The Peter and Gertrud Klopp Family Project

Reflections on Life, Family and Community

Tag Archives: Albert Schweitzer

Albert Schweitzer – Seminar #26

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Tabus und Aberglaube

Wisst ihr, was Tabus sind? Nein? Dann will ich versuchen, es euch zu erklären. Also, wenn man etwas auf keinen Fall tun oder sagen darf, dann nennt man das ein Tabu. Auch bei uns kann etwas tabu sein. Zum Beispiel ist das Lügen oder das Stehlen oder jemanden ganz schlimm beschimpfen oder über jemanden etwas Unwahres behaupten ein Tabu. Auch ist das Privatleben von Menschen tabu. Da mischt man sich eben nicht ein. Ohne diese und andere Tabus können Menschen nicht friedlich zusammenleben.

Leider gibt es aber auch Tabus, die mit Aberglauben verbunden sind. So etwas war früher auch bei uns und ist bis heute noch unter anderem in Afrika verbreitet. Mit solchen Tabus können Menschen gequält, verängstigt und betrogen werden. Ich will euch einige Beispiele erzählen, die Albert Schweitzer in Afrika erlebt hat.

Bei einem bestimmten Stamm der Urwaldbewohner durfte ein Mann, dessen Frau ein Kind erwartet, keinen Nagel in die Wand schlagen, nicht ein Loch im Boden mit Erde ausfüllen oder einen Zug von Wanderameisen überschreiten. Das war für ihn tabu. Wenn er es doch tat. würden seine Frau und sein Kind sterben.

Noch schlimmer war zum Beispiel, dass der Vater bei der Geburt eines Kindes Tabus ausspricht, an das sich das Kind ein Leben lang halten muss. So erhielt ein Mädchen bei seiner Geburt vom Vater das Tabu, dass es nie einen Besen anfassen dürfe. Als das Mädchen dann groß und erwachsen war, musste es ihr ganzes Leben lang den Schmutz mit ihren Händen zusammenstreichen und wegtragen.

Ein Mann hatte das Tabu erhalten, dass er nicht am Kopf berührt werden durfte. Einmal wurde er vom Doktor untersucht, ob er Fieber hatte. Der Arzt wollte seine Hand auf die Stirn des Mannes legen, als dieser in Ohnmacht fiel. So große Angst hatte er davor, dass ihn der Arzt am Kopf berührt und damit das Tabu bricht. Ist das nicht schlimm?

Ganz besonders schlimm erging es einem kleinen Jungen. Er hatte das Tabu bekommen, dass er keine Bananen essen durfte. Er durfte noch nicht einmal Speisen essen, die in einem Topf gekocht worden waren, in dem zuvor Bananen zubereitet worden waren. Eines Tages ereignete es sich, dass dieser Junge einen Fisch gegessen hatte, der in einem solchen Bananen-Topf gekocht worden war. Stellt euch vor, als der Junge das erfuhr, bekam er Magenkrämpfe und starb bald darauf. Ist das nicht schrecklich?

Ein anderer Aberglaube ist, dass ein Mensch den anderen verzaubern kann. So verfluchte ein Vater seine Tochter, indem er sagte, dass sie oder ihr Kind nach der Geburt sterben werde. Die arme Frau glaubte an diesen Zauberfluch. Sie gebar ein gesundes Kind und wollte es am Leben erhalten. Dafür starb aber die Frau auf rätselhafte Weise. Das kleine Kind brachte man zu Albert Schweitzer in das Hospital, wo es liebevoll aufgenommen und mit einer Flasche aufgezogen wurde. Durch diesen Aberglauben mit den bösen Tabus hatte es aber seine Mutter verloren.

So können Aberglaube und Tabus die Menschen krank machen. Deshalb muss man abergläubische Menschen aufklären. Denn Aberglaube ist eine gefährliche Dummheit.

Doch es gibt auch lustige Geschichten über den Aberglauben. Eine Frau gebar ein Kind im Urwald Hospital. Sie wollte, dass ihr Kind so gut und so klug werden sollte wie der Doktor und nannte den Jungen „Doktor Albert“. Ein Heilgehilfe hatte zwei Töchter. Er wünschte, dass die beiden Mädchen so lieb und so tüchtig werden sollten wie die zwei Gehilfinnen von Albert Schweitzer Emma Haussknecht und Mathilde Kottmann. So nannte er die beiden Mädchen Emma und Mathilde. Aber so etwas gibt es auch bei uns. Wie viele Eltern nennen nicht ihre Kinder nach Schauspielern, Sportlern oder

Schlagerstars! Und so manches Kind muss sich dann sein Leben lang über seinen Namen ärgern, weil die Stars schon längst vergessen sind. Ihr aber habt ja allen so schöne Namen und könnt euch freuen, dass ihr so kluge Eltern habt.

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Albert Schweitzer – Seminar #25

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Was in Afrika anders ist als bei uns

Wenn man von Deutschland in ein anderes Land fährt, ist vieles anders. Aber wenn man von Europa nach Afrika fährt, ist fast alles anders. Das erlebten auch Albert und Helene Schweitzer, als sie aus ihrer Heimat im französischen Elsass in den Urwald am Ogowe kamen. Anders ist natürlich nicht nur das Klima, anders sind auch die Pflanzen und die Tiere und vor allem die Menschen. So wie sich ein Europäer nur schwer vorstellen kann, wie man in Afrika lebt, so weiß auch ein Afrikaner nicht, wie es in Europa zugeht. Der Europäer kennt zum Beispiel keinen richtigen Tropenregen und der Afrikaner keinen Schnee.

