Walter K. Panknin – Wie ich die USA sehe Part III

Guest Post by Gertrud’s Nephew Norbert Werner

Reifferscheid Family Tree – Chart III – III & IV
 Blog Contribution in German by Norbert Werner

Walter K. Panknin – Wie ich 1989/90 in den USA erlebt habe

(Wie ich die USA sehe – Teil III)

Zusammengestellt von Norbert Werner

Vorwort: Ende 1989 begannen unruhige Zeiten in der DDR. Die Menschen gingen auf die Straße und demonstrierten für einen „besseren Sozialismus“. Mit dem Anschluss an die Bundesrepublik und der Wiedervereinigung im Oktober 1990 kamen viele neue Sorgen und Probleme auf uns bisher recht unmündige Bürger zu. Ich suchte mir in Walter einen Gesprächspartner, der mir manches erklären und vielleicht auch einen Rat geben sollte.

Arlington, 30.9.1989

Ja, meine Lieben, auch ich habe in der Presse verfolgt, was in Deutschland so vor sich geht. Mehr als einmal habe ich an Euch alle gedacht und mich in Eure Situation versetzt… Ich bin ziemlich sicher, dass sich der in der UdSSR begonnene Prozess der Liberalisierung nicht mehr aufhalten lässt und über kurz oder lang auch in der DDR fortsetzen wird. Ein einzelnes Land, so groß oder klein wie die DDR, kann nicht auf Dauer in so verkrusteten Strukturen bestehen, vor allem nicht, wenn ja praktisch alle Nachbarländer, alle Verbündeten, alle Vorbilder von früher einen neuen Kurs einschlagen. Die Menschen sind einfach mündiger geworden. Zu lange hat man ihnen einzureden versucht, dass schwarz=rot ist, das ein Kreis viereckig ist. Lange, allzu lange haben sich die Menschen damit abgefunden, haben sich ihren eigenen Teil gedacht. Doch irgendwann kommt einfach mal der Punkt, wo man offen sagen dürfen will: Schwarz ist schwarz und rot ist rot, und ein Kreis ist rund. Es ist im Grunde die in jedem Menschen verbleibende „Würde“, die sich nicht total unterdrücken lässt. Es ist die Würde und das eigene Streben, ausreichend selbst bestimmen zu können was man tut, wohin man sich entwickelt, was man wird. Ich bin absolut sicher, dass in kurzer Zeit, in wenigen Monaten, maximal 1-2 Jahre, auch in der DDR ein Umdenken und ein drastischer Wandel stattfinden wird. Ich hoffe nur, dass dieser Wandel einigermaßen geordnet, ohne dramatische Vorgänge erfolgen wird. Wie es gehen kann hat man in Russland, Polen, Ungarn gesehen.

Leipzig,Montagsdemonstration - Photo Credit: wikipedia.org
Leipzig,Montagsdemonstration – Photo Credit: wikipedia.org

Arlington, 23.10.1989

Leber N., liebe Ch., ich war in den letzten Jahren vielleicht nicht so oft bei Euch, aber doch oft genug, um mir ein sehr plastisches Bild von dem machen zu können was Euch in diesen Wochen und Monaten berührt. Auch hat uns unser reger Schriftwechsel im letzten Jahr noch näher zueinander gebracht, als wir ohnehin schon waren. Man braucht nur die Anzahl der Flüchtlinge der letzten Monate durch die Bevölkerungszahl zu dividieren um sofort zu sehen, dass fast ein jeder ganz persönlich betroffen ist. Plötzlich fehlt ein Freund, ein Kollege, ein Bekannter. Auch kann ich Deine Wut und Enttäuschung verstehen, dass gerade diejenigen geflohen sind, denen es noch am besten ging. Mit Deiner trotzdem so besonnenen Haltung scheinst Du gottseidank nicht allein dazustehen. Wie ich in der Zeitung gelesen habe, muss vor allem der große Protestumzug in Leipzig sehr verhalten und besonnen gewesen sein.

Berlin Demonstration - Photo Credit: wikipedia.org
Berlin Demonstration – Photo Credit: wikipedia.org

Arlington, 9.11.1989

Meine Lieben,

mein Brief von gestern ist noch nicht abgeschickt und die Ereignisse haben sich überschlagen. Heute ist die Mauer gefallen. Mir fehlen die Worte, um Euch meine Empfindungen und Gefühle zu schildern. Was soll ich in diesen Stunden denken und schreiben, die in die Geschichte Deutschlands eingehen und die uns persönlich alle so tiefgreifend beeinflussen werden. Ich wünsche Euch Kraft, Besonnenheit und einen klaren Kopf, um in dieser Zeit weiterhin das richtige zu tun. Ich bin bei Euch allen in meinen Gedanken und bleibe Euer Walter.

Fall der Mauer - Photo Credit: wikipedia.org
Fall der Mauer – Photo Credit: wikipedia.org

Arlington, 18.12.1989

Meine Lieben, der Versuch, die Ereignisse der letzten Wochen zu beschreiben und zu charakterisieren führt mich hinweg von Eurem und meinem Alltag. Doch eines Tages werden eure Kinder sagen können: „Ich habe es erlebt- ich war dabei!“ Ich hoffe und wünsche, dass die Ereignisse in der DDR sich niemals wieder umkehren werden. Ich weiß, das der Westen sicherlich nicht Sinnbild alles Guten ist, doch ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt, dass Ihr alle einen Schritt in die richtige Richtung tut. Es wird Euch alle fordern,- es wird nicht leicht sein,- doch was war leicht in der Vergangenheit? Es wird Euch helfen auf lange Sicht. Und wenn ich sage „lange Sicht“, so meine ich die nächsten 5-10 Jahre.

Arlington, 9.10.1990

Aus der Ferne, doch in Gedanken war ich voll dabei, habe ich die Vereinigung unserer beiden Staaten erlebt und mitverfolgt. Zwei Staaten, wie sie sich gegensätzlicher kaum vorstellen lassen, die aber trotzdem zusammengehören Dies ist, jeder weiß und spürt und erlebt es, kein leichter Prozess. Für beide Seiten. Ich habe vor Kurzem an die Zeit nach 1945 gedacht, als meine Eltern im Alter von 53 bzw. 56 Jahren mit zwei 10jährigen Kindern und zwei Koffern ein neues Leben begannen. Ich glaube, wir haben ca. 4 oder 5 Jahre in einer Einzimmer-„Wohnung“ gelebt, ehe wir die erste Wohnung bekamen. 1961- im Jahr des Mauerbaues- machten wir unsere allererste Urlaubsreise nach Italien an den Gardasee.

 

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