Eine ergreifende Liebesgeschichte – 4. Teil

Bitten um Verständnis

Am gleichen Tag erreichte die Familie ein Brief, in dem Elisabeth u.a. schrieb:

„Eberhard und ich haben an dem Tag, an dem Ihr diesen Brief bekommt, also am 4.6., geheiratet. Wir tun es deshalb so schnell, weil wir uns auf ein Kindchen freuen dürfen. Ich weiß nicht, ob es eine Entschuldigung dafür gibt, was ich Euch angetan habe! Das ist mein ganzer Kummer, denn ich habe Euch so lieb, dass es mir unsagbar weh tut, Euch so leiden zu sehen. Wenn Ihr könnt, verzeiht mir. Denkt bitte daran, dass auch Ihr, als Ihr liebtet, fest bei Eurem Entschluss bliebt. Über das, was geschehen ist, möchte ich nichts anderes sagen, als dass es aus Liebe geschehen ist. Ich habe lange darüber nachgedacht, konnte es aber nicht bereuen. Ihr wisst, dass ich es nicht ertragen würde, wenn Ihr nichts mehr von mir wissen wolltet. Ich brauche zu nötig Eure Liebe und Euer Verstehen.“

Glückliche Tage der Verliebten 1955 - Titel: Don Quichote auf Rosinante

Glückliche Tage der Verliebten 1955 – Titel: Don Quichote auf Rosinante

Auch Eberhard wendet sich an seine Schwiegermutter, unter anderem mit folgenden Zeilen: „Seit wir Gewissheit hatten, dass Elisabeth ein Kindchen haben würde, stand unser Entschluss fest, so schnell wie möglich zu heiraten. Sie werden das alles vielleicht nicht verstehen, Sie werden sehr böse auf mich sein und wer weiß was von mir denken, weil Sie mich zu wenig kennen. Ich verstehe das wohl. Die Zeit wird es beweisen, dass wir zueinander passen und glücklich sein werden.

Die kleine Edda mit Eltern 1955

Die kleine Edda mit Eltern 1955

In unseren Freudenbecher werden ein paar bittere Tropfen fallen. Wir wissen, dass Sie mit unserer Ehe nicht einverstanden sind. Aus diesem einfachen Grunde erhalten Sie so spät Nachricht von der bevorstehenden Trauung. Ich wünsche und hoffe nur das Eine: dass die Liebe des Mutterherzens in Ruhe und Besonnenheit die rechte Entscheidung fällt. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ein Mutterherz sich so verhärten kann. Wenn Sie mich auch nicht anerkennen, verschließen Sie Elisabeth nicht die Tür. Sollten Sie sich von uns abwenden, werden wir warten. Unsere Tür wird Ihnen stets geöffnet sein. Einmal werden Sie wieder gut sein, diesen Tag sehnen wir voller Hoffnung herbei.“

Diese eindringlichen Worte und Bitten um Vergebung haben scheinbar ihre Wirkung nicht ganz verfehlt. Schon bald findet im Haus von Elisabeths Mutter und ihrem Stiefvater Emanuel in Mellen ein kleines Fest statt, auf dem das jungvermählte Paar gefeiert und beglückwünscht wird. Gäste waren hier Eberhards Eltern, Minna und Albert, sowie Vera und Paul Rohra, ein befreundetes Ehepaar aus Mellen. Die Wogen haben sich zunächst geglättet und die Zukunft der beiden – und damit auch die unsrige – nimmt ihren Lauf.

 

Eine ergreifende Liebesgeschichte – 3. Teil

Hochzeit ohne Familie

Es blieb nicht aus, dass auch das Schulamt Wind von der Sache bekam. Es gab ziemlichen Ärger und Elisabeth wurde „strafversetzt“, sie kam noch 1953 nach Rühstädt. Doch auch diese Maßnahme brachte ebenso wenig Nutzen, wie die häufigen Besuche von Elisabeths Großmutter, unserem Omchen, in Rühstädt, die dem Zweck dienten, die beiden zu trennen. Eberhard fuhr abends oft mit dem Fahrrad nach Rühstädt, um seine Elisabeth heimlich zu treffen. Einmal wäre er dabei beinahe Omchen in die Arme gelaufen, die gerade wieder in verlorener Mission unterwegs war. In letzter Sekunde erkannte er die Gefahr und machte sich schleunigst wieder auf den Rückweg.

