Christ ist erschienen, uns zu versühnen.

Freue dich, o Christenheit!

Versöhnen – versühnen … Ein begangenes Unrecht muss wieder in Ordnung gebracht, muss wieder gutgemacht werden. Wenigstens ein Schmerzensgeld, wenigstens ein Bußgeld oder eine den Schaden behebende Ersatzleistung muss sein. Versöhnung braucht Gerechtigkeit als Boden, auf dem sie stehen und bestehen kann. Und noch tiefer, im innersten Kern des Wortes ist die Erfahrung aufgehoben, dass ein Opfer nötig war, um Sühne zu schaffen.”

Auch der Tod Jesu wurde von den Urchristen als Sühneopfer verstanden. Durch sein Opfer sei die Versöhnung zwischen Gott und Mensch geschehen. Das zeigt auch den Unterschied zwischen Sühne und Versöhnung. Sühne kann man ohne innere Beteiligung leisten, Versöhnung hängt aber von der inneren Einstellung ab: Sie kommt von Herzen und strahlt aus, was der Sühne nicht möglich ist. Versöhnung braucht auch Gerechtigkeit, braucht den Willen zur Wiedergutmachung und sei es auch nur eine Geste. Sie soll zum Ausdruck bringen, dass man das Unrecht, den Schmerz, den man einem anderen zugefügt hat, bedauert.”

Oda-Gebbin Holze-Stöblein verweist in diesem Zusammenhang auf die Frage Petri an Jesus, wie oft man verzeihen solle, ob siebenmal genug sei. Jesu Antwort lautete bekanntlich: „siebenmalsiebzigmal”, was natürlich nicht wörtlich gemeint war, nicht ein Aufrechnen von Unrecht und Wiedergutmachung bedeutet, sondern „grenzenloses Verzeihen” fordert, so wie es Albert Schweitzer einmal zum Ausdruck gebracht hat: „Alle Nachsicht und alles Verzeihen ist der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben eine durch die Wahrhaftigkeit gegen sich selbst erzwungene Tat. Ich muss grenzenloses Verzeihen üben, weil ich im Nichtverzeihen unwahrhaftig gegen mich selbst würde, indem ich damit täte, als wäre ich nicht in derselben Weise schuldig wie der Andere mir gegenüber schuldig geworden ist… Lautlos und unauffällig muss ich verzeihen.”

Als ein Beispiel für Versöhnung nach Kriegsverbrechen führt Holze-Stäblein die durch deutsche Bomben zerstörte Kathedrale von Coventry an, die im Gegenzug zur Zerstörung deutscher Städte und Dome führte. Mitglieder der zerstörten Kathedrale in Coventry schrieben in den Chor der Kathedrale mit Holz der verkohlten Balken die Worte: „Father forgive”. Sie sammelten Zimmermannsnägel und schmiedeten aus ihnen Nagelkreuze, die sie deutschen Gemeinden übergaben, deren Kirchen auch zerstört worden waren. Die Kathedrale von Coventry trägt den Namen „Versöhnungskirche”.

Friedrich Schorlemmer führt zu diesem Thema ein aktuelles Beispiel an und schreibt: „Der vielleicht politisch wirkmächtigste Versöhner des Jahrhunderts war der zu 26 Jahren Steinklopfen auf Robben Island verurteilte Nelson Mandela – als kommunistischer Gewalttäter’ und ANC- Mitglied vom Westen lange Zeit eher zur feindlichen Seite gerechnet. Er wurde von Ministerpräsident Frederic de Klerk zum Friedensschließen zurückgeholt. Nach den mörderischen Konflikten der Apartheid in Südafrika hat er zusammen mit Bischof Tutu etwas bewirkt, was niemand für möglich gehalten hätte: Versöhnung in der Wahrheit! Versöhnung steht nicht gegen Wahrheit, und Wahrheit provoziert nicht Unversöhnlichkeit.” Eine solche Haltung hätte man sich nach der deutschen Einheit auch gewünscht. Dazu sei Richard von Weizsäcker zum Abschluss zitiert: „Die größte Kraft bleibt es ganz gewiss, eigenes Versagen selbst zu erkennen. Sie bietet den tiefsten Ansatz für eine Chance zu neuem Anfang. Aber wir sind als Menschen der Ermutigung bedürftig und zugänglich. Jeder kann aus eigenen Fehlern lernen. Es gilt, ihm dabei zu helfen, ihn also nicht ständig auf seine Vergangenheit festzunageln, sondern ihm die Beteiligung an einer neuen Zukunft zu erleichtern und zuzutrauen. Das ist lebenswichtig für die Freiheit, in der wir vereint bestehen wollen. Versöhnung unter Menschen kann ohne Wahrheit nicht gelingen. Wahrheit ohne Aussicht auf Versöhnung aber ist unmenschlich.”