So lernten Albert und Helene Schweitzer nicht nur viele neue Dinge in Afrika kennen, sondern mussten den Afrikanern auch viel von Europa erzählen. Die wunderten sich zum Beispiel, dass es in Europa, aber auch in Nordamerika und Australien oft Waldbrände gibt. So etwas haben seine afrikanischen Bekannten noch nicht erlebt. Wisst ihr auch warum das so ist? Im Urwald ist nämlich selbst in der trockenen Jahreszeit die Luft so feucht, dass der Wald nicht brennen kann, auch wenn man versucht, ihn anzuzünden. Wenn Afrikaner ein Stück Urwald roden, um eine kleine Fläche für ihr Gemüse zu gewinnen, schlagen sie Bäume um. Aber das Holz dieser Bäume müssen sie viele Monate lang liegen lassen und vor Feuchtigkeit schützen, damit sie es überhaupt mit viel Mühe anzünden können. Das Tropenklima ist so ähnlich wie eine Sauna. Dort trocknet ja auch kein Holz und der Schweiß tritt einem aus allen Poren, obwohl man sich nicht bewegt. Und die Menschen dort müssen bei diesen Temperaturen noch arbeiten! Wenn sie ein Feuerchen anzünden wollen, müssen sie ganz kleine und dünne Zweige nehmen und zuerst diese anzünden, bevor sie ein richtiges Feuer bekommen, mit dem sie ihr Essen kochen können.

Albert Schweitzer hat einmal seinen afrikanischen Helfern erzählt, dass man in Europa zum Vergnügen auf Flüssen und Seen gerne rudert. Auch das können Afrikaner nicht verstehen. So fragten sie ihn: „Wer befiehlt denn euch Weißen zu rudern?“ „Niemand“, antwortete Albert. „Es muss ihnen aber doch jemand etwas schenken, damit sie es tun?“, fragten sie weiter. „Nein“, sagte der Doktor, „sie tun es ganz freiwillig und umsonst und oft rudern sie sogar um die Wette und strengen sich dabei so an, dass sie ganz erschöpft sind!“ Da schüttelten die Afrikaner nur ungläubig ihre Köpfe und hielten die Europäer für ein bisschen dumm. Wie kann man sich nur in ein Boot setzen und nach allen Kräften rudern, ohne ein Reiseziel zu haben oder Waren zu transportieren? Nur aus Spaß zu rudern, erschien ihnen unvernünftig. Ja, wenn man Fische fangen will, Bananen transportieren muss oder Freunde besuchen möchte, dann setzt man sich natürlich in ein Boot und rudert los. Aber nur so aus Spaß und ohne Ziel und ohne Zweck, das ist doch komisch! Haben die Weißen denn nichts anderes zu tun?

Ganz unverständlich war auch seinen afrikanischen Freunden, dass man in Europa eine Frau heiraten kann, ohne zu bezahlen. Das glaubten sie dem Doktor nicht und vermuteten, dass er sie nur veralbern wollte. „Du hast für deine Helene kein Geld an ihren Vater bezahlt?“, fragten sie misstrauisch. „Die gute Helene arbeitet so fleißig, ist so klug, kann lesen und schreiben und rechnen und ist so lieb: die ist so viel wert, dass man das gar nicht bezahlen kann. Die müsste man hier schon entführen, wenn man sie heiraten wollte!“, rief einer der schwarzen Männer. Da mussten aber Helene und Albert laut lachen. „Nein“, sagte Helene, „mein lieber Mann hat für mich keinen Cent bezahlt und hat mich auch nicht entführt. Er hat zunächst mich gefragt, ob ich ihn heiraten wolle. Da habe ich ,Ja’ gesagt, weil ich ihn liebe und er mich ebenso liebt. Das ist schließlich das Wichtigste im Leben, dass man sich liebt. Und dass man gemeinsam für etwas leben und arbeiten will. Darüber waren wir uns beide einig. Wir wollen uns bei der Hand nehmen und das tun, was uns Jesus gesagt hat: Den Armen und den Leidenden zu helfen. Denn Jesus hat uns befohlen, zu euch zu gehen und euch zu heilen.

Dann hat Albert meine Eltern gefragt, ob sie einverstanden seien, das wir beide heiraten. Darauf antworteten sie beide mit Ja. So haben wir eben geheiratet. Aber das Geld, das Albert gespart hatte, musste er nicht meinen Eltern geben und mich damit bezahlen. Eine Frau ist doch ein Mensch und keine Ware. Sie ist kein Tier, kein Boot und keine Bananenstaude, die man bezahlen muss! Mit dem Geld, das Albert und ich durch unsere Arbeit verdient hatten, bezahlten wir die Schiffsreise zu euch, die Medizin für die Kranken und alle die anderen Dinge, die wir brauchten, um Krankheiten zu heilen.“ Wieder schüttelten die Afrikaner ungläubig ihre Köpfe. Wie kann ein Vater nur seine Tochter so einfach verschenken? In Afrika ist ein Vater von schönen Töchtern ein reicher Mann! Aber gerade das bereitete dem Doktor später auch viele Sorgen. Denn es kam vor, dass aus dem Hospital plötzlich Frauen verschwunden waren. Es stellte sich heraus, dass diese Frauen entführt worden waren. Man hatte sie einfach gestohlen! Ist das nicht schlimm?

Heute ist das nicht mehr ganz so, vor allem nicht in Lambarene. Da passt man auf die Frauen gut auf, damit sie nicht entführt werden. Vor allem aber klärt man die Menschen auf, dass Frauen keine Ware sind, sondern gleichbe­rechtigte und gleichgeachtete Menschen. Ja, sie verdienen eigentlich noch mehr Achtung als die Männer, denn sie schenken ja durch ihre Kinder das Leben.