Schloss Rühstädt Photo Credit: wikipedia.org

Schloss Rühstädt – Photo Credit: wikipedia.org

Eberhard stand zu seiner Liebe und leitete seine Scheidung in die Wege, und als er auf diese Weise seine „Familienangelegenheiten“ in Ordnung gebracht hatte, wie es sich für einen Schulleiter gehörte, durfte Elisabeth wieder an die Schule in Quitzöbel zurückkehren.

Die Lehrerwohnung in Quitzöbel 2003

Die Lehrerwohnung in Quitzöbel 2003

Nun gab es zwar dienstlich keine Beanstandungen mehr, aber Mutter Johanna und Omchen waren noch lange nicht mit der Beziehung einverstanden. Wenn ich heute zurückblicke, waren sie das wohl nie aus vollem Herzen. Elisabeth verstand sich gut mit ihrem Bruder Hartmut und dessen Freundin Gisela. Die beiden Frauen trafen sich oft in Bad Wilsnack, wo die Weiterbildungen zur Vorbereitung auf die Lehrerprüfungen stattfanden. Oft gingen sie nach dem Unterricht noch eine Bockwurst essen und unterhielten sich. Bei einem dieser Treffen war auch Hartmut dabei. Den beiden fiel auf, dass Elisabeth sehr schlecht aussah, und sie führten das auf die große seelische Belastung durch die Auseinandersetzung mit Mutter und Großmutter zurück. Elisabeth konnte sich jedoch leider nicht entschließen, Gisela und Hartmut von dem wahren Problem zu erzählen, das in ihr heranwuchs – mein Schwesterchen hatte sich auf den Weg gemacht, das Licht der Welt zu erblicken. Ich glaube nicht, dass sie befürchtete, ihr Bruder könnte sie zu Hause verraten, vielmehr wollte sie ihn sicher nicht vor die Entscheidung stellen, sich entweder der Schwester oder aber der Mutter gegenüber loyal zu verhalten. Elisabeth und Eberhard glaubten keinen anderen Ausweg zu sehen, als alle vor vollendete Tatsachen zu stellen, und so kam es dazu, dass sie am vierten Juni 1954 allein und ohne die Familie zuvor davon in Kenntnis zu setzen, heirateten.

Elisabeth und Eberhard Trampenau am Tag ihrer Hochzeit

Elisabeth und Eberhard Trampenau am Tag ihrer Hochzeit

Eine ergreifende Liebesgeschichte – 2. Teil

„Zum Verlieben, nur nicht mehr zum Kriegen“

Schloss in Birkholz - Foto: gemeinde-karstaedt.de

Schloss in Birkholz – Foto: gemeinde-karstaedt.de

Nun gab es an dieser Schule in Quitzöbel einen Schulleiter, dessen Name Eberhard Trampenau war, und der zu diesem Zeitpunkt als 28-Jähriger schon ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich hatte. Er stammte aus Dallmin bei Karstädt, wo er zusammen mit drei Brüdern und zwei Schwestern auf einem Gutshof aufwuchs. Sein Vater war dort herrschaftlicher Kutscher, seine Mutter arbeitete auch auf dem Gut. Die Eltern hatten es nicht leicht, ihre sechs Kinder durchzubringen. Mutter Minna war gezwungen, bei der Arbeit auf dem Gut immer mal wieder ein paar Kartoffeln oder Rüben mitgehen zu lassen, um die vielen hungrigen Mäuler zu Hause zu stopfen. Vater Albert war überzeugter Atheist, was in jener Zeit, der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, ziemlich ungewöhnlich und dem Ruf der Familie im Dorf nicht gerade förderlich war. Es entsprach dem damaligen Zeitgeist, dass Pfarrer, Lehrer und Gutsbesitzer in einem Dorf bestimmten, was „rechtens“ war. Auch Eberhard hatte das als Jugendlicher zu spüren bekommen, denn als er konfirmiert werden wollte, war der Pfarrer der Meinung, dass er nicht die „richtigen“ Sachen anhabe und ließ ihn aus diesem Grund nicht zur Konfirmation zu. Es ist verständlich, dass Eberhards Einstellung zur Kirche zeit seines Lebens nicht nur ablehnend, sondern auch von Wut und Intoleranz gekennzeichnet war. Sein Werdegang als Jugendlicher und junger Mann war durch die Verhältnisse der dreißiger Jahre und der Kriegszeit vorprogrammiert: Hitlerjugend, Arbeitsdienst, Unteroffiziersschule, Kandidat der Offiziersschule. Mit 18 Jahren musste er in den Krieg ziehen, wurde dort bald verwundet und verlor zwei Finger. Gleich nach dem Krieg nahm er an einem „Neulehrerlehrgang“ teil (der kurioserweise wahrscheinlich im Gutshaus in Dallmin stattfand), das heißt, er wurde in relativ kurzer Zeit zum Lehrer ausgebildet, an denen damals großer Mangel herrschte. Sie waren entweder im Krieg gefallen oder aufgrund ihrer politischen Vergangenheit für diesen Beruf nicht mehr tragbar.

