Über menschliche Werte im Geiste der Ehrfurcht vor dem Leben – 15. Teil

A016Toleranz

In seinen „Betrachtungen und Gedanken” führt Friedrich Maximilian Klinger zur Toleranz folgendes aus: „Tolerant gegen alle Schwachheiten des Geistes und Herzens zu sein, das geziemt dem Manne, nur nicht gegen die Schlechtigkeiten. Hier muss er als Priester seiner Göttin ganz im Priestergeiste handeln, keine Ketzerei gestatten, sonst hat er sich nur um seiner selbst willen in die moralische Welt geschlichen und ist des Platzes nicht wert, den er sich anmaßt.”

Damit wurde vor etwa 200 Jahren bereits viel ausgesprochen von dem, was uns heute im Blick auf die Toleranz bewegt. Dabei geht es uns hauptsächlich nicht um Duldung, sondern eigentlich mehr um freundliche Zuwendung und Verständnis gegenüber Menschen anderer Ansichten, religiöser Bekennt­nisse, anderer Hautfarbe oder Kultur. Schon Albert Schweitzer erinnerte in seinen Predigten an die Toleranz, indem er Friedfertigkeit in Angelegenheiten der Religion anmahnte und auf die Bergpredigt hinwies: „Denn unser Herr Jesus hat uns zum Frieden berufen. ,Selig sind die Friedfertigen’!“ Schweitzer hat diese Friedfertigkeit und Toleranz in seinem „Urwald-Hospital“ beispielhaft verwirklicht. Auf die Frage eines Besuchers des Spitals, ob denn der Doktor auch Protestanten behandele, antwortete ein afrikanischer Patient: „Der Doktor behandelt Protestanten, Katholiken und Muslime, Heiden, Pelikane und Stachelschweine.“

Wie notwendig die Ermahnung und Erziehung zu Toleranz ist, zeigt sich immer wieder in erschreckender Weise in unserem Alltag. Da ist man voller Hass gegenüber Ausländern zu Brutalität und sogar zu Mord und Totschlag bereit. Leider lassen sich in diesen Sog der Ausländerfeindlichkeit auch viele Bürger angesichts der Flüchtlinge, die bei uns Schutz suchen, einbeziehen und beteiligen sich an Demonstrationen gegen eine angebliche Überfremdung. Wer seine eigene nationale Kultur pflegt, braucht „Überfremdung“ nicht zu fürchten, sondern erlebt die andere Kultur als Anregung und vielleicht auch als Bereicherung. Gewarnt werden muss auch in diesem Zu­sammenhang vor dem Missbrauch der Religion. Schon Schweitzer wies darauf hin, dass wahre Religion zugleich wahre Menschlichkeit bedeutet. Wo also unter dem Deckmantel einer Religion Gewalt herrscht und getötet wird, hat dies mit Religion nichts zu tun. Das trifft wohlgemerkt nicht nur für den Islam zu! So sollte man ernsthaft zwischen den so genannten „Islamisten“ und dem unterscheiden, was der Koran mitteilt: „Islamistischer” Terror hat ebenso wenig mit dem Koran zu tun wie die Kreuzzüge oder die Inquisition mit der Bibel. Ebenso hat Kriegführung von Christen mit dem „Segen Gottes” nichts mit dem zu tun, was Jesus verkündete.

So tolerant wir also gegenüber allen guten Willens zu sein haben, so unduldsam sollten wir gegenüber jenen sein, die im Namen von Religionen oder Ideologien ohne Ehrfurcht vor dem Leben anderer Menschen denken und handeln.

10 comments

  1. Das ist alles so wahr, danke Peter for this post it shall sink in, in so many minds.

    Liked by 1 person

  2. Amy · January 11

    Boy, does this apply to today’s world. We find there is less tolerance for “the other” and more violence and hatred as a result. Where is Schweitzer when we need his wisdom?

    Liked by 1 person

    • Peter Klopp · January 11

      The sprit of Schweitzer’s thought and work is still with us. Let us practice it on our firends, family and neighbours. It is the best we can do in our troubled world. Thanks for taking the time to translate this difficult text, Amy!

      Liked by 2 people

      • Amy · January 11

        Oh, I just used Google Translate. Abstract concepts are way beyond my level of German!

        Liked by 1 person

      • Peter Klopp · January 12

        I can see how Google in spite of its limitations can help you with the translations. The earlier seminaries were intended for school children and consequently were much easier to read. Warm greetings from snowy and chilly Canada, Amy!

        Liked by 2 people

      • Amy · January 13

        I think I am reading German at about the level of a eight year old so those worked well! Same back to you from dreary Massachusetts!

        Liked by 1 person

  3. rabirius · January 12

    Excellent post, Peter.

    Liked by 2 people

  4. Markus @ POINT BLANK · January 14

    Wirklich sehr schöne Gedanken. Der Glauben und die Liebe für den eigenen Weg den man geht schafft wirklich auch Respekt, Freude und Neugier für den Weg des anderen.
    viele Grüße, Markus

    Liked by 1 person

    • Peter Klopp · January 14

      Danke, lieber Markus! Das hast du richtig beurteilt. Wie sonst kann man den Bibelvers verstehen, der besagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? viele Grüße, Peter

      Liked by 1 person

Leave a Reply to Peter Klopp Cancel reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.