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Albert Schweitzer – Seminar #24

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Der Urwalddoktor als Richter und Schlichter

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Das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene war ja eigentlich ein Hospitaldorf. Albert Schweitzer wollte das so, damit sich die afrikanischen Patienten dort heimisch fühlen konnten und es so haben wie zuhause: Die Kranken konnten ihre Angehörigen mit ins Hospital bringen und auf einfachen Feuerstellen ihr Essen zubereiten, wie sie von ihrem Stamm gewohnt waren. Die Häuser des Hospitals waren nicht sehr hoch, sondern so flach wie ihre Hütten in Urwaldsiedlungen.

Aber für Albert Schweitzer und seine Helfer war das alles nicht so einfach. Die vielen Leute, die mit den Kranken ankamen, wollten auch essen, trinken und schlafen. Das alles zu regeln, erforderte viel Mühe und Verständnis. Am Anfang half dem Doktor vor allem seine Frau Helene. Später kamen noch der Gehilfe Joseph und die treue und tüchtige Gehilfin Emma Haußknecht hinzu, die ihr ja schon kennen gelernt habt. Aber auch viele andere tüchtige Frauen und Männer kamen aus Europa und Amerika nach Lambarene, um Albert Schweitzer als Ärzte oder Krankenschwestern zu helfen.

Die gesunden Familienangehörigen, die mit den Kranken ins Hospital kamen, mussten natürlich auch helfen. Sie konnten nicht etwa nur so herumsitzen und warten, bis man sie bediente, wie es mit den Kranken geschah. Sie halfen auch gerne und waren dabei immer fröhlich. Die Frauen wuschen und nähten die Wäsche, hielten die Räume und Wege sauber, halfen den Ärzten und Pflegern bei der Betreuung der Patienten und pflegten das Obst und Gemüse im Garten. Die Männer führten die schwereren Arbeiten durch. Wie wir schon gehört haben, fällten und zersägten sie Bäume im Wald, um Bauholz zu gewinnen. Sie rodeten auch kleine Waldflächen, damit wieder ein neuer Garten angelegt werden konnte. Dort pflanzten sie dann Papaya, Maniok. Tomaten, Bananen und viele andere Früchte. Auch fuhren einige Männer täglich mit ihren Booten den Fluss Ogowe hinauf und hinunter, um Fische zu fangen.

Eines Tages kam es unter diesen Männern zum Streit. Sie sprachen laut aufeinander ein, aber sie schlugen sich nicht. Dennoch nahm der Streit kein Ende. Man rief deshalb den Doktor und bat ihn, den Streit zu beenden. Albert Schweitzer kam hinunter zum Fluss und fragte: „Warum schreit ihr euch so an? Ihr seid doch vernünftige Menschen und könnt ruhig miteinander sprechen! Habt ihr mich schon einmal so schreien gehört?“ Da wurden die Streithähne ganz still und verlegen. „Warum zankt ihr euch überhaupt?“, fragte der Doktor einen der Männer. „Er hat heute Nacht mein Boot genommen und ist zum Fischen gefahren!“, antwortete der eine der beiden Streiter und zeigte auf einen anderen Mann, der noch in dessen Boot stand. „Das Boot war ja gar nicht angeschlossen“, rief dieser, „deshalb habe ich es eben genommen!“ Dabei schaute er auf den Boden des Kahns, auf dem viele dicke Fische lagen, die er im Verlaufe der Nacht gefangen hatte. „Diese Fische gehören mir, denn du hast sie mit meinem Boot gefangen!“, rief der Bootsbesitzer böse. „Nein, sie gehören mir, denn ich habe sie ja gefangen und nicht du!“, entgegnete der Fischer. Nun forderte der Bootsbesitzer Geld vom Fischer für die Benutzung des Bootes. „Warum hast du das Boot nicht angeschlossen? Du bist selber schuld!“, antwortete der andere. So ging das hin und her. Schließlich war der Doktor am Ende seiner Geduld. Er hatte ja noch mehr zu tun, als sich ewig diesen Streit anzuhören. „Schluss mit dem Zank!“, sagte er. „Ihr beide habt Schuld auf euch geladen! Keiner von euch ist ein Engel! Aber jeder von euch hat auch Recht! Also zeigt nicht immer mit dem Finger auf den anderen, sondern schaut euch mal selbst in den Spiegel und denkt darüber nach.“ Da wunderten sich alle, denn so etwas hatten sie bei ihrem Urwaldrecht noch nicht erlebt, dass man Unrecht und Recht zugleich haben kann.

Albert Schweitzer erklärte es ihnen. Alle hörten aufmerksam zu. „Im Recht bist du“, sagte Albert zum Bootsbesitzer, „weil der Fischer dich hätte um Erlaubnis bitten müssen, den Kahn zu benutzen. Im Unrecht bist du aber, weil du dein Boot nicht angeschlossen hattest, wie es sich gehört! Dadurch hast du deinen Kameraden in Versuchung geführt. Außerdem warst du zu faul, in der vergangenen Nacht selbst zum Fischen hinaus zu fahren, obwohl der Mond so hell schien und die Fische leicht zu fangen waren. Lieber hast du geschlafen!“ Der Bootsbesitzer schämte sich nun doch ein bisschen. „Aber du“, wandte sich der Doktor nun dem Fischer zu, „der du das Boot genommen hast, bist schuldig, weil du deinen Kameraden nicht um Erlaubnis gefragt hast, das Boot zu benutzen! Im Recht bist du, weil du nicht so faul warst und die Mondscheinnacht nicht ungenutzt vorübergehen lassen wolltest. Dabei hast du so viele schöne Fische gefangen.“