AK-Karstaedt-Postamt-Konsum-Gaststaette-Schwimmbad

Jedenfalls hatte es Eberhard in dem Jahr, als Elisabeth an seine Schule kam, bereits zum Schulleiter gebracht. Auch war er bereits verheiratet und hatte eine Tochter, wobei Gerüchte über lautstarke Auseinandersetzungen und durch die Luft fliegende (volle!) Windeln darauf hinwiesen, dass diese Ehe nicht gerade glücklich verlief.

Elisabeth 1955

Elisabeth 1955

Kaum hatte Elisabeth ihre Arbeit an der Schule in Quitzöbel begonnen, verliebte sie sich Hals über Kopf in ihren Schulleiter. In ihrem Tagebuch – das ich 20 Jahre später lesen durfte und das mich zu Tränen rührte, und das dann irgendwann unverzeihlicher Weise und zu meinem großen Bedauern nach einem heftigen Ehestreit in den Heizkessel flog – schwärmte sie immer wieder davon, wie nett und gutaussehend und klug er sei. An die Worte „Zum Verlieben, nur nicht mehr zum Kriegen“ kann ich mich noch genau erinnern. Wie das Leben so spielt, war auch Eberhard recht angetan von ihr, und es kam, wie es kommen musste: sie gaben ihren Gefühlen nach und beschworen damit für sich und natürlich auch für ihre Familien eine schwere Zeit herauf. Viele Kollegen verurteilten sie, Elisabeths Mutter und Großmutter versuchten hektisch, sie zu bekehren, Eberhards Frau war unglücklich, aber sie konnten nicht voneinander lassen. War es Unrecht? Ich bin da nicht ganz objektiv, denn wären die beiden „vernünftig“ geblieben, würde es mich und meine Geschwister nicht geben, und das fände ich ganz schön traurig. Also mag das jeder selbst beurteilen, und wer darüber den Stab bricht, hat entweder noch nie geliebt oder war bei Eintritt seiner eigenen großen Liebe in der glücklichen Lage, gerade frei und ungebunden zu sein.

 

Eine ergreifende Liebesgeschichte – 1. Teil

Anke Schubert schreibt über ihre Eltern

Eberhard Trampenau und Elisabeth Kegler

Familienzweig Kegler – Karte II a – III

Rühstädt, Quitzöbel 1953

Es war einmal – so beginnt auch dieses Märchen von einer großen Liebe, die 27 Jahre später nach vielen Höhen und Tiefen erloschen sein sollte – eine junge Lehrerin. Das war Elisabeth, die später unsere Mutter werden sollte. Sie zählte 20 Lenze und war ein sehr hübsches Mädchen. Eigentlich hatte sie ihre Lehrerausbildung noch gar nicht abgeschlossen, weil ihre lebensbejahende und offene Art es mit sich brachte, dass der Weg zum Ziel so manches Mal durch Umwege verlängert wurde. Nach ihrem Abitur hatte Elisabeth angefangen, in Potsdam Pädagogik und Deutsch zu studieren. Doch schon nach einem Jahr entschied sie sich, das Studium abzubrechen, denn eine unglückliche Liebe ließ es ihr unmöglich erscheinen, weiter in Potsdam zu bleiben.

