Albert Schweitzer – Seminar #26

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Tabus und Aberglaube

Wisst ihr, was Tabus sind? Nein? Dann will ich versuchen, es euch zu erklären. Also, wenn man etwas auf keinen Fall tun oder sagen darf, dann nennt man das ein Tabu. Auch bei uns kann etwas tabu sein. Zum Beispiel ist das Lügen oder das Stehlen oder jemanden ganz schlimm beschimpfen oder über jemanden etwas Unwahres behaupten ein Tabu. Auch ist das Privatleben von Menschen tabu. Da mischt man sich eben nicht ein. Ohne diese und andere Tabus können Menschen nicht friedlich zusammenleben.

Leider gibt es aber auch Tabus, die mit Aberglauben verbunden sind. So etwas war früher auch bei uns und ist bis heute noch unter anderem in Afrika verbreitet. Mit solchen Tabus können Menschen gequält, verängstigt und betrogen werden. Ich will euch einige Beispiele erzählen, die Albert Schweitzer in Afrika erlebt hat.

Bei einem bestimmten Stamm der Urwaldbewohner durfte ein Mann, dessen Frau ein Kind erwartet, keinen Nagel in die Wand schlagen, nicht ein Loch im Boden mit Erde ausfüllen oder einen Zug von Wanderameisen überschreiten. Das war für ihn tabu. Wenn er es doch tat. würden seine Frau und sein Kind sterben.

Noch schlimmer war zum Beispiel, dass der Vater bei der Geburt eines Kindes Tabus ausspricht, an das sich das Kind ein Leben lang halten muss. So erhielt ein Mädchen bei seiner Geburt vom Vater das Tabu, dass es nie einen Besen anfassen dürfe. Als das Mädchen dann groß und erwachsen war, musste es ihr ganzes Leben lang den Schmutz mit ihren Händen zusammenstreichen und wegtragen.

Ein Mann hatte das Tabu erhalten, dass er nicht am Kopf berührt werden durfte. Einmal wurde er vom Doktor untersucht, ob er Fieber hatte. Der Arzt wollte seine Hand auf die Stirn des Mannes legen, als dieser in Ohnmacht fiel. So große Angst hatte er davor, dass ihn der Arzt am Kopf berührt und damit das Tabu bricht. Ist das nicht schlimm?

Ganz besonders schlimm erging es einem kleinen Jungen. Er hatte das Tabu bekommen, dass er keine Bananen essen durfte. Er durfte noch nicht einmal Speisen essen, die in einem Topf gekocht worden waren, in dem zuvor Bananen zubereitet worden waren. Eines Tages ereignete es sich, dass dieser Junge einen Fisch gegessen hatte, der in einem solchen Bananen-Topf gekocht worden war. Stellt euch vor, als der Junge das erfuhr, bekam er Magenkrämpfe und starb bald darauf. Ist das nicht schrecklich?

Ein anderer Aberglaube ist, dass ein Mensch den anderen verzaubern kann. So verfluchte ein Vater seine Tochter, indem er sagte, dass sie oder ihr Kind nach der Geburt sterben werde. Die arme Frau glaubte an diesen Zauberfluch. Sie gebar ein gesundes Kind und wollte es am Leben erhalten. Dafür starb aber die Frau auf rätselhafte Weise. Das kleine Kind brachte man zu Albert Schweitzer in das Hospital, wo es liebevoll aufgenommen und mit einer Flasche aufgezogen wurde. Durch diesen Aberglauben mit den bösen Tabus hatte es aber seine Mutter verloren.

So können Aberglaube und Tabus die Menschen krank machen. Deshalb muss man abergläubische Menschen aufklären. Denn Aberglaube ist eine gefährliche Dummheit.

Doch es gibt auch lustige Geschichten über den Aberglauben. Eine Frau gebar ein Kind im Urwald Hospital. Sie wollte, dass ihr Kind so gut und so klug werden sollte wie der Doktor und nannte den Jungen „Doktor Albert“. Ein Heilgehilfe hatte zwei Töchter. Er wünschte, dass die beiden Mädchen so lieb und so tüchtig werden sollten wie die zwei Gehilfinnen von Albert Schweitzer Emma Haussknecht und Mathilde Kottmann. So nannte er die beiden Mädchen Emma und Mathilde. Aber so etwas gibt es auch bei uns. Wie viele Eltern nennen nicht ihre Kinder nach Schauspielern, Sportlern oder

Schlagerstars! Und so manches Kind muss sich dann sein Leben lang über seinen Namen ärgern, weil die Stars schon längst vergessen sind. Ihr aber habt ja allen so schöne Namen und könnt euch freuen, dass ihr so kluge Eltern habt.

family232

7 comments

  1. kopfundgestalt · May 20, 2019

    Meine Mutter nannte ihr 1. Kind nach den zwei gefallenen 1. Söhnen männlicherseits und weiblicherseits, also den Brüdern von Mutter und Vater. Das Kind verstarb mit 1/4 Jahr.

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    • kopfundgestalt · May 20, 2019

      Von mir bekannten Psychologen wurde die Namensnennung als ungünstig angesehen. Die beiden Gefallenen können – auch nicht stellvertretend – nicht ins Leben zurückgeholt werden.

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  2. Markus @ POINT BLANK · May 25, 2019

    Spannendes Thema, Peter. Ich bin mit meiner Frau ja oft in Russland und du wirst nicht glauben, wie stark der Aberglaube hier verbreitet ist. Ich finde es so maßlos einschränkend, sich vom Aberglaube einengen zu lassen. Oft wir der Aberglaube glaube ich nur dazu benutz, dem eigenen Fatalismus eine Bühne zu bieten. Schade. Man kann doch so viel selbst bestimmen und ändern. Ich glaube jedenfalls, dass ich mit meinen Händen und Glauben meines eigenes Glückes Schmied bin!

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  3. Amy · June 5, 2019

    Wow, two weeks in England, and I am really rusty on German. Plus this was really hard! I gave up and just used Google Translate. 😦 But lots of fascinating information—amazing how superstitious the human mind can be.

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    • Peter Klopp · June 5, 2019

      There is nothing wrong with using Google Translate when the going gets tough.
      Albert Schweitzer was truly an amazing man. His work had a lasting impact on humanity.

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      • Amy · June 5, 2019

        And it’s been interesting learning so much about him—almost all of which I never knew.

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