„Deshalb sage ich euch“, fuhr Albert Schweitzer nach einer kurzen Denkpause fort, „wie wir das Problem friedlich und gerecht lösen werden: Einen Teil der Fische erhält der Mann, der sie gefangen hat. Einen zweiten Teil bekommt der andere Mann, dem das Boot gehört. Und den dritten Teil tragen wir in die Hospitalküche, die davon für alle eine schöne Suppe kocht. Nun geht in Frieden auseinander und vertragt euch wieder. Haltet euch aber in Zukunft immer an Recht und Ordnung!“

Damit wandte sich der Doktor um und ging wieder zu seinen Kranken ins Hospital. Die Leute am Fluss sagten ganz leise: „Er hat recht, der Grand Docteur!“ Sie teilten die Fische auf und vertrugen sich fortan.

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Albert Schweitzer – Seminar #23

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Fräulein Emma und ihr Fiffi

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Ihr erinnert euch sicher, dass Albert Schweitzer am Beginn seiner Arbeit im Urwald nur zwei Helfer hatte. Diese waren seine liebe und tüchtige Frau Helene und der afrikanische Koch Joseph. Doch später kamen immer mehr treue Helferinnen und Helfer hinzu. Eine von ihnen war Emma Haußknecht. Sie war zuvor Lehrerin und stammte wie Albert auch aus dem Eisass. Nachdem sie von Albert Schweitzer gehört hatte, gab sie ihren Beruf auf und ging im Jahr 1925 auch nach Lambarene, um ihm zu helfen. Dort wurde sie im Urwaldkrankenhaus Pflegerin. Über 30 Jahre wirkte sie an der Seite des Urwalddoktors.

Emma Haußknecht war eine sehr kluge und fleißige Frau mit viel Herz für die leidenden Menschen, aber auch für die Tiere. Emma leitete den ganzen Haushalt der Klinik. Sie achtete auf den Koch, dass er das Essen sauber zubereitete und das Trinkwasser lange genug abkochte. Von ungekochtem Wasser konnte man nämlich sehr krank werden. Sie achtete auch darauf, dass die Bettwäsche und die Nachthemden der Kranken gründlich gewaschen und wieder geflickt wurden, wenn sie eingerissen waren.

Sie pflegte den Garten, in dem Obst und Gemüse wuchsen. Sie leitete den Bau der Häuser, wenn Albert Schweitzer nicht im Hospital war, schrieb Briefe, führte Buch über die Rechnungen und war bei den Afrikanern eine beliebte und geachtete Frau. Auch hielt sie in ganz Europa Vorträge über das Leben im Hospital und sammelte Spenden für die Pflege der Kranken in Lambarene. Ihr wisst ja schon, dass es im Urwaldhospital nicht nur Menschen gab, um die man sich kümmerte. Es lebten dort auch viele, viele Tiere, die verletzt oder auf andere Weise in Not geraten waren. Aber man hielt dort auch Haustiere, weil man Nahrungsmittel brauchte. So gab es viele Ziegen, die gemolken wurden, um den kleinen Kindern wenigstens eine Tasse Milch am Tag geben zu können. Auch fütterte man Hühner, um Eier zu erhalten. Denn eine Kaufhalle, in der man schnell einmal ein paar Milchflaschen oder Eier kaufen konnte, gab es im Urwald natürlich nicht.

Um alle diese Tiere sorgte sich auch die treue Emma Haußknecht. Mit den Hühnereiern hatte sie aber auch manchmal ihre Probleme. Im Hühnerstall befanden sich nämlich Nester, in die die Hennen ihre Eier legen konnten. Damit die Hennen wussten, wozu diese Nester gebaut worden waren, legte Emma weiße Gipseier hinein. Auf sie sollten sich die Hühner dann gemütlich setzen und ihre eigenen Eier dazu legen. Das taten sie auch, denn die Hühner sind gar nicht so dumm. Aber es gab im Hospital leider auch kleine Spitzbuben und Schlingel. Einer von ihnen beobachtete, wie Emma an einem schönen Tag einen Korb voller Eier aus dem Hühnerstall trug und in die Hospitalküche brachte. Der Schlingel aber dachte: „Diese Eier könnte ich auch selber essen!“ Nach einer Weile schlich er sich in den Hühnerstall und erblickte dort in jedem Nest ein weißes Ei. Schnell steckte er sich die Eier in die Tasche und verschwand in seiner Hütte. Doch am nächsten Tag lief er schreiend zu Emma Haußknecht und rief: „Diese Eier sind verzaubert!“ „Warum?“, fragte ihn Emma. „Sie sind hart wie Stein und man kann sie nicht essen!“, schimpfte der Schlingel. Emma fasste die Eier an und merkte sofort, dass es die Gipseier aus dem Hühnerstall waren. Da schimpfte nun auch sie auf den Spitzbuben: „Du hast die Eier gestohlen! Die sind nicht verzaubert, sondern aus Gips! Zur Strafe für diesen Diebstahl wirst du jetzt den Hühnerstall ausmisten!“ Der Schlingel war ganz verlegen, denn es tat ihm leid, dass er gestohlen hatte. Außerdem schämte er sich, weil ihn seine Freunde auslachten und riefen: „Das geschieht dir recht! Du bist nicht nur ein Dieb, du bist auch noch ein Dummkopf!“ Schnell machte sich der Schlingel daran, den Hühnerstall zu säubern und seine Schuld zu büßen. Er hat es auch nie wieder getan, und Emma hatte ihm längst alles vergeben.