View of the rebuilt Potsdam City Palace at night - Photo Credit: wikipedia.org

View of the rebuilt Potsdam City Palace at night – Photo Credit: wikipedia.org

Dieses Hindernis auf dem geradlinigen Weg zum Erreichen des Berufszieles hörte auf den Namen Jochen. Er war das, was man gemeinhin einen Herzensbrecher nennt, sah gut aus, war bei allen beliebt und hatte schließlich sein Interesse Elisabeth zugewandt, die ihr Glück zunächst gar nicht fassen konnte. Man traf sich häufiger, ging zusammen aus und Elisabeth war überaus zufrieden. Der junge Mann, immerhin schon 22-jährig, wollte sich aber schon nach kurzer Zeit nicht nur mit Händchenhalten und Abschiedsküsschen abfinden. So inszenierte er die perfekte Verführungssituation – eine Flasche Wein, Kerzenschein und leise Musik. Elisabeth fand das zwar wunderschön und sehr rührend, war aber trotzdem noch nicht zu dem bereit, was er sich erhoffte. Sie bat um Jochens Verständnis und um mehr Zeit. Beides war er aber nicht zu geben bereit. Verletzte männliche Eitelkeit und Egoismus ließen ihn vom feurigen Verführer zum beleidigten Macho werden, und um ihr zu beweisen, dass er keineswegs auf sie angewiesen war, tauchte er alsbald mit einer anderen Dame an seiner Seite in Potsdams Straßen auf. Elisabeth war darüber sehr unglücklich. Sie meinte, es nicht ertragen zu können, ihn und seine jeweiligen Bekanntschaften noch jahrelang sehen zu müssen und brach kurzerhand das Studium ab.

City Hall and Church at Perleberg - Photo Credit: wikipedia.org

City Hall and Church at Perleberg – Photo Credit: wikipedia.org

Das war damals wohl nicht ganz so tragisch – gemeint ist natürlich der Abbruch des Studiums, nicht dessen Ursache -, denn es gab für sie wie für viele andere junge Leute die Möglichkeit, schon als Lehrerin zu arbeiten und sich nebenbei durch Weiterbildungen auf die erste und später auf die zweite Lehrerprüfungen vorzubereiten. Also reiste Elisabeth von Potsdam nach Perleberg und ging zusammen mit einer Freundin zum Schulamt, um sich um eine Lehrerstelle zu bewerben. Der Schulrat hörte sich ihre Geschichte an, hatte ein gewisses Verständnis für ihre Situation und bot ihr an, nach Quitzöbel zu gehen, dort an der Schule ihre praktische Ausbildung zu vollenden und ein Jahr später, im Juli 1954, ihre staatliche Abschlussprüfung abzulegen. Elisabeth war überglücklich, als sie das Schulamt verließ. Nun sollte doch noch alles gut werden, und sie konnte ihr Berufsziel verwirklichen.

hurch of Legde_Quitzöbel - Photo Credit: wikipedia.org

Village Church of Legde-Quitzöbel – – – Photo Credit: wikipedia.org

Als ansonsten meist folgsame Tochter hatte sie es in diesem Fall aber leider versäumt, ihre Familie über diese nicht unwesentliche Abänderung ihres beruflichen Entwicklungsweges zu informieren. Just an diesem Tag hatte nun ihre Mutter Johanna, die ja auch Lehrerin war, dringende Erledigungen beim Schulamt zu machen und traf dort ihre Tochter, die gerade glücklich in Richtung ihres neuen Wirkungskreises aufbrechen wollte. Von Mutter Johanna zur Rede gestellt, beichtete Elisabeth alles. Johanna war äußerst aufgebracht und forderte, alles wieder rückgängig zu machen und nach Potsdam zurückzukehren, aber Elisabeth ließ sich nicht dazu überreden und fing ungeachtet des Protestes ihrer Mutter ihr neues Leben in Quitzöbel an.

Addition to Post ‘One Drink Too Many’ in German

Guest Contributor: Norbert Werner

Reifferscheid Family Tree – Chart IV – IV

Kommentar zum Post: One Drink Too Many

Eine wirklich sehr heitere Geschichte. Dazu möchte auch ich meinen Kommentar abgeben: Bekanntlich lebten wir in der DDR ja in einer “Mangelwirtschaft”, obwohl man das, streng genommen, auf den Alkohol nicht immer beziehen konnte.(Ist ein extra Thema!) Aber bezüglich Wein gab es oft nur übersüßen Weißwein aus Ungarn, der zu heftigem Kopfschmerz führte. Da wir in den Gärten unserer Großfamilie Obst im Überfluss hatten, begannen wir bald mit der eigenen Herstellung von Wein aus den verschiedensten Früchten: Apfel, Sauerkirsche, Hagebutten…

