Über menschliche Werte im Geiste der Ehrfurcht vor dem Leben – 7. Teil

A013

Fürsorge

In der vatikanischen Spruchsammlung stehen die Worte von Epikur: „Wir wollen am Unglück unserer Freunde teilnehmen nicht durch Klagen, sondern durch Fürsorge.”

In jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die Hilfe brauchen. Es können gesunde oder kranke Menschen, Kinder oder Alte sein. Sie alle haben Anspruch auf Hilfe, ganz gleich von welcher Seite sie gebracht wird. Sind es die Eltern, die ihr krankes oder behindertes Kind betreuen, oder sind es Kinder, die ihre Eltern oder Großeltern pflegen.

Neben den nächsten Angehörigen ist natürlich auch die Gesellschaft in der Pflicht. Pflegeein­richtungen, Seniorenheime, diakonische Einrichtungen bemühen sich um Hilfe für Bedürftige. Dabei ist es wichtig, dass auch kranke und pflegebedürftige Menschen einen Anspruch auf Selbstbestimmung haben. „Ohne ihre Mitarbeit dauern Heilungsprozesse länger”, schreibt Cornelia Coenen-Marx (in Möllering und Behlau). Deshalb sollte ein Kranker nicht nur behandelt, sondern auch gefragt werden, was er möchte und braucht. „Gute Pflege heißt, sich auf den anderen einzulassen, ja, sich ein Stück weit von ihm führen zu lassen. Es kommt darauf an, dass wir genau hinsehen und hinhören und erst dann antworten und Verantwortung übernehmen … Dass wir in den Dienst des Anderen treten und er unser ,Lehrmeister’ wird.“ Dies geht am besten „auf Augenhöhe“: Die Mutter hockt sich vor dem Kinde hin, der Pfleger rückt den Stuhl an den Sessel des alten Menschen, der Arzt setzt sich für einen Moment auf die Bettkante des Kranken. „Diese Nähe ist unersetzlich“, mahnt Coenen-Marx, „wenn Hilfe ankommen soll.“ Deshalb kann man Fürsorge auch nicht ganz an Institutionen delegieren.

Doch Fürsorge erfordert Kraft und kann sie auch aufzehren. „Wer sich auf die Sorgen anderer einlässt, wer Kranke pflegt und Kinder erzieht, muss auch für sich selber sorgen können. Das gilt besonders für Frauen, die auf ihre Kräfte achten müssen, um nicht auszubrennen … Wer mit sich selbst schlecht umgeht, kann dem Anderen nicht gut sein.“ Dies erfordert die Ehrfurcht vor dem Leben des Mitmenschen wie vor dem eigenen Leben.

Über menschliche Werte im Geiste der Ehrfurcht vor dem Leben – 6. Teil

Ehrlichkeit

„Ehrlichkeit”, stellt Angelika Obert (in Möllering und Behlau) fest, „die uns im Alltag erfreut und manchmal auch schmerzt, gehört nicht zu den großen Begriffen, mit denen sich Philosophen immer beschäftigen.” Eine Ausnahme macht auch diesbezüglich vielleicht Albert Schweitzer, der in seiner Kulturphilosophie schreibt: „Und wirklich, wie viel wäre gewonnen, wenn wir an Lauterkeit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit das betätigen wollten, was gemeinhin als das Rechte gilt.”

Das Wort „Ehrlichkeit” leitet sich ursprünglich von „Ehre” ab. Wer als Persönlichkeit Ansehen genoss, galt als ehrlich. Noch heute kennen wir Ehrenbürger, Ehrenpräsidenten, Ehren­mitglieder, Ehrenjungfrauen, aber ehrliche Finder oder „ehrliche” Sünder sind weniger bekannt. „Ehrenerklärungen” und „Ehrenworte” sind zuweilen nichts wert, wenn sie nur Lügen von Prominenten verbergen. Andererseits gelten ehrliche Menschen mitunter auch als ein wenig „dumm”, wenn sie aufrichtig, offenherzig etwas tun oder sagen, was ihnen keine Vorteile bringt oder ihre Schwächen andeutet. Man wird sehr oft schon dazu erzogen, sich möglichst vorteilhaft darzustellen und als mehr zu scheinen als zu sein. Das ehrliche Gegenteil hieße dann: „Mehr sein als scheinen.” „Doch noch wichtiger als jedes Ei, das man legt, ist das Gegacker”, schreibt Angelika Obert, so wie in der freien Wirtschaft die Werbung wichtiger sei als das Produkt. „Sich selbst zu bewerben, mit allen Tricks vorteilhaft zu erscheinen, gilt nicht als unehrlich. Es ist vielmehr geboten. Aber natürlich bleibt die Wahrheit auf der Strecke”, stellt Angelika Obert fest. „Nun hat es der Zwang zur gesell­schaftlichen Anpassung und die damit verbundene Heuchelei allerdings immer gegeben. Jede Zeit hat ihre eigene Verlogenheit. Es ist nicht der Mangel an Moral und Sitte, der so genannte Werteverfall, der das Lügen salonfähig macht. Nein, gelogen wird immer im Namen der herrschenden Werte … Heute sind es die Werte des freien Marktes, die der Ehrlichkeit Grenzen setzen.”

Ehrlich zu sein erfordert in jeder Gesellschaft Mut und Charakter. Das trifft aber nicht nur für die Gesellschaft der Großen, sondern ebenso für die „kleinste Zelle” der Gesellschaft, die Familie, zu. Gerade hier vertraut man auf die Ehrlichkeit gegenüber dem Partner, den Kindern, den Eltern. Unehrlichkeit schmerzt hier am meisten. Manchmal erscheint es sogar leichter, einem Fremden sein Herz zu öffnen als einem der Nächsten. Aber wer will einem Arbeitslosen verdenken, der so tut als ginge er zur Arbeit, weil er sich seiner Arbeitslosigkeit schämt?! Es ist doch keine Schande, in dieser Gesellschaft seinen Arbeitsplatz zu verlieren; wäre es nicht richtiger, wenn sich die Gesellschaft für dieses Grundübel schämte? Wie im Falle des Arbeitslosen sollte man deshalb Verständnis zeigen für dessen Unehrlichkeit. Ebenso sollte man auch stets bei der Ver- oder Beurteilung einer Unehrlichkeit eines Menschen den „Balken im eigenen Auge” beachten, bevor man den „Splitter im Augen des Anderen” verurteilt. Man bedenke die Worte Georg Büchners: „Es ist keine Kunst, ein ehrlicher Mann zu sein, wenn man täglich Suppe, Gemüse und Fleisch zu essen hat.”