Aber die gute Emma hatte auch ein „Baby“. Das war kein kleines Menschen-Kind, sondern ein junges Äffchen. Es hieß Fiffi und war ein Schimpansen-Kind. Schimpansen sind übrigens die nächsten Verwandten des Menschen und haben viele Eigenschaften mit uns gemeinsam. Fiffi war ein ganz liebes Tier und hing dem Fräulein Emma stets an der Schürze. Für Fiffi war Emma so etwas wie eine Mutti. Der kleine Fiffi hatte nämlich keine richtige Mutter mehr. Ein böser Jäger, der durch den Urwald geschlichen war, hatte die Schimpansenmutter mit seinem Gewehr einfach totgeschossen. Jemand hatte das verlassene Schimpansen-Kind im Laub liegen sehen und aufgehoben. Es war ganz hungrig und hatte Angst. Sein kleines Gesichtchen war richtig schrumpelig und traurig anzusehen. Der Finder brachte das Äffchen zu Fräulein Haußknecht, die sich beim Anblick des kleinen Wesens erschreckte. Doch sie nahm es an sich und fütterte es wie ihr eigenes Kind. Sie gab ihm mit einem Fläschchen warme Milch und mit einem Löffel etwas Reisbrei mit Zucker. Den Brei pappte das Tierchen am liebsten. Fiffi nahm nun Fräulein Emma als neue Mutti an. Ohne sie würde es ja verhungern oder von Schlangen gefressen werden. Emma musste ihr „Baby“ nicht nur füttern, sondern es auch in Windeln einwickeln, damit es nicht sein Körbchen und das Zimmer verschmutzte. Im Urwald war das natürlich alles nicht nötig, aber hier im Hospitaldorf musste alles schön sauber bleiben. So hatte Fräulein Emma neben ihrer vielen Arbeit im Hospital auch noch ihr Tun mit ihrem Fiffi. Einmal war etwas ganz Ulkiges passiert. Emma kam plötzlich ganz aufgeregt aus der Küche gelaufen und rief: „Wo ist Fiffi?“ Sie fürchtete, dass ihr „Baby“ weggelaufen sein könnte und von Hunden gebissen, von Schlangen gefressen worden wäre. Oder ist es gar im Ogowefluss ertrunken? Doch alle Leute, die das aufgeregte Fräulein Haußknecht sahen, mussten laut lachen: Fiffi hatte sich auf Emmas Rücken festgeklammert, wie es junge Äffchen im Urwald bei ihren Müttern tun. Fräulein Emma aber hatte das gar nicht bemerkt und hatte ihren Fiffi gesucht, obwohl er fröhlich an ihrem Rücken hing.

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Albert Schweitzer – Seminar #22

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Die Geschichte von den Holzfällern

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Ihr wisst ja schon, dass im Urwaldkrankenhaus von Albert Schweitzer viele kleine Häuser und Baracken standen. In ihnen lagen die Kranken auf ihren Betten oder es befanden sich in ihnen Räume, in denen der Doktor und andere Ärzte operierten, Räume, in denen Frauen die Wäsche wuschen, Kleidung nähten oder die Medikamente aufbewahrt wurden.

Alle diese Häuser waren früher aus Holz gebaut. Ziegelsteine und Zement gab es am Anfang noch nicht in Lambarene. Deshalb brauchten Albert Schweitzer und seine Helfer viele Balken und Bretter. Woher sollten sie diese aber nehmen? Es gab doch dort keinen Baumarkt, in dem man alles kaufen konnte! Doch es wuchsen ja im Urwald viele dicke und hohe Bäume. Sie waren dicker und größer als die Türme unserer alten Stadtmauer. Aber wie sollte man nur diese „Riesen” fällen und transportieren? Viele eingeborene Männer hatten Angst vor dieser Arbeit. Sie war nicht nur schwer, sondern auch sehr gefährlich. Wie leicht konnte man durch einen umstürzenden Baum verletzt oder gar erschlagen werden! Die Afrikaner hatten so etwas ja oft genug erlebt, wenn die Tropenstürme tobten!

Doch der Urwalddoktor wusste Rat. Er hatte ja als kleiner Junge oft genug den Bauern. Handwerkern und Forstleuten bei ihrer Arbeit zugesehen und sich alles gut gemerkt. So suchte er sich starke afrikanische Männer mit dicken Muskeln. „Wollt ihr mir helfen, Bäume zu fällen?“, fragte er sie. „Warum sollen wir denn Bäume fällen? Sie sind doch viel zu groß für uns!“, antworteten die Männer. Geduldig erklärte ihnen Albert Schweitzer, dass das Hospital neue Häuser braucht, weil es so viele Kranke gibt. Für die Häuser braucht man aber Bretter und Balken und sie gewinnt man eben aus Baumstämmen. Dazu muss man sie aber erst fällen und zersägen. Das verstanden die Männer und riefen: „Wir helfen ihnen Bretter machen, Doktor!“ Sie freuten sich auf diese Arbeit, als wäre es ein Spiel. Sie lachten und tanzten. Nur der Doktor blieb ernst, denn er wusste, wie schwer es für sie alle werden würde.