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Die Äpfel wurden in unserem Waschhaus in Stücke geschnitten und dann mit einer handelsüblichen Küchenmaschine zu Brei verarbeitet. Zum Trennen von Saft und Fruchtfleisch haben wir die Wäscheschleuder benutzt (die damals noch nicht in der Waschmaschine integriert war). Dann kam alles in große 10- und 20-Liter-Ballons, mit Hefe und Zucker versetzt und mit einem Gärröhrchen verschlossen. So standen sie dann wochenlang in Küche, Schlafzimmer,… herum und mussten auch regelmäßig umgefüllt werden. Dazu namen wir einen Kunststoffschlauch (ähnlich der Benzinleitung beim “Trabant”!), saugten mit dem Mund an und ließen es dann im freien Fall laufen. Mein Sohn (damals im Kindergartenalter) machte das viel Spaß und er half seinem Onkel oft dabei. So wunderten wir uns zunächst, dass er auf der Heimfahrt mit dem “Trabant” fröhlich sang und erzählte, was sonst nicht seine Art war. Er hatte sehr lange an dem Schlauch gesogen und es war ein süßer Saft!!

Walter K. Panknin – Wie ich die USA sehe – Teil II

Guest Post by Gertrud’s Nephew Norbert Werner

Reifferscheid Family Tree – Chart III – III & IV
A very critical view of the US condensed from letters written in the late 1980’s
Photos  from Walter Panknin’s New York Album 1988
 Blog Contribution in German by Norbert Werner

Vorwort: Der erste Teil dieses Beitrages beschäftigte sich mit den Menschen und der Lebensweise in den USA. In diesem Betrag fasse ich die Eindrücke über das „Konsumverhalten“ der Amerikaner zusammen. Kommt uns das heute nicht sehr bekannt vor?

Walter NY4054

Great Neck, 4.April 1988

Laut Arbeitsvertrag habe ich Anrecht auf einen Firmenwagen. Doch, wie ihr sicher verstehen werdet, hatte ich bisher kaum Zeit, mich um dessen Anschaffung zu kümmern. Zu oft war ich unterwegs, und auch mit der neuen Wohnung gab es ja genug – und gibt es immer noch- zu tun.

Nun, nach einigem Hin und Her habe ich schließlich ab 30. März zunächst mal einen Wagen gemietet und siehe da, mit einem mobilen Untersatz eröffnen sich völlig neue Welten…

Endlich habe ich auch die Supermarkets entdeckt, die ich aus Kanada kannte und bisher vermisst hatte. Natürlich sind sie noch ein wenig größer als in Toronto oder Nakusp, doch das macht das Einkaufen nicht immer einfacher.

Nun muss ich ein 95m langes Brotregal abklappern um letztendlich festzustellen, dass zwischen den 138 verschiedenen Brotsorten nur wenige Unterschiede sind. Alle sind gleich labbrig und schwammig. Danach gehe ich das 95m lange Regal zurück, um zwischen 328 Sorten Haarwaschmittel auszusuchen, dann wieder 95m in die andere Richtung, um zwischen 38 verschiedenen Sorten Tomatensaft zu wählen. Es sind nur 38 Sorten, aber sie nehmen jeweils soviel Platz ein. Auf dem Rückweg durch Reihe 4 find ich die tollen Angebote über Toilettenpapier-jede Farbnuance, die gewünscht ist-, Reihe 5 bringt dann Dosensuppen, Reihe 6 bringt Gemüse in Dosen, Reihe 7 –immer noch 95m lang- gestattet die Wahl zwischen 42 Sorten Cornflakes, Reihe 8- schon etwas müde auf den Füßen entlanggelaufen- hat nur Katzennahrung … Na ja, so klappert man also seinen Supermarket ab. Man kauft nicht einfach „Klopapier“, nein, man kauft einen „value“, einen „Wert“. Und was für einen „value“! das Klopapier ist um 9 cent die Rolle herabgesenkt- welch ein Geschäft! Es ist ein „bargain“-, ein Geschäft was ich mache, wenn ich nun sofort 10 Rollen, nein 100 Rollen, am besten 1000 Rollen kaufe. Dann habe ich ja 1000×9 cent gespart. Es ist unglaublich und ihr werdet es mir auch kaum abnehmen

Aber diese Neuigkeit, das diese besondere Sorte Klopapier ab gestern 9 cent billiger ist als bisher, wird vielleicht sogar im Fernsehen angekündigt als sei ein Goldschatz plötzlich umsonst zu vergeben.