Zuerst kauften sie vom Händler in der Stadt große Holzsägen und schwere Äxte. Dann gingen sie tief in den Urwald. Obwohl die Sonne schien, war es unter dem dichten Laub am Boden ziemlich dunkel. Sie mussten auch deshalb sehr behutsam gehen, weil sie nicht auf eine Schlange treten durften. In den Baumkronen sprangen die Affen von Ast zu Ast. Einige Frechdaxe bewarfen die Männer mit Nüssen und kleinen Holzstücken als wollten sie ihnen sagen: „Das ist unser Urwald!“

Endlich fanden die Männer einen geeigneten Baum. Der war so dick, dass ihn selbst zehn erwachsene Menschen nicht umfassen konnten. Und das Holz war fast so hart wie Stein. Mühsam begannen die Männer zu sägen. Die Hitze war unerträglich. Es wehte kein Lüftchen, das etwas Erfrischung bringen könnte. Der schweiß rann ihnen in dicken Tropfen von der Stirn. Die Männer mussten sich bei ihrer Arbeit abwechseln. Während die einen arbeiteten, ruhten sich die anderen aus. Dabei summte sie leise Lieder ihres Stammes vor sich hin. Und sie alle hatten natürlich großen Durst. Aber es gab kein Wasser. So schlugen sie mit ihren großen Messern dicke Schlingpflanzen ab, die Wasserlianen heißen. In ihrem Inneren enthalten sie Wasser. Das tranken die Männer dann Schluck für Schluck. Viele Tage dauerte es, bis sie endlich den Baum fällen konnten.

Endlich neigte sich der Baum zur Seite. Doch er fiel nicht ganz um. In seiner Krone wuchsen Schlingpflanzen, die ihn festhielten. Also mussten erst einmal zwei gute und mutige Kletterer den Baum hinauf steigen und die Schlingpflanzen zerschneiden. Das war sehr gefährlich, denn die Männer konnten nur mir der einen Hand die Schlingpflanzen abhacken und mussten sich mit der anderen Hand an einem Ast festhalten. Schließlich fiel der Baum doch um. Albert Schweitzer hatte alles wohl bedacht und den Männern gesagt, was sie tun sollten. Sie hatten ja auch keine Erfahrung. Nach getaner Arbeit lobte er sie und sagte: „Eure kranken Brüder und Schwestern werden es euch danken, wenn sie in den neuen Häusern wohnen werden! Ihr habt ein gutes Herz gezeigt. In euren Herzen ist Liebe und wo die Liebe ist. da ist auch Gott!“ Da lachten sie und zeigten ihre schönen weißen Zähne. Einige begannen sogar zu tanzen vor Freude. Manche weiße Menschen meinen, die Schwarzen wären faul. Das stimmt aber nicht. Albert Schweitzer hat ihnen erklärt, dass die Afrikaner nicht faul sind, sondern als freie Menschen leben und es nur nicht so kennen wie wir, die wir nach der Uhr leben und arbeiten.

Noch viele, viele Tage hatten sie aber an dem großen Baumstamm zu schaffen. Er musste nämlich in Stücke zersägt werden. Denn es gab ja keine Bulldozer, welche die Stämme transportieren konnten. Die Männer mussten sich dicke Knüppel abschneiden und mit ihnen Meter für Meter die Stücke des Baumstammes aus dem Urwald an den großen Fluss rollen. Oft standen sie bis zum Bauch im Sumpf oder schnitten sich die Fußsohlen an scharfen Wurzeln oder Steinen auf. Dann mussten sie selbst ins Hospital, damit die Krankenschwestern sie verbinden konnten.

Schließlich hatten sie alle Stämme an das Ufer des Ogowe gerollt. Nun begann aber eine ganz andere Arbeit. Der Doktor sagte zu ihnen: „Wir müssen ein Floß bauen!“ „Was ist das, ein Floß?“, fragten die Männer. „Ein Floß sind zusammen gebundene Baumstämme, die auf dem Fluss schwimmen können“, antwortete er. „Wir schneiden uns Schlingpflanzen ab und benutzen sie als Seile. Damit binden wir die Stämme zusammen. Wenn sie alle fest verbunden sind, haben wir ein Floß!“

Inzwischen waren viele Menschen aus dem Hospitaldorf ans Ufer gekommen, um zu sehen, wie ein solches Floß entstand. Die Männer standen bis zur Brust im Wasser, um die Stämme zu verbinden. Dabei mussten sie auch aufpassen, dass keine Krokodile kamen und sie bissen. Als das Floß endlich fertig war, sprangen alle in die Luft vor Freude, tanzten und sangen fröhliche Lieder.

Am nächsten Tag konnten nun endlich die Männer mit ihrem Floß auf dem Strom abwärts zu einem Sägewerk schwimmen. Dort wurden die dicken Stämme in Bretter und Balken zersägt. Schließlich kamen sie dann wieder mit einem Motorschiff zurück zum Hospital. Dort konnte man jetzt mit dem Bau der Häuser und Baracken beginnen.

Wie froh war der Doktor, als das Werk vollbracht war. Todmüde setzte er sich am Abend an sein Klavier und spielte Musik von Johann Sebastian Bach. Das war für ihn Erholung. Damit wollte er aber auch dafür danken, dass er die Kraft hatte, anderen Menschen zu helfen.

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Wir merken uns:

Es ist schön, wenn einem geholfen wird. Aber es ist noch schöner, wenn man anderen helfen kann. Auch wenn eine Aufgabe noch so schwer ist, soll man nicht verzagen.

Albert Schweitzer – Seminar #21

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Ein Pelikan erzählt aus seinem Leben

Albert Schweitzer erzählt von Afrika und von den Afrikanern

Ich bin ein schöner Pelikan und habe viel erlebt. Davon möchte ich euch etwas erzählen. Als ich ganz klein war, saß ich mit meinen zwei Brüdern in einem Nest ganz oben auf einem Baum. Wir drei Jungen hatten immer Hunger. Wenn unsere Eltern angeflogen kamen, sperrten wir unsere Schnäbel weit auf. Dann steckten sie uns kleine Fische in den Schnabel, die sie im Ogowe-Fluss für uns gefangen hatten. Solange wir in unserem Nest waren, ging es uns gut.

Eines Tages aber, als ein Sturm an den Bäumen rüttelte, fielen wir aus unserem Nest ins Wasser. Wir schwammen schnell auf eine rettende Sandbank. Noch bevor wir uns ein paar Fische selbst fangen konnten, kamen Afrikaner, verjagten unsere Eltern, banden uns die Füße zusammen und steckten uns in einen engen Korb. Wir hatten große Angst, weil wir nicht wussten, was sie mit uns vorhatten. Doch sie stiegen in ein Boot und fuhren auf dem Fluss davon. Schließlich kamen wir an einen Ort im Urwald, der am Ogowe lag. Dort standen viele kleine Häuser und liefen Leute hin und her. Aus einem dieser Häuser, die mit Palmenblättern bedeckt waren, trat ein großer Mann heraus, der einen weißen Kittel trug. Ihm wollten die schwarzen Leute uns verkaufen. Der Mann im weißen Kittel war der Urwalddoktor Albert Schweitzer. Der schimpfte mit den schwarzen Leuten: „Ihr habt die jungen Pelikanküken ihren Eltern weggenommen!“, sagte er. „Das ist eine Sünde! Was würdet ihr wohl sagen, wenn man euch den Eltern weggenommen hätte?“ Doch der Doktor hatte Mitleid mit uns drei Jungen, gab den schwarzen Leuten etwas Geld und nahm uns zu sich. Er wollte nicht, dass wir woanders verschachert werden würden oder vielleicht gar verhungerten.

Als die schwarzen Leute weggegangen waren, sagte der Doktor zu einer Pflegerin, die hinzugekommen war und Emma Haußknecht hieß: „Jetzt müssen wir die drei kleinen Pelikane füttern und ihnen eine Wohnung geben!“ Keiner wusste aber, welch großen Hunger wir hatten! Während der Doktor einen Stall aus Brettern baute, fing die Pflegerin für uns Fische, damit wir etwas zu fressen hatten. Eigentlich taten ihr die kleinen Fische leid, weil sie wegen uns sterben mussten. Aber wir wollten ja auch leben! Weit sperrten wir unsere Schnäbel auf und konnten nicht genug bekommen. Sogar große, dicke Karpfen schlangen wir herunter. Als wir endlich satt waren, setzte man uns in den neuen Stall, in dem trockene Blätter lagen. So konnten wir weich sitzen und gut schlafen. Der Doktor ermahnte Fräulein Emma noch: „Dass mir niemand die Pelikane anfasst außer ihnen! Man könnte sie verletzen oder sogar ihre Flügel brechen.“ In der Nacht schliefen wir herrlich und träumten von den kleinen Fischen und dem großen Doktor. Am nächsten Morgen weckten uns die aufgehende Sonne, die bellenden Hunde, die gackernden Hühner und die kreischenden Gänse – aber auch unser Hunger! Bald kam Fräulein Emma und fütterte uns wieder mit Fischen. Dabei schnappten wir mit unseren Schnäbeln so gierig zu. dass wir das Fräulein an der Hand verletzten und den Arm zerkratzten. Sie war uns aber nicht böse, denn sie wusste ja, dass wir das nicht mit Absicht taten.

Weil ich der Jüngste und Kleinste von uns drei Brüdern war, liebte mich der Doktor ganz besonders. Er und Fräulein Emma nahmen mich auch in Schutz, wenn mir meine Brüder die Fische wegfressen wollten. Ein anderes Fräulein, das man auch Doktor nannte, kam zu uns mit einem kleinen schwarzen Kästchen und sagte: „Das muss ich knipsen!“ Was das bedeutete, wussten wir natürlich nicht. Später zeigte man uns Bilder, auf denen ich zu sehen war. Wie das kleine Kästchen das gemacht hatte, habe ich nie erfahren. Könnt ihr euch, liebe Kinder, denken, was es mit dem schwarzen Kästchen auf sich hatte? Meine beiden Brüder waren viel größer als ich und konnten schon viel eher mit ihren Flügeln schlagen und auf ein Drahtgitter flattern. Dort oben fingen sie die Fische auf, die ihnen Fräulein Emma zuwarf. Ich konnte das noch nicht. Bald darauf flogen meine Brüder sogar schon zum Fluss hinunter und fingen ihre Fische selbst. Mir gelang das erst viel später. Doch von den paar Fischen, die ich dann fangen konnte, wurde ich nicht satt. Auch vom Wasser auffliegen, konnte ich noch lange nicht, weil ich zu schwach war. „Aller Anfang ist schwer“, tröstete mich der Doktor. Und eines Tages schaffte ich es doch, vom Wasser aufzufliegen. Das hatte der Doktor vom Ufer aus beobachtet und rief laut: “Bravo!“ Da war ich mächtig stolz. Nun konnte der Doktor beruhigt wieder in sein Haus gehen und musste sich nicht mehr um mich sorgen. Er hatte nämlich immer viel zu tun. Am Sonntagnachmittag schrieb er zum Beispiel gerne Briefe. Er antwortete auf jeden Brief, auch wenn er müde war und ihm sein rechter Arm wehtat.

Im Sommer herrscht in Afrika die Trockenzeit. Da gibt es keinen Regen und die Flüsse trocknen aus. Nur kleine Tümpel bleiben übrig. Das ist für die Fische schlecht, aber für die Pelikane gut. Die können nämlich nun leichter die Fische fangen. Deshalb kamen auch viele andere Pelikane angeflogen, um sich satt zu fressen. Sie hatten keine Angst vor den Menschen, denn sie waren wie ich früher einmal im Hospital aufgezogen und gut behandelt worden. Nun konnte ich auch schon mit den anderen großen Pelikanen hoch in der Luft fliegen. Wie schön konnte man über den weiten Urwald sehen!