Der Witz der Werbung liegt übrigens darin:

     * Das Klopapier ist 9 cent billiger

     * Für das Auto zahlt man 500 $ weniger

     * Für das Radio zahlt man 100 $ weniger.

Nie wird gesagt, wieviel die Sachen vorher gekostet haben und jetzt kosten. Dazu muss man anrufen oder eben ins Geschäft kommen.

Heute war ich in einem Möbelgeschäft, das letzte Woche eine ganzseitige Anzeige in einer der größten Zeitungen hier hatte- der „New York Times“. Angepriesen wurde ein sehr hübsches Regal. Doch wenn ihr nun denkt, dieses Regal sei zu kaufen gewesen, dann habt ihr euch geschnitten. Es war nicht zu besichtigen, nicht auf Lager, – erst ab Mai erhältlich.
Warum also die horrend teure Werbung? Ganz einfach, um Kunden ins Geschäft zu locken und ihnen etwas anderes anzudrehen.

Möbelkauf ist übrigens in N.Y.- wahrscheinlich in den ganzen USA- ein sehr schwieriges Geschäft für Europäer. Es gibt 3 Sorten Möbel.

Die erste Sorte ist die Billigsorte: Tisch, Stühle, Regale, alles für 49,99 $. Die Qualität ist entsprechend. Nachdem man 2x auf dem Stuhl saß, bricht er zusammen, das Regal ist stabil genug, gerade sich selbst zu tragen- wehe, wenn man 2 Bücher reinstellt.

Möbel Sorte 2: Das ist Rokoko und Barock auf amerikanisch. Imitierte Eiche, viele Schnörkel viel blinkendes Messing, Preis relativ hoch. Dafür klemmen die Schubladen, hängen die Türen schief in den Scharnieren. Für den US-Geschmack nett anzusehen, aber nur aus 20m Entfernung. Es ist ein Teil des Showgeschäfts: Große Fassade- nichts dahinter.

Möbel Sorte 3, das sind die Importe aus Europa, doch leider die miesen Qualitäten. Denn man will ja gleichzeitig die Käuferschicht der Klasse 1 ansprechen, also 49,99 $, diesmal kosten die Regale 499,95 $, doch ist die Qualität in keiner Weise angemessen. Es ist wirklich ein Jammer, ich war heute in 5 Geschäften und danach so tief enttäuscht.

Walter NY4055

N.Y., 2. Mai 1988

Wie ich schrieb, habe ich das Auto von der Gesellschaft AVIS gemietet. Als ich letztes Wochenende mit Rob durch die Gegend fuhr, sagte ich: „Ach, die Size in diesem Auto sind wirklich unbequem Eigentlich müsste ich es umtauschen.“ Da wir gerade zufällig in der Nähe einer AVIS-Station waren, hielt ich dort an und sagte, dass mir die Sitze zu unbequem sind.

„O.K. Sir, welchen Wagen möchten Sie?“ Ich ging zum Parkplatz, probierte ein paar Autos aus und entschied mich dann für einen Toyota. Innerhalb von ca. 6 Minuten hatte ich einen neuen Vertrag, die Sachen umgeladen und ab ging es in dem neuen Gefährt. Dieser Wagen ist viel bequemer. Er hat elektrisch verstellbare Fenster, Klimaanlage, Radio und Kassettenrecorder usw.

Doch warum erwähne ich das? Was mich immer wieder verblüfft, ist die Schnelligkeit, mit der man so manche Dinge erledigen kann, während andere Sachen oft sehr langsam und umständlich gehandhabt werden.

Rob und ich sind dann zu einem Einkaufszentrum gefahren, wo ich mir noch einen kleinen Fernseher für meinen Computer gekauft habe. Natürlich habe ich wieder etwas gehandelt- und siehe da, ich bekam das Gerät für 298 $ statt für 329 $. Es ist ein Farbfernseher von Sony, mit Fernbedienung, im Prinzip sehr preiswert. Dabei gibt es andere Marken sogar schon für ca. 200 $, doch ist die Qualität nicht so gut.

Walter NY4056

Great Neck, 19. Mai 1988

Wenn man allein, vielleicht sogar nachts, in einer großen leeren Halle ist, so wird man durch das kleinste Geräusch aufgeschreckt und aufmerksam. Wenn man aber in einem tobenden Fußballstadion ist und seinem Nachbarn etwas sagen will, so muss man brüllen, um sich verständlich zu machen.