Im Herbst flogen dann meine Brüder mit den anderen Pelikanen weg zu den großen Seen und Sümpfen. Aber ich blieb doch lieber bei meinem Doktor und dem Fräulein Emma. Das Hospital war mein Zuhause geworden und die freundlichen Menschen waren meine Familie. So ging es den anderen Tieren auch, den Äffchen und den Antilopen. Keiner wollte mehr weg. Ernähren konnte ich mich ja inzwischen selbst. Ab und zu bekam ich auch von den Fischern ein paar Happen zusätzlich. Ich ging auch nicht weg, wenn mir hübsche Pelikandamen vorschlugen, davon zu fliegen und gemeinsam auf einem hohen Baum ein Nest zu bauen und eine eigene Familie zu gründen. Ich saß lieber auf dem Sessel des Doktors als in einem Nest auf einem wackelnden Baum. Außerdem liebte ich den Doktor und die Tante Emma mehr als alle Pelikandamen zusammen.

Und schließlich war ich auch eine Respektsperson im Hospital geworden! Alle anderen Tiere hatten Achtung vor mir. Nur ein anderer Pelikan nicht, den man „Professor“ nannte, weil er einen Federschopf am Kopfe trug. Der wollte mich verdrängen und sich beim Doktor einschmeicheln. Einmal hatte der Doktor nur einen Fisch. Den gab er aber nicht mir, sondern dem „Professor“. Mir aber sagte er: „Man soll immer zuerst an die anderen denken und an sich selbst zuletzt! Für ein gutes Herz ist das Geben schöner als das Nehmen!“ So ganz glaubte ich dem Doktor das nicht. Aber ich bin ja kein Mensch, sondern nur ein kleiner Pelikan.

Man nannte mich den „Pelikan des Doktors“. Das war mehr als nur „Professor“! Alle Menschen waren deshalb auch freundlich zu mir. Mit den Ziegen und den Schafen verstand ich mich sehr gut. Auch mit den Hühnern und den Antilopen. Nur mit den Hunden nicht. Die wollten mich nämlich manchmal überfallen. Doch dann wehrte ich mich mit meinem langen Schnabel. Davor hatten sie doch Angst und liefen schnell davon.

Ehrlich gesagt: Manchmal war ich auch ein rechter Schlingel! Dann nahm ich mir zwei Pelikan-Kumpels und flog zu den Fischerfrauen, die am Ufer des Ogowe in einem Kahn saßen und Fische für die Küche putzten. Wir setzten uns ganz friedlich auf den Rand des Bootes und taten so, als ob uns die Fische überhaupt nicht interessierten. Plötzlich flatterten wir aber laut und kräftig mit unseren großen Flügeln, so dass die Frauen Angst bekamen und weggelaufen sind. Schnell stürzten wir uns auf die Fische und fraßen uns satt. Aber das konnte der Doktor gar nicht gut leiden. Er schimpfte sehr mit uns und nannte uns „kleine Spitzbuben“. Da haben wir uns doch geschämt.

Einmal hat uns der Doktor sogar das Leben gerettet, obwohl wir wieder einmal Fische gestohlen hatten. Diese Fische waren nicht einzeln, sondern zusammengebunden. Als ich einen Fisch herunterschlingen wollte, konnte ich das nicht, weil gleich der nächste Fisch hinterher kam. Fast wäre ich daran erstickt. Da kam der Doktor herbei, griff mit seinem Arm tief in meinen Hals und holte den Fisch wieder heraus. Dafür bin ich ihm noch heute dankbar. Wenn es Nacht war, saß ich oft auf einem Balken im Doktorhaus und hielt Wache. Wenn jemand zum Doktor wollte, fing ich an zu zischen. Das sollte eine Warnung sein. Wer diese Warnung nicht beachtete, erhielt von mir einen Schnabelhieb auf den Kopf. Doch dem Doktor war das gar nicht recht. Der war nämlich gegen Gewalt. Er brummte nur vor sich hin: „Lieber Pelikan, lieber Pelikan!“ Da wusste ich, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Manchmal redete er auch nachts lange durch die Fensteröffnung mit mir, so wie er mit seinen Freunden sprach. Er machte keinen Unterschied zwischen den Menschen und zwischen Menschen und Tieren, auch wenn ihn manche nicht verstanden.

Nur mit dem Koch hatte ich manchmal Probleme. Ihm hatte der Doktor nämlich gesagt, dass er mir immer, wenn es Fisch gab, etwas zu fressen geben sollte. Doch das tat der Koch oft nicht und aß den Fisch lieber selbst. Deshalb habe ich ihn einmal so ins Bein gehackt, dass er auf den Tisch springen musste. Da habe ich doch laut gelacht.

Von den meisten Menschen habe ich mich immer etwas fern gehalten. Man wusste ja nie! Jedenfalls habe ich mich immer nur vom Doktor und von Fräulein Emma anfassen lassen. Die beiden kasperten dann immer richtig rum mit mir. Sie hielten mir den Schnabel zu, zogen mich an meinem langen Schnabel hinter sich her oder hielten mich auf dem Arm wie einstmals Hans im Glück seine Gans. Das machte mir mächtig Spaß!

So lebte ich im Urwaldhospital, wo nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren geholfen wird. Das ist noch heute so, weil Albert Schweitzer das so wollte und alle wissen, dass man im Frieden Zusammenleben kann, wenn alle Frieden wollen und sich achten.

Und wie denkt ihr darüber. Kinder?

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