N.Y. ist wie ein tobendes Fußballstadion. Dementsprechend noch lautstarker, marktschreierischer, greller und überzogener ist die Werbung, um auf ihre Produkte aufmerksam zu machen. Man kann sich der Werbung nicht entziehen. Im Radio, Fernsehen, in Zeitschriften, auf Plakaten hämmert sie auf die Menschen ein. Sie ist nicht elegant, witzig, unterschwellig informativ oder anregend, sondern ganz einfach brutal. Die 4 wichtigsten Worte werden aneinandergereiht und jedem eingehämmert: MORE VALUE for YOUR DOLLARS. Dieser Slogan muss von einem Computer ausgedacht sein:

„Mehr“: jeder will mehr haben, alle streben nach mehr, nach viel mehr, nach Geld, Reichtum, Einfluss, Macht.

„Wert“: Es wird kein Produkt angesprochen, sondern der besondere Wert. Der besondere Wert einer Cornflakes Sorte, der besondere Wert eines Reinigungsmittels, der besondere Wert der neuen Coca Cola.

„Deine Dollars“: Die will man haben, die sollen ausgegeben werden, dafür bekommt man „Wert“. Die Dollars sollen locker gemacht werden im wahrsten Sinn des Wortes.

Nirgendwo kann man so viele Leute beobachten, die offen auf der Straße ihre Dollars zählen wie in N.Y. Dicke Geldscheinbündel werden an den Straßenecken durchgezählt. Oft ist es gar nicht soviel Geld, denn es gibt ja den 1 $-Schein-, aber man berauscht sich am Anblick des dicken Geldbündels.

Die Sprache und Lautstärke, mit der die Werbung verkündet wird, ist tatsächlich ausnahmslos so laut, als wolle man von einer Seite des Stadions auf der gegenüberliegenden Seite jemanden überzeugen.

Walter NY4057

Great Neck, 30. Juni 1988

Heute Abend, es geht auf 22:30 Uhr zu, habe ich wieder den Fehler begangen, etwas den Fernseher einzuschalten. Doch während ich mich über das Programm ärgerte, habe ich nochmal über das TV-Programm im allgemeinen nachgedacht.

Ich glaube, die große Enttäuschung, die Europäer -insbesondere Deutsche- beim US-Fernsehen empfinden, beruht auf eine Art Missverständnis, geboren aus einer Gewohnheit. Ich möchte einen Vergleich wagen:

Wenn man ein ledergebundenes Buch aufschlägt, 228 Seiten dick, hervorragend im Druck, so erwartet man selbstverständlich, dass etwas Lesenswertes gedruckt ist. Es kann ein Roman sein, ein Sachbuch, ein Gedichtband, eine Reisebeschreibung. Vielleicht stimmt man nicht völlig dem Geschriebenen zu, vielleicht entspricht es nicht dem eigenen Geschmack, doch zumindest erwartet man etwas Diskussionswürdiges. Andere mögen das Buch hervorragend finden.

Doch was ist ein Buch? Ein Buch steht aus Seiten, auf die man drucken kann, was man will, im Prinzip. Ich glaube, wir alle wären ziemlich erstaunt, wenn wir dies ledergebundene Buch aufschlagen würden und entdeckten nur Banalitäten, Geschmiere, Gossensprache, Mist. Doch prinzipiell kann dies keiner untersagen. Warum nicht Mist auf Hochglanz drucken? Der zunächst ahnungslose Leser muss sich einfach damit vertraut machen, dass sich nicht hinter jedem wertvollen Einband auch etwas Lesenswertes verbirgt.

So ist es auch mit dem Fernsehen in den USA. Es ist einfach ein Mittel, bewegte Bilder ins Haus zu bringen. Ob diese Bildbeiträge entsprechend sind, interessant, langweilig, aufreizend, einschläfernd oder anekelnd, das entscheidet die Fernsehstation. Indem man einen Sender einschaltet bezahlt man dafür, in das Buch schauen zu dürfen. Der Preis dafür ist die Werbung zwischen der Sendung, die man mit ansehen muss. Die Qualität der Sendung orientiert sich am primitivsten Zuschauer, nämlich demjenigen, der noch gut empfänglich für die Werbung ist. Dem darf man dann auch nicht zu viel zumuten. Also bitte keine Beiträge aus Europa, meist weiß man hier doch nicht so genau, wo das liegt. Irgendwo zwischen China, Russland und Australien.